Freitag, 10. Oktober 2008

Querdenker

Mittwoch, 08. Oktober, München

Der Herbst bringt Nebel. Selbst gegen acht Uhr morgens liegen noch dicke Schwaden über den Wiesen und Feldern. Ich blicke in eine wattige Wand vor meinem Fenster. Ich öffne es vorsichtig und ziehe die kühle Luft durch meine Lungen. Man kann gar nicht auf den Balkon der Nachbarn gegenüber blicken, so dicht ist der Nebel um mich herum. So etwas habe ich noch nie erlebt. An meiner Tapete nehme ich einen schwarzen Fleck war und erkenne, bei genauerem Hinsehen, in ihm eine Stechmücke. Mein Schuh ist schneller als das Insekt, was mir wiederum einen ekligen Blutspritzer auf meiner hellgelb tapezierten Wand einbringt. Ich sperre den Morgen aus, in dem ich das Fenster wieder schließe und setzte mich auf mein Bett.
Gestern habe ich seit langer Zeit einmal wieder ein philosophisches Gespräch geführt, einfach so, während ich gemütlich bei einem kühlen Bier saß. Mit den meisten meiner Freunde kann ich solche Dialoge nicht besprechen, da sie sich nicht wirklich damit beschäftigen. Ich hingegen schon. Und so ist es nicht verwunderlich, dass mein Gesprächspartner eine Person war, die ich eigentlich nicht so gut kenne. In Sibirien geborgen, lebt er allerdings schon eine halbe Ewigkeit in Deutschland.
Plötzlich fragt er mich nach dem Sinn des Lebens.
Er habe bisher bei niemandem eine konkrete Antwort darauf gefunden. Was ich denn darüber denke? Spontan muss ich eingestehen, dass ich darauf nicht im Geringsten vorbereitet gewesen bin. Platon, Spinoza, Sartre...darüber hätte ich erzählen, ja schwadronieren können. Die kurze, präzise Frage allerdings hat mich nahezu entwaffnet. Ich antworte, dass auch ich darauf spontan keine Antwort wisse und man sich in der Breite länger darüber Gedanken machen müsse. Einen Sinn im Leben muss es wohl geben, aber worin er liegt kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Es gibt ihn, aber er ist nicht universell, sondern für jeden Menschen individuell verschieden. Ein jeder muss bereit sein ihn zu suchen, dann wird er ihn auch finden. Das sage ich ihm und er beginnt nachzudenken. Völlig konform scheint er mit meiner Antwort nicht zu gehen. Geht man davon aus, dass jeder Mensch von irgendeinem Gott bei seiner Geburt in der Mitte seines Körpers getrennt wurde und die andere Hälfte wie er ziellos in der Welt herumirrt, könnte der Sinn des Lebens genau der sein, die passende andere Hälfte während des Erdendaseins wieder zu finden. Ein anderer könnte sein, möglichst wenig anderen Menschen zu schaden, sondern vielen zu helfen, sich um sie zu kümmern und sie glücklich zu machen. Auch möglichst viel Reichtum und irdische Schätze anzuhäufen, könnte der Sinn des Lebens sein.
Wir verbleiben mit der Überlegung, dass es für jeden Menschen einen anderen Sinn seines Lebens geben muss. Ein vorläufiger Konsens. Bald wollen wir uns wieder treffen, Musik hören, Tee trinken und uns weiter über die Philosophie unterhalten. Es gibt noch so viel zu denken. Na dann los!

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