Donnerstag, 9. Oktober 2008

Vergessen, wer man ist

Dienstag, 07. Oktober, München

Jeden Tag sitzt sie an der Bushaltestelle und wartet. Sie weiß nicht, dass hier niemals ein Bus kommen wird. Das Bushäuschen steht vor dem Alten- und Seniorenheim “Zur aufgehenden Sonne” und ist Teil einer echten Bushaltestelle; Gelbgrünes Halteschild, Sitzbänke, ein Papierkorb und einen Fahrplan gibt es hier. Im Hintergrund ist ein Werbetransparent von TUI aufgespannt. Das alles wirkt sehr authentisch und dennoch steht das Häuschen solitär mitten in einer grünen Wiese. Die Straße ist weit weg. Die Alte ist eine von Vielen, die diesen Ort immer wieder aufsucht um auf den Bus zu warten. Dann ist beinahe alles wieder so wie früher. Jeden Tag sagt ihr jemand, dass hier nie ein Bus kommen wird, aber am nächsten Tag hat sie das alles schon wieder vergessen und wartet immer wieder aufs Neue. Bei Wind und Wetter kramt sie auf der blauen Wartebank im Gedächtnis nach ihren Erinnerungen. Sie hat Alzheimer...Proteine fressen ihre Gehirnzellen, leeren nach und nach den Speicher ihrer Erinnerungen. Eine teuflische Krankheit, unheilbar. Manchmal flackern einzelne Erinnerungen wieder auf, schießen wie bunte Spotlights durch ihren Kopf. Dann ist alles wieder da; ihre Kindheit und Jugend. Die Nächte in den Bombenkellern, der Gang durch ihre zerbombte Heimatstadt und die freundlichen Amerikaner, die den Kindern Kaugummi und Schokolade geschenkt haben. Auch erkennt sie an guten Tagen ihre Familie, die zwei Töchter und den Sohn, wieder. Sie liebt das Spiel mit ihren Enkeln, auch wenn sie sich ihre Gesichter und Namen nie bis zum nächsten Wiedersehen merken kann. Neben dem Wartehäuschen steigt ein älterer Mann in einen roten VW Golf. Man könnte meinen, dass er gleich losfahren möchte, denn das Auto sieht durchaus fahrbereit aus. Doch unter der Haube hat jemand den Motor ausgebaut. Eine Art Therapie für Demenzkranke. Auch so sollen Erinnerungen zurückgeholt und Tage erinnert werden, an denen die Alten Menschen noch selbst zum Einkaufen gefahren sind. Alzheimer ist der leise, der schleichende Tod. Nur in kleinen Schritten kommt er näher, aber er kommt. Überfahren zu werden und tot zu sein ist eine Sache, aber nicht mehr zu wissen, wer man ist, seine Familie nicht wieder zuerkennen, wenn man sie sieht, eine ganz andere. Plötzlich steht die alte Frau auf und sieht auf den ausgehängten Fahrplan. Zahlen, die sie nicht versteht, geschweige denn zuordnen kann, tanzen vor ihren Augen auf und ab. Für wenige Augenblicke kehren erneut einige Erinnerungen an früher zurück; damals, als sie vor ihrer Wohnung auf den 34er Bus gewartet hat, der immer einige Minuten zu spät kam. Ein weißgekleideter Pfleger tritt hinter sie und packt sie sanft am Arm. “Es ist Zeit zurückzugehen.” Seine leisen Worte wirken beruhigend auf die Frau. Beide drehen sich um und gehen über die Wiese auf das große Gebäude zu. Ein langer Flur, von dessen Seiten rechts und links Türen zu den einzelnen Zimmern abgehen, liegt vor der alten Frau. Ohne Begleitung würde sie ihren Wohnraum hier niemals finden. Als sie eine der Türen öffnet und hineingeht, hat sie bereits schon wieder vergessen, dass sie gerade draußen war.

Nothing

Montag, 06. Oktober., München

Als ich, wieder zurück in München, aus dem Zug steige, ist der Druck wieder da. Druck, der von außen kommt; Druck, der auf mir lastet und mich hemmt, mich meiner Freiheit beraubt. Er kommt nicht von mir, ist also nicht hausgemacht, sondern seine Quelle liegt extern irgendwo. Auf Reisen fühle ich mich immer frei, unbelastet und beinahe schwerelos. Der geregelte Tagesablauf, dass immer währende Funktionieren hört auf und eine Art geordnetes Chaos rückt an die vakant gewordene Stelle. Mit meiner Vermutung sollte ich Recht behalten. Als ich geschrieben habe, ich werde sie lange nicht mehr sehen, hätte ich nicht gedacht, dass es so lange sein wird. Die letzte Begegnung muss im Juli, oder gar schon Ende Juni gewesen sein. Das spielt auch gar keine Rolle, denn in jedem Fall ist das Ganze schon viel zu lange her. Meine einzige Hoffnung bleibt der kommende Sonntag. Sie wollte immer schon einmal mitkommen und nun ist die Chance da. Ich bin gespannt und sollte es wieder nicht klappen, werde ich wohl oder übel aufgeben müssen. Ein letzter Trumpf, ein letztes Ass im Ärmel. Diesmal muss es funktionieren. Als ich den Bahnhof verlasse und hinaus auf die Straße trete ist die Luft herrlich klar und angenehm frisch. Es muss auch hier vor kurzem heftig geregnet haben. Ich gehe einige Schritte und plötzlich ist es da; das “Nichts”. Vor meinen Augen beginnen die bunten Bahnhofslichter wild zu tanzen und in der Ferne hüpfen die Leuchtkegel der Straßenlaternen. Das “Nichts” ist ungeheuer groß, bleischwer und ich erkenne, dass es diesen ungeheueren Druck erzeugt, der mich umschließt und zu zerquetschen droht. Ich presse meine Augenlieder eng aneinander, erzeuge so minimale Schlitze, durch die ich nur wenig sehen kann. Trotzdem bleibt das “Nichts”. Es ist ziemlich stark, sodass es mir nicht gelingt, es beiseite zu schieben. Stattdessen breitet es seine Arme aus und umschließt mich mit den mächtigen Pranken. Von oben schiebt sich etwas Merkwürdiges über meinen Kopf, bedeckt meine Haare, meine Nase und meinen Mund. Ich bin nun gänzlich gefangen. Mein Wille gegen das “Nichts” anzukämpfen wird mit jeder Minute geringer und ich drohe unter ihm zu ersticken. Die Gedanken schießen auf elliptischen Bahnen wild und unkontrolliert durch meinen Kopf und prallen dabei immer wieder aneinander. Ich bin kurz davor die Besinnung zu verlieren, so stark ist das “Nichts” das mich gebannt hält. TUNNELBLICK. Dann ist es plötzlich weg, hat die Flucht ergriffen, sich aus dem Staub gemacht. Ich stehe etwas orientierungslos vor der Einfahrt zu meinem Zuhause. Ich war den ganzen Weg also wie in Trance hergelaufen. Oder hat mich das “Nichts” getragen? Völlig abgeschaltet, alle Systeme heruntergefahren. Das Licht vor meinem Hauseingang flackert und signalisiert eine defekte Glühbirne. Langsam gehe ich darauf zu.

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