Deutsche Bahn

Montag, 29. September, München

Sie sitzen vor dem Hauptbahnhof, wie eigentlich immer. Niemals alleine, sondern immer in einer größeren Gruppe. Die meisten von ihnen tragen auffällige Piercings, im Gesicht, an Nase, Lippe oder Augenbrauen. Morgens um halb zehn trinken bereits alle Bier, haben die Flaschen vor sich auf dem Boden in Form zweier Pentagramme aufgestellt. Die meisten Pullen sind bereits leer. Aus der Ecke versprüht ein Ghettoblaster seltsam anmutende Musik. Daneben jault ein Hund, ein Collie, wie ich zu erkennen glaube. Menschen betreten und verlassen den Bahnhof, strömen aus ankommenden Zügen oder entern solche, die sie an ihre Ziele bringen sollen. Die Gruppe vor dem Bahnhof stört das wenig, einer kramt einen halben Laib Brot aus einer seiner Taschen und befördert anschließend ein mittelgroßes Stück Butter ans Tageslicht. Es sieht unförmig aus, beinahe wie ein kleiner Ball und vereinzelt kleben noch Fetzen von Alufolie daran. Irgendwie widerlich.
Sie ist glücklich und ich sollte es auch sein. Mich einfach mit ihr darüber freuen, dass es ihr wieder gut geht und sie zufrieden ist. Es geht nicht.
Ein massiger Kerl, mit tätowierten Oberarmen fischt ein Messer aus dem Schaft seines Stiefels und reicht es herum. Das Brot wird geteilt, jeder schneidet sich eine Scheibe davon ab und streicht etwas Butter darauf. Mal mehr, mal weniger. Das Szenario hat etwas Biblisches, wie beim letzen Abendmahl, als Jesus mit seinen Jüngern das Brot bricht. Alles kauen zufrieden, während die Musik zuerst zu einem unangenehmen Jaulen wird und sich die Stimme des Sängers monoton in die Länge zieht, ehe sie ganz verstummt. Ein blondes Mädchen, eigentlich zu hübsch für diese Gegend, wechselt rasch die Batterien und die Geräuschkulisse aus dem Player ist sofort wieder da.
Ich sehe Vieles auf meinem Weg zum Bahnhof, nehme die unterschiedlichsten Eindrücke war und berausche mich an dem Meer der verschiedensten Gesichter. Die Anzeigentafel mit den Zeiten der abfahrenden Züge blättert geräuschvoll weiter, einfahrende Lokomotiven lärmen und die Freude der Menschen über eintreffende Verwandte, Freunde und Bekannte verliert sich im Krach der Bahnhofshalle.
Ich merke, dass sie glücklich ist, selbst durch ein für mich unsichtbares Kabel, das unsere Computer verbindet. Ich wärme mich an ihren Worten, ihren Sätzen und an jedem Buchstaben, den sie mir schickt. Ein richtig langes Gespräch dafür, dass sie wieder einmal viel um die Ohren hat. Aber wer hat das nicht. Das nächste Treffen? Wer weiß? Ich plane nicht, lasse es auf mich zukommen, einfach so...lebe in den Tag hinein.
Als ich den Bahnhof verlasse fahren hinter mir schon wieder zwei Züge ab; ein Kommen und Gehen im ständigen Wechsel. Ich drücke die schwere Flügeltüre zur Seite, trete hinaus und lasse sie hinter mir krachend zufallen.

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