Dienstag, 02. Dezember, München
Wieder einmal schiebt er einen Sarg in den Ofen des großen Krematoriums im Osten von München. Mit Routine führt er jeden Handgriff nahezu blind aus, hat das alles schon so oft gemacht. Dann fällt erneut der Vorhang, die beiden Stofffetzen schließen sich, der Blick von draußen dringt nicht dahinter. Ein Knopfdruck, dreitausend Grad und wenige Augenblicke später bleibt von der Holzkiste und dem darin liegenden Körper nicht mehr übrig, als ein kleines Häufchen Asche. So manches Schicksal macht ihn, der hier täglich am Ofen steht, traurig, denn Menschen ohne Angehörige, ohne Freunde und Bekannte werden hier verbrannt. Die Reste kommen in eine Urne, die dann irgendwo vergraben oder aufbewahrt wird. Die Särge sind meist einfache Holzkisten mit schwarzen Kreuzen darauf. Protzigen Schmuck sucht man meist vergeblich. Auch der Großteil der verwendeten Urnen ist eher einfach und schmucklos gehalten.
Er verrichtet eine Arbeit, die eigentlich kaum einer sonst machen möchte, aber die dennoch so wichtig ist. Die Öffentlichkeit erfährt davon wenig. Vor einigen Monaten gab es allerdings einen Aufreger, als ein paar Rumänen den Toten die Goldzähne herausgerissen und für gutes Geld weiterverkauft haben. Doch der Ärger darüber ist schnell aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden. Der Umgang mit dem Tod in der Öffentlichkeit wird auch heute immer noch weitestgehend tabuisiert. Jeder ist froh, wenn sich ein anderer darum kümmert.
Oft wird er darauf angesprochen, wie es denn so sei wenn man beinahe fließbandartig Menschen verbrennt, wie bei den Nazis früher. Dann kann er eigentlich nur mit dem Kopf schütteln. Trotzdem belastet ihn das Vernichten menschlicher Körper, was eben nun einmal seine Aufgabe ist, ziemlich. Schlimm wird es immer dann, wenn er damit beginnt darüber nachzudenken. Dann fragt er sich, ob das, was er macht so richtig ist. Aber er kann nichts anderes. Begonnen hat alles vor vielen Jahren, als er ab und an auf dem Friedhof gearbeitet und die Gräber gepflegt hat. Retrospektiv kann er heute nicht mehr genau sagen, wie er zu seiner Arbeit im Krematorium gekommen ist, aber er kann sich nicht mehr genau daran erinnern. Nur Angst hat er gehabt, bevor er seine erste Leiche verbrannt hat. Seitdem waren es mehrere Hunderte. Nun ist Winter und immer weniger Friedhofsbesucher kommen um die Gräber zu besuchen und zu schmücken. Doch die, die kommen, können manchmal dunklen Rauch vom Krematorium herüberziehen sehen. Trotz moderner Filteranlagen weht ein leicht ekelhafter Geruch von verbranntem Fleisch durch die Luft. Dann steht er wieder vor seinem Ofen, schiebt einen Sarg hinein und drückt den Knopf. Wenige Sekunden zerlegen einen Menschen in eine Häufchen Asche. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Er macht die Arbeit, die keiner machen will. Auch er ist traurig und die draußen wissen es nicht.
bflo - 3. Dez, 18:53
Montag, 01. Dezember, München
Der Himmel ist grau und hängt dick voll Wolken, wie immer, wenn ich sie getroffen habe. Die frühe Uhrzeit ist eine Unchristliche, die S-Bahn wieder bis zum Anschlag voll gestopft. Ihre Nachricht kam gerade noch rechtzeitig.
Wir sprechen wenig, sind beide noch zu verträumt.
Später haben wir miteinander geschlafen, sekundenlang im U-Bahnabteil.
Wir sitzen uns gegenüber und verlieren zwischen zwei Stationen kurz den Halt in der Realität, gleiten weg in eine andere Welt. Dann schälen wir uns in der Masse die Treppen hoch, hinaus in die kalte Dezemberluft. Mit ihrem Freund zusammen war sie letztes Wochenende in Chemnitz, dessen Großeltern besuchen. Ich habe nichts gegen Chemnitz, mag die Stadt und wollte nächstes Jahr auch einmal hinfahren und jemanden besuchen...bis heute. Unter diesen Umständen werde ich mir das noch gut überlegen. Er hat sie, ich habe nichts. Ihre Liebesbekundungen gegenüber ihm in seiner Abwesenheit, aber meiner Anwesenheit, schlagen hart auf meine Brust. Trennung. Sie hält heute ihr Referat, ich gehe in meine Vorlesung. Später Hauptseminar. Auch hier ein Referat. Ökonomie und Philosophie...Problem der Knappheit. Bedürfnis versus Wunsch. Bedürfnisse wollen befriedigt, Wünsche erfüllt werden. Erstere sind stärker. Ressourcenknappheit, daraus entsteht ein Mangel. Liebe als knappes Gut. Der Wunsch bei ihr zu sein und das Bedürfnis von ihr geliebt zu werden. Wo muss ich das verorten? Bedürfnisse müssen unbedingt befriedigt werden, schnell und direkt. Wünsche kann man aufsparen, später bedienen. Ich hebe mir viele Wünsche schon seit längerem auf. Auch Bedürfnisse befriedige ich nicht immer gleich. Zu dieser Jahreszeit klart der Himmel überhaupt nie mehr richtig auf. Wolken bleiben immer, Sonne zeigt sich nahezu nie. Die Liebe ist ein knappes Gut, jeder will sie und nur wenige bekommen genug davon. Güter werden eben dann besonders begehrenswert, wenn sie begrenzt sind. Nach einem anstrengenden Tag gehe ich noch ein wenig spazieren. Es ist kalt und ich vergrabe die Hände tief in den Taschen. Die Lichter der Straßenlaternen gehen an und leuchten in die einsetzende Dämmerung hinein. Auch die Ladenbesitzer werfen in ihren Schaufenstern die Beleuchtung an. Es blinkt und funkelt weihnachtlich aus allen erdenklichen Richtungen. Mit meinen Schritten lasse ich die weihnachtliche Fußgängerzone hinter mir. Beruhigende, ja besinnliche Musik verklingt hinter mir im lauten Weihnachtsmarktbetrieb.
bflo - 3. Dez, 18:47
Sonntag, 30. November, München
Auf dem Tisch liegt ein Handy. Rötlich und transparent schimmert es. Unter der äußeren Hülle tanzen vereinzelt Blumen hin und her. Es blinkt noch einige Male, ehe die Blumen verlöschen und die Oberschale sich wieder dunkelrot färbt. Dieses Spiel wiederholt sich immer dann, wenn das Handy aufgeklappt wird. Daran befestigt befindet sich eine kleine Perlenkette mit bunten Kügelchen verschiedenster Farben. Daneben baumelt eine “Hello Kitty-Katze” einsam hin und her. Mir ist langweilig, also beobachte ich meine Umgebung. Ich schaue immer wieder zu dem hübschen Mädchen, das mir gegenübersitzt und ab und an zurück lächelt. So vergeht Zeit. Der erste Dezember ist nahe...Welt-Aids-Tag, Vorweihnachtszeit. Der Christbaum ist wahnsinnig hoch, viele strahlende Lichter wurden daran befestigt und zu seinen Füßen stehen mittags um halb eins die Ersten und trinken Glühwein aus dunkelblauen Bechern. Mittagspause in Deutschland, in München, in der Fußgängerzone.
Danach wieder zurück ins Büro...”Heute gar nicht frei?” - “Ne, muss ja fertig werden!” - “Ach so”.
An allen Ecken und Enden dudelt einem beständig weihnachtliche Musik entgegen und es duftet nach Lebkuchen und Plätzchen. Ich komme irgendwie überhaupt nicht in Weihnachtsstimmung. In einer kleinen Holzhütte steht eine zierliche alte Frau und bietet heiße Maroni an. Sie sieht traurig aus, scheint zu frieren, obwohl sie doch in der Hitze Maroni röstet. Esskastanien finde ich als Bezeichnung ja spannender. Ist das identisch? Die Frau tut mir leid und ich entschließe mich zu einem Spontankauf. Erst im Nachhinein wird mir bewusst, dass ich gar keine Maroni mag. Trotzdem schiebe ich die runden Dinger in meinen Mund, kaue eifrig auf den heißen Klößen herum und siehe da, sie schmecken gar nicht so schlecht. Wieder jemanden glücklich gemacht. Samaritertum. Wer macht mich glücklich? – „Sorry, aber das ist nicht vorgesehen!“ - „Verstehe!“- „Nein, eigentlich verstehe ich nicht, kann nicht begreifen...aber es ist so.“ Alleine über den Weihnachtsmarkt streifen ist irgendwie auch langweilig. Stimmung kommt bei mir keine auf. Ich gehe durchs Kaufhaus und auch dort ist überall schon festliche Vorfreude. Ich rechne mit einem Nikolaus im roten Polyestermantel, mit falschem Bart im Gesicht, aber echten Kindern auf dem Schoß, entdecke aber keinen. Dafür steht ein kleiner Weihnachtsbaum in der Feinkostabteilung. Blaue Kugeln, kein Lametta...bizarr. Früher war mehr Lametta! Von einem Plakat grinst mich von oben herab Alfons Schuhbeck an. Der ist echt überall. Ich biege um die nächste Ecke, stelle mir Schuhbeck als Weihnachtsmann mit Bommelmütze auf dem Kopf und einem großen Sack in der Hand vor und bin schon wieder raus aus dem Kaufhaus. Vor dem Eingang der Parfümerie lächelt mich eine Frau an...ihr Haar hat unter dem künstlichen Neonlicht seinen natürlichen Glanz gänzlich verloren.
bflo - 2. Dez, 14:17
Samstag, 29. November, München
Schwer bepackt schleiche ich die sterilen Krankenhausgänge entlang. Weiß ist hier die vorherrschende Farbe, aber kurz vor der Intensivstation entdecke ich eine mint-grün gestrichene Wandseite. In Orange wurden mittels Schablonen drei Worte darauf geschrieben: “Glaube, Liebe, Hoffnung”. Im Vorbeigehen fällt mein Blick nur flüchtig auf das Geschriebene. Die Schrift scheint zu leben, die Buchstaben tanzen vor meinen Augen, scheinen sich neu zu ordnen. “Hof, Eule, Bann, Flug”. Ich muss kurz Rast machen, setze mich auf eine der Bänke und starre auf einen prächtig aussehenden Fikus.
Zwei Taschen bleiben übrig. Reste eines Lebens. Die graue Tasche mit Reißverschluss ist randvoll gestopft. Der braune Kulturbeutel mit Waschutensilien liegt oben aus. Bademantel, Hose und Hausschuhe wurden in eine große weiße Krankenhaustüte gepackt. “Patienteneigentum” steht da drauf, „Totenbesitz“ wäre treffender. Überbleibsel eines Krankenhausaufenthaltes. Die Dinge sind bei mir, der Tote bleibt hier. Wertsachen sind sowieso keine mehr da, weshalb ich beschließe den Krempel hier kurz liegen zu lassen...klaut schon keiner. Also runter mit dem Lift zum Kaffeeautomaten. Braune Brühe fließt in einen Plastikbecher der gleichen Farbe, dampft und blubbert. Mit Sicherheit mein letzter Kaffee hier für längere Zeit. Wieder zurück bei meinen Sachen.
Ich komme unten an, trete hinaus in die kühle Luft außerhalb des Krankenhausgebäudes. Hinter mir die Kranken...ich gehe zu meinem Fahrrad. Der Transport gestaltet sich schwieriger als gedacht. Nur langsam komme ich voran, kann den Lenker nur mit einer Hand halten, denn über meiner Schulter hängt die graue Tasche. Wieder zurück packe ich aus. Reste eines Lebens. Kleidung, unbenutzt, frisch zusammengelegt. Ich räume alles in den Schrank. Da geht etwas zu Ende, langsam, aber trotzdem stetig. Das Haus ist voll mit den Habseligkeiten eines ausgehauchten Lebens. Nur wenig davon ist zu gebrauchen, nichts von eigentlichem Wert. Das Haus ist still und tot, die einzigen Geräusche macht ab und an die Katze. Das Aquarium in der Ecke liegt verlassen, die Pumpe ist abgestellt und der Heizstab ausgesteckt. Draußen vor der Türe fliegen Amseln aufgeregt hin und her und suchen etwas zu fressen. Der futterreiche Erdboden ist oben gefroren, die Vögel verzweifeln daran. Ich gehe nach draußen und kippe eine halbe Tüte Rosinen unter die beeindruckende Fichte, die so hoch ist, dass ich die Spitze nicht sehen kann. Wieder im Haus kommen die aufgeregten Amseln zurück und sichern sich Beute. Es wird langsam dunkel und ich mache mich auf den Heimweg. Die Sachen aus dem Krankenhaus habe ich fein säuberlich wieder einsortiert, die Tasche und die weiße Tüte liegen ordentlich nebeneinander. Ich trete vor die Haustüre und sperre ab. Nach einigen Metern aktiviert ein Bewegungsmelder die Außenbeleuchtung. Für wenige Augenblicke erstrahlt das Haus im Licht, ehe es wieder in Dunkelheit versinkt.
bflo - 1. Dez, 00:31
Freitag, 28. November, München
Die Fische schauen mich mit neugierigen und verängstigten Augen an, als ich sie aus dem Aquarium fische und in die transparente Plastiktüte umsetzte. Der einhundert Liter fassende Glaskasten hat am Boden und an den Scheiben schon wieder Algen angesetzt. Grün schimmert es schmierfilmartig im fahlen Sonnenlicht. Mein Kescher zischt durch das Wasser als ich die Fische einzeln einfange. Leider gelingt es mir immer nur je eines der kleinen Tierchen zu fassen, denn sie sind viel schneller und zu dem vorsichtig, da verängstigt. Mit dem Schlauch sauge ich etwas altes Wasser aus dem Aquarium und leite es in die Plastiktüte. Die Fische sind aufgewühlt, fühlen sich nicht wohl...verständlich. Irgendwann bin ich fertig, packe zwei Tüten mit je sechs und je sieben Fischen in einen schwarzen Plastikeimer und fülle auch diesen mit Wasser. Dann gehe ich hinaus in die Kälte und zum Auto. Vorsichtig fahren, nichts überschwappen lassen. Ich trete sehr behutsam auf die Bremse, schalte gefühlvoll um Erschütterungen zu vermeiden. Zum Glück ist es heute nicht ganz so kalt. Ein Freund von mir hat auch ein großes Aquarium, viele Fische und sich bereiterklärt, die kleinen Tierchen zu übernehmen.
Was bleibt nach dem Tod übrig?
Fische als mein Erbe. Ich muss sie leider abgeben, hilft nichts. Nun haben sie es besser...sauberes Wasser und viele kleine Kollegen. Die Tüten werden zum Akklimatisieren zunächst verschlossen oben aufs Wasser gelegt. Nach dem Öffnen dauert es nicht lange und sie schwimmen freudig in ihr neues Zuhause. Ich bin zufrieden. Die ersten Tage müssen sie überleben, dann passt alles. Das wir schon werden, da bin ich ganz sicher. Es sieht sehr gut aus. Eine Katze bleibt mir noch, die sitzt im Haus und wartet. Aber auch sie ist schon so gut wie vermittelt, eine neue Heimat gefunden. Erst dann ist alles abgeschlossen, das Kapitel zu Ende und ich auf der letzten Buchseite angekommen. Ich werde den Einband zuschlagen und das Buch zur Seite legen. Es ist an der Zeit, ein Neues zur Hand zu nehmen. Dinge müssen beendet werden, damit andere beginnen können. Mit den Gedanken irgendwo weit weg gehe ich hinaus auf die Straße, die kleine Anhöhe hinunter, talwärts. Der Abstieg kann anstrengender sein, als man denk. Bergsteigen, das ist hart...sagt man so. Aber talwärts, das kann auch ganz schön Kräfte raubend sein. Der Weg...steinig und steil. Konzentration ist gefordert, um nicht zu stürzen. Ich strauchle, aber falle nicht.
bflo - 1. Dez, 00:25
Donnerstag, 27. November, München
„Ich bin durchs Wasser gegangen und nicht nass geworden, ihr habt mich 20 Mal gesteinigt und ich bin nicht gestorben.“
Ich habe geträumt, dass ich tief unten unter der Erde liege. Tonnenschwer liegt Erdreich über mir. Ich schlage die Augen auf und gewöhne mich nur ganz langsam an die Dunkelheit. Es ist stockfinster; lebendig begraben. Ich kann gut atmen und denke völlig klar. Wie die Braut. Los gehts! Kill Bill! Langsam schabe ich mich durch den Lehm und den groben Schotter zurück an die Oberfläche. Immer mehr Licht illuminiert meine Augen, flutet den Sehnerv und lässt mich noch klarer die Umgebung erkennen. Dann bin ich draußen, tausche das dunkle Grab gegen den lichten Tag. Ich stelle mich auf meine Füße, strecke und dehne Arme und Beine. Das Blut kehrt in die Gelenke zurück. Ich klopfe Staub und verklumpte Erdreste von meinen Jeans und laufe los, ohne zu wissen wohin. Die Landschaft fliegt an mir vorbei, ich nehme Umrisse von Hügeln und Bergen war, durchquere weite Ebenen und schmale Täler. Plötzlich komme ich an ein Ende; es geht nicht mehr weiter. Der Abgrund liegt offen vor mir. Der Graben ist zu breit, keine Brücke führt zur anderen Seite. Ich kann nicht springen. Ich drehe mich um und blicke zurück. Auch dort ist nichts, als ein Abgrund. Ich stehe auf einem schmalen Streifen zwischen zwei Gräben. Es gibt kein vor und auch kein zurück. Hier ist der Scheideweg, verdinglicht als schmaler Streifen, auf dem ich gerade so stehen kann. Der Bewegungsspielraum ist eingeschränkt; ich muss etwas tun. Springen, als einziger Ausweg. Ohne Anlauf, quasi aus dem Stand, springe ich los. Ich falle.
Es ist wieder dunkel, ich liege in meinem Bett und starre an die Decke. Die Augen sind noch verklebt, die halbvergangene Nacht liegt auf ihnen. Ich drehe mich schnell wieder um, versuche an nichts zu denken und schlafe sofort wieder ein. Nichts bringt meinen Geist außer Kontrolle. Ein neuer Tag steht an und der beginnt früh. Ich fühle mich ausgeschlafen und gut erholt. Ich habe nicht geträumt. Viele Dinge jagen durch meinen Kopf...ich muss loslassen. Noch geht das nicht, zu sehr bin ich in das große Ganze involviert. Ich muss den Neuanfang suchen. Abends im Auto fliegen die Lichter der Stadt vorbei. Menschen sind kaum mehr unterwegs. Das Dröhnen und Pochen des Motors hallt in meinen Ohren wieder, wandert durch mein Gehirn. Ich habe den Kopf leicht schräg gestellt und blicke hinaus in die Nacht. Die Rolle des Beifahrers ist eine sehr angenehme. Man hat nichts weiter zu tun, als auf das Draußen zu achten und die Lichter wirken zu lassen. Und dann siehe da an der Bushaltestelle: Ein Mensch.
bflo - 28. Nov, 17:36
Mittwoch, 26. November, München
Gebt mir drei Wörter und ich schreibe euch einen Text, denn es bedarf nicht viel um literarisch produktiv zu sein. Schenkt mir vierunddreißig Zeilen eure Aufmerksamkeit und ich schenke euch das Geschriebene für die Ewigkeit. Drei-vierunddreißig, drei-vierunddreißig.
Sie steht auf der Bühne und singt. Ich denke sie ist so sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Ihren Gesang begleitet sie selbst auf einer alt aussehenden Gitarre, die trotz einiger Schrammen im Holz immer noch irre gut klingt. Nur sie und ihr Instrument, unverfälscht und original. Die Bühne, das weite Rund, die Menschen...das ist die Wirklichkeit. Ihre Stimme verhallt irgendwo ganz hinten in der Stille, abseits der jubelnden Menge. Sunflowerfield. Es ist Sommer und sengende Hitze hat sich über die Stadt gelegt, wie eine warme Decke im Winter, unter der alles wohlig warm bleibt. Hier staut sich etwas, sucht ein Ventil und versucht nach draußen zu dringen. Die Decke kennte kein Pardon. Ich liege auf der, vom Regen der letzten Nacht noch feuchten Erde und lasse die Hitze meinen Körper zudecken. Ich rupfe einen Grashalm ab, spanne je ein Ende zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände und versuche darauf zu pfeifen. Es funktioniert...das hat es früher nie. Ich unternehme die verschiedensten Töne auf meiner kleinen Flöte und posaune sie hinaus in die Welt. Wolken kreisen über meinem Kopf, der Himmel ist herrlich blau. Ich inhaliere den Duft nach nassem Gras und warmem Sommer. Alles ist herrlich, mein Arm umschließt ein imaginiertes Etwas neben mir...ich halte es. Ich bade in einem Meer von Sonnenblumen, die um mich herum wachsen. Manche von ihnen sind mehr als zwei Meter hoch. Im Herbst werden sie abgeschnitten und den Vögeln vorgelegt, die aus den Köpfen die leckeren Kerne picken und sich ihren Wintervorrat anfuttern. Die Blumen sind dann nicht mehr so schön wie jetzt, liegen einfach nur da und die mächtigen Blüten welken und trocknen vor sich hin.
Ich bin zurück.
Die große Halle ist gut gefüllt und das Mädchen hat ihren Sonnenblumenfeld-Song beendet. Schade eigentlich. Kurz geht das Licht an und vernichtet die angenehm düstere Atmosphäre. Die Gitarre des Mädchens steht auf einmal neben mir in der Ecke. Ich schleiche mich hin, nehme sie in die Hand und betrachte sie von allen Seiten. Ein echtes Gebrauchsstück...bespielt und benutzt. Ich streiche mit meiner Hand vorsichtig über einige Seiten, bis seltsam klingende Töne zu hören sind. Es funktioniert...das hat es früher nie. Das Mädchen hat mich entdeckt. Ich fühle mich ertappt und stelle das Schmuckstück vorsichtig wieder an ihren Platz. Doch sie lächelt mich an, scheint nicht böse zu sein. Die Beleuchtung geht wieder aus und ich sehe das Mädchen in der Menschenmenge verschwinden...nach irgendwohin. Langsam drehe ich mich zur Bühne, denn die nächste Band beginnt zu spielen. Sonnenblumenfeld. Das werde ich so schnell nicht vergessen.
bflo - 28. Nov, 17:04
Dienstag, 25. November, München
Er sei nicht normal sagen sie immer wieder zu ihm. Aber was heißt denn das, “normal”. Er geht die Straße entlang und zieht die Blicke der Menschen auf sich. Augenpaare bohren sich in seinen Körper, durch seine Haut und in seine Seele. Es ist sein Aussehen, das ihn zum Außenseiter, zur Randfigur der Gesellschaft macht. Es ist seine enorme Körpergröße; Zweihundertzwanzig Zentimeter sind es, mit denen er täglich aufsteht und hinaus in die Welt tritt. Aber nicht nur das: seine Gliedmaßen wirken schlaksig, sind sie doch enorm und sogar abnormal groß. Lange Arme und die von so vielen bevorzugten Modelbeine, dazu ein relativ kleiner Kopf und nur wenig Haare. Er befürchtet, dass er schon in wenigen Jahren Glatze tragen muss. Auch das noch. Jede seiner Bewegungen übers Pflaster wirkt lächerlich und seltsam bizarr. Hinter seinem Rücken lachen sie über ihn...hinter vorgehaltener Hand. Er sei nicht normal. Aber abends, wenn es dunkel wird, dann setzt er sich manchmal mit einer Flasche Bier auf sein Bett und denkt nach. Wer definiert denn Normalität? Was, wenn er und wenige andere der Norm entsprechen und die anderen alle abnormal sind? Wie definiert sich der Durchschnitt. Wer definiert vor allem den Durchschnitt. Es gibt nicht viele, die so aussehen wie er. Man lacht über seinen Gang und die ungeschickten Bewegungen seiner Arme und Beine. Donkey Kong. Sein Hauptproblem ist der zu kleine Kopf im Vergleich zu seinen Gliedmaßen. Doch dumm ist er keineswegs. Prima Noten haben ihn durch sein Informatikstudium begleitet und er hat jetzt einen guten Job. Aber er leidet.
Manchmal sitze auch ich da und denke nach über die Definition von Normalität. Ein facettenreiches Thema. Bin ich normal? Ich verachte andere, die ich nicht für normal halte. Ohne Zähne im Fernsehen sein Leben ausbreiten, tagelang in dunklen Räumen vor dem Computer sitzen...das finde ich abnormal. Aber sind diese Leute nicht vielleicht glücklicher, glücklicher und zufriedener als ich? Ich bin nicht glücklich, zumindest im Moment nicht. Ich hoffe, dass es sich wieder ändert. Möglicherweise bin ich wirklich nicht normal, oder doch? Wie sind die anderen? Wo stehe ich? Ich gehe durch die Straßen und sehe die unterschiedlichsten Menschen, die an mir vorüber hasten. Normalität und Alltag hängen zusammen. Ich habe in letzter Zeit ein wenig zu viel von beidem. Die Suche nach etwas Neuem jedoch hat begonnen.
bflo - 26. Nov, 18:39
Montag, 24. November, München
Der Umriss seiner Heimatstadt, die Häuser, Türme und Straßen liegen hinter ihm wie in die vertraute Landschaft gesetzte Kulissen. Ein kurzer Blick zurück, wobei er die Hand an die Mütze legt und sein Städtchen stumm grüßt. Die Hände in den Taschen vergraben geht er seinen Weg. Er ist ein Pilger. Nur das Nötigste hat er auf diese Reise mitgenommen, Wäsche, Geldbeutel, Hygieneartikel und ein zweites Paar Schuhe. Eigentlich nicht mehr. Jeder Luxus liegt hinter ihm, Utensilien der modernen Massenkultur hat er abgestriffen wie eine zu eng gewordenen Haut. Frei sein, ohne Handy, Computer und E-Mail. An Proviant hat er nur wenig eingepackt; das muss zunächst reichen. Etwas Geld steckt hinten in seinem Schuh, knapp über der Ferse. Es muss auch so gehen. Er ist ein Pilger, der sich nach Reinigung sehnt. Nicht zwingend nach Läuterung, denn er hat keinerlei Schuld auf sich geladen. Es ist jedoch der alte Ballast, der sich die letzten Jahre angehäuft hat, und den er nun abladen möchte. Sand knirscht unter seinen Schuhen. Der Weg ist weit. Manche gehen ihn komplett zu Fuß, andere nicht, denn es sind mehrere Hundert Kilometer. Auf diesem Weg ist man nicht mehr so einsam wie früher, denn viele Bücher wurden in den letzten Jahren über ihn geschrieben. Doch auch wenn hier mittlerweile vielleicht mehr Menschen sind, als einem lieb ist, kann man immer noch gut zu sich selbst finden. Jeden Abend wird in einer Herberge mit anderen Pilgern gerastet und sich ausgeruht. Neue Kräfte sammeln. Dann entsteht Kommunikation. Man tauscht Erfahrungen aus, teilt Erlebnisse und Eindrücke über sprachliche Grenzen hinweg. Am nächsten Morgen bricht man früh auf und geht weiter...manche in kleinen Gruppen, aber die meisten dann doch für sich. Die Sonne kann manchmal grausam sein. Sie scheint dann unerbittlich herab auf die eifrigen Pilger, die schweißüberströmt immer weitergehen, das Ziel, die große Basilika, stets vor Augen. Pablo trifft Maria; beide kommen sich auf dieser Reise näher, werden ein halbes Jahr später heiraten und weitere neun Monate später ihr erstes gemeinsames Kind zur Welt bringen. Einen Jungen namens Frederik. Dieser Weg bringt zusammen, kann aber auch trennen, indem man alte Gewohnheiten gleichsam am Wegesrand ablegt, liegen lässt und weitergeht. Marsch zu neuem Bewusstsein, in einen neuen Lebensabschnitt. Das erste Paar Schuhe hält recht lange. Erst nachdem er weit mehr als die Hälfte der Strecke hinter sich gelassen hat, fällt es auseinander. Feinsäuberlich stellt er die alten Treter am Wegesrand ab, schnürt seine neuen Schuhe und geht weiter. Die Spitzen der beiden abgetragenen Latschen zeigen parallel nach Norden. Am Ende der Reise stehen er und viele andere in der Basilika und beten. Es riecht unangenehm nach Schweiß und verbrauchter Luft, aber das stört hier niemanden. Die Glocken läuten und alle sind mit sich und der Welt im Reinen. Ein Lächeln huscht über ihre Gesichter.
bflo - 26. Nov, 17:17
Sonntag, 23. November, München
Der erste Schnee des Winters beginnt schon wieder zu tauen. Ich gehe die Straße entlang, am Krankenhaus vorbei. Die Trambahn kommt und Menschen steigen ein und aus. Aalglatte Stahlschienen schimmern zwischen den einzelnen Schneeflecken hindurch. Sie beginnen leise zu quietschen, als die Bahn darüber hinwegrauscht. Schnee spritzt zur Seite, ich gehe durch grauen Matsch, der sich mit dem Staub auf dem Bürgersteig vermischt hat. Wasser spritzt und der Winter scheint schon wieder vorbei. Fortsetzung folgt sicherlich. Ich steige auf mein Fahrrad und lasse die Reste des Winters unter meinen Reifen vorbeifliegen. Bewusst wähle ich Wege, die nicht geräumt und gestreut sind. Tauendes Eis knirscht und bricht, aber ich fahre vorsichtig. Die alte Schossmauer entlang bis nach Hause. Vieles wird sich die nächsten Wochen und Monate verändern. Das weiß ich ganz ohne astrologische Fernsehberatung für 1,99 Euro die Minute, denn so etwas fühlt und spürt man. Dieser Tod hat schon vieles verändert und wird dies auch in Zukunft tun. Der Einschnitt steht bevor. Ich bin wieder draußen, streife durch die Wälder und es fällt wieder Schnee. Ich kicke einen Stein vor mir her, er schlägt gegen ein Stück Holz und bleibt dann einfach liegen. Ein Radfahrer fährt an mir vorbei, ein Hund läuft ihm hinterher, schnüffelt sich durch den Schnee, markiert mit neongelbem Urin sein Revier. Ich habe Angst davor vieles zu verlieren. Wenn in einem Jahr der Abschied aus der Uni bevorsteht, fürchte ich mich gute Kontakte und liebgewordenen Freunde zu verlieren. Ich muss jetzt schon Vorkehrungen treffen, versuchen die Leute an mich zu binden. Besonders SIE darf ich nicht verlieren. Da sich einiges ändern wird, ändert sich möglicherweise auch in dieser Beziehung etwas. Es ist wieder an der Zeit, den Freunden zu sagen, wie wichtig sie einem sind. Das werde ich tun und nicht nur, weil Weihnachten vor der Türe steht. Wieder geht ein Jahr...fünf Wochen bleiben noch. Dann ist auch dies hier zu Ende, die Aufzeichnungen werden abbrechen und das Geschriebene archiviert. Solange dies hier durchs Netz geistert, ist es mitunter nicht sofort verloren. Tote Server. Das hier wird überleben. Äste knacken unter meinen Füßen, ich werfe einen Stock einige Meter vor mich, er bleibt im Tiefschnee stecken und wackelt noch ein wenig hin und her, geschüttelt von der Energie meines Wurfes. Vor mir liegt ein frisch beschneiter Weg, der Schneefall hat aufgehört und alles ist blitzweiß. Ich gehe einige Meter geradeaus, drehe mich um und blicke zurück. Ich sehe eine Straße aus paarweise nebeneinander liegenden Fußabdrücken. Ganz frisch und völlig makellos. Das bleibt.
bflo - 24. Nov, 22:54
Samstag, 22. November, München
Der erste Schnee fällt; zwar nicht besonders viel, aber die Wiese vor meinem Fenster ist weiß gezuckert. Alles Grün ist davon verschwunden, liegt unter der Schneedecke begraben. Ich gehe nach draußen, wo es angenehm kalt ist. Der Wind pfeift mir um die Ohren und verteilt das frisch gefallene Weiß gleichmäßig über den Straßenbelag. Streu- und Räumfahrzeuge sind im Einsatz.
Sie sitzt vor ihrem Fenster und lauscht angespannt der Erzählung ihrer drei Jahre jüngeren Schwester. Jene beschreibt menschenleere Ebenen, ausgedehnte Wälder und hektargroße Getreidefelder. Was ist das Getreide, Wiese, Wald? Sie sitzt da und starrt zum Fenster hinaus. Aber sie sieht nichts. Eine pechschwarze Wand steht zwischen ihren Augen und dem Leben jenseits davon. Seit ihrer Geburt ist sie blind, konnte noch nie in ihren jungen Jahren irgendetwas sehen. Zum Glück hat sie ja ihre Schwester, die ihr das beschreibt, was sie interessiert. Ich bin unfähig, mir so etwas vorzustellen. Die Welt nehme ich als gegeben hin, kenne die meisten Dinge, die mir begegnen aus meiner Erfahrung. Wie stellt sie sich die Welt vor? Wie denkt sie sich den Menschen? Vor dem Spiegel erkennt sie nichts. Natürlich kann sie ihren Bauch, ihre Hüften, ihren Po fühlen, aber eben nicht mehr. Sie hat noch nie einem Menschen gesehen. Wie geht das? Ich kann mir das nicht vorstellen! Undenkbar. Wie sieht die Welt aus? Sie weiß es nicht. Ich weiß, wie alles beschaffen ist, kenne die Bausteine aus denen sich meine Umgebung wie ein Mosaik zusammensetzt. Sie hat die innere Schau, sieht die Welt mit ihren Augen, die von der Außenwelt getrennt sind. Nehmen wir an, sie müsste eine Blume zeichnen. Wie würde sie dies tun? Könnte es sein, dass eine Blume die sie zeichnet wie ein Stuhl aussieht, den ich wahrnehme und umgekehrt? Wie schaut sie? Obwohl sie nichts sieht, ist sie zufrieden, lamentiert nie und ist mit sich und der Welt zufrieden. Sie riecht und fühlt ganz anders als wir, ist offener für Berührungen, empfindet intensiver und feinfühliger. Die Beschreibungen ihrer Schwester brechen ab, die Vorstellung ist für heute beendet. Nun ist es die Phantasie der Blinden, die auf eine weite Reise geht und sich das eben Gehörte bildlich vorstellt, obwohl sie es nie selbst wird erkennen können. Ich werde nie in ihr Inneres dringen. Die Schwester führt sie zurück an den Schreibtisch, bring Papier und Stifte. Die Blinde greift einen der Stifte und beginnt zu malen. Sie taucht hinab, runter in ihre Welt. Eine Welt ohne Licht; ohne Farben, aber dennoch voller Bilder, Eindrücke und Vorstellungen. Die Welt ihrer Phantasie.
bflo - 23. Nov, 23:24
Freitag, 21. November, München
Zunächst ging er immer noch regelmäßig zur Schule. Wie es sich für einen Jungen in seinem Alter gehört, kam er mittags nach Hause, aß eine Kleinigkeit und widmete sich dann seinen Schularbeiten. So war das also während jener Zeit, als er noch aufs Gymnasium ging und gute Noten mit ins elterliche Wohnzimmer brachte. So war das, denn mit der Zeit kam die Sucht. Ein Kumpel hat ihn eingeführt in die virtuelle Welt, in ein anderes Leben. Ein Packt mit dem Teufel. Des Computers Kern? Mephisto!
Es ist für ihn zunächst wie das Abtauchen in eine andere Welt, in der andere Gesetze gelten und in der er größer, stärker und angesehener ist. Ein paralleles Universum neben seinem eigenen. Was als Hobby begann, wurde schnell mehr. Heute ist er süchtig...das gibt er offen zu.
Es ging bergab; zunächst in der Schule und dann im Freundeskreis. Wer gibt sich schon gerne mit einem ab, der tagsüber bei Sonnenschein in seinem abgedunkelten Zimmer vorm PC sitzt und grüne Zombies niedermetzelt. Für die Realschule sind seine Noten zu schlecht gewesen, weshalb er nach der Hauptschule Schluss gemacht hat. Ausbildung? Fehlanzeige. Mit Online-Games Geld verdienen, das ist die Zukunft. Seine Mutter ist verzweifelt. Oft reißt sie am Nachmittag die Vorhänge einfach auf und flutet das kleine Kinderzimmer mit Licht. Ihr Sohn kneift dann nervös und geblendet die Augen zusammen und fragt wie spät es denn sei. Alltag. Mana, Map und Charakter statt Taschengeld, Kneipe und Freunde. Echtes Geld braucht er ja sowieso nicht, da er so gut wie nie einkaufen geht. Essen, zocken und schlafen...das hält zusammen. Eine Trennung von seinem Computer bedeutet für ihn eine Art Tod, wie er selbst sagt. Wenn es WoW, Counter Strike etc. nicht mehr gäbe, würde er nicht mehr leben wollen. Um seine beiden Brüder kümmert er sich nicht, beneidet sie nicht einmal, wenn sie im sonnengefluteten Garten Volleyball spielen. Spät abends sitzt seine Mutter oft alleine am Küchentisch, das Gesicht in den Händen verborgen und weint bis hinein in den Morgen, in die aufgehende Sonne. Ein neuer Tag. Ich zappe durch die Programme und bleibe bei Giga hängen. Da reden Erwachsene wirres Zeug über ein Online-Rollenspiel. Ich brauche eine Übersetzung aber es gibt keine. Ich verstehe kein Wort. Lachend schalte ich weiter durch die Programme; auf einem Spartenkanal läuft ein Beitrag über Internet- und Onlinegamesucht. Erschütternd. Da hört der Spaß dann auch auf, denn die Betroffenen sind ernsthaft krank. Kinder, Jugendliche, Erwachsene...verteilt auf alle Schichten. Leichenblasse Gesichter, da viele seit Monaten kein Sonnenlicht mehr gesehen haben. Im Bett liegend denke über das Gesehene nach, schlafe aber dennoch zügig ein. Am nächsten Tag stehe ich auf, renne raus auf die Straße und mache einen Spaziergang. Bäume, Sträucher, der Himmel...alles da im wirklichen Leben. Ich umarme einen Baum und freue mich darüber in der Wirklichkeit zu leben. Aber ist Wirklichkeit nicht Ansichtssache? Für mich ist eben das real, was ich anfassen kann. Andere schaffen sich ihre eigene Wirklichkeit. Trotzdem bin ich froh, dass ich meine Realität befühlen kann. Ein Mann kommt mir entgegen. Ich frage ihn nach der Uhrzeit; halb neun in der Wirklichkeit.
bflo - 23. Nov, 10:13
Donnerstag, 20. November, München
Er verabschiedet sich in der S-Bahn von zwei Mädchen und steigt an der nächsten Station aus. Beide Frauen sind auffallend hübsch. Ich stehe ganz in der Nähe, beobachte die Szene zunächst nur, aber als der Kerl ausgestiegen ist, höre ich etwas genauer hin.
„Wäre der nicht was für dich?“, meint die eine. „Er ist schon nett, aber nee…na ja einmal vielleicht, wenn ich besoffen bin!“, entgegnet die Freundin. Beide beginnen zu lachen und tuscheln aufgeregt miteinander.
Ich kann nicht glauben, was ich gehört habe. Ist es wirklich das, was Frauen wollen? Ausgenützt und gefickt werden? Das kann doch nicht sein. Ich habe so langsam das Gefühl, als ob ich bei Frauen alles falsch mache. Gespräche wie diese machen mich sehr nachdenklich und lassen mich manchmal an der Welt verzweifeln. Am liebsten ganz weit weg sein…Neuanfang.
Ich schwöre, dass es ein Zufall war. Nichts ahnend betrete ich den Kaufhof und dann sehe ich sie auch schon. Sie promotet hier irgendetwas. Ich bleibe stehen, sehe mich um und stelle fest, dass es wohl irgendwie mit Wäsche zu tun hat. Socken, Krawatten, Hemden und anderes Zeugs. Sie hat mich noch nicht gesehen, ist gerade beschäftigt und wuselt aufgeregt hin und her. Ich schleiche mich rüber zu den Büchern und greife wahllos in den Stapel. Ein Buch von Rainer Calmund…na prima. Ich blättere wahllos in dem Werk, aber der Inhalt interessiert mich nicht wirklich. Meine Augen suchen immer wieder nach ihr. Ich scanne Menschen, Gegenstände und die gesamte Umgebung. Ein Kaugummi, den brauche ich jetzt dringen. Schnell rüber in die Feinkostabteilung. 1000 Süßigkeiten warten auf mich. Ich verliere den Überblick und frage eine Verkäuferin. An der Kasse. Schwierige Entscheidung; billig muss es sein und schnell soll es bitte gehen. Ich greife nach einer Stange Vivil. Dunkelblau. Vor mir kaufen drei Chinesen Ferrero-Produkte. Die Verkäuferin versteht kein Wort, nimmt den einhundert Euroschein und wechselt. Ich gucke auf mein Vivil: „Kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken.“ Ich nehme drei der runden Pfefferminzbonbons und stecke sie auf einmal in den Mund. Durch die Parfümabteilung zurück zu ihr. Atem? Passt! Ein Flakon an dem ich vorbeistreife wackelt bedenklich. Glück gehabt. Sie sieht wieder so unglaublich gut aus. Die Männer lassen sich gerne von ihr beraten…wen wundert das. Ein junger Kerl lässt sich von ihr gerade Socken zeigen. Sie ist so hübsch. Ich betrachte sie aus der Ferne, habe nicht den Mut zu ihr zu gehen. Sie ist ja auch beschäftigt, kann sich vor Kunden kaum retten. Eine Art unsichtbare Mauer trennt mich von ihr, hält mich zurück. Ich schiebe noch drei Vivil in den Mund, ehe ich gehe. Sie ist mit einem Stapel Hemden einfach verschwunden. Vielleicht sehe ich sie nächste Woche wieder in der S-Bahn oder sie ist erneut hier. Wer weiß! Traurig fahre ich mit der Rolltreppe nach unten und verlasse das Kaufhaus.
bflo - 21. Nov, 19:36
Mittwoch, 19. November, München
Einsam liegt das Haus oben auf dem Hügel, dem kleinen Berg, von dessen höchstem Punkt man die ganze Ebene überblicken kann. Über Nacht hatte es geschneit und nun liegt das solitär stehende Wohnhaus unter einer dicken Schneedecke begraben. Der Morgen erwacht und als sie das Fenster öffnet knistern winzige Eisblumen und das Geräusch von zu Boden fallendem Schnee durchtrennt die Stille. An einem Tag wie diesem gibt es für sie kaum einen Weg vor die Türe. Monatelang hat sie sich genau darauf vorbereitet, Lebensmittel gebunkert und die letzten Geschäfte und Besorgungen in der großen Stadt schrittweise erledigt. Die Landschaft gleicht einer Winteridylle; zentimeterhoch liegt der Schnee auf den Ästen der massiven Fichten, vereinzelt sind Spuren aufgebrachter Wildtiere zu sehen. In der Luft liegt ein Knistern und es riecht nach noch mehr Schnee, nach noch mehr Winter. Sie möchte mit niemandem tauschen. Die große Stadt, die ziemlich weit von ihrem Haus entfernt liegt, hasst sie. Nur im Sommer muss sie dorthin, um auf den Märkten die Dinge zu verkaufen, die sie selbst hergestellt hat. Davon kann sie gut leben. Mehr braucht sie nicht, um zufrieden zu sein. Heute öffnet sie ihre Haustüre und stellt fest, dass der Neuschnee ihr bis zu den Knien. An einen Gang vors Haus ist nicht zu denken, zumal eine unendlich weiße Landschaft vor ihr liegt, die sie einfach nur genießen möchte. Zurück in der Wohnstube öffnet sie den kleinen Kachelofen in der Ecke des Zimmers und legt zwei Scheite Holz nach. Sie möchte mit niemandem tauschen. Wohlige Wärme durchflutet sogleich das ganze Zimmer. Eine der beiden Katzen schleicht neugierig zum Kamin, denn ein kleines Stück Glut war beim Holznachlegen auf den Steinboden gefallen. Neugierig schnuppert das Kätzchen daran. Wer im Winter hier lebt, liebt die Einsamkeit. Die nächsten Wochen und Monate wird sich niemand mehr hierher verirren. Das ist auch gut so. Dann hat sie Zeit um zu Stricken, zu Nähen und zu Spinnen. So stellt sie Produkte her, die sie im Frühjahr und Sommer unten in der großen Stadt gut verkaufen kann. Die Leute lieben Handgearbeitetes.
Der Förster stapft schweren Schrittes durch den Schnee um den Wildbestand in seinem Revier zu prüfen. Sein Blick fällt nach oben auf das kleine eingeschneite Häuschen auf dem Hügel und der mag nicht glauben, dass es zu dieser Jahreszeit noch bewohnt ist. Sich über die junge Frau wundernd schüttelt er für sich mit dem Kopf und geht weiter durch den schweren Schnee.
Es hat wieder zu schneien begonnen und die Spuren, die der Förster hinterlässt, sind nach wenigen Minuten nicht mehr zu sehen. So bildet das kleine Haus zu dieser Jahreszeit einen krassen Gegensatz zur geschäftigen Stadt ganz weit unten, wo Hektik und Stress die Menschen heimsuchen. Und sie, die von schlanker Figur und stiller Schönheit ist, lebt darin einsam, aber dennoch glücklich…in Frieden und Stille.
bflo - 21. Nov, 11:20