Montag, 1. Dezember 2008

Zwei Taschen

Samstag, 29. November, München

Schwer bepackt schleiche ich die sterilen Krankenhausgänge entlang. Weiß ist hier die vorherrschende Farbe, aber kurz vor der Intensivstation entdecke ich eine mint-grün gestrichene Wandseite. In Orange wurden mittels Schablonen drei Worte darauf geschrieben: “Glaube, Liebe, Hoffnung”. Im Vorbeigehen fällt mein Blick nur flüchtig auf das Geschriebene. Die Schrift scheint zu leben, die Buchstaben tanzen vor meinen Augen, scheinen sich neu zu ordnen. “Hof, Eule, Bann, Flug”. Ich muss kurz Rast machen, setze mich auf eine der Bänke und starre auf einen prächtig aussehenden Fikus.
Zwei Taschen bleiben übrig. Reste eines Lebens. Die graue Tasche mit Reißverschluss ist randvoll gestopft. Der braune Kulturbeutel mit Waschutensilien liegt oben aus. Bademantel, Hose und Hausschuhe wurden in eine große weiße Krankenhaustüte gepackt. “Patienteneigentum” steht da drauf, „Totenbesitz“ wäre treffender. Überbleibsel eines Krankenhausaufenthaltes. Die Dinge sind bei mir, der Tote bleibt hier. Wertsachen sind sowieso keine mehr da, weshalb ich beschließe den Krempel hier kurz liegen zu lassen...klaut schon keiner. Also runter mit dem Lift zum Kaffeeautomaten. Braune Brühe fließt in einen Plastikbecher der gleichen Farbe, dampft und blubbert. Mit Sicherheit mein letzter Kaffee hier für längere Zeit. Wieder zurück bei meinen Sachen.
Ich komme unten an, trete hinaus in die kühle Luft außerhalb des Krankenhausgebäudes. Hinter mir die Kranken...ich gehe zu meinem Fahrrad. Der Transport gestaltet sich schwieriger als gedacht. Nur langsam komme ich voran, kann den Lenker nur mit einer Hand halten, denn über meiner Schulter hängt die graue Tasche. Wieder zurück packe ich aus. Reste eines Lebens. Kleidung, unbenutzt, frisch zusammengelegt. Ich räume alles in den Schrank. Da geht etwas zu Ende, langsam, aber trotzdem stetig. Das Haus ist voll mit den Habseligkeiten eines ausgehauchten Lebens. Nur wenig davon ist zu gebrauchen, nichts von eigentlichem Wert. Das Haus ist still und tot, die einzigen Geräusche macht ab und an die Katze. Das Aquarium in der Ecke liegt verlassen, die Pumpe ist abgestellt und der Heizstab ausgesteckt. Draußen vor der Türe fliegen Amseln aufgeregt hin und her und suchen etwas zu fressen. Der futterreiche Erdboden ist oben gefroren, die Vögel verzweifeln daran. Ich gehe nach draußen und kippe eine halbe Tüte Rosinen unter die beeindruckende Fichte, die so hoch ist, dass ich die Spitze nicht sehen kann. Wieder im Haus kommen die aufgeregten Amseln zurück und sichern sich Beute. Es wird langsam dunkel und ich mache mich auf den Heimweg. Die Sachen aus dem Krankenhaus habe ich fein säuberlich wieder einsortiert, die Tasche und die weiße Tüte liegen ordentlich nebeneinander. Ich trete vor die Haustüre und sperre ab. Nach einigen Metern aktiviert ein Bewegungsmelder die Außenbeleuchtung. Für wenige Augenblicke erstrahlt das Haus im Licht, ehe es wieder in Dunkelheit versinkt.

Findet Nemo

Freitag, 28. November, München

Die Fische schauen mich mit neugierigen und verängstigten Augen an, als ich sie aus dem Aquarium fische und in die transparente Plastiktüte umsetzte. Der einhundert Liter fassende Glaskasten hat am Boden und an den Scheiben schon wieder Algen angesetzt. Grün schimmert es schmierfilmartig im fahlen Sonnenlicht. Mein Kescher zischt durch das Wasser als ich die Fische einzeln einfange. Leider gelingt es mir immer nur je eines der kleinen Tierchen zu fassen, denn sie sind viel schneller und zu dem vorsichtig, da verängstigt. Mit dem Schlauch sauge ich etwas altes Wasser aus dem Aquarium und leite es in die Plastiktüte. Die Fische sind aufgewühlt, fühlen sich nicht wohl...verständlich. Irgendwann bin ich fertig, packe zwei Tüten mit je sechs und je sieben Fischen in einen schwarzen Plastikeimer und fülle auch diesen mit Wasser. Dann gehe ich hinaus in die Kälte und zum Auto. Vorsichtig fahren, nichts überschwappen lassen. Ich trete sehr behutsam auf die Bremse, schalte gefühlvoll um Erschütterungen zu vermeiden. Zum Glück ist es heute nicht ganz so kalt. Ein Freund von mir hat auch ein großes Aquarium, viele Fische und sich bereiterklärt, die kleinen Tierchen zu übernehmen.
Was bleibt nach dem Tod übrig?
Fische als mein Erbe. Ich muss sie leider abgeben, hilft nichts. Nun haben sie es besser...sauberes Wasser und viele kleine Kollegen. Die Tüten werden zum Akklimatisieren zunächst verschlossen oben aufs Wasser gelegt. Nach dem Öffnen dauert es nicht lange und sie schwimmen freudig in ihr neues Zuhause. Ich bin zufrieden. Die ersten Tage müssen sie überleben, dann passt alles. Das wir schon werden, da bin ich ganz sicher. Es sieht sehr gut aus. Eine Katze bleibt mir noch, die sitzt im Haus und wartet. Aber auch sie ist schon so gut wie vermittelt, eine neue Heimat gefunden. Erst dann ist alles abgeschlossen, das Kapitel zu Ende und ich auf der letzten Buchseite angekommen. Ich werde den Einband zuschlagen und das Buch zur Seite legen. Es ist an der Zeit, ein Neues zur Hand zu nehmen. Dinge müssen beendet werden, damit andere beginnen können. Mit den Gedanken irgendwo weit weg gehe ich hinaus auf die Straße, die kleine Anhöhe hinunter, talwärts. Der Abstieg kann anstrengender sein, als man denk. Bergsteigen, das ist hart...sagt man so. Aber talwärts, das kann auch ganz schön Kräfte raubend sein. Der Weg...steinig und steil. Konzentration ist gefordert, um nicht zu stürzen. Ich strauchle, aber falle nicht.

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