Dienstag, 30. September 2008

Deutsche Bahn

Montag, 29. September, München

Sie sitzen vor dem Hauptbahnhof, wie eigentlich immer. Niemals alleine, sondern immer in einer größeren Gruppe. Die meisten von ihnen tragen auffällige Piercings, im Gesicht, an Nase, Lippe oder Augenbrauen. Morgens um halb zehn trinken bereits alle Bier, haben die Flaschen vor sich auf dem Boden in Form zweier Pentagramme aufgestellt. Die meisten Pullen sind bereits leer. Aus der Ecke versprüht ein Ghettoblaster seltsam anmutende Musik. Daneben jault ein Hund, ein Collie, wie ich zu erkennen glaube. Menschen betreten und verlassen den Bahnhof, strömen aus ankommenden Zügen oder entern solche, die sie an ihre Ziele bringen sollen. Die Gruppe vor dem Bahnhof stört das wenig, einer kramt einen halben Laib Brot aus einer seiner Taschen und befördert anschließend ein mittelgroßes Stück Butter ans Tageslicht. Es sieht unförmig aus, beinahe wie ein kleiner Ball und vereinzelt kleben noch Fetzen von Alufolie daran. Irgendwie widerlich.
Sie ist glücklich und ich sollte es auch sein. Mich einfach mit ihr darüber freuen, dass es ihr wieder gut geht und sie zufrieden ist. Es geht nicht.
Ein massiger Kerl, mit tätowierten Oberarmen fischt ein Messer aus dem Schaft seines Stiefels und reicht es herum. Das Brot wird geteilt, jeder schneidet sich eine Scheibe davon ab und streicht etwas Butter darauf. Mal mehr, mal weniger. Das Szenario hat etwas Biblisches, wie beim letzen Abendmahl, als Jesus mit seinen Jüngern das Brot bricht. Alles kauen zufrieden, während die Musik zuerst zu einem unangenehmen Jaulen wird und sich die Stimme des Sängers monoton in die Länge zieht, ehe sie ganz verstummt. Ein blondes Mädchen, eigentlich zu hübsch für diese Gegend, wechselt rasch die Batterien und die Geräuschkulisse aus dem Player ist sofort wieder da.
Ich sehe Vieles auf meinem Weg zum Bahnhof, nehme die unterschiedlichsten Eindrücke war und berausche mich an dem Meer der verschiedensten Gesichter. Die Anzeigentafel mit den Zeiten der abfahrenden Züge blättert geräuschvoll weiter, einfahrende Lokomotiven lärmen und die Freude der Menschen über eintreffende Verwandte, Freunde und Bekannte verliert sich im Krach der Bahnhofshalle.
Ich merke, dass sie glücklich ist, selbst durch ein für mich unsichtbares Kabel, das unsere Computer verbindet. Ich wärme mich an ihren Worten, ihren Sätzen und an jedem Buchstaben, den sie mir schickt. Ein richtig langes Gespräch dafür, dass sie wieder einmal viel um die Ohren hat. Aber wer hat das nicht. Das nächste Treffen? Wer weiß? Ich plane nicht, lasse es auf mich zukommen, einfach so...lebe in den Tag hinein.
Als ich den Bahnhof verlasse fahren hinter mir schon wieder zwei Züge ab; ein Kommen und Gehen im ständigen Wechsel. Ich drücke die schwere Flügeltüre zur Seite, trete hinaus und lasse sie hinter mir krachend zufallen.

Wer die Wahl hat...

Sonntag, 28. September, München

Früh morgens atme ich feuchte Luft und schmecke einen Hauch von Demokratie auf meiner Zunge. Die Umfragen prognostizieren der CSU in Bayern nichts Gutes. Ein Machtwechsel steht an, ist überfällig und diesmal zum Greifen nahe. Es muss ja nicht unbedingt eine komplett neue Regierung sein, aber ein wenig Veränderung täte sicher ganz gut.
Als ich das Wahllokal betrete, ist wenig los. Das liegt sicherlich an der Zeit, denn es ist noch relativ früh am Morgen und auch die Kirchgänger sind noch nicht wieder auf dem Nachhauseweg; zudem ist Oktoberfest, ein Sonntag und angenehmes Wetter, wenn auch nicht warm. Der Schriftführer geht vor dem, zum Wahllokal umgewandelten Schulgebäude, auf und ab und raucht dabei gemütlich eine Zigarette. Freundlicher Gruß. Ab und an durfte auch ich bereits das Ehrenamt des Wahlhelfers bekleiden. Gab immer eine kleine Entschädigung: 30 bis 50 Euro, je nachdem, was gewählt wurde. Diesmal habe ich mich nicht gemeldet. Man kann ja schließlich nicht alles machen. Ich stecke die vier zusammengefalteten Stimmzettel in die dafür vorgesehenen Urnen und schlürfe aus dem Gebäude. Der Nebel verzieht sich und es klart auf...ein schöner Tag. Am Abend dann die Nachricht: Der sanfte Duft von Demokratie ist zu einem wahren Schwall geworden. Der Dunst hängt meterdick über dem Freistaat. Keine absolute Mehrheit mehr...seit Jahren. Längst überfällig? Ich hoffe doch! !Mit der FDP? Eigentlich nicht, aber vielleicht...Mal sehen, was die nächsten Tage und Wochen so bringen. Das etwas geschehen muss und geschehen wird, ist klar. Nur was. Aber das wird schon. Die Fernsehnachrichten sind voll von Politik. Es scheint kein anderes Thema an diesem Abend zu geben. Ich befürchte bloß, dass nach kurzer Zeit wieder alles vergessen sein wird. Wie so oft...Programme über Bord werfen, den Kurs ändern, gegensteuern und zurückrudern. Kennt man ja. Oktoberfest noch für eine Woche. Einmal noch auf die Festwiese, dann ist für dieses Jahr auch schon Schluss. Politik ist dabei doch sowieso nur Nebensache. Im Bierdunst versinkt jedes Interesse und was zählt ist der Rausch, der Ausbruch aus dem Alltäglichen. Die Ernüchterung, im wahrsten Sinne des Wortes, am nächsten Morgen beim Blick in den Spiegel. War es das wert? Nein, aber das muss einfach sein. Loslasse, abschalten. Der Alltag bekommt uns wieder...schon Morgen, am Montag, wenn eine neue Zeitrechnung beginnt. Zumindest in Bayern. Möglicherweise...

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