Freitag, 26. September 2008

Mittendrin und nicht dabei

Mittwoch, 24. September, München

Das größte Volksfest der Welt. Ein regnerischer Tag. Morgens ein heftiger Regenguss, der die Straßen überschwemmt und Wiesen und Äcker in sumpfigen Untergrund unter schweren Winterstiefeln verwandelt. Es ist kalt geworden. Viele sind in Tracht unterwegs, in kurzen Röcken mit bestrumpften Beinen. Männer hingegen tragen dicke Strickpullover. Der Himmel zieht nicht auf, es bleibt dunkel und die Wolkendecke drückt schwer auf die Stadt. Im Zelt ist verhältnismäßig wenig los, allerdings ist es auch erst vier Uhr nachmittags. Man bestellt das erste Bier, prostet sich zu und genießt die ersten kühlen Schlucke. Beinahe sieben Stunden im Zelt, da muss man sich alles genau einteilen und im wahrsten Sinne des Wortes Maßhalten. Vor zwei Jahren böse abgestürzt und ziemlich lange für den Nachhauseweg gebraucht. VERMEIDEN. Wir sind erwachsener, wie die Freunde in “Es” älter und vernünftiger geworden. Viele lange nicht mehr gesehen...man unterhält sich sachlich, ruhig und erfährt Neues. Dann beginnt die Musik zu spielen, die Stimmung schlägt um und Ausgelassenheit macht sich breit. Kai Pflaume stolziert mit Kamerateam durchs Zelt und sucht ein Mädchen, das er in seiner Sendung mit einer Videobotschaft ihres Liebsten überraschen möchte. Mich sucht und überrascht niemand. TRAURIG. Die Kameraleute quetschen sich an unserem Tisch vorbei, Kai posiert für Fotos und auf der Empore amüsiert ein Luca Toni-Double die Masse. Hand ans Ohr und wackeln. Es wird lauter, aber ich trinke nicht schneller. Nun immer Musik, die ersten steigen auf die Bierbänke und -tische. Schnell noch etwas essen, bevor alles tobt, singt und tanzt. GUTE PLANUNG, immer wichtig. Mich fasziniert, wie friedlich die Menschen feiern, singen und tanzen. Alles läuft in geordneten Bahnen. Ich bin mittendrin, aber trotzdem irgendwie nicht dabei. Ein Riss geht durch die Realität, die Ränder meiner Wahrnehmung verschwimmen und platzen auf. Die Wirklichkeit franst aus. Ich bin gut drauf, aber irgendwie kommt mir das gespielt vor, wie ein Gaukler, der auf mittelalterlichen Marktplätzen seine Späße treibt. Nichts wirkt authentisch. Meine Freude nur Maskerade. Wie soll das weitergehen? Schulterzucken. Erstmal hier, dann weitersehen. Kurz vor Mitternacht klettert ein betrunkener Amerikaner von außen auf das Zeltdach und wirft mit Glühbirnen nach den Polizisten. Doch das höre ich erst am nächsten Morgen im Radio. Weder betrunken, noch angeheitert fahren eine Freundin und ich mit der U-Bahn nach Hause. Ich habe das geschafft, was ich mir vorgenommen habe, den Tag überstanden, beinahe nüchtern. Die Welt ordnet sich wieder etwas, denn Sorgen kann man nicht in Alkohol ertränken. Sie sind gute Schwimmer. Fünf Euro ins Phrasen-Schwein. Hinter mir fällt die Türe ins Schloss und ich in mein Bett.

Donnerstag, 25. September 2008

Ein Satz

Dienstag, 23. September, München

Ich hatte längst gewusst, dass es soweit kommen würde. Der Wink mit dem Zaunpfahl, ausgeführt mit dem Stamm eines Mammutbaumes und irgendwie voll auf die Zwölf. Ich erfahre es von ihr: Wir haben uns länger nicht gesprochen, leider auch diesmal nur online und äußerst kurz. Das Übliche: “Wie geht`s denn so?” - “Ja, ganz gut!” Üblicher Smalltalk von Endgerät zu Endgerät. Stummes Sprechen durch Glasfaserkabel und auf meinem PC sichtbar gemacht. Ich kann das nicht, zumindest nicht auf Dauer. Brauche den persönlichen Kontakt, das was uns Menschen seit jeher ausmacht. Kurzzeitig immer, aber nicht länger. Ein handgeschriebener Brief, voller Aufrichtigkeit, aber nicht weniger. Sie geht nicht auf meine Fragen ein, schickt frech grinsende Gesichter, freut sich und ich mich mit ihr. “Bin wieder in einer Beziehung!”, ihr letzter Satz...Ende der Kommunikation. So läuft das. Am Schluss noch ein Smiley. Akzeptanz. Ich fühle mich leer, einfach nur leer. Nicht verärgert, nicht traurig sondern wie eine ausgelaufene Thermoskanne. Die Chance bei ihr, auf die ich gehofft hatte, die ich mir gewünscht hatte, verspielt. Der Inhalt der Sanduhr scheint durchgelaufen und keiner da, der sie umdreht. Es war von Anfang an aussichtslos, aber ich hatte einfach gehofft. Alles weggebügelt, mit einem einzigen Satz. Ich freue mich ein bisschen für sie, bin aufrichtig und habe die Niederlage angenommen. Vielleicht war ich innerlich darauf vorbereitet gewesen, denn als sie im Sommer meinen Geburtstag vergessen hatte, ahnte ich bereits, dass ich verlieren sollte. Würde ich ihr etwas bedeuten, dann hätte sie daran gedacht. Ganz, ganz sicher. Und was nun? Ich hoffe, dass ich sie ab und an sehen werde, mit ihr reden kann. Reden ist das Wichtigste. Nicht so wie mit Kathrin, bloß nicht. In Kontakt bleiben, am Ball bleiben. Ich will sie immer noch und sie wechselt ihre Partner recht häufig. Zur inneren Leere gesellt sich doch noch Trauer. Aber erst später, nach dem alles gesackt ist. Ich schaffe es einfach nicht...hatte nichts, was mich für sie attraktiv gemacht hat. Nur fünf Minuten “FAME”. Ich werde daran arbeiten, mir etwas überlegen, aber erst noch reden, viel reden. Ob ich sie die nächsten Tage sehen werde? Ich wünsche es mir so sehr. Die Niederlage schmerzt, aber es wird noch schlimmer werden, ich weiß es. Das war bisher immer so. Wenn ich alles realisiert habe. Das alles nur wegen ihr, wegen ihr, die aus Südafrika kam, wegen ihr, in die ich mich verliebt habe.

Mittwoch, 24. September 2008

Untertage

Montag, 22. September, München

Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt
Und er hat sein helles Licht bei der Nacht
Und er hat sein helles Licht bei der Nacht
Schon angezündet, schon angezündet.
Ich drücke den Schalter, völlig automatisch, und denke an nichts. Es wird hell. Ich gehe zum Kühlschrank, öffne ihn und zerre eine Flasche Bier hervor. Wieder denke ich nichts. Jeden Tag verbrauche ich Strom, Unmengen davon, immer wieder, gedankenlos. Kohle als wichtiger Energieträger, früher mehr noch als heute. Wärme, Behaglichkeit, Überleben. Schwarzes Gold, manchmal auch braun, nicht flüssig, sondern fest. Unvorstellbare Kraft schlummert in diesem Rohstoff, der das Leben vieler Generationen ermöglicht hat, schon lange bevor Öl zu einem der Hauptenergieträger wurde.
Sieben Kumpel fahren hinunter in den lichtlosen Schacht. Mit dem Lift geht es mehrere hundert Fuß Untertage. Die Schächte sind manchmal angenehm breit, dann wieder schmal und eng. Der Berg hat seinen eigenen Willen. Die sieben schütteln sich an der Oberfläche gegenseitig die Hände, murmeln jeder ein leises “Glück auf!”, manche beten. Dann geht es runter. Jeder hat sein Ritual, seine eigene Marotte. Einer trägt ein Polaroid von Frau und Kind bei sich, der andere betritt den Fahrstuhl immer zuerst mit dem rechten Fuß. Aberglaube? Mag sein, aber wohl eher individuelles Ritual. Immer wieder. Oben beten und hoffen die Lieben, dass der Berg die Männer wieder freigibt. Risiko bleibt immer. Täglich setzen diese Männer ihr Leben aufs Spiel, damit wir heizen oder kochen können. Natürlich gibt es heute längst alternative Energieträger, Kohle spielt bei einer flächendeckenden Stromversorgung nur noch eine Nebenrolle und Maschinen haben die Arbeit der Kumpel sicherer gemacht. Das mag stimmen, aber es ist immer wieder eine neue Herausforderung hinunter in den dunklen Schacht zu fahren. Ohne künstliches Licht wäre es stockdunkel, ohne Sauerstoffzufuhr würde man ersticken. Kohlestaub kann sich schlagartig verdichten und es kann zur Explosion kommen. Viele der Männer sind nie mehr zurückgekehrt...die Kohlemine ihr stummes Grab für immer. Angehörige weinen leise zu Hause...eine angemessen Ruhestätte gibt es nur für wenige. Wen der Berg einmal verschluckt hat, den gibt er manchmal nicht wieder frei. Heilige Barbara.
Nach acht Stunden endet die Schicht. Es ist gut gegangen, wieder einmal. Er fährt nach oben ans Tageslicht...beinahe wie Ikarus fühlt er sich, als jener der Sonne zu nahe kam und abstürzte. Nach Stunden in Finsternis blinzelt er zögerlich ins gleißende Licht. Die Sonnenstrahlen spenden Wärme und tun gut auf der Haut. Nachdem er sich an die Helligkeit gewöhnt hat, kehrt er der Zeche den Rücken und macht sich auf den Nachhauseweg.
Ich denke an ihn, wenn ich das nächste Mal meine Heizung aufdrehe...ganz bestimmt.

Montag, 22. September 2008

Magnificentia

Sonntag, 21. September, München

Morgens um halb neun ist die U-Bahn noch fast leer. Ich lehne b im Halbschlaf nahe bei der Türe, ungefähr dort, wo die Notbremse angebracht ist. Der Lärm der geschäftigen, am bunten Treiben des täglichen Lebens beteiligten Menschen, dringt kaum bis zu mir durch. Eine Kindergartengruppe von etwa fünfzehn Jungen und Mädchen steigt zu und für zwei Station steigt auch kurzzeitig der Lautstärkepegel. Plötzlich bleibt die Bahn im Tunnel stehen und eine Unruhe entsteht unter den Fahrgästen. Die Lichter gehen kurz aus, aber nach zwanzig Sekunden ist es wieder hell. Zwei Minuten später geht die Fahrt weiter und die Bahn erreicht die nächste Haltestelle. Es hat den Anschein, als ob nichts gewesen wäre. Die Menschen nehmen ihre Gespräche wieder auf, lesen in ihren Zeitungen und Büchern, oder sitzen einfach nur da und schauen durch die Fenster hinaus auf den Bahnsteig. Und doch meine ich ein wenig Unsicherheit, ein bisschen Angst in den Gesichtern und Augen mancher zu erkennen. Es ist nur ein unscheinbarer, beinahe flüchtiger Eindruck, der trotzdem da ist, wenn auch etwas versteckt. Der Körper verrät die Emotionen seines Besitzers mit unter durch seine Haltung, das Gesicht durch Mimik, die Gliedmaßen durch ihre Gestik. Was wäre, wenn ein Zugunglück, ein Terroranschlag oder sonst eine Katastrophe uns alle mitten aus dem Leben reißen würde? Hier auf der Stelle in diesem Zug, sich an diesem Ort das Schicksal von einhundert Menschen entscheiden würde? Morgens aus dem Haus gegangen, ohne daran zu denken und zur angestrebten Zeit nicht wiedergekehrt! Ein langer Abschied ohne ein Wort, ohne Liebesbekenntnis und ohne Hoffnung. Du gehst für immer und der, den du liebst, weiß es nicht. Was wäre wenn…ich schließe die Augen, Fahrgäste steigen ein und aus, verschwommen vernehme ich Stimmengewirr.
„Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in aller Fülle bereitliegt, aber immer verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit...
Aber sie liegt dort nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Namen, dann kommt sie...“ Es ist an der Zeit, sie zu rufen.

Bar jeder Vernunft

Samstag, 20. September, München

Die Wände strahlen mir in Bordeauxrot entgegen, der Boden glänzt und in den frisch gewienerten Fliesen kann ich mein eigenes Gesicht erkennen. Hinter mir wird noch eifrig gearbeitet; die letzten Lampen angebracht und zum letzten Mal über die Tische und Stühle gewischt. Die Anlage ist da, in der Küche wird eifrig gekocht; meine Angestellten laufen wirr und teilweise unkontrolliert durcheinander. Geordnete Unordnung, denn schließlich muss jeder von uns noch etwas Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären...sagte schon Nietzsche. Im Zweifelsfall Flucht in die Philosophie. Das hilft...meistens jedenfalls. Ein Restaurant, eine Kneipe, oder eine Bar...sie alle funktionierten wie Platons “Staat”. Schichten, Stufen, Hierarchien. Ich steh oben. “Sein und Nichtsein”. Warum bin ich heute hier, hat das alles geklappt. Nachdenken? “Ich denke, also bin ich!” Woran? Gute Frage. Reich der Ideen. War alles schon einmal da, einmal manifest, einmal vorhanden. Ewiger Kreislauf. Nichts Neues auf der Welt. Die Seele steigt nach dem Tod hinauf in den Äther, verweilt möglicherweise nur kurz, ehe sie in einen anderen Menschen zurückkehrt. Der Mensch als Wirt, als Zwischenstadium für den Vervollständigungsprozess. Neue Ideen, Eindrücke der Seele hinzufügen. Addition. Auch ich bin Wirt, eben der Wirt dieser Bar. Als eine Art kategorischen Imperativ hänge ich den Banner “Handle jederzeit so, dass deine Gäste glücklich und zufrieden sind!”, über die Eingangstür. Wir verlassen Platons Höhle und gelangen ans Tageslicht. Wie anders doch alles ist? Einfach machen anstatt lange zu überlegen. Heute große Eröffnung. Ich bin Perfektionist, habe an alles gedacht. Sogar an Eisbecher mit Pappschirmchen. Kür? - Nein, Pflicht! Die Gäste können essen, trinken und tanzen. Der DJ fällt aus. Liegt mit Magen-Darm-Virus zu Hause im Bett. Gute Besserung an dieser Stelle! - Danke! Ich springe ein und lege auf. Pitchen und Scratchen! Oldschool, Alter. Logens. Der Abend ein Erfolg. Alle sind da und amüsieren sich. Auch sie. Ich bin versöhnt. Die Stimmung? Auf dem Siedepunkt.
Ein rauschender Abend geht vorüber und es werden noch viele folgen.
Das alles stelle ich mir vor, als ich an dem leicht baufälligen Gebäude vorbeigehe, dessen Fenster mit Staub verklebt sind und wo hinter Glas ein großes Schild mit “Zu vermieten” klebt; in fetten Lettern auf kackbrauner Wellpappe.

Sonntag, 21. September 2008

Die Pantherin

Freitag, 19. September, München

"Ihr Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihr ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt."
Sie sitzt alleine in ihrem goldenen Käfig und sieht mich nicht an. Sie sitzt im Schneidersitz und hat beide Hände in ihren Schoß gelegt. So blinzelt ein waches Augenpaar hinaus in die Welt. Die Gitterstäbe liegen eng beisammen, sodass ich meine Finger nicht hindurch stecken und sie berühren kann. Ich umfasse zwei der Stäbe und versuche sie auseinander zu biegen, will sie befreien, sie retten. Ihr Gefängnis gibt keinen Millimeter nach. Ich bin nicht zu schwach, lege ich doch meine ganze Energie in den Versuch sie zu befreien, sondern die Stäbe sind einfach zu massiv. Sie regt sich nicht, sagt kein Wort und verzieht keine Mine. Schließlich gebe ich entkräftet auf, muss mich erste einmal setzten und verschnaufen. Entkräftet. Ich drehe mich um und suche in der ganzen Umgebung nach etwas, dass sich als Brecheisen eignen könnte. Weit und breit nichts zu sehen, außer grünem Rasen und meterhohen Bäumen. Ihr Käfig steht auf einer hellen Lichtung und glänzt im letzten Sonnenlicht des vergehenden Tages. In der Ferne ist bereits die untergehende Sonne zu sehen. Es dämmert. Die Szenerie hat sich verändert: Ein schweres Tuch liegt plötzlich über ihrem Gefängnis, sodass ich sie nicht mehr sehen kann. Ich zerre und ziehe an dem schwarzen Fetzen, aber er bewegt sich nicht, wirkt wie mit den Gitterstäben fest verschmolzen. Sie scheint verschwunden. Ermattet und müde sacke ich zu Boden, setze mich in die weiche Wiese. Tautropfen kleben an Grashalmen und benetzen meine Hose...ich kümmere mich nicht darum. Ich höre, dass sich hinter mir etwas bewegt, etwas leise raschelt. Wahrscheinlich geht sie auf und ab, panikerfüllt und verängstigt. Auch ein erneuter Versuch die Stoffhülle zu entfernen scheitert. Um mich herum wird es dunkel, die Nacht bricht an und in einem der Bäume begleitet der Ruf einer Eule das Ende des Tages. Ich lege mich in das weiche Gras, auf meine Hände und falle in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen werde ich von den ersten Sonnenstrahlen und den im Gras zirpenden Grillen geweckt. Ich reibe meine Augen und beginne erneut heftig an dem Stück Stoff zu zerren. Diesmal bewegt es sich. Ich reiße es zu Boden und blicke in das Innere des Käfigs. Sie ist verschwunden, einfach so. Auf der Rückseite ist eine kleine Türe noch halbgeöffnet. Sie bewegt sich sanft hin und her, angetrieben durch ein laues Lüftchen, das durch die Lichtung weht. Verwirrt sacke ich wieder auf den Boden. Sie ist verschwunden und ich weiß nicht wohin. EINSAMKEIT.

Freitag, 19. September 2008

Nur sie

Donnerstag, 18. September, München

Die Kugel gleitet wie in Zeitlupe durch die Luft, bevor sie schließlich den Kopf trifft, durchschlägt und auf der anderen Seite wieder heraustritt. Die Wucht ist enorm. Ich sitze bequem im weichen Kinosessel und genieße den Film. Davon ausgegangen, nur einen üblichen Action-Streifen zu erleben, bin ich dennoch positiv überrascht. „Wanted“. Ein Film mit Handlung, guten Schauspielern und Knalleffekt. Ich diagnostiziere philosophische Elemente. Einen töten, um womöglich tausend andere zu retten. Ein interessanter Ansatz für Überlegungen, keinesfalls neu, aber lohnenswert um darüber genauer nachzudenken. Die Bruderschaft: Ein Geheimbund um zu töten. Zu Beginn des Films hat mich das Ganze dann doch arg an Matrix erinnert, waren auch einige Stunts und Tricks ähnlich. Zumindest der erste Teil der Trilogie hat Ende des letzten Jahrtausends neue Maßstäbe gesetzt und die Filmwelt in eine andere Umlaufbahn katapultiert. Nachdenklich verlasse ich nach der Vorstellung das Lichtspielhaus und bin doch angenehm überrascht und zufrieden. Ein guter Film. Meine Füße sind eingeschlafen, weshalb ich es vorziehe noch ein paar Meter zu Fuß zu gehen. Die kühle Luft und der harte Asphalt tun mir gut, bringen die Mühlen in meinem Kopf zum Mahlen. Wohl und Wehe der Welt bestimmen können, Herr über alle Geschehnisse zu sein und den Taktstock schwingen, der die Welt in Atem hält. Ich greife in den Wegstuhl und schnappe mir das Schiffchen. Ich nehme langsamer wahr, zeitlupenartig, stark verlangsamt. Für einen Moment steht die Welt…ich bin stärker und besser als der Rest. Mein Zeigefinger dreht sich und mit ihm die Welt. Halte ich ihn still, steht auch sie. Ich bin Geppetto. Ich fliege zu ihr, wo auch immer sie steckt, erreiche sie und bin ihn nahe. Einmal nur. Wanted.

Güte

Mittwoch 17. September, München

Ich betrete die Wohnstube und eine Frau von fünfundneunzig Jahren sitzt mir gegenüber. Alltag während meiner Zeit als Zivildienstleistender. Zu älteren Menschen nach Hause kommen, ihnen beim Frühstückmachen helfen, aus der Zeitung vorlesen, oder wie in diesem Fall ein wenig unterhalten und durch Gesellschaftsspiele die grauen Zellen auf Betriebstemperatur halten. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Ich besuchte die alte Frau in der Folge immer donnerstags am Nachmittag. Draußen begann es langsam Herbst zu werden, der graue November zog ins Land, während wir drinnen saßen und eine Art “Uno” mit kleinen Plastiksteinchen spielten. Sie war für ihr Alter erstaunlich fit, besonders geistig, konnte sie mich doch das eine oder andere Mal besiegen. Es waren lustige Nachmittage, auch wenn ihre Mobilität in der Wohnung nach einem Krankenhausaufenthalt stetig abnahm. Nur mit äußerster Mühe kam sie ins Bad und konnte sich kaum mehr auf die Toilette setzen. Hilfe annehmen wollte sie nicht. Sie bekam ein mobiles WC, eine Art fahrbahren Stuhl mit einer runden Öffnung in der Mitte. Es war ein würdeloser Anblick. Ab da ging es nur noch bergab, zumindest körperlich. Geistig jedoch konnte sie ihre Fitness weiterhin behaupten.
Es war vier Tage vor Weihnachten, dass weiß ich noch ganz genau, als wir gerade eine Spielrunde beendet hatten, als sie mir sagte, dass es wohl bald vorbei sei, sie könne das spüren und wünsche sich bald zu sterben. Dabei sah sie nicht traurig und trübsinnig aus, sondern ein warmes Lächeln umspielte ihre Lippen. Ich erwiderte nichts, nickte nur stumm und machte mich auf den Heimweg. Das war am 20. Dezember 2004.
Zwei Wochen später fand ich einen weißen Zettel in der Ablage mit den Anweisungen, die für diesen Tag zu erledigen waren. Die Nachricht, dass die alte Frau gestorben war, kam für mich nicht wirklich überraschend. Sie sei zwischen den Jahren friedlich zu Hause in ihrem Bett eingeschlafen. Ihre Familie war bis zuletzt bei ihr. Ich war nur kurze Zeit ein wenig traurig, hatte ich doch die Gewissheit, dass sie es nun überstanden hatte...ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Qual. Sie hatte es sich zuerst gewünscht und später genau gewusst: Es wurde Zeit. Der Tod war gnädig zu ihr, sanft entschlafen und aus der Welt gegangen.
Seitdem weiß ich das Leben zu schätzen. Ich gehe durch die Straßen und denke an diese alte Frau zurück. Die Lichter der Straßenlaternen funkeln und erhellen die Dunkelheit. Helligkeit, Leben!
Ich denke an die Spielnachmittage zurück und an die angenehmen Stunden, die wir zusammen verbracht haben. Es ist niemand da, dem ich diese Geschichte erzähle kann, der antworten könnte und trotzdem meine ich ein: “Das stimmt!” aus der Finsternis zu vernehmen.

Donnerstag, 18. September 2008

Ich will

Dienstag, 16. September, München

“Es sind keine körperlichen Schmerzen, die einem alles abverlangen.”, meint der Alte gelassen. “Die langen Strecken, voll von Einsamkeit und Stille geben Zeit nachzudenken. Man kommt mit sich selbst ins Reine.” Ich habe den Alten zufällig in einem der kleinen Straßencafés getroffen, er bemerkte meinen “Merian-Reiseführer” und wir kamen ins Gespräch. Er war den Jakobsweg gegangen, aber bereits vor vielen Jahren, als es diesen Boom noch nicht gab und der Pilgerweg etwas ganz Besonderes war. „Auf den ersten Kilometern bringen einen die eigenen Beine beinahe um. Man spürt sie kaum noch, denkt, dass einen der eigenen Körper umbringt. Alles brennt. Es ist eine Reise, die einen an die eigenen Grenzen und noch ein Stück darüber hinaus trägt. Kilometer für Kilometer zieht man durch die Landschaft, manchmal trifft man ein paar Leute, unterhält sich kurz, aber zumeist ist man völlig alleine. Erst gegen Abend in den Unterkünften, wenn alle Pilger ihr Ruhelager suchen, treffen die unterschiedlichsten Nationen aufeinander, schwatzen und erholen sich von den Strapazen des Tages. Morgens, ehe die Sonne zu hoch am Himmel steht, geht es wieder los. Immer weiter, weiter nach Santiago de Compostela. Das entschädigt am Ende des langen Weges für all die erlittene Qual.“ Ab und an weicht der alte Mann meinem Blick aus, schaut auf den Boden oder starrt an mir vorbei ins Leere. Er wollte damals neu anfangen, alles vergessen...Reset. Der Tod seiner Eltern sein ein Grund für seine Mission gewesen. Es gab aber auch noch viele andere, kleinere Gründe. Der Jakobsweg habe ihm gezeigt, wie er mit diesem Einschnitt in seinem Leben umgehen müsse. Man führe nur das Nötigste mit sich, jeder Luxus sei tabu. Der Glaube im Herzen bringe einen ans Ziel. Nach der langen Reise, sei er ein neuer Mensch gewesen, sei mit dem Leben wieder zu recht gekommen und habe wieder Energie für neue Projekte gewonnen, so der Alte. „Wie steht es denn mit der körperlichen Fitness? Muss man sehr sportlich sein, den Weg zu gehen?“, will ich wissen. „Nein muss man nicht! Was zählt ist der reine Wille, die Kraft des Geistes, die über die Müdigkeit des Körpers am Ende siegt. Alles geht, wenn man es will.“, erwidert der Alte, bevor er aufsteht und geht. In meinen Reiseführer vertieft, bleibe ich zurück.

Mittwoch, 17. September 2008

Detonation

Montag, 15. September, München

Nach dem Treffen mit ihr habe ich zunächst nichts Ungewöhnliches bemerkt. Es war alles wie immer, doch das Tückische an der ganzen Sache hat sich dann erst nach und nach eingeschlichen. Ich sitze ihr gegenüber und wir verbringen eine herrlich halbe Stunde miteinander. Das Ganze scheint vor langer Zeit stattgefunden zu haben, aber in Wirklichkeit ist es erst ein paar Wochen her. Aber eben genau diese paar Wochen zu lange. Ich saß ihr gegenüber, wir redeten und lachten. Dann die Trennung, das Auseinander gehen. Seit dem keine Begegnung mehr. Ich will nicht lügen, kann aber behaupten, dass es mir die ersten vierundzwanzig Stunden nichts ausgemacht hat. Der Schmerz und das Chaos im Kopf kamen erst etwas später. Ich realisiere, dass es nicht immer so sein wird, nicht immer so sein kann. Warum denn eigentlich nicht? Naja, ist eben so! Ich schlucke die Angelegenheit zunächst trocken hinunter und scheine alles verdrängen zu können. So sieht es zumindest aus, aber dann...Explosion! Das Gebilde in mir kracht mit einem lauten Knall auf einmal in sich zusammen. Ich kann es nicht aufhalten. Es gab noch einige unangenehme Parameter von außen, die die Störung des Inneren dann schließlich perfekt gemacht haben. Alles schaukelt sich nach oben, wird zum Selbstläufer und ich habe längst die Kontrolle verloren. Die Sache artet aus und ich erkennen irgendwann, dass es so keinen Zweck hat, dass es so keine Lösung gibt, aber es kommt der Punkt, an dem mir das egal ist. Ich verdänge es, will und kann es nicht wahrhaben. Einige Wochen liegt das nun schon zurück, aber ich bin auch im Augenblick wieder sehr anfällig für eine Wiederholung dieses Spektakels. Leider merkt man ja immer erst am nächsten Tag, dass man riesige Scheiße gebaut hat. Das ganze ist zu stark, gewinnt zu schnell und zu leicht Macht über einen, viel Macht, enorm viel Macht. Der Kontrollverlust ist das Schlimmste daran. Man gerät in eine Hilflosigkeit, in ein Abhängigkeitsverhältnis. Es gibt kein Zurück mehr. Ich fürchte, dass die völlige Selbstaufgabe ab und an nötig ist. Alles zu seiner Zeit, also auch das. Alles hängt mit allem zusammen, sodass ein gewaltiges Gebilde aus gegenseitigen Abhängigkeiten entsteht. Einzelne davon zu durchbrechen. Das muss Primärziel sein...der Ausbruch, die Flucht. Alles Weitere wird sich dann zeigen...nach und nach. Wir brauchen einfach Zeit.

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