Dienstag, 7. Oktober 2008

A-N-N-A

Samstag, 04. Oktober, Salzburg

Ich reise nicht alleine, sondern bin mit einem Freund unterwegs. Drei Tage, zwei Nächte in der Mozartstadt. In einem Hostel in Bahnhofsnähe wollen wir uns ein Doppelzimmer nehmen. Irgendwie gibt es aber nur noch eines mit sechs Betten, welches wir nach kurzem Überlegen aber trotzdem nehmen. Preisgünstig und einigermaßen sauber...Gemeinschaftsdusche mit Kabinen. Was will man mehr, wo wir doch sowieso nur übernachten wollen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gegen Salzburg herrscht in München um diese Jahreszeit subtropisches Klima und die eingepackte Mütze macht sich bei jedem von uns schnell bezahlt. Es ist wirklich lausigkalt und der Regen wird heftiger. Trotzdem tapfer die Stadt erkunden, natürlich zu Fuß. Die regennasse Erde glitscht immer wieder zur Seite, als wir den Mönchsberg erkunden. Tausend neue Eindrücke. Ich muss plötzlich an Anna denken. In letzter Zeit denke ich öfter an Anna, besonders dann, wenn es regnet. Wir haben zusammen einen Kurs bei der Volkshochschule besucht, an einer Story gemeinsam gearbeitet und sie hat mir Wochen nach beendeter Arbeit eine Sms aus Florida geschrieben. Ein sehr nettes Mädchen, leider habe ich nun schon ziemlich lange nichts mehr von ihr gehört und immer wenn ich mir vornehme, ihr zu schreiben, vergesse ich es wieder. Ich glaube mich noch zu erinnern, dass sie nach Österreich gezogen ist. Wohin weiß ich nicht. Bäume, nichts als Bäume und eine angenehme Luft um uns herum. Das Wetter wird nicht besser...dicke Tropfen klatschen auf meinen Schirm. Zum Glück bleiben die Füße trocken. Ich genieße den Ausblick so hoch oben, irgendwo auf dem Berg. Unter uns liegt Salzburg. Dabei denke ich wieder an Anna...immer wenn es regnet. Lange Nacht der Museen in ganz Österreich. Mit der Eintrittskarte besuchen wir die ganze Nacht ziemlich viele Galerien, Museen und die imposante Festung, samt Audioguide-Führung. Kulturflash. Wir versuchen beim Japaner ein Wiener Schnitzel zu bestellen...in Salzburg. Klappt nicht. Statt dessen Curryreis mit Hühnerfleisch, dazu Jasmintee aus einer zentnerschweren, zumindest kommt es uns so vor, Gusseisenkanne. In der Zeit, in der wir auf das Essen warten, lernen wir mit Stäbchen zu essen. Toll. Es schmeckt großartig und die Entspannungsmusik, die aus den Lautsprechern dudelt, beruhigt uns. Wir setzen unseren Museumstrip fort und mit einer Mitternachtssuppe endet unsere Tag, so wie er begonnen hat, nämlich mit Regen. Am Nachmittag habe ich mir endlich, zufällig auf die Wetterlage abgestimmt, die “Feuchtgebiete” gekauft. Zum Reinlesen blieb allerdings keine Zeit.
Ich falle sofort hundemüde ins Bett. Glücklicherweise liegt noch niemand drin. Vorerst teilen sich drei Kanadier mit uns das Zimmer. Alle fünf schlafen wir rasch ein und nur einer schnarcht ein bisschen, aber wirklich nur ganz leise.

Abschied - Ankunft

Freitag, 03. Oktober, Salzburg

Die Guten gehen immer zu früh. Thomas D. war einer von ihnen. Der ganze Hype um den kleinen Eisbären letztes Jahr hat mich eigentlich ziemlich kalt gelassen. Man konsumiert das, was einem die Medien vorsetzen, aber man kann dennoch selektieren. D. war mir von Anfang an sympathisch und sein plötzlicher Tod hat mich überrascht. Die Guten gehen immer zu früh. Manche haben ihn beneidet, um seine Popularität und den Ruhm, den er nie recht wollte. Ich habe ihn zumindest bewundert, für die Art und Weise, wie er damit umgegangen ist. Bescheiden, genügsam und mit sich und der Welt im Reinen. Einfach so weitermachen, wie zuvor. Ich bin nicht wirklich gläubig, aber immerhin so viel, dass mich sein Ableben an Gott zweifeln lässt. Er wäre einer gewesen, der noch gebraucht worden wäre auf dieser Erde, wenn auch nur, um sie ein Stückchen besser und lebenswerter zu machen. Gott ist nicht immer gerecht und vielleicht manchmal auf einem Auge blind. NS-Verbrecher leben auch heute im hohen Alter von über neunzig Jahren noch irgendwo in Argentinien, Mexiko oder sonst wo verstreut. Diaspora. Obwohl meterhoch Dreck am Stecken, können sie auf Grund ihres hohen Alters kaum mehr belangt werden, obwohl Mord nie verjährt. Ab und an geistert ihr Name durch die Medien, über sechzig Jahre nach dem diktatorischen NS-Regime. Aber Thomas D. ist tot. Das Leben ist nicht fair. Die Guten gehen immer zu früh.
Am frühen Vormittag steige ich am Salzburger Hauptbahnhof aus dem Zug. Alle Abteile der Regionalbahn sind schon beim Einsteigen in München zugemüllt, leere Bierflaschen, -dosen, und -kästen überall. Der Schaffner schleppt eine, mit leeren Flaschen gefüllte, Bierkiste raus auf den Bahnsteig. Ich setze mich auf einen der Plätze, die nur wenig verdreckt sind und trete mit meinem Schuh in eine Bierpfütze. Später bildet der getrocknete Gerstensaft einen schmierig-klebrigen Film am Boden. Der Zug kam aus Österreich und hat feierwillige Menschen nach München gekarrt. Oktoberfest. Dafür beneidet man uns Bayern ja in der ganzen Welt. Als ich in Salzburg auf den Platz trete von dem die Busse in sämtliche Richtungen abfahren, beginnt es leicht zu nieseln. Thomas D. war einer von den Guten.

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