Vergessen, wer man ist

Dienstag, 07. Oktober, München

Jeden Tag sitzt sie an der Bushaltestelle und wartet. Sie weiß nicht, dass hier niemals ein Bus kommen wird. Das Bushäuschen steht vor dem Alten- und Seniorenheim “Zur aufgehenden Sonne” und ist Teil einer echten Bushaltestelle; Gelbgrünes Halteschild, Sitzbänke, ein Papierkorb und einen Fahrplan gibt es hier. Im Hintergrund ist ein Werbetransparent von TUI aufgespannt. Das alles wirkt sehr authentisch und dennoch steht das Häuschen solitär mitten in einer grünen Wiese. Die Straße ist weit weg. Die Alte ist eine von Vielen, die diesen Ort immer wieder aufsucht um auf den Bus zu warten. Dann ist beinahe alles wieder so wie früher. Jeden Tag sagt ihr jemand, dass hier nie ein Bus kommen wird, aber am nächsten Tag hat sie das alles schon wieder vergessen und wartet immer wieder aufs Neue. Bei Wind und Wetter kramt sie auf der blauen Wartebank im Gedächtnis nach ihren Erinnerungen. Sie hat Alzheimer...Proteine fressen ihre Gehirnzellen, leeren nach und nach den Speicher ihrer Erinnerungen. Eine teuflische Krankheit, unheilbar. Manchmal flackern einzelne Erinnerungen wieder auf, schießen wie bunte Spotlights durch ihren Kopf. Dann ist alles wieder da; ihre Kindheit und Jugend. Die Nächte in den Bombenkellern, der Gang durch ihre zerbombte Heimatstadt und die freundlichen Amerikaner, die den Kindern Kaugummi und Schokolade geschenkt haben. Auch erkennt sie an guten Tagen ihre Familie, die zwei Töchter und den Sohn, wieder. Sie liebt das Spiel mit ihren Enkeln, auch wenn sie sich ihre Gesichter und Namen nie bis zum nächsten Wiedersehen merken kann. Neben dem Wartehäuschen steigt ein älterer Mann in einen roten VW Golf. Man könnte meinen, dass er gleich losfahren möchte, denn das Auto sieht durchaus fahrbereit aus. Doch unter der Haube hat jemand den Motor ausgebaut. Eine Art Therapie für Demenzkranke. Auch so sollen Erinnerungen zurückgeholt und Tage erinnert werden, an denen die Alten Menschen noch selbst zum Einkaufen gefahren sind. Alzheimer ist der leise, der schleichende Tod. Nur in kleinen Schritten kommt er näher, aber er kommt. Überfahren zu werden und tot zu sein ist eine Sache, aber nicht mehr zu wissen, wer man ist, seine Familie nicht wieder zuerkennen, wenn man sie sieht, eine ganz andere. Plötzlich steht die alte Frau auf und sieht auf den ausgehängten Fahrplan. Zahlen, die sie nicht versteht, geschweige denn zuordnen kann, tanzen vor ihren Augen auf und ab. Für wenige Augenblicke kehren erneut einige Erinnerungen an früher zurück; damals, als sie vor ihrer Wohnung auf den 34er Bus gewartet hat, der immer einige Minuten zu spät kam. Ein weißgekleideter Pfleger tritt hinter sie und packt sie sanft am Arm. “Es ist Zeit zurückzugehen.” Seine leisen Worte wirken beruhigend auf die Frau. Beide drehen sich um und gehen über die Wiese auf das große Gebäude zu. Ein langer Flur, von dessen Seiten rechts und links Türen zu den einzelnen Zimmern abgehen, liegt vor der alten Frau. Ohne Begleitung würde sie ihren Wohnraum hier niemals finden. Als sie eine der Türen öffnet und hineingeht, hat sie bereits schon wieder vergessen, dass sie gerade draußen war.

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