Freitag, 21. November 2008

Dunkelblaue Vivil

Donnerstag, 20. November, München

Er verabschiedet sich in der S-Bahn von zwei Mädchen und steigt an der nächsten Station aus. Beide Frauen sind auffallend hübsch. Ich stehe ganz in der Nähe, beobachte die Szene zunächst nur, aber als der Kerl ausgestiegen ist, höre ich etwas genauer hin.
„Wäre der nicht was für dich?“, meint die eine. „Er ist schon nett, aber nee…na ja einmal vielleicht, wenn ich besoffen bin!“, entgegnet die Freundin. Beide beginnen zu lachen und tuscheln aufgeregt miteinander.
Ich kann nicht glauben, was ich gehört habe. Ist es wirklich das, was Frauen wollen? Ausgenützt und gefickt werden? Das kann doch nicht sein. Ich habe so langsam das Gefühl, als ob ich bei Frauen alles falsch mache. Gespräche wie diese machen mich sehr nachdenklich und lassen mich manchmal an der Welt verzweifeln. Am liebsten ganz weit weg sein…Neuanfang.
Ich schwöre, dass es ein Zufall war. Nichts ahnend betrete ich den Kaufhof und dann sehe ich sie auch schon. Sie promotet hier irgendetwas. Ich bleibe stehen, sehe mich um und stelle fest, dass es wohl irgendwie mit Wäsche zu tun hat. Socken, Krawatten, Hemden und anderes Zeugs. Sie hat mich noch nicht gesehen, ist gerade beschäftigt und wuselt aufgeregt hin und her. Ich schleiche mich rüber zu den Büchern und greife wahllos in den Stapel. Ein Buch von Rainer Calmund…na prima. Ich blättere wahllos in dem Werk, aber der Inhalt interessiert mich nicht wirklich. Meine Augen suchen immer wieder nach ihr. Ich scanne Menschen, Gegenstände und die gesamte Umgebung. Ein Kaugummi, den brauche ich jetzt dringen. Schnell rüber in die Feinkostabteilung. 1000 Süßigkeiten warten auf mich. Ich verliere den Überblick und frage eine Verkäuferin. An der Kasse. Schwierige Entscheidung; billig muss es sein und schnell soll es bitte gehen. Ich greife nach einer Stange Vivil. Dunkelblau. Vor mir kaufen drei Chinesen Ferrero-Produkte. Die Verkäuferin versteht kein Wort, nimmt den einhundert Euroschein und wechselt. Ich gucke auf mein Vivil: „Kann bei übermäßigem Verzehr abführend wirken.“ Ich nehme drei der runden Pfefferminzbonbons und stecke sie auf einmal in den Mund. Durch die Parfümabteilung zurück zu ihr. Atem? Passt! Ein Flakon an dem ich vorbeistreife wackelt bedenklich. Glück gehabt. Sie sieht wieder so unglaublich gut aus. Die Männer lassen sich gerne von ihr beraten…wen wundert das. Ein junger Kerl lässt sich von ihr gerade Socken zeigen. Sie ist so hübsch. Ich betrachte sie aus der Ferne, habe nicht den Mut zu ihr zu gehen. Sie ist ja auch beschäftigt, kann sich vor Kunden kaum retten. Eine Art unsichtbare Mauer trennt mich von ihr, hält mich zurück. Ich schiebe noch drei Vivil in den Mund, ehe ich gehe. Sie ist mit einem Stapel Hemden einfach verschwunden. Vielleicht sehe ich sie nächste Woche wieder in der S-Bahn oder sie ist erneut hier. Wer weiß! Traurig fahre ich mit der Rolltreppe nach unten und verlasse das Kaufhaus.

Das Haus am Hügel

Mittwoch, 19. November, München

Einsam liegt das Haus oben auf dem Hügel, dem kleinen Berg, von dessen höchstem Punkt man die ganze Ebene überblicken kann. Über Nacht hatte es geschneit und nun liegt das solitär stehende Wohnhaus unter einer dicken Schneedecke begraben. Der Morgen erwacht und als sie das Fenster öffnet knistern winzige Eisblumen und das Geräusch von zu Boden fallendem Schnee durchtrennt die Stille. An einem Tag wie diesem gibt es für sie kaum einen Weg vor die Türe. Monatelang hat sie sich genau darauf vorbereitet, Lebensmittel gebunkert und die letzten Geschäfte und Besorgungen in der großen Stadt schrittweise erledigt. Die Landschaft gleicht einer Winteridylle; zentimeterhoch liegt der Schnee auf den Ästen der massiven Fichten, vereinzelt sind Spuren aufgebrachter Wildtiere zu sehen. In der Luft liegt ein Knistern und es riecht nach noch mehr Schnee, nach noch mehr Winter. Sie möchte mit niemandem tauschen. Die große Stadt, die ziemlich weit von ihrem Haus entfernt liegt, hasst sie. Nur im Sommer muss sie dorthin, um auf den Märkten die Dinge zu verkaufen, die sie selbst hergestellt hat. Davon kann sie gut leben. Mehr braucht sie nicht, um zufrieden zu sein. Heute öffnet sie ihre Haustüre und stellt fest, dass der Neuschnee ihr bis zu den Knien. An einen Gang vors Haus ist nicht zu denken, zumal eine unendlich weiße Landschaft vor ihr liegt, die sie einfach nur genießen möchte. Zurück in der Wohnstube öffnet sie den kleinen Kachelofen in der Ecke des Zimmers und legt zwei Scheite Holz nach. Sie möchte mit niemandem tauschen. Wohlige Wärme durchflutet sogleich das ganze Zimmer. Eine der beiden Katzen schleicht neugierig zum Kamin, denn ein kleines Stück Glut war beim Holznachlegen auf den Steinboden gefallen. Neugierig schnuppert das Kätzchen daran. Wer im Winter hier lebt, liebt die Einsamkeit. Die nächsten Wochen und Monate wird sich niemand mehr hierher verirren. Das ist auch gut so. Dann hat sie Zeit um zu Stricken, zu Nähen und zu Spinnen. So stellt sie Produkte her, die sie im Frühjahr und Sommer unten in der großen Stadt gut verkaufen kann. Die Leute lieben Handgearbeitetes.
Der Förster stapft schweren Schrittes durch den Schnee um den Wildbestand in seinem Revier zu prüfen. Sein Blick fällt nach oben auf das kleine eingeschneite Häuschen auf dem Hügel und der mag nicht glauben, dass es zu dieser Jahreszeit noch bewohnt ist. Sich über die junge Frau wundernd schüttelt er für sich mit dem Kopf und geht weiter durch den schweren Schnee.
Es hat wieder zu schneien begonnen und die Spuren, die der Förster hinterlässt, sind nach wenigen Minuten nicht mehr zu sehen. So bildet das kleine Haus zu dieser Jahreszeit einen krassen Gegensatz zur geschäftigen Stadt ganz weit unten, wo Hektik und Stress die Menschen heimsuchen. Und sie, die von schlanker Figur und stiller Schönheit ist, lebt darin einsam, aber dennoch glücklich…in Frieden und Stille.

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