Samstag, 18. Oktober, München
Die Suche nach Wertbeständigkeit bietet viele Hindernisse. Es ist 1929, nein es ist 2008. Die Vorzeichen stehen jedoch ähnlich. Die Welt in der Krise, am Rande des Abgrunds oder schon ein Stückchen darüber? Abzuwarten bleibt, wann der Erste springt...oder „gesprungen wird“. Die Aktienkurse brechen weg, gehen auf Talfahrt, geradewegs in den Keller. Der Stollen dorthin ist lang, aber schmal. Glatte Wände verraten, dass es kein Zurück mehr gibt. Manche haben schon viel verloren. Der Benzinpreis geht hinterher...auch in den Keller, dorthin wo es feucht und finster ist. Tanken wird dabei fast schon wieder zum Genuss. Auch ich würde mich als Genussmenschen bezeichnen, fahre aber dummerweise seit Jahren nicht mehr Auto. Einige gehen verängstigt los und holen ihr Geld von der Bank, packen es zu Hause in den Sparstrumpf oder unter Omas Matratze. Die liegt sowieso den ganzen Tag nur rum, also die Oma. Da guckt kein Fremder drunter. Hans Schnell lässt sich für zweitausend Euro von einem Fachmann einen dreißig mal dreißig mal dreißig Zentimeter großen Stahltresor in seiner Wand versenken. Man kann ja nie wissen. Der bleibt für immer, auch wenn das Geld weg ist. Kann man zur Not ja auch noch alte Zeitschriften drin aufbewahren. Oder Pornoheftchen, um sie vor den Augen der Kinder zu verstecken. Gute Idee eigentlich. Der Tresorbauer geht wieder. Wenn das alle machen würden! Alles Geld abheben. Dann wäre die Katastrophe wirklich perfekt. Meine EC-Karte gleitet geräuschlos in den schmalen Schlitz, verschwindet ganz darin, ehe Sekunden später das Display des Auszugsdruckers zu blinken beginnt. Das Geld ist noch da...zum Glück. Schwarze Zahlen auf Papier. Ist das wirklich noch das Geld, welches ich vor geraumer Zeit hier auf dieses Konto eingezahlt habe? Ich fürchte nicht und was sind schließlich schon schwarze Zahlen auf buntem Papier? Immerhin sind sie nicht rot. Sollte man nicht vielleicht jetzt gerade Schulden machen? Erspartes bringt doch sowieso kaum mehr etwas. Zwanzig Euro an Zinsen im Jahr, wenn ich Glück habe. Für 1800 Euro Spareinlage allerdings etwas wenig. Ich beschließe nicht panisch zu reagieren, cool zu bleiben. Hilft ja nichts. Früher war ich wirklich sehr sparsam, habe jede Mark dreimal umgedreht. Auch heute achte ich noch auf mein Geld, aber ich habe ja schon einmal gesagt, dass Geld nichts nützt, wenn man niemanden hat, mit dem man es teilen kann. Was bleibt, sind die Zahlen auf der Bank, respektive auf dem Papier. Ich gönne mir etwas, ab und an, wenn ich etwas haben möchte, dann kaufe ich es. Das fängt schon bei den kleinen Dingen an. Ein Becher Kaffee, mit Milch und etwas Zucker. Wertebeständigkeit. Bevor meine drei Euro durch wilde Spekulationen irgendwo auf dem Weltmarkt verloren gehen, kaufe ich mir lieber noch eine dampfende Portion Nudeln zu Mittag. Davon werde ich wenigstens satt. Man muss im Kleinen zielsicher denken, um Großes zu bewerkstelligen. Immer und immer wieder.
bflo - 20. Okt, 10:03
Freitag, 17. Oktober, München
Mir geht es nicht besonders gut. Eine harte und beschwerliche Nacht liegt hinter mir, voller Husten, Niesen und Hitzewallungen. Ich erwache nachts um halb drei und es hat den Anschein, als sei ich direkt in der Hölle. Hitze kriecht die Wände hinauf, schleicht sich unter meine Bettdecke und in meinen Körper. Ich öffne ein Fenster und starre kurz hinaus in die Nacht. Zwei Grad plus verrät mein Blick auf das Thermometer. In meinem Zimmer wird es indes nicht kälter. Ich kehre zurück unter die weiche Decke und beginne erneut zu schwitzen. Ich stehe wieder auf, wechsle das T-Shirt und das fühlt sich dann alles gleich ganz anders, viel besser an. Ein paar Minuten liege ich noch wach, ehe ich endlich einschlafe und erst am frühen Vormittag wieder erwachen sollte.
Der gestrige Abend war aber auch anstrengend; die Pizza hat weder gut, noch schlecht geschmeckt. Jede Geschmacksknospe in mir ist blockiert, ich kann nicht schmecken, nicht riechen. Die Welt ist geruchlos, wenn man verschnupft ist. Auch meine Ohren sind von innen her irgendwie zugestopft, zähflüssiger Schleim scheint sich über mein Trommelfell gestülpt zu haben. Ich muss mir die Welt ertasten, sie mit den Augen wahrnehmen, mein Umfeld in mich aufsaugen. Ein Dualismus aus Tasten und Sehen. Die anderen drei Sinne sind nicht mehr verfügbar. Out of order. Es tut gut, jemanden zu wissen, der sich etwas um einen sorgt, etwas Mitleid mit einem hat. Wir stehen endlich einmal wieder in der Eishalle, nach langer Zeit. Das Spiel plätschert gemächlich vor sich hin und ich kämpfe gegen meine laufende Nase. Mit bescheidenem Erfolg. Sie scheint Mitleid mit mir zu haben, das tut gut. Ich schließe den Reißverschluss meiner orangefarbenen Jacke und wir beide beobachten weiter das Spiel. Später fährt sie mich nach Hause, das ist gut, denn mittlerweile habe ich wohl schon leichtes Fieber. In spätestens zwölf Tagen werde ich sie wieder sehen.
Es ist schon erstaunlich, dass sie auch krank ist. Sie, dass ist die, die nach Südafrika ging, wieder zurückkam und nun anscheinend Grippe hat. Sie meldet sich kurz, signalisiert Erschöpfung. Schon komisch, dass wir beide zeitgleich krank sind. Was will mir diese Tatsache sagen? Will sie mir überhaupt etwas sagen? Ich beschließe, es als ein Zeichen zu deuten. Die Liebe fällt mitunter wie Blätter im stürmischen Herbstwind. Aber wohin?
bflo - 18. Okt, 17:54
Donnerstag, 16. Oktober, München
Farben sind etwas Wunderbares. Mein ganzes Leben lang hat mich „gelb“ immer schon besonders fasziniert. Oft blicke ich hoch zu den Sternen, studiere ihr Funkeln und ihr Strahlen. Es leuchtet „gelb“ zurück. Ich denke an diesen herrlichen Song der britischen Band „Coldplay“:
„I swam across, I jumped across for you. Oh all the things you do. Cause you were all yellow”
Dann holen mich die Magie der Worte und die Melodie aus meinem Tagtraum. Ich denke an „blau“…für mich die Seltsamste unter allen Farben. Ich weiß nicht genau, wie ich sie einordnen soll, aber ich denke zunächst an den blauen Himmel und an das tiefe blau des Wassers. „Blau“ bedeutet auch Traurigkeit und zugleich auch Trunkenheit. Eine wirklich mystische Farbe. Ich denke an „braun“, eine warme Farbe, Inbegriff des Lebens. Feucht-lehmige Erde, aus der alles auf der Welt entsteht und in die alles Vergängliche wieder zurückkehrt. Ich gehe über eine weite Ebene, auf der nichts mehr wächst, wo der Herbst bereits seine Spuren hinterlassen hat. Meine Nase läuft, ich habe mir in den letzten Tagen wohl einen Schnupfen eingefangen. Dieser ewige Wechsel zwischen warum und kalt ist im Herbst besonders schlimm. Meine laufende Nase beeinträchtigt mich auch hier beim Schreiben. Ein dicker Tropfen klatscht auf das „G“ auf meiner Tastatur…Bäh! Aber ich werde durchhalten…immer weiter, immer weiter. Eine wichtige Farbe fehlt noch: „rot“ – Inbegriff für Liebe, aber auch für Leben, denn Blut ist rot und was anderes ist Blut, als Leben. Ihre Lippen leuchten mir purpurrot entgegen, meine Liebe jedoch werden sie nicht erwidern.
bflo - 17. Okt, 16:29
Mittwoch, 15. Oktober, München
Ein goldener Herbsttag. Frühmorgens jagen ein paar Kinder etwa ein Dutzend Wildgänse über ein abgeerntetes Feld. Vereinzelt blinzeln letzte Getreidestoppeln durch die betonharte Erde. Die Gänse laufen zunächst laut schnatternd über den Acker, ehe sie sich in den Himmel schwingen. Hinter ihnen gackert und johlt die aufgebrachte Menge der Kinder. Die Flügel der Luftakrobaten erzeugen für wenige Sekunden einen angenehmen Windstoß…dann ist alles wieder ganz still, die Gänse beruhigen sich und die Kinder setzen ihren Weg zur Schule fort.
Was wäre, wenn es den Tod nicht gäbe? Zeit würde dann relativ werden, keine Bedeutung mehr haben, nichtig sein. Wie würden wir dann Leben. Alles strebt einem Ende entgegen und darum gibt es so etwas wie Zeit. Hätte ein jeder von uns unendlich viel Zeit, könnte unbegrenzt leben, ohne die Angst vor dem Ende zu haben, wie würde er das Leben wahrnehmen. Leben bedeutet hetzen, schneller zu sein als die Zeit, ihr davonzulaufen. „Forever young, I want to be forever young. Do you really want to live forever, forever and ever?” Wir versuchen die Zeit zu besiegen, ihr ein Schnippchen zu schlagen, sie auszutricksen. Anti aging Creme. Zeit ist ein starker Gegner…wir können sie nicht besiegen…zumindest heute nicht. Alles Leben ist Vorbereitung auf den Tod. Das Leben kostet schließlich das Leben, so paradox das für uns klingen mag. Werden und Vergehen als Dualismus unseres Daseins, als Bruder und Schwester des Lebens.
Ich spüre die Wärme ihrer Wange auf meiner eigenen, spüre ihr weiches Haar in meinem Gesicht. Der Moment ist zur Unendlichkeit erstarrt, bleibt für immer, geht nicht mehr weg. Um uns herum steht die Welt. Ich merke, dass ich kurz über meinem Buch eingeschlafen bin…muss mich zunächst neu orientieren. Über Platons „Phaidon“ bin ich kurz eingenickt. Ganz unten am Ende der zuletzt aufgeschlagenen Seite steht der Halbsatz: „besser zu sterben, als zu leben.“ Hineingezogen in den Strudel eines philosophischen Diskurses, lege ich das Buch weg.
Auf dem Weg nach Hause lese ich auf einer Werbetafel das Wort „Gelpulver“ und überlege mir, ob das nicht bereits ein Widerspruch in sich ist…Gelpulver.
bflo - 16. Okt, 00:05
Dienstag, 14. Oktober, München
Es gibt das Licht am Ende des dunkelsten Tunnels nicht nur bevor man stirbt. Lichtblicke durchfluten meine Seele. Ein zartes Pflänzchen “Hoffnung” hat meine eher düstere Gemütsstimmung zu ihrem Ackerboden erwählt, um darauf zu wachsen, beinahe wie junger Löwenzahn der mitten in der Stadt auf schroffem Asphalt wächst. Von irgendwoher angeflogen schlägt der Samen seine Wurzeln in den harten Untergrund, vielleicht eben gerade dort, wo der pechschwarze Teer erste Kälterisse aufweist. Einmal festgewurzelt lässt er sich durch nichts mehr aufhalten, wächst und gedeiht, bis er seine Samen schließlich mit dem Wind erneut in alle Richtungen verteilt. Das macht Hoffnung. Es gibt sie, die Menschen, die mich zu brauchen scheinen, die froh darüber sind, mich nach den Semesterferien wieder zu sehen. Eine Umarmung komplettiert den herzlichen Empfang, Körperwärme fließt hin und her, draußen fallen die Blätter und es wird kälter. Wahrlich kann sich meine Universität nichts darauf einbilden, formal als Elite-Uni bezeichnet zu werden. Ich will in meine Vorlesung, in einen Raum, in dem ich noch nie zuvor gewesen bin. Seminarraum steht an der Türe und mir kommt das schon etwas komisch vor, denn Seminarräume sind in der Regel eher klein und für ein begrenztes Publikum konzipiert. Ich ergattere einen Sitzplatz, aber binnen weniger Minuten füllt sich der Raum. Einhundertfünfzig Lernwillige können rein und sind schließlich drin, aber mindestens doppelt so viele stehen noch draußen und müssen schließlich unverrichteter Dinge abziehen. Wir, die drin sind, machen gute Mine zum bösen Spiel. Die Vorlesung ist ja auch wirklich recht interessant. Persönlichkeitspsychologie...davon kann ich viel gebrauchen. Wer erklärt mir die Menschen? Nächste Woche dann auf ein Neues. Ich bin mir sicher, dass dann Viele schon viel früher vor diesem Raum stehen werden. Chaos jedoch nicht überall...es gibt auch gelungene Raumplanung...ab und zu. Das Gefühl dort gebraucht zu werde, tut gut. Natürlich werde ich auch von anderen Menschen an anderen Orten gebraucht, aber dort tu es besonders gut. Die, die aus Südafrika kam, kann ich dann für einige Zeit vergessen. Wenig später erfahre ich, dass sie wohl Probleme mit ihrem neuen Freund hat. Welcher Art diese Differenzen sind, weiß ich nicht. Das tut mir leid, aber ich weiß nicht, ob ich darüber traurig sein soll. Eine neue Chance? Weiß nicht, aber ich beschließe, dass sie mir doch weiterhin leid tut. Ein guter Tag.
bflo - 15. Okt, 17:13
Montag, 13. Oktober, München
Den hässlichen pechschwarzen Rucksack, den ich damals zu Beginn meines Studiums bekommen habe, konnte ich vor drei Semestern erfolgreich gegen die etwas farbenfrohere Tasche tauschen. Beide tragen sie das grüne Logo meiner Universität, aber ich nutze die Tasche heute ebenso wenig, wie damals den Rucksack. Ich glaube, ich wollte einfach irgendetwas tauschen. Die Aussicht, sie heute zu sehen, ist wie ein dünner Strohhalm, an den ich mich verzweifelt klammere. Überhaupt sind dünne Strohhalme im Moment mein Rettungspunkt in allen möglichen Situationen. So lange habe ich sie nun nicht mehr gesehen. Morgens mit dem Gefühl erwacht, dass es klappt, dass wie uns begegnen werden, nachmittags mit der Erkenntnis nach Hause gefahren, dass es wieder nicht funktioniert hat. Wieder nicht. Mein Strohhalm, gebrochen wie erntereifes Korn auf dem Feld, wenn der Bauer mit dem Mähdrescher darüber hinweg poltert. Gebrochen, wie voller Mais im September, dessen Kolben der Landwirt erbricht und das schmackhafte Innere weiterverarbeitet. Gelbe Punkte bleiben zurück. So traurig.
Man merkt immer ganz leicht, wenn ein neues Semester beginnt, besonders im Winterhalbjahr. Der Campus kocht über, überall Studenten, wohin das Auge blickt. Ich schaue in viele bekannte Gesichter, manche davon waren ein paar Monate im Ausland, so dass wir uns länger nicht gesehen haben. Die Schlange an der Sportmarkenausgabe scheint kilometerlang und ich bin froh, dass ich meine schon letzte Woche gekauft habe. Geschäftiges Treiben überall. Erstsemester hetzen verwirrt und orientierungslos die langen Gänge entlang. Mittags sitze ich in der Cafeteria, trinke einen Becher Buttermilch und bin auf einmal so unglaublich müde. Alles um mich herum ist in heller Aufregung, aber ich blättere gelassen in einem Kinoprospekt. “Burn after reading”. Was wäre, wenn Max Brod, wie von Kafka befohlen, dessen Werk nach dem Tod des Autors einfach vernichtet hätte? Er hat alles richtig gemacht. Ich schlürfe die letzten weißen Tropfen aus dem Plastikbecher und werfe ihn vor mir in den Mülleimer. Dann mache ich mich zu Fuß auf den Weg, hinein in die Stadt, beinahe unverrichteter Dinge.
bflo - 14. Okt, 09:27
Sonntag, 11. Oktober, München
Schon auf dem Weg zur Party bemerke ich die Nebelschwaden, die langsam übers Land ziehen. Ich rase mit dem Fahrrad durch die Nacht, viele Kilometer weit. An einem Samstagabend ist es überall ganz still in der Welt, besonders wenn man sich etwas abseits der stark befahrenen Hauptstraßen bewegt. Später bin ich nervös, ich weiß nicht warum. Ich kippe eine Bierflasche um...zum Glück leer. Kurz vor Mitternacht gucken wir den Klitschko-Kampf, relativ einseitig, ziemlich eindeutig. Gegen halb drei verlasse ich die Party und flüchte hinaus in die weiße Nebelwand. Ich bin froh, dass ich den Weg kenne, denn eine Orientierung ist ausgeschlossen. Ich bin froh, dass ich nur wenig getrunken habe und darum die Umgebung klar vor mir liegt. Zumindest die vereinzelt stehenden Bäume, die ich erkennen kann. Ich bin froh, dass mein Fahrrad über einen guten Scheinwerfer verfügt, denn nur so kann ich mich durch das Nichts tasten. Der Mond strahlt voll auf mich herab...ich schaue ihn an und lächle. Hinter dichten Schwaden erkenne ich eine Bank, die einsam in Mitten der Wiese steht. Magisch von ihr angezogen stelle ich mein Rad ab und bewege mich darauf zu. Es ist völlig still um mich herum, kein Laut ist zu hören. Es tut gut so zu sitzen, mitten im Nebel, in dieser kalten Nacht. Es ist wunderschön. Durch das Schweigen hindurch höre ich meine Gelenke knacken, die Kälte nagt gierig an mir und ich beschließe Handschuhe anzuziehen. Sie lassen schließlich auch meine Fingergelenke verstummen. Mehr Stille ist nicht möglich. Mir kommt es so vor, als ob eine Nadel, wenn sie in eben diesem Moment zu Boden fallen würde, einen ungeheueren Lärm verursachen müsste. Der Mond grinst mich nun frech an, sein matter Lichtkegel sticht genau auf mich herab und erleuchtet die Wiese vor mir. Ich kann meine Schuhe sehen. Eine angenehme Helligkeit, genau richtig in diesem Moment. Ich bin hundemüde, lehne mich zurück und döse kurz ein. Nichts kann mich wecken, kein Rascheln in den Sträuchern und kein Herabfallen der Blätter. Wäre es nicht so kalt, wäre ich glatt komplett eingeschlafen, aber so beginne ich nach kurzer Zeit zu frieren und erwache. Ich recke beide Arme trotzig Richtung Mond. Sein Licht ist etwas weiter gezogen und meine Bank beginnt langsam in der Dunkelheit zu versinken. Ich steige wieder auf mein Fahrrad und strample hinein in die Nacht und in die Kälte, denn es ist noch weit, sehr weit.
bflo - 13. Okt, 12:36
Samstag, 11. Oktober, München
Der große Tag war gekommen...heute würde es gelingen. Jörg H. sollte endlich sterben.
Es hatte ihn und seine Helfer viel Mühe gekostet herauszufinden, wo sich H. an diesem Abend aufhalten würde, doch es war gelungen. Nun würde er als verlängerter Arm Gottes, als Racheengel in Menschengestalt H. töten. Die Stimmung im Land ist gereizt und die Menschen lassen sich wieder beeindrucken, von Worten, Phrasen und Versprechungen. Auch Hitler war so an die Macht gekommen, allerdings nicht in Österreich, sondern im benachbarten Deutschland. Es kommt näher. Er hatte sich geschworen, dass es nie wieder so weit kommen werde. Darum muss H. sterben. Er sieht sich als eine Art Georg Elser, nur mit dem Unterschied, dass sein Anschlag gelingen würde. Elser hatte früh versucht das Böse zu töten, mittels einer Bombe im Bürgerbräukeller. Hitler entging ihr nur durch einen dummen Zufall. Dem Zufall sollte diesmal kein Spielraum gelassen werden, denn alles ist genau durchdacht. Sprengstoff ist heutzutage überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Um jemanden zu töten muss man anders vorgehen.
Abends fand er kaum Schlaf. Er war früh zu Bett gegangen, denn er rechnete damit, schon bald los zu müssen. Zwanzig Minuten nach Mitternacht kommt der Anruf. Ein Verbündeter meldet: „H. hat die Party verlassen und ist nun auf dem Weg.” Er zieht sich rasch an und geht hinunter in die Tiefgarage, startet den Motor und rollt ins Freie. Das Nummernschild ist hinten zentimeterdick mit Erde zugekleistert, vorne fehlt es ganz. Zur Sicherheit. Sein dunkelbraunes Muttermal, das er im Nacken trägt, leuchtet im schwachen Licht des Fahrzeuginneren. Sonst ist alles stockdunkel. Er weiß genau, welchen Weg der Politiker H. nehmen wird. Einer seiner Helfer ist ihm bereits auf den Fersen. Das Muttermal wartet mit laufendem Motor an der Bundesstraße und nur ab und zu öffnet es das Fenster um eine Zigarettenkippe hinauszuwerfen. In seinem Leben hatte er noch nie getötet. Auch für ihn ist dieses Unterfangen nicht ohne Risiko, denn leicht kann auch sein Fahrzeug von der Straße abkommen. Dann blitzen zwei Lichter durch die Nacht und der schwarze Wagen mit H. am Steuer kommt mit hohem Tempo näher. Das Muttermal nimmt die Verfolgung auf und alles geht blitzschnell. Das Wetter begünstigt die Tat; dichter Nebel liegt, zu dieser Jahreszeit nicht unüblich, über den Wiesen und Feldern neben der Straße. Bäume am Fahrbahnrand bilden tödliche Hindernisse. Er rammt den Wagen des Politikers von der Seite. Sofort verliert der Fahrer die Kontrolle, die Geschwindigkeit ist zu hoch. Jörg H. prallt zunächst gegen einige Verkehrszeichen, dann gegen eine Mauer und überschlägt sich schließlich mit dem pechschwarzen Fahrzeug einige Male. Es ist gelungen. H. muss tot sein. Autoteile liegen kreuz und quer in der Umgebung verteilt. Keiner hat etwas gesehen, als der Täter zunächst in die Nebelwand vor ihm und dann in die nächste Stadt fährt.
Die Ermittlungen werden bald eingestellt und die Staatsanwaltschaft geht von einem tragischen Unfall aus, da H. im Nebel mit überhöhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn abkam. Um wenig Aufsehen zu erregen, kümmert sich niemand um die Lacksplitter, die man später an der Beifahrerseite des verunfallten Autos findet.
Zweieinhalb Monate nach dem Unfall, kurz vor Jahreswechsel, betritt ein Mann dunkelhaariger Mann um die Dreißig eine Polizeidienststelle irgendwo in Österreich, um eine Anzeige zu machen. Beim Betreten der Wache bemerkt einer der Beamten ein auffällig großes Muttermal im Nacken, direkt unter dem Haaransatz.
bflo - 11. Okt, 19:04
Freitag, 10. Oktober, München
Pechschwarze Nacht umhüllt die gewaltige Festung hoch über der Stadt. Der Weg nach oben ist nicht sonderlich lang und beschwerlich und zu Fuß spart man zudem noch das Geld für die teuere Seilbahn, die einen zwar schneller ans Ziel bringt, aber irgendwie ja auch langweilig ist. Das Gebäude ist imposant, riesig und konnte über die Jahrhunderte hinweg von keinem Feind eingenommen werden. Erst um 1800 herum hat man das Bollwerk kampflos Napoleon übergeben. Es war eben eine andere Zeit. Wichtigste Geldquelle war das Salz, das in der Umgebung abgebaut werden konnte und der Stadt ihren Namen und den ungeheuren Reichtum beschert hat. Das weiße Gold konnte zentnerweise eingelagert werden. So wurden Lebensmittel auch über viele Tage und Wochen hinweg frisch gehalten, was ein Aushungern der Bewohner nahezu unmöglich gemacht hat. Es muss eine spannende Zeit gewesen sein, damals vor zweihundert oder dreihundert Jahren. Wahrscheinlich nicht immer angenehm, aber doch aufregend. Ich überlege, dass ich gerne einmal für ein paar Tage mein Leben im einundzwanzigsten Jahrhundert gegen eine Woche im Achtzehnten eintauschen würde. Auf der Burg zu leben, ihrem Schutz zu unterstehen, aber auch alle Pflichten und die dazugehörigen Arbeiten zu erledigen reizt mich durchaus. Ich wünsche mir, ein fahrender Salzlieferant zu sein, der Säcke voll weißem Gold hoch hinauf in die Lagerräume der Burg transportiert. Mit dem Pferdegespann schließlich wieder zurück in die Stadt, das verdiente Geld in Gasthäusern mit Frauen auf den Kopf zu hauen und ab und an einen sehnsuchtsvollen Blick hinauf auf die Burg zu werfen. Ein paar Münzen jedoch behalte ich als Sicherheit immer in der Tasche.
Die Führung bringt mich hoch auf den Turm, einen der höchsten Punkte über der Stadt. Ich kann weit über Salzburg hinweg sehen, erblicke hundert Lichter in der Ferne und nehme den fließenden Autoverkehr als winzige Punkte wahr, beinahe wie Ameisen. Ich lehne an der Brüstung und mein Blick schweift weit in die Ferne. Unter mir das Krautwächterhaus, das mittlerweile das Altenheim der Stadt Salzburg ist und von einer grünen Wiese weitläufig umschlossen wird. Beinahe solitär steht es dort, fernab vom dicht geballten Stadtleben. Ich denke wieder an sie, allerdings nur kurz, denn die Lichter und Farben ziehen mich sofort wieder in ihren Bann. Den Augenblick mit jemandem teilen, mit ihr teilen, einfach ihre Hand halten und einander zärtlich küssen. Ein Ausflug in die Utopie, in die Schatzkammer meiner Imagination. Dann müssen wir zurück. Durch Gänge und steile Treppen geht es wieder zum Ausgangspunkt. Die Festung allerdings verlasse ich noch nicht sofort, auch wenn die Führung vorbei ist. So viel gibt es noch zu sehen und hinter meinen Augen ist noch Platz.
bflo - 11. Okt, 16:12
Donnerstag, 09. Oktober, München
Ich erwache in der großen Stadt, auf der anderen Seite der Welt. Hier in einer etwas abgelegenen Provinz Pekings drückt die Luft schon morgens schwer auf die Lungen der Menschen, sodass ihnen das atmen mitunter schwer fällt. In diesem Land bin ich nur einer von Vielen, kann mich kaum selbst entfalten, geschweige denn meinen eigenen Weg gehen. Auch wenn es die Öffentlichkeit nicht wahrhaben will, ist der Einfluss der Partei auf die Lebensweise der Menschen doch noch immer weitestgehend ungebrochen. Wir Chinesen sind nicht frei, unterstehen dem Diktat des übermächtigen Sozialismus und nur wenige können ab und an ihre Ketten sprengen und ausbrechen. Sobald die Sonne aufgeht, muss ich in die Schule. Mit Gleichaltrigen lerne ich dann einige Stunden und treibe im Anschluss etwas Sport. Ich interessiere mich sehr für Politik und Geschichte, Mathematik begeistert mich nur wenig. Freunde habe ich nur eine Hand voll, denn nach der Schule muss ich sofort weiter in die Fabrik.
Ich bediene zumeist die große Metallstanze und stanze runde, tellergroße Platten aus quadratmetergroßen Blechen. Wofür sie gebraucht werden weiß ich nicht. Ab und zu stehe ich auch an einer Sortiermaschine und lege kontinuierlich kleine Stahlbolzen horizontal auf Minigreifarme. Mit ungeheurer Wucht rammt der Roboter den Bolzen in eine Art Haltegriff und verbindet ihn mit einer Aluminiumschüssel, sodass ein Topf entsteht. Aber für diese Arbeit werde ich nur selten eingesetzt. In meiner wenigen Freizeit lese ich gerne. Dabei interessieren mich besonders die chinesische und die deutsche Philosophie. Ich liebe, Kant, Nietzsche, Hegel und Schelling. Für Schopenhauer kann ich mich nicht begeistern. Zudem interessiert mich die europäische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, mit den zwei Weltkriegen. Nebenbei muss ich mich noch um meinen kranken Vater und um meine drei kleineren Geschwister kümmern. Die Mutter arbeitet den ganzen Tag in einem kleinen Büro eines der höheren Parteibosse, verdient aber trotzdem nur wenig Geld. Mit meinem Verdienst bekommen wir die Familie gerade so durch, denn Vater kann nach seinem Unfall nicht mehr arbeiten. Abends bin ich oft so müde, dass ich nicht mehr für die Schule lernen kann, weshalb meine Noten meist nur mittelmäßig sind. Aber ich komme immer durch, denn ich bin ein Kämpfer. Mein Leben ist nicht schön, aber trotzdem lebenswert. Ich genieße es.
Ich erwache aus dem Traum, der mich nach China geführt hat. In letzter Zeit war ich mit meinem Leben hier nicht zufrieden, aber wenn ich mich an diesen Traum erinnere, bin ich froh hier leben zu können und zu studieren...in Freiheit, mit all dem Komfort der westlichen Welt. Ich möchte nicht tauschen. Zufrieden und mit der Gewissheit, dass doch nicht alles so schlecht ist, schlafe ich weiter.
bflo - 11. Okt, 14:35