Innere Schau
Samstag, 22. November, München
Der erste Schnee fällt; zwar nicht besonders viel, aber die Wiese vor meinem Fenster ist weiß gezuckert. Alles Grün ist davon verschwunden, liegt unter der Schneedecke begraben. Ich gehe nach draußen, wo es angenehm kalt ist. Der Wind pfeift mir um die Ohren und verteilt das frisch gefallene Weiß gleichmäßig über den Straßenbelag. Streu- und Räumfahrzeuge sind im Einsatz.
Sie sitzt vor ihrem Fenster und lauscht angespannt der Erzählung ihrer drei Jahre jüngeren Schwester. Jene beschreibt menschenleere Ebenen, ausgedehnte Wälder und hektargroße Getreidefelder. Was ist das Getreide, Wiese, Wald? Sie sitzt da und starrt zum Fenster hinaus. Aber sie sieht nichts. Eine pechschwarze Wand steht zwischen ihren Augen und dem Leben jenseits davon. Seit ihrer Geburt ist sie blind, konnte noch nie in ihren jungen Jahren irgendetwas sehen. Zum Glück hat sie ja ihre Schwester, die ihr das beschreibt, was sie interessiert. Ich bin unfähig, mir so etwas vorzustellen. Die Welt nehme ich als gegeben hin, kenne die meisten Dinge, die mir begegnen aus meiner Erfahrung. Wie stellt sie sich die Welt vor? Wie denkt sie sich den Menschen? Vor dem Spiegel erkennt sie nichts. Natürlich kann sie ihren Bauch, ihre Hüften, ihren Po fühlen, aber eben nicht mehr. Sie hat noch nie einem Menschen gesehen. Wie geht das? Ich kann mir das nicht vorstellen! Undenkbar. Wie sieht die Welt aus? Sie weiß es nicht. Ich weiß, wie alles beschaffen ist, kenne die Bausteine aus denen sich meine Umgebung wie ein Mosaik zusammensetzt. Sie hat die innere Schau, sieht die Welt mit ihren Augen, die von der Außenwelt getrennt sind. Nehmen wir an, sie müsste eine Blume zeichnen. Wie würde sie dies tun? Könnte es sein, dass eine Blume die sie zeichnet wie ein Stuhl aussieht, den ich wahrnehme und umgekehrt? Wie schaut sie? Obwohl sie nichts sieht, ist sie zufrieden, lamentiert nie und ist mit sich und der Welt zufrieden. Sie riecht und fühlt ganz anders als wir, ist offener für Berührungen, empfindet intensiver und feinfühliger. Die Beschreibungen ihrer Schwester brechen ab, die Vorstellung ist für heute beendet. Nun ist es die Phantasie der Blinden, die auf eine weite Reise geht und sich das eben Gehörte bildlich vorstellt, obwohl sie es nie selbst wird erkennen können. Ich werde nie in ihr Inneres dringen. Die Schwester führt sie zurück an den Schreibtisch, bring Papier und Stifte. Die Blinde greift einen der Stifte und beginnt zu malen. Sie taucht hinab, runter in ihre Welt. Eine Welt ohne Licht; ohne Farben, aber dennoch voller Bilder, Eindrücke und Vorstellungen. Die Welt ihrer Phantasie.
Der erste Schnee fällt; zwar nicht besonders viel, aber die Wiese vor meinem Fenster ist weiß gezuckert. Alles Grün ist davon verschwunden, liegt unter der Schneedecke begraben. Ich gehe nach draußen, wo es angenehm kalt ist. Der Wind pfeift mir um die Ohren und verteilt das frisch gefallene Weiß gleichmäßig über den Straßenbelag. Streu- und Räumfahrzeuge sind im Einsatz.
Sie sitzt vor ihrem Fenster und lauscht angespannt der Erzählung ihrer drei Jahre jüngeren Schwester. Jene beschreibt menschenleere Ebenen, ausgedehnte Wälder und hektargroße Getreidefelder. Was ist das Getreide, Wiese, Wald? Sie sitzt da und starrt zum Fenster hinaus. Aber sie sieht nichts. Eine pechschwarze Wand steht zwischen ihren Augen und dem Leben jenseits davon. Seit ihrer Geburt ist sie blind, konnte noch nie in ihren jungen Jahren irgendetwas sehen. Zum Glück hat sie ja ihre Schwester, die ihr das beschreibt, was sie interessiert. Ich bin unfähig, mir so etwas vorzustellen. Die Welt nehme ich als gegeben hin, kenne die meisten Dinge, die mir begegnen aus meiner Erfahrung. Wie stellt sie sich die Welt vor? Wie denkt sie sich den Menschen? Vor dem Spiegel erkennt sie nichts. Natürlich kann sie ihren Bauch, ihre Hüften, ihren Po fühlen, aber eben nicht mehr. Sie hat noch nie einem Menschen gesehen. Wie geht das? Ich kann mir das nicht vorstellen! Undenkbar. Wie sieht die Welt aus? Sie weiß es nicht. Ich weiß, wie alles beschaffen ist, kenne die Bausteine aus denen sich meine Umgebung wie ein Mosaik zusammensetzt. Sie hat die innere Schau, sieht die Welt mit ihren Augen, die von der Außenwelt getrennt sind. Nehmen wir an, sie müsste eine Blume zeichnen. Wie würde sie dies tun? Könnte es sein, dass eine Blume die sie zeichnet wie ein Stuhl aussieht, den ich wahrnehme und umgekehrt? Wie schaut sie? Obwohl sie nichts sieht, ist sie zufrieden, lamentiert nie und ist mit sich und der Welt zufrieden. Sie riecht und fühlt ganz anders als wir, ist offener für Berührungen, empfindet intensiver und feinfühliger. Die Beschreibungen ihrer Schwester brechen ab, die Vorstellung ist für heute beendet. Nun ist es die Phantasie der Blinden, die auf eine weite Reise geht und sich das eben Gehörte bildlich vorstellt, obwohl sie es nie selbst wird erkennen können. Ich werde nie in ihr Inneres dringen. Die Schwester führt sie zurück an den Schreibtisch, bring Papier und Stifte. Die Blinde greift einen der Stifte und beginnt zu malen. Sie taucht hinab, runter in ihre Welt. Eine Welt ohne Licht; ohne Farben, aber dennoch voller Bilder, Eindrücke und Vorstellungen. Die Welt ihrer Phantasie.
bflo - 23. Nov, 23:24
