Dienstag, 2. Dezember 2008

Esskastanien

Sonntag, 30. November, München

Auf dem Tisch liegt ein Handy. Rötlich und transparent schimmert es. Unter der äußeren Hülle tanzen vereinzelt Blumen hin und her. Es blinkt noch einige Male, ehe die Blumen verlöschen und die Oberschale sich wieder dunkelrot färbt. Dieses Spiel wiederholt sich immer dann, wenn das Handy aufgeklappt wird. Daran befestigt befindet sich eine kleine Perlenkette mit bunten Kügelchen verschiedenster Farben. Daneben baumelt eine “Hello Kitty-Katze” einsam hin und her. Mir ist langweilig, also beobachte ich meine Umgebung. Ich schaue immer wieder zu dem hübschen Mädchen, das mir gegenübersitzt und ab und an zurück lächelt. So vergeht Zeit. Der erste Dezember ist nahe...Welt-Aids-Tag, Vorweihnachtszeit. Der Christbaum ist wahnsinnig hoch, viele strahlende Lichter wurden daran befestigt und zu seinen Füßen stehen mittags um halb eins die Ersten und trinken Glühwein aus dunkelblauen Bechern. Mittagspause in Deutschland, in München, in der Fußgängerzone.
Danach wieder zurück ins Büro...”Heute gar nicht frei?” - “Ne, muss ja fertig werden!” - “Ach so”.
An allen Ecken und Enden dudelt einem beständig weihnachtliche Musik entgegen und es duftet nach Lebkuchen und Plätzchen. Ich komme irgendwie überhaupt nicht in Weihnachtsstimmung. In einer kleinen Holzhütte steht eine zierliche alte Frau und bietet heiße Maroni an. Sie sieht traurig aus, scheint zu frieren, obwohl sie doch in der Hitze Maroni röstet. Esskastanien finde ich als Bezeichnung ja spannender. Ist das identisch? Die Frau tut mir leid und ich entschließe mich zu einem Spontankauf. Erst im Nachhinein wird mir bewusst, dass ich gar keine Maroni mag. Trotzdem schiebe ich die runden Dinger in meinen Mund, kaue eifrig auf den heißen Klößen herum und siehe da, sie schmecken gar nicht so schlecht. Wieder jemanden glücklich gemacht. Samaritertum. Wer macht mich glücklich? – „Sorry, aber das ist nicht vorgesehen!“ - „Verstehe!“- „Nein, eigentlich verstehe ich nicht, kann nicht begreifen...aber es ist so.“ Alleine über den Weihnachtsmarkt streifen ist irgendwie auch langweilig. Stimmung kommt bei mir keine auf. Ich gehe durchs Kaufhaus und auch dort ist überall schon festliche Vorfreude. Ich rechne mit einem Nikolaus im roten Polyestermantel, mit falschem Bart im Gesicht, aber echten Kindern auf dem Schoß, entdecke aber keinen. Dafür steht ein kleiner Weihnachtsbaum in der Feinkostabteilung. Blaue Kugeln, kein Lametta...bizarr. Früher war mehr Lametta! Von einem Plakat grinst mich von oben herab Alfons Schuhbeck an. Der ist echt überall. Ich biege um die nächste Ecke, stelle mir Schuhbeck als Weihnachtsmann mit Bommelmütze auf dem Kopf und einem großen Sack in der Hand vor und bin schon wieder raus aus dem Kaufhaus. Vor dem Eingang der Parfümerie lächelt mich eine Frau an...ihr Haar hat unter dem künstlichen Neonlicht seinen natürlichen Glanz gänzlich verloren.

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