Sonntag, 28. September 2008

Row the boat ashore

Samstag, 27. September, München

Räder rollen ratternd über Bahnschienen, Nebel der Frühe hängt dicht wie Watte über Seen und Wiesen. Mit Verspätung erreiche ich mein Ziel, steige aus und raste am Bahnsteig auf einer der Bänke. In meinem Abteil habe ich zwar einen Sitzplatz, aber Bierflaschen liegen verstreut auf den marineblauen Polstern und der Fußboden ist klebrig von den Restpfützen des verschütteten Bieres. Der ohnehin schon kleine Mülleimer ist bis obenhin mit halbzerquetschten Weißblechdosen bestückt. Ich blättere geistesabwesend in einer Zeitschrift und reiche dem Fahrkartenkontrolleur irgendwann meine Fahrkarte mit zwei großen Eselsohren. In meinem Kopf habe ich “Paint it black” aufgelegt und die Musik sprudelt lautlos durch mein Gehirn. Nur meine Lippen formen hin und wieder die Zeilen des Refrains. Bahnfahr-Feeling kommt auf...das sich Hinausbewegen aus der Stadt, weg von einem Ort, hinein in eine andere Welt. Ich verstaue meinen Rucksack in einem der Bahnhofsschließfächer, werfe für die nächsten Stunden Münzen hinein und mache mich auf den Weg zum See. Immer noch hängt eine dichte Nebelbank über der Uferpromenade und nur langsam reißt eine unsichtbare Kraft kleine Löcher in die undurchdringlichen Schwaden. Die Luft ist feuchtigkeitsschwanger und winzige, kaum sichtbare Wassertropfen schlagen sich an den Gläsern meiner Brille nieder. Ich beginne um den See zu gehen. Einige der kleinen und größeren Segelboote, die mit dicken Tauen am Steg festgebunden sind, schaukeln sanft in den Wellen auf und nieder. Ich bin alleine. Vereinzelte Urlauber und neugierige Tagesausflügler erscheinen nach und nach am Ufer, aber da bin ich längst schon dabei, meine Runde um den See zu drehen. Ich schlage den Kragen meiner Jacke hoch, denn mittlerweile ist es ziemlich kalt geworden, und gehe los. Ein sanfter Wind bläst mir kühl ins Gesicht. Ich schaue etwas zur Seite, um nicht direkt von vorne den unangenehmen Luftzug zu erwischen. Zwei weiße Schwäne kreuzen meinen Weg, schauen mich aufgeregt an und verschwinden wieder im Wasser. Ich sehe ihnen noch lange nach und gerate etwas ins Träumen, ehe ich meinen Weg fortsetze. Ein Man öffnet seinen Bootsverleih, indem er die schwere Jalousie seines Ladens nach oben zieht und ein Pappschild auf dem “Geschlossen” zu lesen ist, umdreht. “Geöffnet” steht nun in dicken schwarzen Lettern dort. Ich miete mir ein Boot und rudere hinaus auf den See. Als ich weit genug draußen bin, hole ich die Ruder ins Boot und lasse mich einfach vom Wasser treiben. Ich befinde mich fast in der Mitte des Sees, vergesse die Zeit und bin noch lange eins mit dem dritten Element und rudere erst spät wieder zurück ans Ufer. Am späten Nachmittag kommt Festland in Sicht. Sechs Stunden über die vereinbarte Zeit, der Bootsverleiher grummelt mir barsch etwas entgegen. Ein teurer Ausflug, aber er war jeden Cent wert.

Aus ihrer Sicht

Freitag, 26. September, München

Ich bin endlich wieder in einer Beziehung. Es hat lange gedauert, bis ich es wieder wagen konnte, mich auf jemanden einzulassen. Da war Südafrika, die wahrscheinlich interessanteste Zeit meines Lebens. Dort habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich ihn nicht mehr liebe. Geknistert hatte es schon vorher, denn wir haben uns immer öfter gestritten. Die Trennung schließlich unvermeidlich. Die wenigen Wochen auf dem schwarzen Kontinent haben mich sehr verändert und ich begann das Reisen zu lieben. Damit kam er nicht klar. Zudem hatte ich mich unsterblich in Joseph verliebt, jenen vierundzwanzigjährigen Studenten aus Johannesburg, den ich gleich am ersten Tag meiner Ankunft kennen gelernt hatte. Er war so süß, doch auf Grund der weiten Entfernung war eine Beziehung unmöglich. SCHADE. Doch nun bin ich so glücklich wie wohl nie zuvor in meinem Leben.
Und dann ist da ja auch noch Flo. Neulich habe ich ihm geschrieben, dass ich wieder in einer Beziehung bin und er hat sich für mich gefreut. Das zumindest hat er geantwortet. Ich nehme es ihm nicht ab, zu sehr hat er sich in den letzten Wochen und Monaten um mich bemüht. Er macht das sehr geschickt, hat nie direkt geäußert, dass er mich liebt. Aber ich bin nicht blöd und blind, habe natürlich längst gemerkt, dass er ein Auge auf mich geworfen hat.
Er tut mir leid.
Ein wirklich netter, feiner Junge, süß, zuvorkommend und aufmerksam, aber ich kann mir eine Beziehung mit ihm einfach nicht vorstellen. Ich stehe auf Draufgänger, die um mich kämpfen wie eine Löwin um ihr Junges. All das kann Flo nicht. Er ist zu ruhig, zu ausgeglichen, zu gefasst. Ich weiß, dass die Berührungen unter dem Tisch während unseres gemeinsamen Seminars nicht zufällig waren. Er hat meine Nähe immer gesucht und sich wohl in mich verliebt. Nicht immer konnte ich ihm antworten, wenn er mir geschrieben hat; teilweise hatte ich keine Zeit und manchmal habe ich es einfach vergessen. Stressige Wochen und Monate waren ein Grund, aber nicht der Wichtigste. Ich hoffe, dass es ihm nicht allzu schwer fällt, dies zu akzeptieren und er auch jemanden findet, der ihn glücklich macht. Ich merke ja, wie er mir nahe sein und sich mit mir unterhalten will…immer wieder.
Auch seinen Geburtstag habe ich dieses Jahr völlig vergessen, aber mich jetzt dafür zu entschuldigen wäre nicht ehrlich, nicht aufrichtig und obendrein völlig sinnlos. Ich mag ihn ja recht gerne, aber ich kann ihn nicht lieben. Zumindest nicht heute. Vielleicht, wenn die Jahre ins Land gehen, wir älter werden und er mich noch nicht vergessen hat; möglicherweise dann. Aber heute? Nein! Er hat mir nun einige Tage nicht gemailt, hat meinen Hinweis wohl verstanden und akzeptiert. Eigentlich will ich nicht, dass er mir schreibt, aber dann irgendwie doch wieder. Eine komische Situation. Wahrscheinlich sehen wir uns nicht so bald wieder, zu unterschiedlich sind unsere Studiengänge. Ich wünsche mir, dass er klar und darüber hinweg kommt. Zumindest ich bin glücklich und schließlich ist jeder Mensch auch immer zuerst ein Egoist.

Winter klopft an

Donnerstag, 25. September, München

Um mich herum ist reger Betrieb. Menschen gehen vorüber, lachen, unterhalten sich oder sitzen wie ich auf einer der zahlreichen Bänke. Mittagszeit in München. Ein typischer Herbsttag in der Millionenstadt Ende September. Schon wieder ein ganzer Monat fast vorbei. Wie doch die Zeit vergeht. Auch ich sitze auf einer der grünen Parkbänke im Schatten, was heute aber völlig egal ist, denn um diese Uhr- und Jahreszeit ist einfach überall Schatten. Eine angenehme Kühle kriecht meine Hosenbeine hinauf und schüttelt meinen Körper. Ich hacke diesen Text in die Tasten meines Notebooks. Den Entstehungsprozess kommentieren und dokumentieren. Vom Kopf hinein in das Schreibprogramm und später ins Internet. So mache ich das immer. Selbst hier draußen gibt es sicherheitsaktivierte W-Lan-Netzwerke. Toll. Zwischen Produktion und Veröffentlichung liegen meist einige Stunden, denn einen Text direkt ins Netz zu posten kommt nicht in Frage. Ich gehe jeden Artikel separat durch, bevor er in mein Blog wandert. IMMER. Spielende Kinder tollen vor mir auf der Wiese herum. Die Kleinen sammeln Herbstlaub. Trocknen, pressen und auf weiße Papierbögen kleben. So haben wir das früher zumindest immer gemacht. Zwei Mädchen bewerfen sich gegenseitig mit nussbraunen Kastanien, bis eines weint. Diese Unbekümmertheit fasziniert mich immer wieder. Kinder leben einfach so in den Tag hinein, müssen sich über fast nichts Gedanken machen, haben kaum Nöte und Sorgen. Wenn ihnen einer dumm kommt, dann gibt`s mit der Schaufel eins in die Fresse. Herrlich. Da wird nicht lange gefackelt, diskutiert oder debattiert. Das ist der Naturzustand, das Recht des Stärkeren. Ich lerne Hobbes besser zu verstehen. Ich genieße den herrlichen Herbsttag, verweile noch einige Zeit auf meiner Bank, während sich die Welt um mich herum wieder einmal ein Stück weiter dreht. Vögel zwitschern in den Bäumen und zwei Hunde liefern sich eine kleine Rangelei auf der großen Wiese. Das liebe ich an München: Man ist zwar mitten in der Stadt, aber findet doch immer ein kleines Fleckchen Natur, ein wenig Grün, auf dem man für ein paar Augenblicke die Seele baumeln lassen kann. An nichts denken, den Kopf frei machen, die Gedanken aussortieren. Die innere Leere tut unglaublich gut, denn für wenige Minuten vergesse ich die irdische Welt. Endlich bricht die Sonne durch die dichte Wolkendecke...nur ganz kurz, aber sie ist da. DIE SONNE. Dann gewinnen die Wolken wieder die Oberhand und mir wird es doch ein wenig zu kalt. Der Winter naht, zwar noch weit in der Ferne, aber doch bedrohlich nahe. Ich stehe auf und gehe in Richtung Fußgängerzone. An dieser Stelle schließt der Text. SPEICHERN.

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