Row the boat ashore

Samstag, 27. September, München

Räder rollen ratternd über Bahnschienen, Nebel der Frühe hängt dicht wie Watte über Seen und Wiesen. Mit Verspätung erreiche ich mein Ziel, steige aus und raste am Bahnsteig auf einer der Bänke. In meinem Abteil habe ich zwar einen Sitzplatz, aber Bierflaschen liegen verstreut auf den marineblauen Polstern und der Fußboden ist klebrig von den Restpfützen des verschütteten Bieres. Der ohnehin schon kleine Mülleimer ist bis obenhin mit halbzerquetschten Weißblechdosen bestückt. Ich blättere geistesabwesend in einer Zeitschrift und reiche dem Fahrkartenkontrolleur irgendwann meine Fahrkarte mit zwei großen Eselsohren. In meinem Kopf habe ich “Paint it black” aufgelegt und die Musik sprudelt lautlos durch mein Gehirn. Nur meine Lippen formen hin und wieder die Zeilen des Refrains. Bahnfahr-Feeling kommt auf...das sich Hinausbewegen aus der Stadt, weg von einem Ort, hinein in eine andere Welt. Ich verstaue meinen Rucksack in einem der Bahnhofsschließfächer, werfe für die nächsten Stunden Münzen hinein und mache mich auf den Weg zum See. Immer noch hängt eine dichte Nebelbank über der Uferpromenade und nur langsam reißt eine unsichtbare Kraft kleine Löcher in die undurchdringlichen Schwaden. Die Luft ist feuchtigkeitsschwanger und winzige, kaum sichtbare Wassertropfen schlagen sich an den Gläsern meiner Brille nieder. Ich beginne um den See zu gehen. Einige der kleinen und größeren Segelboote, die mit dicken Tauen am Steg festgebunden sind, schaukeln sanft in den Wellen auf und nieder. Ich bin alleine. Vereinzelte Urlauber und neugierige Tagesausflügler erscheinen nach und nach am Ufer, aber da bin ich längst schon dabei, meine Runde um den See zu drehen. Ich schlage den Kragen meiner Jacke hoch, denn mittlerweile ist es ziemlich kalt geworden, und gehe los. Ein sanfter Wind bläst mir kühl ins Gesicht. Ich schaue etwas zur Seite, um nicht direkt von vorne den unangenehmen Luftzug zu erwischen. Zwei weiße Schwäne kreuzen meinen Weg, schauen mich aufgeregt an und verschwinden wieder im Wasser. Ich sehe ihnen noch lange nach und gerate etwas ins Träumen, ehe ich meinen Weg fortsetze. Ein Man öffnet seinen Bootsverleih, indem er die schwere Jalousie seines Ladens nach oben zieht und ein Pappschild auf dem “Geschlossen” zu lesen ist, umdreht. “Geöffnet” steht nun in dicken schwarzen Lettern dort. Ich miete mir ein Boot und rudere hinaus auf den See. Als ich weit genug draußen bin, hole ich die Ruder ins Boot und lasse mich einfach vom Wasser treiben. Ich befinde mich fast in der Mitte des Sees, vergesse die Zeit und bin noch lange eins mit dem dritten Element und rudere erst spät wieder zurück ans Ufer. Am späten Nachmittag kommt Festland in Sicht. Sechs Stunden über die vereinbarte Zeit, der Bootsverleiher grummelt mir barsch etwas entgegen. Ein teurer Ausflug, aber er war jeden Cent wert.

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