Aus ihrer Sicht

Freitag, 26. September, München

Ich bin endlich wieder in einer Beziehung. Es hat lange gedauert, bis ich es wieder wagen konnte, mich auf jemanden einzulassen. Da war Südafrika, die wahrscheinlich interessanteste Zeit meines Lebens. Dort habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich ihn nicht mehr liebe. Geknistert hatte es schon vorher, denn wir haben uns immer öfter gestritten. Die Trennung schließlich unvermeidlich. Die wenigen Wochen auf dem schwarzen Kontinent haben mich sehr verändert und ich begann das Reisen zu lieben. Damit kam er nicht klar. Zudem hatte ich mich unsterblich in Joseph verliebt, jenen vierundzwanzigjährigen Studenten aus Johannesburg, den ich gleich am ersten Tag meiner Ankunft kennen gelernt hatte. Er war so süß, doch auf Grund der weiten Entfernung war eine Beziehung unmöglich. SCHADE. Doch nun bin ich so glücklich wie wohl nie zuvor in meinem Leben.
Und dann ist da ja auch noch Flo. Neulich habe ich ihm geschrieben, dass ich wieder in einer Beziehung bin und er hat sich für mich gefreut. Das zumindest hat er geantwortet. Ich nehme es ihm nicht ab, zu sehr hat er sich in den letzten Wochen und Monaten um mich bemüht. Er macht das sehr geschickt, hat nie direkt geäußert, dass er mich liebt. Aber ich bin nicht blöd und blind, habe natürlich längst gemerkt, dass er ein Auge auf mich geworfen hat.
Er tut mir leid.
Ein wirklich netter, feiner Junge, süß, zuvorkommend und aufmerksam, aber ich kann mir eine Beziehung mit ihm einfach nicht vorstellen. Ich stehe auf Draufgänger, die um mich kämpfen wie eine Löwin um ihr Junges. All das kann Flo nicht. Er ist zu ruhig, zu ausgeglichen, zu gefasst. Ich weiß, dass die Berührungen unter dem Tisch während unseres gemeinsamen Seminars nicht zufällig waren. Er hat meine Nähe immer gesucht und sich wohl in mich verliebt. Nicht immer konnte ich ihm antworten, wenn er mir geschrieben hat; teilweise hatte ich keine Zeit und manchmal habe ich es einfach vergessen. Stressige Wochen und Monate waren ein Grund, aber nicht der Wichtigste. Ich hoffe, dass es ihm nicht allzu schwer fällt, dies zu akzeptieren und er auch jemanden findet, der ihn glücklich macht. Ich merke ja, wie er mir nahe sein und sich mit mir unterhalten will…immer wieder.
Auch seinen Geburtstag habe ich dieses Jahr völlig vergessen, aber mich jetzt dafür zu entschuldigen wäre nicht ehrlich, nicht aufrichtig und obendrein völlig sinnlos. Ich mag ihn ja recht gerne, aber ich kann ihn nicht lieben. Zumindest nicht heute. Vielleicht, wenn die Jahre ins Land gehen, wir älter werden und er mich noch nicht vergessen hat; möglicherweise dann. Aber heute? Nein! Er hat mir nun einige Tage nicht gemailt, hat meinen Hinweis wohl verstanden und akzeptiert. Eigentlich will ich nicht, dass er mir schreibt, aber dann irgendwie doch wieder. Eine komische Situation. Wahrscheinlich sehen wir uns nicht so bald wieder, zu unterschiedlich sind unsere Studiengänge. Ich wünsche mir, dass er klar und darüber hinweg kommt. Zumindest ich bin glücklich und schließlich ist jeder Mensch auch immer zuerst ein Egoist.

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