Montag, 15. Dezember 2008

Burger und Glühwein

Freitag, 12. Dezember, München

Weihnachtseinkäufe bedeuten Krieg. Der Weg in die Innenstadt gleicht dem Marsch durch ein Schlachtfeld. Links, recht, überall muss man sich behaupten. Die S-Bahn ist bis zum letzten Platz voll gestopft. Ich stehe zusammengepfercht zwischen Massen von Menschen. Alles drückt und drängelt. Neben mir telefoniert eine junge, gut aussehende Frau, blökt Worte in ihr Mobiltelefon. Gestern zu viel Glühwein getrunken, heute so einen Schädel auf. Wir hatten eigentlich schon genug, aber dann kam noch der Michael und dann waren des noch einmal drei oder vier Becher Glühwein. Sagt sie. Ein Geschäftsmann neben mir unterhält sich ebenso angeregt mit seiner Sekretärin. Diktiert ihr etwas in die Feder, sie schreibt es nieder. Fehler...Bitte korrigieren sie das. Na ja ich bin ja schon einiges gewohnt, habe ein dickes Fell in punkto S-Bahn Gespräche. Dann flutet es mich hinaus aus der Bahn und ich verschmelze mit dem Strom der Masse. Überall ist etwas los, Weihnachtsmänner stehen dumm rum und verteilen Schokolade an eifrige Kaufhausbesucher. Aus allen Boxen dröhnt Musik. Ich schleiche durch die Regale, vorbei an Parfüm, Duschgel und Shampoo. Aber für wen kaufe ich hier eigentlich ein? Wer bedeutet mir etwas? Wem schenke ich etwas? Gedankenverloren und wie in Trance greife ich wahllos in eines der Regale. Ich greife einen schönen Flakon, stelle ihn aber sogleich wieder zurück. “Eternal love”. Das brauche ich absolut nicht. Mein Blick wandert weiter, streift die Auslagen. Ich bin ratlos. Ohne etwas gekauft zu haben, verlasse ich schließlich das Geschäft wieder. Nachdenklich bin ich geworden, stelle mein Handeln in Frage. Bei einer der großen Fastfood-Ketten esse ich seit sehr langer Zeit einmal wieder einen Hamburger. Ich bin froh kurz sitzen zu können, um mich auszuruhen. Genussvoll beiße ich in meinen Burger und kaue angeregt. Alles ist festgefahren, die Spielräume sind ausgereizt. Ich bewege mich als Grenzgänger durchs Leben, immer am Rand. Ich kann jederzeit abstürzen, das ist immer ein Risiko. Man muss wachsam sein. Zudem aber auch eine Chance. Ich kann versuchen, wieder weiter nach innen zu kommen. Der Weg wird kein leichter, wird lange und steinig werden. Dann noch ein Glühwein auf dem Christkindelmarkt. Der haut gut rein, ist recht stark und ein Burger als Grundlage ist auch nicht gerade so üppig. Gedankenverloren lehne ich an einem der Tische und starre auf eine der bunten Marktbuden.

Sonntag, 14. Dezember 2008

Ein stolzer Mann

Donnerstag, 11. Dezember, München

Die Menge schiebt sich über den Weihnachtsmarkt. Ich habe Glück, dass ich recht früh dran bin. Es ist zwar schon mächtig viel los, aber es könnte schlimmer sein. Später wird es dann auch noch schlimmer. Menschen scharen sich um die Glühweinstände, essen türkisches Fladenbrot oder französische Creps. Irgendwo ist immer etwas los, bewegt sich etwas. Es ist hübsch kalt und die heißen alkoholischen Getränke verkaufen sich praktisch von selbst. An einem Stand dampft eine überdimensionalgroße Feuerzangenbowle gemütlich vor sich hin. Gemächlich fließt Zucker in stetem Tropfen in den großen mit Rotwein gefüllten Kessel. Es duftet angenehm nach Orangen, Zitronen und diversen Gewürzen. Verkäufer schütten aus mächtigen Schöpflöffeln Bowle in Porzellanbecher. Geld wechselt über die Theke seinen Besitzer. Aus einem Zelt dringt merkwürdige Musik. Ich gehe hin, identifiziere das Zelt als Indianer-Tipi und sehe mich neugierig um. Eine Menschentraube hat sich vor dem Zelteingang gebildet, Menschen stehen neugierig draußen davor, einige sind drinnen. Bunte Federn schmücken die äußere Spitze des Tipis. Von welchem Tier die wohl sein mögen? Drinnen steht ein faltiger Mann, mit aus Horn gearbeiteten Ketten um den Hals und bunten Stoffbändern um die Fesseln seiner Arme. Ein echter Indianer, der zudem auch noch einen Tierzahn um den Hals über seinem togaartigen Gewand trägt. Mit einer merkwürdigen Rassel in der Hand macht er beständig mystische Geräusche im Rhythmus der säuselnden Musik, die hinter ihm aus einem Ghetto-Blaster kommt. Wow. Die ganze Szenerie hat etwas Gespenstisches an sich, aber die Leute bleiben trotzdem stehen und blicken den Fremden neugierig an. Dieser beginnt eine Geschichte zu erzählen. Ich kann den Inhalt nicht im Detail wieder geben. Aber irgendwie geht es wohl um seinen Stamm, der nun nicht mehr wie früher in der weiten Prärie, sondern eingesperrt in diversen Reservaten leben muss. All die Dinge, die man an diesem Stand kaufen kann, haben seine Leute in Handarbeit hergestellt. Sie seien ein stolzes Volk, das sich nicht gerne Vorschriften machen lässt, aber man akzeptiere das Zusammenleben mit den weißen Brüdern. Sie leben von Ackerbau und Viehzucht und ihm sei es eine Ehre hier in der westlichen Welt, in einer modernen Großstadt zu Gast sein zu dürfen. What a pleasure. Er erzählt noch etwas anderes, was, das habe ich aber vergessen. Der Indianer hat eine unglaubliche Ausstrahlung...durch seine Worte hat er die Menschen gebannt. Sie strömen in sein Zelt, betrachten neugierig die angebotenen Waren. Ob die T-Shirts mit Wölfen drauf und die CDs mit magischen Klängen auch in Handarbeit entstanden sind, bleibt dahingestellt. Trotzdem ist er ein großer Mann, einer der immer noch für sein Volk kämpft, einer, bei dem man das Leuchten in den Augen sieht und der das Vertrauen seiner Mitmenschen gewinnt. Einer, der unseren Kindern etwas zu erzählen hat. Geschichten von seinen Leuten, aus seinem Land und aus seinem Leben. Ich bin ein Indianer.

Freitag, 12. Dezember 2008

Austauschbar

Mittwoch, 10. Dezember, München

Um diese Zeit Anfang Dezember 2007 stand ich in der Schlange vor der Kneipe “Substanz” und habe auf den Einlass gewartet. Die Reihe derer, die mit mir stehen und warten ist lange. Sarah Kuttner moderierte am Rande des Poetry Slams für irgendeine Sendung des WDR durch den Abend. Draußen war während des Tages bereits etwas Schnee gefallen, aber abends hatte es aufgehört und war kalt geworden, richtig kalt. Ein Viehtransporter rauschte durch die Nacht. Zunächst hörte man nur das Quieken der Schweine, das aus dem Lastwageninneren nach draußen drang, aber wenig später war auch der Geruch wahrnehmbar. Es roch nach Sau. Voll fahren sie in die eine, leer in die andere Richtung. Denn dort hinten, nicht sichtbar in der Ferne, liegt der städtische Schlachthof. Ich schien unendlich lange auf Einlass zu warten, mir wurde kalt an den Füßen und die Oberschenkel fühlten sich auf einmal ganz klamm an. Sicher waren sie unter dem Jeansstoff ganz rot geworden. Ich wippte auf und ab, rieb mir die Beine, um etwas warm zu werden. Dann schließlich war ich drin und die Show konnte beginnen. Circus Maximus.
Und so werde ich auch kommenden Sonntag draußen stehen und in der Schlange frieren. Die Menschenreihe wird wieder so lange sein, dass sie bis zum U-Bahn Eingang reicht. Mir wird wieder kalt sein und es wird womöglich wieder schneien. Wieder ein Tag im Dezember. Es wird ein Jahr vergangen sein, 12 Monate, 366 Tage, denn wir haben ja Schaltjahr. Es wird sich nichts verändert haben.
Der Abend scheint austauschbar mit dem im letzten Jahr. Es scheint, dass sich weder das Drumherum noch ich mich verändert habe. Alles ist beliebig kombinierbar, beliebig ummontierbar, beliebig zu vertauschen. Einzig ein anderer Himmel wird sich über mir erheben. Aber ist das dann auch wirklich ein anderer Himmel. Ich jedenfalls werde derselbe sein. Und doch: Man hat weiter gelebt, Tage, Stunden und Minuten verbraucht und abgetragen. Die Kleidung, die ich trage wird bestenfalls die gleiche, aber keinesfalls dieselbe sein. Oder doch? Ich bin verwirrt. Ich habe mich in der Welt bewegt, Dinge sind passiert, die äußeren Parameter haben gewechselt. Dennoch werde ich dort stehen, ohne gravierende persönliche Veränderung. Ich bin älter geworden, na gut, aber die Schlange und die Menschen werden immer noch da sein. Aber sie sind andere. SIE haben sich verändert, sind verschwunden und durch Neue ersetzt worden. Dann werde ich trotzdem weder ein Teil dieser kleinen Gemeinschaft auf Zeit sein, die draußen friert und an der ein mit Schweinen vollbesetzter Viehtransporter vorbei durch die Nacht zum Schlachthof rollt.

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Knochenkrebs

Dienstag, 09. Dezember, München

Ein kleines Mädchen sitzt auf der Schaukel und schwingt leicht hin und her. Mit beiden Händen hat sie die Stahlketten, die die kleine Plastiksitzschale halten fest umklammert. Die Finger stecken in dunkelroten Handschuhen, der Blick fällt starr zu Boden und Atemluft wird in der Kälte dieses Dezembertages zu aus ihrem Mund aufsteigendem Rausch. Die bunte, von der Mutter selbst gestrickte Wollmütze sitzt ein wenig schief auf dem Kopf. Ein kalter Wind umweht die Gestalt des kleinen Mädchens und legt sich wie Eis auf die Haut ihrer zarten Wangen. Diagnose Leukämie. Sie sieht traurig aus, dürfte eigentlich nicht hier sitzen, sondern müsste drinnen bleiben und sich schonen. Sie will Schnee fühlen. Vor einige Wochen war das Draußen weiß gezuckert, alles Grün winterlich eingepackt.
Da war sie im Krankenhaus, zum wiederholten Mal in diesem Jahr. Wieder Untersuchungen, wieder Therapie. Als sie dann nach Hause kam, war der ganze Schnee geschmolzen. Dabei liebt sie das weiche, angenehme Schneegefühl, zerreibt gerne Eiskristalle zwischen den Fingern oder hält sich Schneebälle an die Backen. Kalt und weich. Ihre Mutter kommt aus dem Haus, hat die Kleine überall gesucht, denn das Mittagessen steht auf dem Tisch. “Ich warte auf Schnee!”, lautet die leise Antwort des Mädchens. Nach kurzer Diskussion steht sie von ihrer Schaukel auf und trabt langsam ins Haus, wo die Mutter einen großen Teller Spaghetti vorbereitet hat.
Krankenhäuser gehören zu ihrem Alltag und sind für sie beinahe das, was die morgentliche Tasse Kaffee für den Angestellten im Büro ist. So viele Untersuchungen, so viele Diagnosen, so viele Therapien und so wenig Heilung. Stillstand. Im Moment geht es ihr etwas besser. Sie will dann immer nach draußen, die frische Luft atmen, den Wandel der Natur erleben und den Rückzug der Tiere und Pflanzen beobachten. Der Krebs hat sie in ihren jungen Jahren physisch sehr stark gemacht, aber körperlich äußerst geschwächt. Wenn andere Kinder spielen und herumtollen, kann sie nur stumm zusehen, eingesperrt in ihrer eigenen Welt. Die Fensterscheibe markiert die Grenze zum Außen. Trotzdem wirkt sie eigentlich ganz gesund. Das war 2007.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag war das Mädchen tot. Der Krebs, gegen den sie so lange gekämpft hatte, war schließlich stärker gewesen. Sie war noch wie im Rausch vom Glanz und Glück des Heiligen Abend und des ersten Feiertages. Am Vormittag dieses 26. Dezember hatte es zu schneien begonnen. Sie raus ins Freie. Mit ihren Stiefeln hinterließ sie einzelne Fußabdrücke, wie zum Zeichen, dass sie draußen war. Abends fühlte sie sich schwach und schwindlig, zitterte am ganzen Körper, bekam Fieber. Die Mutter trug sie in ihr Bett und deckte sie zu. Dann schlief sie langsam ein, ohne wieder zu erwachen. Ihre Eltern saßen spät noch spät mit verweinten Augen auf der Couch. Den ganzen Tag über hatte es stark geschneit und erst aufgehört, als das kleine Mädchen für immer gegangen war. Draußen unter der weißen Pracht sind ihre Fußabdrücke immer noch vorhanden, wenn auch unsichtbar.

Be here now

Montag, 08. Dezember, München

Gerade eben jetzt stehe ich am Bahnhof. Es ist früh, verdammt früh, zu früh. Menschen hasten eilig an mir vorüber, es ist noch dunkel. Gerade eben jetzt fährt auf einem Gleis eine S-Bahn in den Bahnhof ein, auf einem anderen verlässt ein Zug den Bahnhof. Hellblaue Blitze zucken durch den frühen Morgen...es knistert. Der Stromabnehmer verschmilzt mit den Kabeln der Oberleitung, die vor klirrender Kälte starren. Darum sprühen blaue Funden durch die Düsternis des frühen Tages. Gerade eben jetzt steige ich in einen Zug ein, der den Bahnhof auf seinem Gleis verlassen wird und zur nächsten Station fährt. Mein Wagen ist überfüllt, weshalb ich keinen Sitzplatz mehr bekomme. Ich muss stehen...gerade eben jetzt.
“Be here now” ist ein Experiment, womit man die Konzentration verbessern kann. Wenn die Gedanken sich auf die Reise machen, man selbst abdriftet irgendwohin, dann sagt man sich einfach “Be here now” und findet zu sich selbst zurück. Funktioniert das wirklich? Schulterzucken.
Ich gehe nach drinnen, um mich aufzuwärmen nach dem Schneeräumen. Kalt war es geworden, Schnee war gefallen und Räumfahrzeuge sind unterwegs um die weiße Pracht wieder zu beseitigen. Sie fragt, ob ich Tee mit einem Schuss Rum möchte. Ich sage ja und sie geht ab in die Küche. Das kleine Zimmer ist spärlich eingerichtet, die Möbel scheinen aus grauer Vorzeit und die Tapete aus dem Mittelalter. Mindestens. In der Ecke brennt eine Lampe einsam vor sich hin. Ansonsten ist es nahezu ganz dunkel. Auch draußen macht die Helligkeit langsam Platz, da der Abend näher rückt. Der Tee kommt. Die alte Frau bringt ihn stolz auf einem silbernen Tablett. Dampfschwaden steigen von der Tasse hoch an die Decke.
Ich stelle fest, dass es sich um Rum mit einem Schuss Tee zu handeln scheint. Man ist der stark. Ich stelle mein Lächeln zur Schau, obwohl es mir im Gesicht einzufrieren droht, mache gute Mine zum bösen Spiel und nippe kräftig an der Tasse. Eigentlich nicht mehr fahrtüchtig verlasse ich das Haus der alten Dame nach dreißig Minuten wieder und schwinge mich auf mein Fahrrad. Ich rutsche...es hat angezogen, Frost legt sich über den Asphalt. Irgendwie komme ich gutgelaunt nach Hause...das mag am Rum liegen. Ausschließlich. Gerade eben jetzt! Nein, diese Geschichte hat sich bereits vor vier Jahren ereignet, damals während dem Zivildienst. “Be here now”. Reiß dich zusammen, komm zurück ins Jetzt. Subito.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Sie ist weg

Sonntag, 07. Dezember, München

Der Tag an dem...Am Vormittag fahre ich zum letzten Mal die Katze besuchen. Sie lebt immer noch alleine in dem leer stehenden Haus. Auf Dauer kein Zustand, vier Wochen sind eine lange Zeit, beinahe schon zu lange. Ein letztes Mal sperre ich behutsam die Eingangstüre auf, um das Tier nicht zu erschrecken. Ich betrete die schmale Diele und das Tier schleicht langsam vorüber. Strahlend helle Katzenaugen gucken mich neugierig an. Ein schrilles “Miau” verrät den Wunsch nach Futter. So geschieht es. Der Kater frisst und ist zufrieden. Es knirscht unter meinen Socken und ich bin in Reste von Katzenstreu getreten, die überall im Flur verteilt liegen. So ein Tier schleppt das zwischen und unter seinen Pfoten überall mit hin. Ich angle nach der kleinen Stoffmaus und drücke sie fest in der Hand. Es quietscht. Die Katze will spielen. Ich nehme den kleinen Stoffball, der an einer elastischen Gummischnur befestigt ist und schwinge ihn sanft vor den Augen des Katers hin und her. Der springt sofort darauf an, greift mit den Pfoten nach dem Stoffdings und jongliert es wild hin und her. Das Tier braucht dringend mehr Zuneigung, will gestreichelt werden, giert nach Berührung. Dann kommen die neuen Besitzer.
Endlich war es mir gelungen das Tier gut weiterzuvermitteln. Selbst kann ich es ja nicht in der Wohnung halten, denn es braucht Auslauf. Zudem: Dritter Stock. Über Zufälle, die es eigentlich sonst nur im Theater oder im Film gibt, hat sich ein neuer Besitzer für den Kater gemeldet. Ein Pärchen, er etwas älter als sie, kommt um das Tier abzuholen. Ich bin zufrieden. Beide machen einen guten Eindruck, haben selbst eine Katze, viel Erfahrung mit Tieren und ein großes Grundstück für enormen Auslauf. Er wird es gut haben. Ich habe dem Toten versprochen, dass sie Katze gut unterkommt. Das ist nun passiert. Und so scheint mit der Katze auch ein weiterer Teil des Verstorbenen für immer aus diesem Haus zu verschwinden. Etwas löst sich auf. Man verspricht mir, dass wir in Kontakt bleiben, ehe der Kater mit dem Transportkorb auf dem Beifahrersitz landet. Ich habe ein gutes Gefühl. Den Abschied habe ich sehr schnell und ohne Trauer vollzogen. Dennoch bin ich ein wenig betrübt. Dann braust das Auto davon, hinein in die Nacht, die langsam den Tag verdrängt. Der Kater wird es dort besser haben als hier, in einem toten Haus, das ja auch das Haus eines Toten ist. Stille herrscht drinnen, als ich zurückkomme. Nun ist es gänzlich leer, ausgestorben. Ich lösche alle Lichter und sperre die Haustüre zweimal ab. Dann setze ich mich auf mein Fahrrad. Wieder jemanden glücklich gemacht. Das Tier und die neuen Besitzer. Wer macht mich glücklich? “Die wunderbare Welt des...”. Ich habe ein gutes Gefühl. Hochzufrieden und auch ein wenig stolz fahre ich durch die Dunkelheit. Ich habe einmal mehr alles richtig gemacht, einen der letzten Wünsche des Toten erfüllt. Etwas geht zu Ende. Ich spüre es deutlich, als das Haus langsam hinter mir in Finsternis versinkt.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Eine Art Robin Hood

Samstag, 06. Dezember, München

Der kleine Transporter huscht unscheinbar über den schwarzen Asphalt. Mit der letzten Fuhre dieses langen Tages ist er an diesem späten Abend unterwegs. Der Berufsverkehr ist verebbt, die Straßen sind frei, kaum noch Autos sind unterwegs. Es ist seine Freizeit, die er hier zur Verfügung stellt und die Menschen danken es ihm. Nach der Arbeit klappert er mit einem kleinen Lieferwagen die Supermärkte der näheren Umgebung ab und sammelt übrig gebliebene Lebensmittel ein. Man gibt sie ihm gerne. Die Supermarktangestellten kennt er zumeist beim Vornamen, man grüßt sich und pflegt ein freundschaftliches Verhältnis. Sie schätzen ihn, der eine private “Tafel” aufgebaut hat und im Einmannbetrieb Lebensmittel an alte und bedürftige Menschen liefert. Dafür nimmt er kein Geld, denn alles Essbare sind Spenden der Supermärkte, die Dinge nahe dem Verfallsdatum wegwerfen müssen. Er hingegen nimmt sie gerne, denn andere Leute freuen sich. Dreimal die Woche ist er bei den Lebensmittelmärkten, aber jeden Tag bei den Bedürftigen zu Hause. Er klingelt und man macht ihm auf. Dann strahlt ihm eigentlich immer ein breites Lächeln entgegen und das freut ihn. Man reicht ihm eine Liste mit den nötigsten Dingen, die gebraucht werden und er geht zum Wagen, um eine Kiste mit Lebensmitteln zusammenzustellen. Ein paar weitere Minuten bleiben dann noch für ein bisschen Klatsch und Tratsch. Für die meisten der Bedürftigen ist er der rettende Engel, der sich auch verbal ihrer Sorgen und Nöte annimmt.
Die Weihnachtszeit rückt näher, die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Dann verwandelt er sich, spielt den Nikolaus für die Kinder, bringt ihnen ein paar Geschenke (alles Spenden) und hält ihnen ihre kleinen Sünden und Verfehlungen vor. Dann beginnen die Kinderaugen zu leuchten und auch er freut sich. Mit seinem Job kann er tagsüber gutes Geld verdienen, sodass er am Nachmittag und am Abend Zeit für sein Ehrenamt hat. Ohne Familie, ohne Frau und Kinder hat er sonst keinerlei Verpflichtungen. Er hilft den Armen, den Einsamen, eben denen, die am Rand der Gesellschaft leben müssen. Dabei ist er oft selbst einsam und traurig. Dann sitzt er mit einem Bier alleine daheim, starrt in den Fernseher und dankt nach über seine paradoxe Situation. Er hilft allen, ist der Sankt Martin seiner Kleinstadt, aber für ihn hat sich noch niemand gefunden. Abends müsste er reden, sollte seine Empfindungen und Eindrücke teilen, aber niemand wartet wenn er zur Türe hereinkommt. Daran denkt er auch jetzt, als er durch die Dunkelheit rast. Am Straßenrand steht eine junge Anhalterin. Er bleibt stehen, um sie mitzunehmen. Dann steigt sie ein und die Beifahrertür knallt zu. Wieder eine gute Tat, wieder jemandem geholfen. Der kleine Kastenwagen braust weiter durch die Nacht.

Wie gewonnen...

Freitag, 05. Dezember, München

5, 7, 34, 39 und 44...Boom, es knallt an einem Samstagabend! Gebannt sitzt er auf der Couch vor dem Fernsehapparat und kann sein Glück kaum fassen. Die Welt verschwimmt vor seinen Augen und er schaut abwechselnd zuerst auf den verknitterten Lottoschein und dann sofort wieder zum TV-Gerät. Es stimmt tatsächlich. Bei der Ziehung fällt jetzt noch die 15, die er leider nicht auf seinem Schein angekreuzt hat und auch die Zusatzzahl stimmt nicht mit seiner überein, aber fünf Richtige sind Wahnsinn. Der Hartz IV-Empfänger muss sich sofort setzen und stürzt ein volles Glas Wasser in einem Zug hinunter.
Den Sonntag verbring er alleine zu Hause, hält still und sagt zu keinem ein Wort.
Am Montag, ganz früh schon, betritt er die Lottoannahmestelle “Glückshafen” in Hamburg Altona. Dann verlässt er das Gebäude wieder, um 3834 Euro reicher. Er ist ein König. Die Taschen voller Geld schlendert er die lange Allee hinunter, bis er den kleinen Secound-Hand-Laden erreicht. Ein neuer Anzug, eine stattliche Hose und eine neue Seidenkrawatte. Bar bezahlt, versteht sich. Er ist ein neuer Mensch, fühlt sich frei und die Welt scheint ihm offen zu stehen. Was vorher eng und verschlossen war, ist jetzt weit und scheint grenzenlos offen. Er informiert seine Freunde, die wenigen die ihm noch geblieben waren. Er begleicht all seine Schulden, bezahlt Rechnungen und zerreißt Schuldschein um Schuldschein. Seine Sorgen werden weniger, aber auch sein Barvermögen beginnt zu schrumpfen. Doch die Rolle aus hellgrünen Scheinen fühlt sich noch dick und wohlgenährt an, liegt sie auch schwer in der Tasche. Er hat seine Freiheit. Dann trifft er auf der Straße zufällig einen alten Bekannten. Geld schuldet er ihm keines, aber dennoch erzählt er ihm von seinem Glück und dem unverhofften Geldsegen. Der Teufel in Menschengestalt redet auf den Glückspilz ein, schleift ihn in das nächste Casino und pflanzt ihn an einen Spieltisch. 17 + 4, Roulette und Poker...das ganze Programm. Da sitzt er, der Ahnungslose, und verspielt Euro um Euro. Mal gewinnt er ein paar Groschen zurück, aber der Einsatz ist hoch und zumeist ist der Glückspilz auf der Verliererstraße. Nach drei Stunden verlassen sie das Casino, treten hinaus auf die Straße, um etliche Euro ärmer. Der Teufel weicht von seinem Opfer, überlässt den Geschundenen wieder sich selbst. Der geht in seine Stammkneipe, mittlerweile war es Abend geworden, und stellt sich wie immer an den Tresen um noch ein paar Bier zu trinken und den Tag zu feiern. Etwas Geld ist ja noch übrig und er ist immer noch der König. Er zahlt seinen kompletten Deckel, eine stattliche Summe, und das Geld wird wieder weniger. Der Wirt ist überrascht, sieht er doch nach dreizehn Monaten Deckelschreiben wieder einmal Geld. Dann kommt ein weiterer Freund, fordert barsch eine Summe ein, die er dem Glücklichen vor einigen Wochen geliehen hat. Der händigt ihm die letzten grünen Scheine aus, sein letztes Geld, den letzten Teil des Lottogewinns. Nun hat er nichts weiter als ein paar Euro in der Tasche und ein bezahltes Bier vor sich auf dem Tresen. Trotzdem blickt er stolz nach vorn, die Zukunft kommt auf ihn zu. Er ist wieder so arm, wie zuvor, aber trotzdem zufrieden. Leicht, ja leicht fühlt er sich. Er nimmt die Flasche in die Hand, trinkt einen Schluck und zuckt die Schultern. Der Wirt lächelt.
Der Arme hat keine Sorgen, muss sich nicht mehr kümmern, dass sein Geld verloren geht.

Samstag, 6. Dezember 2008

XX-Chromosom

Donnerstag, 04. Dezember, München

Ich treffe sie zufällig während ihrer Arbeit. Rein ins Kaufhaus und da wuselt sie in ihrer Abteilung hin und her. Aushilfsweise und immer am Freitag. Beinahe jeden. Sie macht das unglaublich gut, hilft jedem und scheint immer freundlich zu bleiben. Sie ist wunderschön…sexy, gewagt, aber doch irgendwie passend. Sie sieht mich, grüßt flüchtig und ist auch gleich wieder weg. Das ging schnell, aber es ist ja auch viel zu tun. Menschen strömen die Rolltreppe hinauf ins Kaufhaus. Männer wollen sich beraten lassen. Ich stelle mich in die Nähe der Bücher und blättere wieder einmal wahllos irgendwelche Neuerscheinungen durch. Mein Blick allerdings klebt heimlich immer noch an ihr. Sie ist ziemlich beschäftigt und sieht mich darum auch nicht. Sie macht das wirklich gut. Ich luge zwischen einzelnen Buchseiten hindurch immer wieder auf ihren Hintern. Mein Ausblick gleicht dem eines Leuchtturmwärters, der oben auf seinem Turm steht und die Weite des Meeres überblicken kann. Sie geht davon, verschwindet durch eine Türe hindurch und auch ich lege das Buch weg und verlasse langsam das Kaufhaus. Nachdem sie mich flüchtig gegrüßt hatte, war ich, geblendet von ihrer Schönheit, zunächst wie paralysiert in den vierten Stock gefahren. Erst oben angekommen, wusste ich wieder wo ich war. Ziellos an den I-Pods vorbei, wieder nach unten. Dann habe ich mich hinter den Büchern versteckt, sie, die nach Südafrika ging und wieder zurückkam, beobachtet. Beinahe verschanzt wie ein Westernheld hat mein Paar Augen sie gescannt.
Ich gehe zum Hauptbahnhof, natürlich zu Fuß, um mir die Beine zu vertreten. Auf einer Bank, die sich neben einem der Gleise befindet, setze ich mich und stopfe mir Pommes Frites in den Mund. Ein wenig Ketchup bleibt in meinem Mundwinkel hängen und ein Stücken Kartoffel rutscht mir von meiner Holzgabel und fällt auf den Boden. Vor mir der Zug. Die Türen stehen offen, er fährt in fünf Minuten ab. Wohin? Keine Ahnung! Hauptsache weg. Jetzt einfach einsteigen, nicht lange warten, Türen zu und weg.
Die Füße treten auf den kleinen silbernen Tritt, der Oberkörper schiebt sich zwischen den Türen hindurch, die Füße folgen. Dann wird das Abteil abgeriegelt, die Türen gehen zu und der Zug quält sich langsam zum Bahnhof hinaus. Ganz langsam. Der Bahnsteig scheint zunächst verlassen, bis auf wenige Menschen. Keiner sitzt, alle stehen. Halt! Zusammengesunken kauert jemand ganz vorne auf einer der Bänke, spießt Pommes mit einer kleinen Holzkgabel auf und schiebt sie sich in den Mund. Ich…

Freitag, 5. Dezember 2008

Ein glücklicher Mann

Mittwoch, 03. Dezember, München

Wenn es draußen unerträglich kalt wird, geht er mit festen, schweren Schritten los, um im Nachtasyl ein paar Straßen weiter eine Herberge zu finden. Die Tür ins Warme kann nur von jemandem gefunden werden, der weiß, wo sie ist, liegt sie doch im Verborgenen abseits der großen Menschenmassen. Dreimal schlägt seine schwere Faust auf das massive Holz, ehe ihm geöffnet wird. Monika, eine schlanke, dunkelhaarige Frau bittet ihn herein. Drinnen, da ist es warm, da bekommt er etwas Obst, kuschelige Decken und einen Platz wo er die Nacht verbringen kann. Die Kälte bleibt draußen. Besonders schlimm sei, wenn es draußen nasskalt ist. Dann krieche ein beklemmendes Gefühl den ganzen Körper entlang und man friere, egal wie viele Jacken man sich angezogen habe. Drei oder vier, das sei dann egal. Das Leben auf der Straße ist hart. Im Sommer kann er es leichter ertragen, aber jetzt im Winter geht das nur schwer. Die Nächte werden länger und die Gefahr überfallen zu werden, nimmt stetig zu. Viele, denen es wie ihm geht, sind noch draußen, würden für ein paar Euro Straftaten begehen...oder Schlimmeres. Gestärkt und ausgeruht geht es am nächsten Tag dann wieder auf die Straße. Er schlendert zu seinem Stammplatz, legt seine Mütze auf den Boden und setzt sich auf den eiskalten Straßenbelag. Vereinzelt geben Leute ein paar Cent, aber viele verspotten ihn, den Bärtigen, und schreien ihm unschöne Kraftausdrücke hinterher. Das ist sein Leben. Er kann nicht mehr arbeiten, sein Rücken macht das nicht mehr mit und auch seine Augen sind schon ziemlich schwach. Das verstehen nur wenige. An Tagen wie diesen sitzt er dann einfach nur da, lauscht dem Lärm und den Geräuschen der Passanten und schläft ab und an kurzzeitig ein. Was soll er sonst auch tun. Er kennt das Leben auf der Straße nun schon sehr lange, weiß sich zu helfen und zu kämpfen. Doch bald ist Weihnachten und das ist eine grausame Zeit. Die Leute sind glücklich, mit ihren Familien und Freunden. Er selbst hat seine Kinder zehn Jahre nicht mehr gesehen. Seine Frau ist abgehauen, aber die Ehe bestand noch lange auf dem Papier. Möglicherweise ist er schon Großvater. Bei dem Gedanken daran zuckt er missmutig mit den Schultern. Wer weiß. Einige Tränen huschen langsam über seine Pupillen und bahnen sich ihren Weg in Richtung der Wangen. Ja, der Dezember ist wirklich hart für ihn. Freunde hat er keine, nur bei Marie, einer guten Freundin, konnte er bereits öfter einen der Feiertage verbringen. Beim Erzählen davon huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Nähe ist ihm, dem Ausgestoßenen, wichtig. Einem, der ausgestoßen wurde, weil er nicht mehr in die Gesellschaft passt, sich nicht mehr richtig fügt, ihr zur Last geworden ist. Aber nächstes Jahr darf er eine ganze Woche nach Hamburg fahren. Den Trip hat er geschenkt bekommen. Von wem? Keine Namen! Es ist wieder kälter geworden, an diesem Vormittag im Dezember. Er jedoch schlägt den Kragen hoch, knöpft die Jacke weiter zu und geht einfach mit schweren Schritten los. Nach zehn Metern dreht er sich um und winkt mir zu, ehe er ganz verschwunden ist. Ein glücklicher Mann.

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