Mittwoch, 08. Oktober, München
Der Herbst bringt Nebel. Selbst gegen acht Uhr morgens liegen noch dicke Schwaden über den Wiesen und Feldern. Ich blicke in eine wattige Wand vor meinem Fenster. Ich öffne es vorsichtig und ziehe die kühle Luft durch meine Lungen. Man kann gar nicht auf den Balkon der Nachbarn gegenüber blicken, so dicht ist der Nebel um mich herum. So etwas habe ich noch nie erlebt. An meiner Tapete nehme ich einen schwarzen Fleck war und erkenne, bei genauerem Hinsehen, in ihm eine Stechmücke. Mein Schuh ist schneller als das Insekt, was mir wiederum einen ekligen Blutspritzer auf meiner hellgelb tapezierten Wand einbringt. Ich sperre den Morgen aus, in dem ich das Fenster wieder schließe und setzte mich auf mein Bett.
Gestern habe ich seit langer Zeit einmal wieder ein philosophisches Gespräch geführt, einfach so, während ich gemütlich bei einem kühlen Bier saß. Mit den meisten meiner Freunde kann ich solche Dialoge nicht besprechen, da sie sich nicht wirklich damit beschäftigen. Ich hingegen schon. Und so ist es nicht verwunderlich, dass mein Gesprächspartner eine Person war, die ich eigentlich nicht so gut kenne. In Sibirien geborgen, lebt er allerdings schon eine halbe Ewigkeit in Deutschland.
Plötzlich fragt er mich nach dem Sinn des Lebens.
Er habe bisher bei niemandem eine konkrete Antwort darauf gefunden. Was ich denn darüber denke? Spontan muss ich eingestehen, dass ich darauf nicht im Geringsten vorbereitet gewesen bin. Platon, Spinoza, Sartre...darüber hätte ich erzählen, ja schwadronieren können. Die kurze, präzise Frage allerdings hat mich nahezu entwaffnet. Ich antworte, dass auch ich darauf spontan keine Antwort wisse und man sich in der Breite länger darüber Gedanken machen müsse. Einen Sinn im Leben muss es wohl geben, aber worin er liegt kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Es gibt ihn, aber er ist nicht universell, sondern für jeden Menschen individuell verschieden. Ein jeder muss bereit sein ihn zu suchen, dann wird er ihn auch finden. Das sage ich ihm und er beginnt nachzudenken. Völlig konform scheint er mit meiner Antwort nicht zu gehen. Geht man davon aus, dass jeder Mensch von irgendeinem Gott bei seiner Geburt in der Mitte seines Körpers getrennt wurde und die andere Hälfte wie er ziellos in der Welt herumirrt, könnte der Sinn des Lebens genau der sein, die passende andere Hälfte während des Erdendaseins wieder zu finden. Ein anderer könnte sein, möglichst wenig anderen Menschen zu schaden, sondern vielen zu helfen, sich um sie zu kümmern und sie glücklich zu machen. Auch möglichst viel Reichtum und irdische Schätze anzuhäufen, könnte der Sinn des Lebens sein.
Wir verbleiben mit der Überlegung, dass es für jeden Menschen einen anderen Sinn seines Lebens geben muss. Ein vorläufiger Konsens. Bald wollen wir uns wieder treffen, Musik hören, Tee trinken und uns weiter über die Philosophie unterhalten. Es gibt noch so viel zu denken. Na dann los!
bflo - 10. Okt, 09:52
Dienstag, 07. Oktober, München
Jeden Tag sitzt sie an der Bushaltestelle und wartet. Sie weiß nicht, dass hier niemals ein Bus kommen wird. Das Bushäuschen steht vor dem Alten- und Seniorenheim “Zur aufgehenden Sonne” und ist Teil einer echten Bushaltestelle; Gelbgrünes Halteschild, Sitzbänke, ein Papierkorb und einen Fahrplan gibt es hier. Im Hintergrund ist ein Werbetransparent von TUI aufgespannt. Das alles wirkt sehr authentisch und dennoch steht das Häuschen solitär mitten in einer grünen Wiese. Die Straße ist weit weg. Die Alte ist eine von Vielen, die diesen Ort immer wieder aufsucht um auf den Bus zu warten. Dann ist beinahe alles wieder so wie früher. Jeden Tag sagt ihr jemand, dass hier nie ein Bus kommen wird, aber am nächsten Tag hat sie das alles schon wieder vergessen und wartet immer wieder aufs Neue. Bei Wind und Wetter kramt sie auf der blauen Wartebank im Gedächtnis nach ihren Erinnerungen. Sie hat Alzheimer...Proteine fressen ihre Gehirnzellen, leeren nach und nach den Speicher ihrer Erinnerungen. Eine teuflische Krankheit, unheilbar. Manchmal flackern einzelne Erinnerungen wieder auf, schießen wie bunte Spotlights durch ihren Kopf. Dann ist alles wieder da; ihre Kindheit und Jugend. Die Nächte in den Bombenkellern, der Gang durch ihre zerbombte Heimatstadt und die freundlichen Amerikaner, die den Kindern Kaugummi und Schokolade geschenkt haben. Auch erkennt sie an guten Tagen ihre Familie, die zwei Töchter und den Sohn, wieder. Sie liebt das Spiel mit ihren Enkeln, auch wenn sie sich ihre Gesichter und Namen nie bis zum nächsten Wiedersehen merken kann. Neben dem Wartehäuschen steigt ein älterer Mann in einen roten VW Golf. Man könnte meinen, dass er gleich losfahren möchte, denn das Auto sieht durchaus fahrbereit aus. Doch unter der Haube hat jemand den Motor ausgebaut. Eine Art Therapie für Demenzkranke. Auch so sollen Erinnerungen zurückgeholt und Tage erinnert werden, an denen die Alten Menschen noch selbst zum Einkaufen gefahren sind. Alzheimer ist der leise, der schleichende Tod. Nur in kleinen Schritten kommt er näher, aber er kommt. Überfahren zu werden und tot zu sein ist eine Sache, aber nicht mehr zu wissen, wer man ist, seine Familie nicht wieder zuerkennen, wenn man sie sieht, eine ganz andere. Plötzlich steht die alte Frau auf und sieht auf den ausgehängten Fahrplan. Zahlen, die sie nicht versteht, geschweige denn zuordnen kann, tanzen vor ihren Augen auf und ab. Für wenige Augenblicke kehren erneut einige Erinnerungen an früher zurück; damals, als sie vor ihrer Wohnung auf den 34er Bus gewartet hat, der immer einige Minuten zu spät kam. Ein weißgekleideter Pfleger tritt hinter sie und packt sie sanft am Arm. “Es ist Zeit zurückzugehen.” Seine leisen Worte wirken beruhigend auf die Frau. Beide drehen sich um und gehen über die Wiese auf das große Gebäude zu. Ein langer Flur, von dessen Seiten rechts und links Türen zu den einzelnen Zimmern abgehen, liegt vor der alten Frau. Ohne Begleitung würde sie ihren Wohnraum hier niemals finden. Als sie eine der Türen öffnet und hineingeht, hat sie bereits schon wieder vergessen, dass sie gerade draußen war.
bflo - 9. Okt, 19:55
Montag, 06. Oktober., München
Als ich, wieder zurück in München, aus dem Zug steige, ist der Druck wieder da. Druck, der von außen kommt; Druck, der auf mir lastet und mich hemmt, mich meiner Freiheit beraubt. Er kommt nicht von mir, ist also nicht hausgemacht, sondern seine Quelle liegt extern irgendwo. Auf Reisen fühle ich mich immer frei, unbelastet und beinahe schwerelos. Der geregelte Tagesablauf, dass immer währende Funktionieren hört auf und eine Art geordnetes Chaos rückt an die vakant gewordene Stelle. Mit meiner Vermutung sollte ich Recht behalten. Als ich geschrieben habe, ich werde sie lange nicht mehr sehen, hätte ich nicht gedacht, dass es so lange sein wird. Die letzte Begegnung muss im Juli, oder gar schon Ende Juni gewesen sein. Das spielt auch gar keine Rolle, denn in jedem Fall ist das Ganze schon viel zu lange her. Meine einzige Hoffnung bleibt der kommende Sonntag. Sie wollte immer schon einmal mitkommen und nun ist die Chance da. Ich bin gespannt und sollte es wieder nicht klappen, werde ich wohl oder übel aufgeben müssen. Ein letzter Trumpf, ein letztes Ass im Ärmel. Diesmal muss es funktionieren. Als ich den Bahnhof verlasse und hinaus auf die Straße trete ist die Luft herrlich klar und angenehm frisch. Es muss auch hier vor kurzem heftig geregnet haben. Ich gehe einige Schritte und plötzlich ist es da; das “Nichts”. Vor meinen Augen beginnen die bunten Bahnhofslichter wild zu tanzen und in der Ferne hüpfen die Leuchtkegel der Straßenlaternen. Das “Nichts” ist ungeheuer groß, bleischwer und ich erkenne, dass es diesen ungeheueren Druck erzeugt, der mich umschließt und zu zerquetschen droht. Ich presse meine Augenlieder eng aneinander, erzeuge so minimale Schlitze, durch die ich nur wenig sehen kann. Trotzdem bleibt das “Nichts”. Es ist ziemlich stark, sodass es mir nicht gelingt, es beiseite zu schieben. Stattdessen breitet es seine Arme aus und umschließt mich mit den mächtigen Pranken. Von oben schiebt sich etwas Merkwürdiges über meinen Kopf, bedeckt meine Haare, meine Nase und meinen Mund. Ich bin nun gänzlich gefangen. Mein Wille gegen das “Nichts” anzukämpfen wird mit jeder Minute geringer und ich drohe unter ihm zu ersticken. Die Gedanken schießen auf elliptischen Bahnen wild und unkontrolliert durch meinen Kopf und prallen dabei immer wieder aneinander. Ich bin kurz davor die Besinnung zu verlieren, so stark ist das “Nichts” das mich gebannt hält. TUNNELBLICK. Dann ist es plötzlich weg, hat die Flucht ergriffen, sich aus dem Staub gemacht. Ich stehe etwas orientierungslos vor der Einfahrt zu meinem Zuhause. Ich war den ganzen Weg also wie in Trance hergelaufen. Oder hat mich das “Nichts” getragen? Völlig abgeschaltet, alle Systeme heruntergefahren. Das Licht vor meinem Hauseingang flackert und signalisiert eine defekte Glühbirne. Langsam gehe ich darauf zu.
bflo - 9. Okt, 10:45
Sonntag, 05. Oktober, Salzburg
Nieselregen setzt ein, als wir Schloss Mirabell besichtigen. Vielmehr besichtigen wir nicht das eigentliche Schloss, sondern erfreuen uns an dem hübschen Garten, der darum herum angelegt ist. Auch der Orangerie statten wir einen kurzen Besuch ab. Im Zwergengarten besichtigen wir uns die Miniatursteinskulpturen und posieren, wie so viele andere Touristen, für Fotos davor. Ein Pegasus thront am Ende des einladenden Gärtchens als mächtige Skulptur auf einem steinernen Sockel. Darum herum ein kleiner Teich vollgefüllt mit Wasser. Mein Gesicht spiegelt sich an der ruhigen Oberfläche, aber ich erkenne im Wasser einige Münzen. Obwohl dichte Wolken vor der Sonne hängen, glitzert es verführerisch auf dem Grund des Brunnens. Ich stelle mich also mit dem Rücken zum Brunnen, einige Meter davor und werfe eine zwei Cent Münze über meine rechte Schulter. Ein Wunsch dazu und alles wird gut. Natürlich wünsche ich mir nur sie. Sie, die vor mittlerweile vielen Monaten aus Südafrika zurückkam. Hoffentlich hilft es auch was, aber mit zwei Cent kann man ja auch nicht viel falsch machen. Voller Hoffnung führt uns unser Weg weiter Richtung Fußballarena, denn dort spielt Salzburg gegen Wien. Es wird ein interessantes Spiel, das Salzburg am Ende durch ein Tor von Alexander Zickler knapp gewinnt. Der hat ja auch schon einmal bei Bayern gespielt, war aber ziemlich oft verletzt. Nee, is klar. Das EM-Stadion ist halbwegs modern und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen. Leider prangt überall Werbung für den koffeinhaltigen Energiedrink, der ja bekanntlich Flügel verleiht. Am Ausgang wird Cola verteilt. Junge Frauen drücken den Besuchern Aluminiumdosen in die Hand und leiern dazu ein monotones “Die neue Cola von Red Bull” herunter. Fast wie beim Abendmahl in der Kirche...der Leib Christi, nur moderner und in Dosenform. Der Weg zu Fuß zurück in die Stadt ist lang, aber nach dem vielen Sitzen tut es gut einige Meter zu gehen. Neben dem Dom gibt es ein riesiges Schachfeld mit auf den Boden aufgemalten Quadraten in schwarz und weiß. Zwei ältere Herren sinnieren über einer laufenden Partie. Ich kenne die Regeln des Spiels leider nicht, weiß nur, dass beispielsweise der Springer immer in L-Form ziehen muss. Zumindest meine ich mich dran zu erinnern. Eine Schande. Das Spiel der Könige...ich nehme mir vor, es eines Tages zu lernen. Dann geht es zurück zum Bahnhof und wir holen unser Gepäck und verlassen Salzburg. Eine schöne Stadt, viele Sehenswürdigkeiten und freundliche Menschen. Teilweise freundlicher als in München. Ich bin mir sicher, dass ich eines Tages hierher zurückkehren werde. Mal sehen. Der Regen hat aufgehört, wie immer, wenn ich irgendwo abreise und die Sonne zeigt sich. Im Zug werden unsere Fahrkarten nicht kontrolliert, nicht einmal in Deutschland.
bflo - 8. Okt, 17:21
Samstag, 04. Oktober, Salzburg
Ich reise nicht alleine, sondern bin mit einem Freund unterwegs. Drei Tage, zwei Nächte in der Mozartstadt. In einem Hostel in Bahnhofsnähe wollen wir uns ein Doppelzimmer nehmen. Irgendwie gibt es aber nur noch eines mit sechs Betten, welches wir nach kurzem Überlegen aber trotzdem nehmen. Preisgünstig und einigermaßen sauber...Gemeinschaftsdusche mit Kabinen. Was will man mehr, wo wir doch sowieso nur übernachten wollen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gegen Salzburg herrscht in München um diese Jahreszeit subtropisches Klima und die eingepackte Mütze macht sich bei jedem von uns schnell bezahlt. Es ist wirklich lausigkalt und der Regen wird heftiger. Trotzdem tapfer die Stadt erkunden, natürlich zu Fuß. Die regennasse Erde glitscht immer wieder zur Seite, als wir den Mönchsberg erkunden. Tausend neue Eindrücke. Ich muss plötzlich an Anna denken. In letzter Zeit denke ich öfter an Anna, besonders dann, wenn es regnet. Wir haben zusammen einen Kurs bei der Volkshochschule besucht, an einer Story gemeinsam gearbeitet und sie hat mir Wochen nach beendeter Arbeit eine Sms aus Florida geschrieben. Ein sehr nettes Mädchen, leider habe ich nun schon ziemlich lange nichts mehr von ihr gehört und immer wenn ich mir vornehme, ihr zu schreiben, vergesse ich es wieder. Ich glaube mich noch zu erinnern, dass sie nach Österreich gezogen ist. Wohin weiß ich nicht. Bäume, nichts als Bäume und eine angenehme Luft um uns herum. Das Wetter wird nicht besser...dicke Tropfen klatschen auf meinen Schirm. Zum Glück bleiben die Füße trocken. Ich genieße den Ausblick so hoch oben, irgendwo auf dem Berg. Unter uns liegt Salzburg. Dabei denke ich wieder an Anna...immer wenn es regnet. Lange Nacht der Museen in ganz Österreich. Mit der Eintrittskarte besuchen wir die ganze Nacht ziemlich viele Galerien, Museen und die imposante Festung, samt Audioguide-Führung. Kulturflash. Wir versuchen beim Japaner ein Wiener Schnitzel zu bestellen...in Salzburg. Klappt nicht. Statt dessen Curryreis mit Hühnerfleisch, dazu Jasmintee aus einer zentnerschweren, zumindest kommt es uns so vor, Gusseisenkanne. In der Zeit, in der wir auf das Essen warten, lernen wir mit Stäbchen zu essen. Toll. Es schmeckt großartig und die Entspannungsmusik, die aus den Lautsprechern dudelt, beruhigt uns. Wir setzen unseren Museumstrip fort und mit einer Mitternachtssuppe endet unsere Tag, so wie er begonnen hat, nämlich mit Regen. Am Nachmittag habe ich mir endlich, zufällig auf die Wetterlage abgestimmt, die “Feuchtgebiete” gekauft. Zum Reinlesen blieb allerdings keine Zeit.
Ich falle sofort hundemüde ins Bett. Glücklicherweise liegt noch niemand drin. Vorerst teilen sich drei Kanadier mit uns das Zimmer. Alle fünf schlafen wir rasch ein und nur einer schnarcht ein bisschen, aber wirklich nur ganz leise.
bflo - 7. Okt, 11:35
Freitag, 03. Oktober, Salzburg
Die Guten gehen immer zu früh. Thomas D. war einer von ihnen. Der ganze Hype um den kleinen Eisbären letztes Jahr hat mich eigentlich ziemlich kalt gelassen. Man konsumiert das, was einem die Medien vorsetzen, aber man kann dennoch selektieren. D. war mir von Anfang an sympathisch und sein plötzlicher Tod hat mich überrascht. Die Guten gehen immer zu früh. Manche haben ihn beneidet, um seine Popularität und den Ruhm, den er nie recht wollte. Ich habe ihn zumindest bewundert, für die Art und Weise, wie er damit umgegangen ist. Bescheiden, genügsam und mit sich und der Welt im Reinen. Einfach so weitermachen, wie zuvor. Ich bin nicht wirklich gläubig, aber immerhin so viel, dass mich sein Ableben an Gott zweifeln lässt. Er wäre einer gewesen, der noch gebraucht worden wäre auf dieser Erde, wenn auch nur, um sie ein Stückchen besser und lebenswerter zu machen. Gott ist nicht immer gerecht und vielleicht manchmal auf einem Auge blind. NS-Verbrecher leben auch heute im hohen Alter von über neunzig Jahren noch irgendwo in Argentinien, Mexiko oder sonst wo verstreut. Diaspora. Obwohl meterhoch Dreck am Stecken, können sie auf Grund ihres hohen Alters kaum mehr belangt werden, obwohl Mord nie verjährt. Ab und an geistert ihr Name durch die Medien, über sechzig Jahre nach dem diktatorischen NS-Regime. Aber Thomas D. ist tot. Das Leben ist nicht fair. Die Guten gehen immer zu früh.
Am frühen Vormittag steige ich am Salzburger Hauptbahnhof aus dem Zug. Alle Abteile der Regionalbahn sind schon beim Einsteigen in München zugemüllt, leere Bierflaschen, -dosen, und -kästen überall. Der Schaffner schleppt eine, mit leeren Flaschen gefüllte, Bierkiste raus auf den Bahnsteig. Ich setze mich auf einen der Plätze, die nur wenig verdreckt sind und trete mit meinem Schuh in eine Bierpfütze. Später bildet der getrocknete Gerstensaft einen schmierig-klebrigen Film am Boden. Der Zug kam aus Österreich und hat feierwillige Menschen nach München gekarrt. Oktoberfest. Dafür beneidet man uns Bayern ja in der ganzen Welt. Als ich in Salzburg auf den Platz trete von dem die Busse in sämtliche Richtungen abfahren, beginnt es leicht zu nieseln. Thomas D. war einer von den Guten.
bflo - 7. Okt, 11:30
Donnerstag, 02. Oktober, München
Ich sitze auf meinem Bett und blättere in einem Buch. Gedankenverloren, in die Seiten vertieft. Wie toll doch eigentlich Bücher sind. Ich ziehe auf Papier Gedrucktes immer den blassen und flüchtigen Buchstaben im Internet vor (das ist auch der Grund, warum ich dieses Blog später ausdrucken und die Seiten in einem Ordner sammeln werde). Bücher sind kleine Feuerwerke für die Sinne, Stimulation für die Nervenenden, die mit Reizen gefüttert werden. Die einzelnen Buchstaben tanzen vor den Augen, reihen sich aneinander und bilden eine stimmige Einheit: Das Wort. Man blättert mit den Fingern Seiten um, springt vor und zurück, kann da weitermachen wo man will. Den zischenden Laut den das Papier macht, kann man nicht ersetzen. Bücher sind ein Stück Freiheit. Neben dem Ohr wird auch die Nase stimuliert. Ein Buch riecht immer speziell, immer ausgefallen und individuell. Schon mal an einem PC gerochen? Geruchsneutral. Der Tastsinn springt an, ich fühle das weiche Papier in meinen Händen, ich kann es greifen, oder mich daran schneiden. Nur schmecken kann man Papier nicht wirklich? Oder doch. Schmeckt irgendwie leicht wie die Oblaten während der Eucharistiefeier. Das ist Blasphemie? Schon gut, aber das ist die WAHRHEIT. Mein Buch ist “Es” von Stephen King. Ein unglaubliches Werk. Früher habe ich immer heimlich spät abends unter der Bettdecke gelesen. Das ist lange her und ich beschließe mir den Wälzer demnächst wieder vorzunehmen. Meine Lieblingsstelle finde ich gleich auf Anhieb. Ziemlich weit hinten, fast am Ende und beim Lesen fühle ich Gänsehaut; wie damals. Keine Ahnung, aber in dieser einen Stelle konzentriert sich das ganze Buch auf einen Moment, der zentral und wichtig ist. Zumindest für mich. Jeder hat in einem Buch ja irgendeine Lieblingsstelle, mit der seine Phantasie verknüpft. Das ist der Sinn von Büchern. Buch oder Internet? Buch, ganz eindeutig.
“Blicke und Berührungen, Blicke und ein Lächeln werfen mich aus der Bahn.” Der Satz ist von ihr. Ich finde ihn im Internet...zufällig. Sie hat ihn vor vielen Jahren geschrieben, da kannten wir uns noch gar nicht. Dieser Satz hätte auch von mir sein können. Dafür bewundere, ja liebe ich sie. Sie hat damals noch viele andere Sätze geschrieben, aber jener gefällt mir am Besten.
In der Maximilianstraße renne ich beinahe einen Mann über den Haufen...Heiner Lauterbach. Den Blick starr nach vorne gerichtet verschwindet er in einer der zahlreichen Edel-Boutiquen. Morgen nun Salzburg. Tapetenwechsel für drei Tage...muss sein. Loslassen.
bflo - 3. Okt, 00:51
Dienstag, 30. September, München
Wie jeden Tag verlässt er das Haus sehr früh. Er ist Zeitungsausträger, immer mit dem Fahrrad unterwegs, auch im Winter und am Wochenende. Die Kunden wollen mit Nachrichten aus aller Welt versorgt werden, wenn sie am Frühstückstisch ihren Kaffee schlürfen. Also muss er sich stets beeilen. Wie jeden Morgen küsst ihn seine Frau zum Abschied, schließt die Haustüre hinter ihm und er setzt sich auf sein Rad und strampelt los. Herbsttag: Frühnebel bedeckt undurchdringlich den Septemberhimmel. Die Luft zum Schneiden, die Sonne geht nur sehr zögerlich auf, aber irgendwo in der Ferne sorgen einige Elstern für eine erstaunliche Geräuschkulisse. Die Räder des Anhängers, mit dem er die Zeitungen ausfährt, versprühen ein monotones Rattern, als sie über den feuchten Asphalt rollen. Ohne dicke Handschuhe und eine warme Mütze wäre ihm kalt.
Ihr Weg ist immer gleich, führt sie zunächst von ihrer Wohnung die Straße entlang und dann in den nahe gelegenen Park, der um diese Uhr- und Jahreszeit nur noch sporadisch von Spaziergängern, oder Menschen mit Hunden genutzt wird. Sie joggt für ihr Leben gerne, erhofft sich so fit und gesund zu bleiben. Das klappt eigentlich auch ganz gut. Es ist ein Tag wie jeder andere, als sie auf den ausgetretenen Trampelpfad einbiegt, der quer durch ein kleines Wäldchen führt. Und doch ist heute etwas anders; die Luft wirkt feuchter, der Nebel dichter und die Natur noch ein bisschen stiller und ruhiger als sonst. Normalerweise liebt sie diese Ruhe, kommt extra hierher um das zu genießen. Doch heute kramt sie den MP3-Player aus ihrer Joggingtasche und berieselt sich mit klassischer Musik. Die Raben, die hoch über einem der abgeernteten Felder kreisen, hört sie dabei nicht.
Am Fließband bedient er die großen Maschinen, die mit zwei Tonnen Gewicht Karosserieteile aus dünn gewalzten Metallblechen stanzen. Die Arbeit ist monoton, aber er empfindet sie immer wieder als Herausforderung. Blech lebt, ebenso wie Holz oder ein anderer Werkstoff. Er drückt der Arbeit seinen ganz persönlichen Stempel auf und macht dadurch die Massenware zu einem Unikat. Hauptsache er kann davon leben. Und das gelingt eigentlich ganz gut. Seine Frau und die beiden Kinder können sich nicht beschweren. Gefährlich wird sein Job, wenn die Konzentration nachlässt, er nicht gut aufpasst und schlampig arbeitet. Die Bleche sind teuer und viel Verschnitt ist dabei nicht drin. Um ihn herum ist es wahnsinnig laut, weshalb er permanent gelbe Ohrenschützer tragen muss. Ansonsten wäre er längst taub. Er arbeitet genau und schnell, besser als viele seiner Kollegen. Kann er in kürzerer Zeit mehr Bleche stanzen als sie, gibt es am Ende des Monats etwas mehr Geld in die Lohntüte. Die Kinder freut das, seine Frau auch. Auch um diese Uhrzeit kann er noch exakt und flink arbeiten, obwohl er die Schicht spät abends hasst. Viel lieber wäre er jetzt zu Hause bei seiner Familie. Stattdessen steht er hier und stanzt Blech um Blech. Zwei Spatzen streiten sich vor einem der Fabrikfenster um einen Regenwurm.
bflo - 2. Okt, 00:25
Mittwoch, 01. Oktober, München
Drei Menschen, drei unterschiedliche Situationen. Wie in Zeitlupe halte ich inne, friere das Bild des Radfahrers, der Joggerin und des Fabrikarbeiters in meinem Kopf ein, jeweils an einer ganz bestimmten Stelle und betrachte in Ruhe die drei Menschen. Nun geschieht Folgendes:
Er Radler fährt ohne Helm und hält bereits eine Zeitung in der freien Hand, die nicht auf dem Lenker ruht. Er biegt um eine enge Kurve und rutscht auf der nassen Straße aus. Sein Kopf knallt mit voller Wucht auf den pechschwarzen Teer.
Die Joggerin gelangt an einen Zebrastreifen, hält kurz an, ehe sie wieder losläuft. Da sie Kopfhörer aufhat überhört sie den herannahenden Mercedes, der die Joggerin im Frühnebel einfach übersieht. Der Fahrer erfasst sie frontal und schleudert sie meterweit durch die Luft. Sie bleibt bewegungslos liegen.
Der Fabrikarbeiter wird müde, versucht aber immer noch schnell zu arbeiten. Durch eine Unachtsamkeit gerät sein rechter Arm bis zum Ellenbogen unter den schmiedeeisernen Stanzhammer, der seine Knochen zermalmt. Er wird sofort ohnmächtig.
Ich weiß nicht, ob diese drei Menschen ihre Unfälle überleben, ob sie an den Spätfolgen zu leiden haben oder für immer zu Krüppeln werden. Was ich weiß ist, dass unser Leben sich sehr schnell verändern oder zu Ende sein kann, auch wenn man vielleicht bereits Pläne für die Zukunft gefasst hat. Wer weiß, was morgen passiert, wie alles weitergeht. Ein Drehbuch zum Leben, das uns Szene für Szene verrät gibt es nicht.
Dies alles wird mir bewusst, als ich spät abends auf die von wenigen Laternen nur spärlich beleuchtete Straße trete. Ich atme den Regen und die Stille und beschließe alles auf mich zukommen zu lassen und die schönen Momente des Lebens einfach nur zu genießen. Die meisten davon kommen niemals wieder.
bflo - 2. Okt, 00:25
Montag, 29. September, München
Sie sitzen vor dem Hauptbahnhof, wie eigentlich immer. Niemals alleine, sondern immer in einer größeren Gruppe. Die meisten von ihnen tragen auffällige Piercings, im Gesicht, an Nase, Lippe oder Augenbrauen. Morgens um halb zehn trinken bereits alle Bier, haben die Flaschen vor sich auf dem Boden in Form zweier Pentagramme aufgestellt. Die meisten Pullen sind bereits leer. Aus der Ecke versprüht ein Ghettoblaster seltsam anmutende Musik. Daneben jault ein Hund, ein Collie, wie ich zu erkennen glaube. Menschen betreten und verlassen den Bahnhof, strömen aus ankommenden Zügen oder entern solche, die sie an ihre Ziele bringen sollen. Die Gruppe vor dem Bahnhof stört das wenig, einer kramt einen halben Laib Brot aus einer seiner Taschen und befördert anschließend ein mittelgroßes Stück Butter ans Tageslicht. Es sieht unförmig aus, beinahe wie ein kleiner Ball und vereinzelt kleben noch Fetzen von Alufolie daran. Irgendwie widerlich.
Sie ist glücklich und ich sollte es auch sein. Mich einfach mit ihr darüber freuen, dass es ihr wieder gut geht und sie zufrieden ist. Es geht nicht.
Ein massiger Kerl, mit tätowierten Oberarmen fischt ein Messer aus dem Schaft seines Stiefels und reicht es herum. Das Brot wird geteilt, jeder schneidet sich eine Scheibe davon ab und streicht etwas Butter darauf. Mal mehr, mal weniger. Das Szenario hat etwas Biblisches, wie beim letzen Abendmahl, als Jesus mit seinen Jüngern das Brot bricht. Alles kauen zufrieden, während die Musik zuerst zu einem unangenehmen Jaulen wird und sich die Stimme des Sängers monoton in die Länge zieht, ehe sie ganz verstummt. Ein blondes Mädchen, eigentlich zu hübsch für diese Gegend, wechselt rasch die Batterien und die Geräuschkulisse aus dem Player ist sofort wieder da.
Ich sehe Vieles auf meinem Weg zum Bahnhof, nehme die unterschiedlichsten Eindrücke war und berausche mich an dem Meer der verschiedensten Gesichter. Die Anzeigentafel mit den Zeiten der abfahrenden Züge blättert geräuschvoll weiter, einfahrende Lokomotiven lärmen und die Freude der Menschen über eintreffende Verwandte, Freunde und Bekannte verliert sich im Krach der Bahnhofshalle.
Ich merke, dass sie glücklich ist, selbst durch ein für mich unsichtbares Kabel, das unsere Computer verbindet. Ich wärme mich an ihren Worten, ihren Sätzen und an jedem Buchstaben, den sie mir schickt. Ein richtig langes Gespräch dafür, dass sie wieder einmal viel um die Ohren hat. Aber wer hat das nicht. Das nächste Treffen? Wer weiß? Ich plane nicht, lasse es auf mich zukommen, einfach so...lebe in den Tag hinein.
Als ich den Bahnhof verlasse fahren hinter mir schon wieder zwei Züge ab; ein Kommen und Gehen im ständigen Wechsel. Ich drücke die schwere Flügeltüre zur Seite, trete hinaus und lasse sie hinter mir krachend zufallen.
bflo - 30. Sep, 18:05
Sonntag, 28. September, München
Früh morgens atme ich feuchte Luft und schmecke einen Hauch von Demokratie auf meiner Zunge. Die Umfragen prognostizieren der CSU in Bayern nichts Gutes. Ein Machtwechsel steht an, ist überfällig und diesmal zum Greifen nahe. Es muss ja nicht unbedingt eine komplett neue Regierung sein, aber ein wenig Veränderung täte sicher ganz gut.
Als ich das Wahllokal betrete, ist wenig los. Das liegt sicherlich an der Zeit, denn es ist noch relativ früh am Morgen und auch die Kirchgänger sind noch nicht wieder auf dem Nachhauseweg; zudem ist Oktoberfest, ein Sonntag und angenehmes Wetter, wenn auch nicht warm. Der Schriftführer geht vor dem, zum Wahllokal umgewandelten Schulgebäude, auf und ab und raucht dabei gemütlich eine Zigarette. Freundlicher Gruß. Ab und an durfte auch ich bereits das Ehrenamt des Wahlhelfers bekleiden. Gab immer eine kleine Entschädigung: 30 bis 50 Euro, je nachdem, was gewählt wurde. Diesmal habe ich mich nicht gemeldet. Man kann ja schließlich nicht alles machen. Ich stecke die vier zusammengefalteten Stimmzettel in die dafür vorgesehenen Urnen und schlürfe aus dem Gebäude. Der Nebel verzieht sich und es klart auf...ein schöner Tag. Am Abend dann die Nachricht: Der sanfte Duft von Demokratie ist zu einem wahren Schwall geworden. Der Dunst hängt meterdick über dem Freistaat. Keine absolute Mehrheit mehr...seit Jahren. Längst überfällig? Ich hoffe doch! !Mit der FDP? Eigentlich nicht, aber vielleicht...Mal sehen, was die nächsten Tage und Wochen so bringen. Das etwas geschehen muss und geschehen wird, ist klar. Nur was. Aber das wird schon. Die Fernsehnachrichten sind voll von Politik. Es scheint kein anderes Thema an diesem Abend zu geben. Ich befürchte bloß, dass nach kurzer Zeit wieder alles vergessen sein wird. Wie so oft...Programme über Bord werfen, den Kurs ändern, gegensteuern und zurückrudern. Kennt man ja. Oktoberfest noch für eine Woche. Einmal noch auf die Festwiese, dann ist für dieses Jahr auch schon Schluss. Politik ist dabei doch sowieso nur Nebensache. Im Bierdunst versinkt jedes Interesse und was zählt ist der Rausch, der Ausbruch aus dem Alltäglichen. Die Ernüchterung, im wahrsten Sinne des Wortes, am nächsten Morgen beim Blick in den Spiegel. War es das wert? Nein, aber das muss einfach sein. Loslasse, abschalten. Der Alltag bekommt uns wieder...schon Morgen, am Montag, wenn eine neue Zeitrechnung beginnt. Zumindest in Bayern. Möglicherweise...
bflo - 30. Sep, 12:32
Samstag, 27. September, München
Räder rollen ratternd über Bahnschienen, Nebel der Frühe hängt dicht wie Watte über Seen und Wiesen. Mit Verspätung erreiche ich mein Ziel, steige aus und raste am Bahnsteig auf einer der Bänke. In meinem Abteil habe ich zwar einen Sitzplatz, aber Bierflaschen liegen verstreut auf den marineblauen Polstern und der Fußboden ist klebrig von den Restpfützen des verschütteten Bieres. Der ohnehin schon kleine Mülleimer ist bis obenhin mit halbzerquetschten Weißblechdosen bestückt. Ich blättere geistesabwesend in einer Zeitschrift und reiche dem Fahrkartenkontrolleur irgendwann meine Fahrkarte mit zwei großen Eselsohren. In meinem Kopf habe ich “Paint it black” aufgelegt und die Musik sprudelt lautlos durch mein Gehirn. Nur meine Lippen formen hin und wieder die Zeilen des Refrains. Bahnfahr-Feeling kommt auf...das sich Hinausbewegen aus der Stadt, weg von einem Ort, hinein in eine andere Welt. Ich verstaue meinen Rucksack in einem der Bahnhofsschließfächer, werfe für die nächsten Stunden Münzen hinein und mache mich auf den Weg zum See. Immer noch hängt eine dichte Nebelbank über der Uferpromenade und nur langsam reißt eine unsichtbare Kraft kleine Löcher in die undurchdringlichen Schwaden. Die Luft ist feuchtigkeitsschwanger und winzige, kaum sichtbare Wassertropfen schlagen sich an den Gläsern meiner Brille nieder. Ich beginne um den See zu gehen. Einige der kleinen und größeren Segelboote, die mit dicken Tauen am Steg festgebunden sind, schaukeln sanft in den Wellen auf und nieder. Ich bin alleine. Vereinzelte Urlauber und neugierige Tagesausflügler erscheinen nach und nach am Ufer, aber da bin ich längst schon dabei, meine Runde um den See zu drehen. Ich schlage den Kragen meiner Jacke hoch, denn mittlerweile ist es ziemlich kalt geworden, und gehe los. Ein sanfter Wind bläst mir kühl ins Gesicht. Ich schaue etwas zur Seite, um nicht direkt von vorne den unangenehmen Luftzug zu erwischen. Zwei weiße Schwäne kreuzen meinen Weg, schauen mich aufgeregt an und verschwinden wieder im Wasser. Ich sehe ihnen noch lange nach und gerate etwas ins Träumen, ehe ich meinen Weg fortsetze. Ein Man öffnet seinen Bootsverleih, indem er die schwere Jalousie seines Ladens nach oben zieht und ein Pappschild auf dem “Geschlossen” zu lesen ist, umdreht. “Geöffnet” steht nun in dicken schwarzen Lettern dort. Ich miete mir ein Boot und rudere hinaus auf den See. Als ich weit genug draußen bin, hole ich die Ruder ins Boot und lasse mich einfach vom Wasser treiben. Ich befinde mich fast in der Mitte des Sees, vergesse die Zeit und bin noch lange eins mit dem dritten Element und rudere erst spät wieder zurück ans Ufer. Am späten Nachmittag kommt Festland in Sicht. Sechs Stunden über die vereinbarte Zeit, der Bootsverleiher grummelt mir barsch etwas entgegen. Ein teurer Ausflug, aber er war jeden Cent wert.
bflo - 28. Sep, 00:34
Freitag, 26. September, München
Ich bin endlich wieder in einer Beziehung. Es hat lange gedauert, bis ich es wieder wagen konnte, mich auf jemanden einzulassen. Da war Südafrika, die wahrscheinlich interessanteste Zeit meines Lebens. Dort habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich ihn nicht mehr liebe. Geknistert hatte es schon vorher, denn wir haben uns immer öfter gestritten. Die Trennung schließlich unvermeidlich. Die wenigen Wochen auf dem schwarzen Kontinent haben mich sehr verändert und ich begann das Reisen zu lieben. Damit kam er nicht klar. Zudem hatte ich mich unsterblich in Joseph verliebt, jenen vierundzwanzigjährigen Studenten aus Johannesburg, den ich gleich am ersten Tag meiner Ankunft kennen gelernt hatte. Er war so süß, doch auf Grund der weiten Entfernung war eine Beziehung unmöglich. SCHADE. Doch nun bin ich so glücklich wie wohl nie zuvor in meinem Leben.
Und dann ist da ja auch noch Flo. Neulich habe ich ihm geschrieben, dass ich wieder in einer Beziehung bin und er hat sich für mich gefreut. Das zumindest hat er geantwortet. Ich nehme es ihm nicht ab, zu sehr hat er sich in den letzten Wochen und Monaten um mich bemüht. Er macht das sehr geschickt, hat nie direkt geäußert, dass er mich liebt. Aber ich bin nicht blöd und blind, habe natürlich längst gemerkt, dass er ein Auge auf mich geworfen hat.
Er tut mir leid.
Ein wirklich netter, feiner Junge, süß, zuvorkommend und aufmerksam, aber ich kann mir eine Beziehung mit ihm einfach nicht vorstellen. Ich stehe auf Draufgänger, die um mich kämpfen wie eine Löwin um ihr Junges. All das kann Flo nicht. Er ist zu ruhig, zu ausgeglichen, zu gefasst. Ich weiß, dass die Berührungen unter dem Tisch während unseres gemeinsamen Seminars nicht zufällig waren. Er hat meine Nähe immer gesucht und sich wohl in mich verliebt. Nicht immer konnte ich ihm antworten, wenn er mir geschrieben hat; teilweise hatte ich keine Zeit und manchmal habe ich es einfach vergessen. Stressige Wochen und Monate waren ein Grund, aber nicht der Wichtigste. Ich hoffe, dass es ihm nicht allzu schwer fällt, dies zu akzeptieren und er auch jemanden findet, der ihn glücklich macht. Ich merke ja, wie er mir nahe sein und sich mit mir unterhalten will…immer wieder.
Auch seinen Geburtstag habe ich dieses Jahr völlig vergessen, aber mich jetzt dafür zu entschuldigen wäre nicht ehrlich, nicht aufrichtig und obendrein völlig sinnlos. Ich mag ihn ja recht gerne, aber ich kann ihn nicht lieben. Zumindest nicht heute. Vielleicht, wenn die Jahre ins Land gehen, wir älter werden und er mich noch nicht vergessen hat; möglicherweise dann. Aber heute? Nein! Er hat mir nun einige Tage nicht gemailt, hat meinen Hinweis wohl verstanden und akzeptiert. Eigentlich will ich nicht, dass er mir schreibt, aber dann irgendwie doch wieder. Eine komische Situation. Wahrscheinlich sehen wir uns nicht so bald wieder, zu unterschiedlich sind unsere Studiengänge. Ich wünsche mir, dass er klar und darüber hinweg kommt. Zumindest ich bin glücklich und schließlich ist jeder Mensch auch immer zuerst ein Egoist.
bflo - 28. Sep, 00:23
Donnerstag, 25. September, München
Um mich herum ist reger Betrieb. Menschen gehen vorüber, lachen, unterhalten sich oder sitzen wie ich auf einer der zahlreichen Bänke. Mittagszeit in München. Ein typischer Herbsttag in der Millionenstadt Ende September. Schon wieder ein ganzer Monat fast vorbei. Wie doch die Zeit vergeht. Auch ich sitze auf einer der grünen Parkbänke im Schatten, was heute aber völlig egal ist, denn um diese Uhr- und Jahreszeit ist einfach überall Schatten. Eine angenehme Kühle kriecht meine Hosenbeine hinauf und schüttelt meinen Körper. Ich hacke diesen Text in die Tasten meines Notebooks. Den Entstehungsprozess kommentieren und dokumentieren. Vom Kopf hinein in das Schreibprogramm und später ins Internet. So mache ich das immer. Selbst hier draußen gibt es sicherheitsaktivierte W-Lan-Netzwerke. Toll. Zwischen Produktion und Veröffentlichung liegen meist einige Stunden, denn einen Text direkt ins Netz zu posten kommt nicht in Frage. Ich gehe jeden Artikel separat durch, bevor er in mein Blog wandert. IMMER. Spielende Kinder tollen vor mir auf der Wiese herum. Die Kleinen sammeln Herbstlaub. Trocknen, pressen und auf weiße Papierbögen kleben. So haben wir das früher zumindest immer gemacht. Zwei Mädchen bewerfen sich gegenseitig mit nussbraunen Kastanien, bis eines weint. Diese Unbekümmertheit fasziniert mich immer wieder. Kinder leben einfach so in den Tag hinein, müssen sich über fast nichts Gedanken machen, haben kaum Nöte und Sorgen. Wenn ihnen einer dumm kommt, dann gibt`s mit der Schaufel eins in die Fresse. Herrlich. Da wird nicht lange gefackelt, diskutiert oder debattiert. Das ist der Naturzustand, das Recht des Stärkeren. Ich lerne Hobbes besser zu verstehen. Ich genieße den herrlichen Herbsttag, verweile noch einige Zeit auf meiner Bank, während sich die Welt um mich herum wieder einmal ein Stück weiter dreht. Vögel zwitschern in den Bäumen und zwei Hunde liefern sich eine kleine Rangelei auf der großen Wiese. Das liebe ich an München: Man ist zwar mitten in der Stadt, aber findet doch immer ein kleines Fleckchen Natur, ein wenig Grün, auf dem man für ein paar Augenblicke die Seele baumeln lassen kann. An nichts denken, den Kopf frei machen, die Gedanken aussortieren. Die innere Leere tut unglaublich gut, denn für wenige Minuten vergesse ich die irdische Welt. Endlich bricht die Sonne durch die dichte Wolkendecke...nur ganz kurz, aber sie ist da. DIE SONNE. Dann gewinnen die Wolken wieder die Oberhand und mir wird es doch ein wenig zu kalt. Der Winter naht, zwar noch weit in der Ferne, aber doch bedrohlich nahe. Ich stehe auf und gehe in Richtung Fußgängerzone. An dieser Stelle schließt der Text. SPEICHERN.
bflo - 28. Sep, 00:12