Sonntag, 23. November 2008

Innere Schau

Samstag, 22. November, München

Der erste Schnee fällt; zwar nicht besonders viel, aber die Wiese vor meinem Fenster ist weiß gezuckert. Alles Grün ist davon verschwunden, liegt unter der Schneedecke begraben. Ich gehe nach draußen, wo es angenehm kalt ist. Der Wind pfeift mir um die Ohren und verteilt das frisch gefallene Weiß gleichmäßig über den Straßenbelag. Streu- und Räumfahrzeuge sind im Einsatz.
Sie sitzt vor ihrem Fenster und lauscht angespannt der Erzählung ihrer drei Jahre jüngeren Schwester. Jene beschreibt menschenleere Ebenen, ausgedehnte Wälder und hektargroße Getreidefelder. Was ist das Getreide, Wiese, Wald? Sie sitzt da und starrt zum Fenster hinaus. Aber sie sieht nichts. Eine pechschwarze Wand steht zwischen ihren Augen und dem Leben jenseits davon. Seit ihrer Geburt ist sie blind, konnte noch nie in ihren jungen Jahren irgendetwas sehen. Zum Glück hat sie ja ihre Schwester, die ihr das beschreibt, was sie interessiert. Ich bin unfähig, mir so etwas vorzustellen. Die Welt nehme ich als gegeben hin, kenne die meisten Dinge, die mir begegnen aus meiner Erfahrung. Wie stellt sie sich die Welt vor? Wie denkt sie sich den Menschen? Vor dem Spiegel erkennt sie nichts. Natürlich kann sie ihren Bauch, ihre Hüften, ihren Po fühlen, aber eben nicht mehr. Sie hat noch nie einem Menschen gesehen. Wie geht das? Ich kann mir das nicht vorstellen! Undenkbar. Wie sieht die Welt aus? Sie weiß es nicht. Ich weiß, wie alles beschaffen ist, kenne die Bausteine aus denen sich meine Umgebung wie ein Mosaik zusammensetzt. Sie hat die innere Schau, sieht die Welt mit ihren Augen, die von der Außenwelt getrennt sind. Nehmen wir an, sie müsste eine Blume zeichnen. Wie würde sie dies tun? Könnte es sein, dass eine Blume die sie zeichnet wie ein Stuhl aussieht, den ich wahrnehme und umgekehrt? Wie schaut sie? Obwohl sie nichts sieht, ist sie zufrieden, lamentiert nie und ist mit sich und der Welt zufrieden. Sie riecht und fühlt ganz anders als wir, ist offener für Berührungen, empfindet intensiver und feinfühliger. Die Beschreibungen ihrer Schwester brechen ab, die Vorstellung ist für heute beendet. Nun ist es die Phantasie der Blinden, die auf eine weite Reise geht und sich das eben Gehörte bildlich vorstellt, obwohl sie es nie selbst wird erkennen können. Ich werde nie in ihr Inneres dringen. Die Schwester führt sie zurück an den Schreibtisch, bring Papier und Stifte. Die Blinde greift einen der Stifte und beginnt zu malen. Sie taucht hinab, runter in ihre Welt. Eine Welt ohne Licht; ohne Farben, aber dennoch voller Bilder, Eindrücke und Vorstellungen. Die Welt ihrer Phantasie.

Weltenbummler

Freitag, 21. November, München

Zunächst ging er immer noch regelmäßig zur Schule. Wie es sich für einen Jungen in seinem Alter gehört, kam er mittags nach Hause, aß eine Kleinigkeit und widmete sich dann seinen Schularbeiten. So war das also während jener Zeit, als er noch aufs Gymnasium ging und gute Noten mit ins elterliche Wohnzimmer brachte. So war das, denn mit der Zeit kam die Sucht. Ein Kumpel hat ihn eingeführt in die virtuelle Welt, in ein anderes Leben. Ein Packt mit dem Teufel. Des Computers Kern? Mephisto!
Es ist für ihn zunächst wie das Abtauchen in eine andere Welt, in der andere Gesetze gelten und in der er größer, stärker und angesehener ist. Ein paralleles Universum neben seinem eigenen. Was als Hobby begann, wurde schnell mehr. Heute ist er süchtig...das gibt er offen zu.
Es ging bergab; zunächst in der Schule und dann im Freundeskreis. Wer gibt sich schon gerne mit einem ab, der tagsüber bei Sonnenschein in seinem abgedunkelten Zimmer vorm PC sitzt und grüne Zombies niedermetzelt. Für die Realschule sind seine Noten zu schlecht gewesen, weshalb er nach der Hauptschule Schluss gemacht hat. Ausbildung? Fehlanzeige. Mit Online-Games Geld verdienen, das ist die Zukunft. Seine Mutter ist verzweifelt. Oft reißt sie am Nachmittag die Vorhänge einfach auf und flutet das kleine Kinderzimmer mit Licht. Ihr Sohn kneift dann nervös und geblendet die Augen zusammen und fragt wie spät es denn sei. Alltag. Mana, Map und Charakter statt Taschengeld, Kneipe und Freunde. Echtes Geld braucht er ja sowieso nicht, da er so gut wie nie einkaufen geht. Essen, zocken und schlafen...das hält zusammen. Eine Trennung von seinem Computer bedeutet für ihn eine Art Tod, wie er selbst sagt. Wenn es WoW, Counter Strike etc. nicht mehr gäbe, würde er nicht mehr leben wollen. Um seine beiden Brüder kümmert er sich nicht, beneidet sie nicht einmal, wenn sie im sonnengefluteten Garten Volleyball spielen. Spät abends sitzt seine Mutter oft alleine am Küchentisch, das Gesicht in den Händen verborgen und weint bis hinein in den Morgen, in die aufgehende Sonne. Ein neuer Tag. Ich zappe durch die Programme und bleibe bei Giga hängen. Da reden Erwachsene wirres Zeug über ein Online-Rollenspiel. Ich brauche eine Übersetzung aber es gibt keine. Ich verstehe kein Wort. Lachend schalte ich weiter durch die Programme; auf einem Spartenkanal läuft ein Beitrag über Internet- und Onlinegamesucht. Erschütternd. Da hört der Spaß dann auch auf, denn die Betroffenen sind ernsthaft krank. Kinder, Jugendliche, Erwachsene...verteilt auf alle Schichten. Leichenblasse Gesichter, da viele seit Monaten kein Sonnenlicht mehr gesehen haben. Im Bett liegend denke über das Gesehene nach, schlafe aber dennoch zügig ein. Am nächsten Tag stehe ich auf, renne raus auf die Straße und mache einen Spaziergang. Bäume, Sträucher, der Himmel...alles da im wirklichen Leben. Ich umarme einen Baum und freue mich darüber in der Wirklichkeit zu leben. Aber ist Wirklichkeit nicht Ansichtssache? Für mich ist eben das real, was ich anfassen kann. Andere schaffen sich ihre eigene Wirklichkeit. Trotzdem bin ich froh, dass ich meine Realität befühlen kann. Ein Mann kommt mir entgegen. Ich frage ihn nach der Uhrzeit; halb neun in der Wirklichkeit.

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