Donnerstag, 2. Oktober 2008

Drei Leben

Dienstag, 30. September, München

Wie jeden Tag verlässt er das Haus sehr früh. Er ist Zeitungsausträger, immer mit dem Fahrrad unterwegs, auch im Winter und am Wochenende. Die Kunden wollen mit Nachrichten aus aller Welt versorgt werden, wenn sie am Frühstückstisch ihren Kaffee schlürfen. Also muss er sich stets beeilen. Wie jeden Morgen küsst ihn seine Frau zum Abschied, schließt die Haustüre hinter ihm und er setzt sich auf sein Rad und strampelt los. Herbsttag: Frühnebel bedeckt undurchdringlich den Septemberhimmel. Die Luft zum Schneiden, die Sonne geht nur sehr zögerlich auf, aber irgendwo in der Ferne sorgen einige Elstern für eine erstaunliche Geräuschkulisse. Die Räder des Anhängers, mit dem er die Zeitungen ausfährt, versprühen ein monotones Rattern, als sie über den feuchten Asphalt rollen. Ohne dicke Handschuhe und eine warme Mütze wäre ihm kalt.
Ihr Weg ist immer gleich, führt sie zunächst von ihrer Wohnung die Straße entlang und dann in den nahe gelegenen Park, der um diese Uhr- und Jahreszeit nur noch sporadisch von Spaziergängern, oder Menschen mit Hunden genutzt wird. Sie joggt für ihr Leben gerne, erhofft sich so fit und gesund zu bleiben. Das klappt eigentlich auch ganz gut. Es ist ein Tag wie jeder andere, als sie auf den ausgetretenen Trampelpfad einbiegt, der quer durch ein kleines Wäldchen führt. Und doch ist heute etwas anders; die Luft wirkt feuchter, der Nebel dichter und die Natur noch ein bisschen stiller und ruhiger als sonst. Normalerweise liebt sie diese Ruhe, kommt extra hierher um das zu genießen. Doch heute kramt sie den MP3-Player aus ihrer Joggingtasche und berieselt sich mit klassischer Musik. Die Raben, die hoch über einem der abgeernteten Felder kreisen, hört sie dabei nicht.
Am Fließband bedient er die großen Maschinen, die mit zwei Tonnen Gewicht Karosserieteile aus dünn gewalzten Metallblechen stanzen. Die Arbeit ist monoton, aber er empfindet sie immer wieder als Herausforderung. Blech lebt, ebenso wie Holz oder ein anderer Werkstoff. Er drückt der Arbeit seinen ganz persönlichen Stempel auf und macht dadurch die Massenware zu einem Unikat. Hauptsache er kann davon leben. Und das gelingt eigentlich ganz gut. Seine Frau und die beiden Kinder können sich nicht beschweren. Gefährlich wird sein Job, wenn die Konzentration nachlässt, er nicht gut aufpasst und schlampig arbeitet. Die Bleche sind teuer und viel Verschnitt ist dabei nicht drin. Um ihn herum ist es wahnsinnig laut, weshalb er permanent gelbe Ohrenschützer tragen muss. Ansonsten wäre er längst taub. Er arbeitet genau und schnell, besser als viele seiner Kollegen. Kann er in kürzerer Zeit mehr Bleche stanzen als sie, gibt es am Ende des Monats etwas mehr Geld in die Lohntüte. Die Kinder freut das, seine Frau auch. Auch um diese Uhrzeit kann er noch exakt und flink arbeiten, obwohl er die Schicht spät abends hasst. Viel lieber wäre er jetzt zu Hause bei seiner Familie. Stattdessen steht er hier und stanzt Blech um Blech. Zwei Spatzen streiten sich vor einem der Fabrikfenster um einen Regenwurm.

Schneller, als du denkst

Mittwoch, 01. Oktober, München

Drei Menschen, drei unterschiedliche Situationen. Wie in Zeitlupe halte ich inne, friere das Bild des Radfahrers, der Joggerin und des Fabrikarbeiters in meinem Kopf ein, jeweils an einer ganz bestimmten Stelle und betrachte in Ruhe die drei Menschen. Nun geschieht Folgendes:
Er Radler fährt ohne Helm und hält bereits eine Zeitung in der freien Hand, die nicht auf dem Lenker ruht. Er biegt um eine enge Kurve und rutscht auf der nassen Straße aus. Sein Kopf knallt mit voller Wucht auf den pechschwarzen Teer.
Die Joggerin gelangt an einen Zebrastreifen, hält kurz an, ehe sie wieder losläuft. Da sie Kopfhörer aufhat überhört sie den herannahenden Mercedes, der die Joggerin im Frühnebel einfach übersieht. Der Fahrer erfasst sie frontal und schleudert sie meterweit durch die Luft. Sie bleibt bewegungslos liegen.
Der Fabrikarbeiter wird müde, versucht aber immer noch schnell zu arbeiten. Durch eine Unachtsamkeit gerät sein rechter Arm bis zum Ellenbogen unter den schmiedeeisernen Stanzhammer, der seine Knochen zermalmt. Er wird sofort ohnmächtig.
Ich weiß nicht, ob diese drei Menschen ihre Unfälle überleben, ob sie an den Spätfolgen zu leiden haben oder für immer zu Krüppeln werden. Was ich weiß ist, dass unser Leben sich sehr schnell verändern oder zu Ende sein kann, auch wenn man vielleicht bereits Pläne für die Zukunft gefasst hat. Wer weiß, was morgen passiert, wie alles weitergeht. Ein Drehbuch zum Leben, das uns Szene für Szene verrät gibt es nicht.
Dies alles wird mir bewusst, als ich spät abends auf die von wenigen Laternen nur spärlich beleuchtete Straße trete. Ich atme den Regen und die Stille und beschließe alles auf mich zukommen zu lassen und die schönen Momente des Lebens einfach nur zu genießen. Die meisten davon kommen niemals wieder.

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