Donnerstag, 20. November 2008

Piece of paper

Dienstag, 18. November, München

Mit Handzetteln die Welt retten. Ich fahre aus dem Untergrund an die Oberfläche. Tageslicht flutet mein Gehirn, sodass es überall hell wird. Mit wärmenden Winterutensilien dick eingepackt stehen sie am U-Bahnaufgang, mit bunt bedruckten Papierzetteln in den Händen. Ein jeder einen dicken Stapel. Das Mädchen streckt mir einen hellgelben Zettel entgegen. Ohrenschützer in hellblau bedecken ihre Ohren, Handschuhe verschleiern ihre Hände. Ich nehme das Entgegengestreckte und überfliege den Inhalt. Umweltschutz, Klimawandel, Erderwärmung lauten die wichtigsten Schlagworte. Jeder kann die Zukunft verändern, die Welt retten. Du bist Superman, Batman und Spiderman in einer Person. Dreifaltigkeit...Triumvirat. Ich falte das Stück Papier ganz klein zusammen und lasse es in meine Tasche gleiten. Nur wenige Menschen, die an ihr vorübergehen greifen zu und nehmen einen der Zettel. Vier Meter weiter steht ein junger Mann und bietet Flyer mit feuerroten Blitzen darauf an. Ich lehne dankend ab und gehe weiter. So wenig Geld für so viel Verachtung, für so wenig Anteilnahme. Das ist ihr Job. Perspektivwechsel...subito.
Ich stehe hier und halte vorbeieilenden Studenten Handzettel entgegen. Das zarte Hellgelb leuchtet im fahlen Licht der Morgensonne. Mir ist kalt, weshalb ich die Ohrenschützer die ich trage noch ein Stückchen weiter über die Hörorgane ziehe. So wird die Welt leiser für mich. Nur wenige die hier vorbei kommen schnappen nach dem Stück Papier. Dabei könnte ein jeder von ihnen die Welt retten. Infomaterialen zu den Schandtaten und Umweltfreveln der großen Industrienationen. Auch zu Deutschland enthält der Flyer Informationen. Hinter mir steht Stefan. Er arbeitet ebenfalls bei der Agentur, für die ich heute hier stehe. Stefan verteilt Partyflyer mit hübschen Logos drauf. Sein Absatz ist besser, die Verteilung läuft. Er wird seinen Stapel schnell los. Mich hingegen scheinen die Menschen zu verachten. So viele gehen achtlos an mir vorbei. Hier habe ich heute keine Lobby. Morgen hingegen bekomme ich die Partyflyer. Denn wir wechseln uns der Fairness wegen stets ab. Ich würde das sonst nicht schaffen. Dann habe ich es doch irgendwann hinter mich gebracht und mein Arbeitstag ist zu Ende. Mir ist kalt. Die restlichen Handzettel, es sind noch ziemlich viele, verstaue ich in meiner Tasche und reibe frierend die Hände aneinander. Was für ein Tag. Ein Junge stach aus der Masse derer, die mich verachten, hervor. Er hat gelächelt, den Zettel genommen, ganz klein gefaltet und eingesteckt. Wenn ich Glück habe schaut er ihn zu Hause noch einmal an. Möglicherweise...

Mittwoch, 19. November 2008

Wollmütze

Montag, 17. November, München

Sie sieht einfach so gut aus. Ihre Schönheit ist mit nichts zu vergleichen. Wieder war sie in meiner S-Bahn, mit einer Freundin zusammen. Beide haben auf mich gewartet. Dann redet sie zunächst nur mit ihr, aber als beide sich trennen, unterhalten wir uns angeregt. Sie trägt eine hübsche Wollmütze, die sie, um sich vor der Kälte zu schützen, über ihren Kopf gezogen hat. Unbeschreiblich hübsch. Bestimmte Menschen können einfach alles tragen und sie sind immer noch bildschön. Leider sehen wir uns wieder nur kurz, aber ich habe den festen Entschluss gefasst, dies in Zukunft zu ändern. Aber wie?
Gestern war das Treffen aller Abiturjahrgänge meiner Schule. Leider draußen in den Pampa. Aus meinem Jahrgang waren mit mir nur sieben Leute da. Irgendwie symptomatisch für das alles, die Zeit und das, was passiert ist. Nach zwei Bier fahre ich wieder heim. Eigentlich ein Reinfall. In der S-Bahn kontrolliert die Bahnwache. Wichtigtuerisch, mit Handschellen und Schlagstöcken bewaffnet, schleicht sie den Gang entlang. Nein, ich fühle mich nicht sicherer, auch wenn die noch zehn Menschen da hinstellen, die “wachen” sollen. Ich fühle mich eher unsicherer, da ich diesen Sheriffs nicht über den Weg traue.
Ich bin immer noch etwas durch den Wind. Eine Freundin bringt mir Sushi mit in die Vorlesung. Sehr lecker, aber ich bin auch ziemlich ausgehungert. Das tut gut. Umständlich versuche ich die Röllchen mit den Stäbchen zu fassen, was auf dem kleinen Klapppult in meinem Vorlesungssaal gar nicht so einfach ist. Frustriert und hungrig packe ich das Sushi mit den Händen, tauche es in Sojasauce und esse es genüsslich. Das passt schon. Leider ist die Vorlesung ziemlich langweilig, aber das kann ich nicht ändern. Später in der S-Bahn schimpft eine Mutter fürchterlich mit ihrem kleinen Sohn. Scheinbar hat er gelogen. Die Frau, die mir gegenüber sitzt und ich hören unfreiwillig zu. Sie lächelt mich an, als ich aussteige. Später sitze ich auf dem Fahrrad und fahre durch die beginnende Nacht. Zwei Jungs haben sich als Polizisten verkleidet und versuchen Radfahrer aufzuhalten. Ich fahre an ihnen vorbei. Die Katze hat Hunger, bekommt etwas ehe ich wieder davon brause. Ich muss eine Lösung finden, ein hübsches Zuhause für diese hübsche Katze. Sie wird mir fehlen, ich mag sie. Große, treue Katzenaugen blicken mich neugierig an. Beinahe, wie zuvor die von ihr in der S-Bahn. Ihr Gesicht unter der Wollmütze.

Negligé

Sonntag, 16. November, München

Zeit abzuschalten. Andere Themen müssen in den Fokus rücken. Es ist ein kalter Vormittag, ich ziehe die Mütze tiefer in die Stirn und schlüpfe in meine Handschuhe. Der Atem kondensiert an der eiskalten Luft und formt ein Wolkengebilde aus meinem Mund. Leere Sprechblase. Jeder meiner Schritte dröhnt über das Pflaster. Ich will weg. Weg aus Deutschland, aus der Enge irgendwohin. Die Umgebung schnürt mich ein, raubt mir die Luft zum leben. Die Gedanken sind schwer. Im Seminar sitzt mir ein hübsches Mädchen gegenüber und lächelt mich an. Unter ihrem Oberteil schaut eine Art Negligé hervor, das aus einer Art Gardinenstoff gewirkt scheint. Das Ganze gleicht eher dem Soff, aus dem sonst nur Damenslips hergestellt sind, nur etwas dünner. Sieht irgendwie süß aus...das Mädchen auch. Draußen beginnt es zu Regnen. Später in der U-Bahn stehe ich in einer großen Menschenmenge. Immer noch drängen Leute in den eigentlich vollen Wagen. Dann schließen sich die Türen und es beginnt plötzlich unangenehm zu riechen. Blähungen...irgendwer...nein! Dann endlich raus aus dem Zug und an die frische Luft. Manchmal können öffentliche Verkehrsmittel die Hölle sein. Die Umkleidekabine in der Schwimmhalle ist so niedrig konstruiert, dass ich oben über den Abschluss der Türe sehen kann. Kalt ist es, das Wasser hingegen angenehm warm. Ich ziehe meine Bahnen und vergesse. Es ist ziemlich viel los, aber dennoch gibt es die Gelegenheit, sich freizuschwimmen. Wasser spritzt an meinen Ohren vorbei, ich bekomme einen Tritt in die Magengrube. Es ist doch recht viel los. Kurz tauche ich unter...Reinigung. Wasser perlt an meinem Körper ab, als ich aus dem Wasser hervorschnelle. Ich wische mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, von der Stirn und schwimme weiter. Die Kraft kommt aus Armen und Beinen. Zügig gleite ich durchs Wasser, koordiniere meine Gliedmaßen synchron und zische durchs Wasser, wie ein warmes Messer durch Butter. Die Dusche am Ende tut unendlich gut. Erneut ein Akt der Reinigung, ein Zeichen für einen Neuanfang. Shampoo läuft meinen Oberkörper hinunter und bildet eine schaumige Pfütze am Boden. Nach dem Anziehen föhne ich meine Haare, setzte die Mütze wieder auf und gleite hinaus in die Dunkelheit. Mein Arm riecht angenehm nach frischem Jasmin. Eine neue Haut...

Dienstag, 18. November 2008

Ganz plötzlich

Samstag, 15. November, München

Das Sterben tritt zwischen die Menschen, mischt sich unter sie, ist plötzlich da. Man denkt, dass es eigentlich nicht weitergehen kann. Er war sehr krank gewesen, seit Jahren schon. Mehrmals war er dem Tod von der Schippe gesprungen, konnte den Krebs, die Schmerzen und das Leid verdrängen. Nun war das Nichts stärker. Vier Herzinfarkte, Krebs und Metastasen überall. Vor viereinhalb Jahren haben wir uns kennen gelernt und seit dieser Zeit habe ich ihn betreut. Am Anfang weniger, die letzten Tage und Wochen eher mehr. Man sagte ihm 2004, dass er noch ein oder zwei Jahre zu leben habe. Nun ist es mehr geworden, beinahe wie der Brandner Kaspar, der dem Tod beim Kartenspiel ein Schnippchen schlägt. Friedlich gestorben, im Krankenhaus. Zu Hause hätte ich nichts mehr für ihn tun können. Das Haus eines Toten wirkt trostlos, kühl und leer. Und auch ich fühle mich unbewohnt und mein Herz liegt schwer in meiner Brust. Für ihn ist der Tod Erlösung. Die letzte Zeit war sehr schwer. Ich blicke auf den Platz gegenüber, auf dem er vor wenigen Wochen noch gesessen hat und rauchte. Nun schimmert vor meinen Augen ein hohles Abbild seines Körpers. Die Mulde in der Polstergarnitur, sein Abdruck, ist immer noch zu erkennen. Nun betreue ich eine herrenlose Katze und zehn Fische in einem herrenlosen Haus. Gegen die Stille schalte ich das Fernsehen ein, aber es kommt einmal mehr nur Mist. Ich zappe durch die Programme und bleibe schließlich bei einer einigermaßen interessanten Musiksendung hängen. Die Katze stößt ein herzzerreißendes “Miau” aus und verlangt nach Futter und frischem Wasser. Das habe ich in der ganzen Aufregung einfach vergessen, die Todesnachricht ist noch zu frisch. Der Glaube an ein anderes Leben, an einen anderen Ort gibt Kraft. Die Seele verlässt die tote Hülle des Körpers und findet einen anderen Ort, an dem alles besser ist. An was ich glaube (Allah, Wiedergeburt oder Gott), spielt dabei keine Rolle. Leider kann man das Leben nicht anhalten, auch nicht für einen kurzen Augenblick. Es läuft erbarmungslos weiter, egal was ist. Ich ordne mich also wieder ein in den Strom des täglichen Lebens, gehe nahezu zum Alltag über. Auch der Tod kehrt zurück, mischt sich unter die Menschen und kommt bald wieder. Leben und Tod...eben untrennbar verbunden. Wenn der Tod kommt, wird er nicht läuten, sich nicht ankündigen und uns keine Chance auf Vorbereitung geben. Dann ist er einfach da und wird für kurze Zeit ein Teil von unserem Leben.

Totenschiff

Freitag, 14. November, München

Auf einmal ist da der Tod. Er kam plötzlich, ohne zu klopfen trat er an die Schwelle zum Leben und riss Menschen mit sich. Alles wurde finster. Am Telefon bekam ich keine Auskunft, aber die Stimme des Arztes klang nicht besonders zuversichtlich.
Ich steige auf mein Rad und fahre hinein in einen trüben Novembertag, hin zum Krankenhaus. Meine Beine beginnen zu zittern und das Herz schlägt schneller. Die Grundstimmung ist negativ, ich ahne das Schlimmste. Die Intensivstation verfügt über einen langen Gang, die Wände sind in sterilem Weiß gestrichen, nur ein paar Bilder zieren diesen kargen Ort. Alles ist trostlos. Ein Arzt kommt, bringt mich in einen separaten Raum und verkündet die Todesnachricht. Ich bin wie paralysiert, meine Gedanken kreisen weit und schweifen irgendwohin. Sein Mund bildet eine leere Hülle in seinem Gesicht, die sich permanent öffnet und schließt. Die Worte dringen nicht an mein Ohr. Geschlagen und nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen, verlasse ich das Krankenhaus, hinaus in die Kälte dieses Tages.
Er hatte keine Chance, zu gravierend waren seine bisherigen Krankheiten. Kaputte Leber, nur noch einen Lungenflügel und vier überstandene Herzinfarkte. Das war schließlich einfach zu viel. Ich kann bisher kaum Gefühle zeigen, bin mir aber ziemlich sicher, dass das eigentliche Realisieren dieses Ereignisses noch dauern wird. Den Tod akzeptieren, das fällt schwer. Doch der Tod gehört zum Leben dazu. Da stirbt einer hinter grauen Krankenhausmauern im zweiten Stock, während unten auf der Entbindungsstation ein Neugeborenes auf die Welt kommt. Leben und Sterben, beides ist untrennbar miteinander verbunden. Sterben bedeutet auch Neuanfang. Etwas Altes muss sterben, damit etwas Neues entstehen kann. Sterben als Chance? Im Moment ist daran nicht zu denken, denn zunächst muss ich mit der Situation zurechtkommen. Das wird schwer genug. Ich steige von meinem Fahrrad ab und stelle es an einen der Zäune am Wegrand. Ich setze mich auf eine der Bänke, schlage die Hände vors Gesicht und weine. Es ist wenig Platz für Tränen, denn das Leben geht erbarmungslos weiter. Dann stehe ich auf und gehe. Regen setzt ein. Ich denke an eine schwarze Galeere, die vom Bootssteg ablegt und in die weite Welt hinaussegelt.

Sonntag, 16. November 2008

Herz

Donnerstag, 13. November, München

Wir haben uns getroffen, nach so langer Zeit. Schlaftrunken wanke ich in die S-Bahn, in den ersten Wagen. Einmal mehr fünf Minuten Verspätung, weshalb die Zahl derer, die mit mir einsteigen sehr groß ist. Ich bin mir nicht sicher, ob sie auch wirklich da ist und tippe hastig eine Sms in mein Handy. Ja, sie sei auch hier, irgendwo in der Menge. Sitzplatz am Fenster, antwortet sie. Schwingungen. Ich kann nicht zu ihr, da zu viele Menschen in den Gängen und den Einstiegsbereichen der Bahn stehen. Erst ab Hauptbahnhof wird es besser, ich schäle mich durch den Wagen und erreiche sie. Wir lächeln. Schön sieht sie aus und doch irgendwie verändert. So lange konnte ich sie nicht mehr sehen. Sie trägt die Haare etwas strenger nach hinten gekämmt, zudem wirkt sie müde. Naja, früh am Morgen eben. Ein Gespräch entwickelt sich erst während der U-Bahnfahrt. Sie ist wunderschön. Ich blicke fasziniert auf ihre Augen, in ihr Gesicht und entdecke ein kleines Muttermal über ihrem linken Auge, ganz in der Nähe der Braue. Das war mir vorher noch nie aufgefallen. In der U-Bahn taut sie langsam auf, findet hinein in diesen Morgen, der noch so jung ist. Die Zweisamkeit währt nicht lange, denn die Trennung naht. Jeder geht in seine Lehrveranstaltung, ich in meine Vorlesung, sie in ihr Seminar. Wir umarmen uns beinahe zärtlich und ich bin wirklich gespannt, wann ich sie wieder sehen werde. Dann verschwindet das schlanke Mädchen, die die nach Südafrika ging und wieder zurückkehrte, langsam hinter einer der Türen. Ihre Aura hält mich noch lange gefangen. Trotzdem merke ich, dass irgendetwas anders ist. Natürlich gefällt sie mir immer noch, ihr Wesen und ihre angenehme Art verzaubern mich nach wie vor, aber ist es noch Liebe? Ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher. Etwas hatte sich verändert. Der Klang ihrer Stimme betört mich und wenn sie lächelt, geht die Sonne auf. Und doch ist etwas anders. Ich muss auf mein Herz hören, aber das schweigt im Moment, denn zu viele andere Dinge liegen schwer auf ihm. Ich denke lange nach über diese Begegnung. Zwei Tage liegt sie bereits zurück. Mein Herz sagt mir, dass ich sie wohl doch noch liebe, denn ich freue mich bereits riesig darauf, sie wieder zusehen. Aber was ist Freude? Freude kann niemals Liebe sein. Mein Herz ist schwer in diesen Tagen, denn andere Sorgen belasten es. Ich muss warten, bis sich die dunklen Nebel verzogen haben und wieder andere Zeiten kommen. Und sie werden kommen...irgendwann. Hör auf dein Herz!

Freitag, 14. November 2008

Nachttaxi

Mittwoch, 12. November, München

Eigentlich ist sie zu schön für diesen Job. Ihre Größe und die schlanke Silhouette ihres Körpers stechen jedem sofort ins Auge. Lässig lehnt sie an ihrem Taxi, raucht Zigarette und blickt verträumt in den frühen Vormittag. Ihre Kippe verglüht langsam in der Kälte des Morgens. Jura hat sie studiert, dreizehn Semester an der Universität. Gelernt, gepaukt und jeden verdammten Tag ihr Bestes gegeben. Es hat nichts genützt. Irgendwie haben ihr immer das nötige Geld und die nötigen Beziehungen gefehlt. Sie kam nirgendwo unter. Es gab Angebote, aber ihren Körper wollte sie nicht preisgeben, ihre Würde und ihren Stolz nicht verraten. Das hatte sie sich geschworen. Sie hat nun ein abgeschlossenes Hochschulstudium, das im Moment nicht viel mehr wert zu sein scheint, als ein stinknormales Jodel-Diplom. Es heißt warten. Für die Taxifahrerlizenz hatte sie gerade noch Geld, auch weil ihre Eltern, die nur über geringe finanzielle Mittel verfügen, ihr noch einmal geholfen hatten. Das ist ihr unangenehm, aber was hätte sie denn machen sollen.
Am schlimmstem sind die Nachtschichten. Kreuz und quer durch die City...den ganzen Abend, bis spät in die Nacht. Das alleine ist schon heftig, aber die Wochenenden sind noch eine ganze Ecke härter. Da sind dann nahezu nur Betrunkene unterwegs, die ihr unter Umständen den ganzen Wagen vollkotzen. Das ist so ekelhaft. Männliche Fahrgäste hat sie nicht gerne auf dem Beifahrersitz. Mancher kann seine Hand nicht bei sich halten und versucht ihr zwischen die Beine zu fassen, oder tätschelt sie verhalten am Knie. Einige gehen weiter und versucht ihr an die Brüste zu packen. Oft lässt sie es über sich ergehen, auch um Ärger zu vermeiden. Nur selten hat sie den Mut einige von ihnen aus ihrem Fahrzeug zu werfen. In diesen Momenten fühlt sie sich wie eine billige Hure, die sich von Männern benutzen und missbrauchen lässt.
Der Mercedes rollt über die Straße...mit dem Ziel Flughafen. Eine lohnenswerte Fuhre. Das bringt gutes Geld. Lange wird sie darum auch in dieser Nacht unterwegs sein. Eine Fahrt, durch die Stadt, über die Autobahn. Lichter fliegen an ihr vorbei. Es leuchtet überall. Hoch am Himmel zischt eine Boing 747 vorbei. Sie kann sie nicht sehen und zudem lärmt der Fahrtwind, sodass kein anderes Geräusch in das Innere des Taxis dringt. An solchen weint sie oft, denn ihr Job hat jede ihrer letzen Beziehungen zerstört. Zu stressig sind die Wochenenden. Während andere Feiern gehen, fährt sie junge Leute zu Discotheken oder ins Theater. Wie gerne sie tauschen würde. Keinen Partner zu finden belastet die Sechsundzwanzigjährige, deren blondes Haar ihr in Strähnen ins Gesicht hängt. Jeder Halt geht ihr verloren.
Ich stehe lange an der Straße bis ein Taxi vorbeikommt. Endlich hält ein Wagen und ein blondes, hübsches Mädchen öffnet die Autotüre. „Zum Flughafen!“, sage ich und steige hinten ein. Dann fahren wir gemeinsam hinein in die Nacht.

CaCO3

Dienstag, 11. November, München

Wasser rieselt durch einen Spalt unterhalb des Deckengewölbes. Der U-Bahn-Schacht leckt, irgendwie ein Indiz, dass Herbst ist. Ich schiebe mich durch die Masse an Menschen. Es geht nur sehr langsam voran. Während ich mit dem Strom geduldig mitschwimme, geht mir einiges durch den Kopf. Wasser verdampft und bildet als Rückstand winzige Kalkkristalle aus. Ganz viele davon auf einem Haufen formen ein hartes, festes Konglomerat. Tropfsteine von der Decke. Stalaktiten von oben nach unten...leicht zu merken, denn Titten sind ja auch immer oben. Das kann tödlich sein.
Er ist noch nicht so alt und dennoch körperlich fast am Ende. Die Krankenhausärzte machen ihre Untersuchungen, er lässt alles geduldig geschehen. Hier ist er in guten Händen. Was am Ende dabei herauskommt ist Folgendes: Kalk hat sich gebildet, sich in den Gefäßen eingelagert und sie verstopft. Winzige Kristalle, die die Durchblutung hemmen und einen Blutstau verursachen. Die Gelenke machen das nicht lange mit. Zuwenig Blut heißt hier keine Leistung mehr. Der Bewegungsapparat streikt. Jeder Schritt wird so zunächst zur Qual und schließlich ganz unmöglich. Der Waschmaschinenreparateur hält den verkrusteten Heizstab triumphierend in den Himmel. Die weißen Ablagerungen glänzen im Fernsehlicht. Kalk hat die Maschine kaputt gemacht, die Heizspirale lahm gelegt, die Schläuche zerfressen und verstopft. Das sagt die Werbung. Bei ihm ist es ernst. Jenes Werbebild verschwindet und an seine Stelle rückt die pure Realität. Operation. Ausgeschält muss da irgendetwas werden. Er blickt mich traurig an. Auch die Halsschlagader ist bedroht. Fast schon dicht, Erstickung droht. Schlaganfallrisiko: hoch bis sehr hoch. Auch die Operation ist nicht ungefährlich. Ein kleines Stückchen Arterienkalk kann abbröseln, durch den Blutkreislauf gespült werden und etwas Wichtiges Blockieren. Schlaganfall während der OP? Möglich, aber bisher noch nicht vorgekommen. Das Bein braucht Blut...der Pfropfen muss raus, das Fett, der Dreck. Wie ein verstopfter Ausguss. Durchpusten. Selbstverständlich kommt das auch vom Rauchen. Woher kommt denn sonst so ein Müll? Ist im Körper ja nicht vorgesehen: Nikotin, Teer, Benzol etc. Wie viele Formulare vor so einer Operation unterzeichnet werden müssen. “Sie können AIDS bekommen, wenn wir ihnen Blut geben müssen. Kommt aber so gut wie nie zu einer Infektion. Eins zu einer Million höchstens. Bitte hier unterzeichnen. Also morgen geht es dann los.” Es wird schon werden. Der Dreck muss raus, weg für immer. Er wird diese Nacht schlecht schlafen können, weshalb er eine Tablette bekommen wird. Er wird sie nehmen, auf die Zunge legen, schlucken und wenig später schlafen. Jetzt kommt die Schwester mit einer Schüssel den Gang entlang und geht auf das Zimmer zu. Die blaue Tablette glitzert ein wenig auf dem weißen Porzellan. Runter damit und dann: Gute Nacht.

Mittwoch, 12. November 2008

Gedankenschleife als Symptom der Depression?

Montag, 10. November, München

Regen peitscht vom Himmel. Auf meinem Fahrradlenker haben sich stumme Tropfen niedergeschlagen, die sich in einer Mulde im Metall langsam zu einem See verdichten. Das kam sehr plötzlich. Noch vor zwei Stunden habe ich den Bahnhof verlassen, ehe eine Windhose vorüberzog und mächtig Staub aufgewirbelt hat. Einzelne Körner knirschen zwischen meinen Zähnen, wenn ich den Mund bewege. Sie schmecken rau und bearbeiten meine Zähne wie Schmirgelpapier, das über Holz gezogen wird. Doch nun hüllen mich dichte Tropfen ein. Ein Vorhang aus Wasser fällt vom Himmel und ich gleite hindurch. Ich sehe eine Frau, die einen kleinen Hund an einer langen Leine vor sich herführt. Das Tier trägt einen weißen Verband am linken Hinterlauf, den es nebenbei humpelnd hinter sich herzieht. Das braune Felle glitzert unter dem Schein der Straßenlaterne. Ein Fahrradfahrer kommt mir entgegen; ein blauer Helm schmückt seinen Kopf wie einen Spartaner, aber vorne an seinem Fahrrad hat er kein Licht. Ich blicke vor mir in eine Allee aus Straßenlaternen, aber jede dritte ist defekt und spendet in dieser Nacht kein Licht. Dunkelheit umgibt sie. Ich ziehe meine Mütze tiefer ins Gesicht, so dass ich den Regen nicht mehr spüren muss. Trotzdem merke ich dass es regnet, denn einzelne Tropfen tanzen an der Oberfläche einer der vielen Pfützen, die sich neben verstopften Gullis gebildet haben. Mein Weg führt mich weiter...was für ein beschissener Tag. Ich betrete die Bibliothek abends gegen zehn. Es sind tatsächlich noch Menschen da. Vereinzelt und solitär sitzen sie auf den Stühlen, vor den PCs und arbeiten, oder geben zumindest vor zu arbeiten. Ich setze mich an einen der freien Computerplätze und schalte das Licht ein. Automatisch springt der Rechner an. Toll...muss man gar nicht mehr auf den Einschalter drücken. Mein Blick schweift über die Galerie und streift die Einsamen. Die, für die der Tag kein Ende hat und die Nacht keinen Anfang. Die, die hier sind und arbeiten. Ein Mann und eine Frau unterhalten sich...angeregt, aber absolut leise. Vor mir liest einer in einem Buch. Ich kann das Geräusch von umblätternden Seiten hören. Ich starre auf den Bildschirm, öffne das Schreibprogramm und beginne zu tippen. Zunächst fällt es mir schwer einen Anfang zu finden, könnte ich doch mit Allem und mit Nichts beginnen. Dann fallen mir plötzlich ein paar Worte ein, schießen wie vorprogrammiert in meinen Kopf:
"Regen peitscht vom Himmel. Auf meinem Fahrradlenker haben sich stumme Tropfen niedergeschlagen, die sich in einer Mulde im Metall langsam zu einem See verdichten."

Dienstag, 11. November 2008

Lichtwechsel

Sonntag, 09. November, München

Das Gefühl, wenn die U-Bahn die Haltestelle verlässt. Ich blicke in eines der Abteile und fixiere die Menschen mit meinen Augen. Ich nagle sie an ihren Positionen, an ihren Steh- und Sitzplätzen förmlich fest. Dann setzt sich die Bahn rumpelnd in Bewegung. Meine Augen verharren auf den Punkten im Fokus, was nur bedingt gelingt. Die Bahn beschleunigt, wird immer schneller, ehe sie an mir vorbei rast. Die Menschen hinter den Scheiben verschwimmen aus meinem Blickfeld. Meine Augen können ihnen nicht mehr folgen. Alles wird eins. Ich blicke hinterher, in den dunklen Tunnel vor mir. Gerade noch so kann ich die Rücklichter des ausfahrenden Zuges erkennen. Gestern im Club war es eng, heiß und teilweise stickig. Einige packen das nicht...bei mir alles prima. Ich werfe einem hübschen Mädchen schräg hinter mir verstohlene Blicke zu, sie indes nur welche zum Barkeeper. Vorerst. Für die Temperaturen hier drin ist sie genau richtig gekleidet. Knapp um betont sexy zu wirken, aber eben auch gerade noch genug, damit sie nicht als nuttig und billig abgestempelt werden kann. Ihr blondes Haar hat sie ordentlich zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Nun sieht sie woanders hin. Ich lehne an einem dieser Bartische mit runder Tischfläche und robuster Säule, auf der die Tischplatte aufgeschraubt ist. Hinter meinem Rücken stehen drei Becher Bier. Immer wieder blicke ich ihr entgegen und einige Male habe ich ein Gefühl, als ob sie zurückblickt. Schließlich bin ich mir sicher, dass sie mir zugelächelt hat. In der Pause strömt alles nach draußen...in die Kälte. Aber egal. Ein lauer Abend hält erträgliche Temperaturen bereit. Erstmal rauchen. Also nicht ich, aber viele der anderen. Drin ist ja verboten. In der Menge verliere ich sie aus den Augen. Mein Blick streift Gesichter, aber ich kann sie nicht sehen. Während der zweiten Hälfte und für den Rest des Abends bleibt sie verschwunden. Am Bartisch lehnen macht nun auch gar keinen Spaß mehr. Der Wechsel vom Dunklen ins Helle ist jedes mal blanker Irrsinn. Eben noch war alles finster, nun plötzlich trifft hellgelbes Licht auf die Iris, reizt Stäbchen und Zäpfchen gleichermaßen. Nur langsam gewöhne ich mich an das künstliche Licht. Später ist der Park ganz dunkel...krasser Gegensatz. Doch auch dort tauchen nach wenigen Metern Straßenlaternen auf, die jeden meiner Schritte in den Fokus nehmen. Erst zu Hause, als ich in meinem Bett liege und das Nachtischlicht erloschen ist, herrscht völlige Dunkelheit. Schon in wenigen Stunden werde ich das Haus wieder verlassen und dem erwachenden Tag begegnen. Bis dahin jedoch ist es steinkohlefinster um mich herum.

Montag, 10. November 2008

Ans Ende der Welt

Samstag, 08. November, München

In der Bar schimmern die Lichter in mattem Rot. Der Barkeeper mixt seine Cocktails in völliger Stille. Er scheint mit sich selbst absolut eins zu sein, kein Geräusch der Welt kann ihn stören. Es ist die Harmonie des Ortes, die jede seiner Bewegungen lenkt. Ganz im Hintergrund der Szenerie dudelt leise Musik aus den Lautsprechern, wie das entfernte Rauschen eines Flusses irgendwo in der Welt. Wir sitzen am Tresen, jeder mit einem anderen Getränk vor sich. Wir, das sind ein Fremder den ich gerade kennen gelernt habe und ich. Fahles Licht umstrahlt unsere Körper und lässt uns auf die Umwelt wie Heilige wirken. Er erzählt mir seine Geschichte, langsam und Stück für Stück.
Weg aus Deutschland, je schneller desto besser. Morgen schon will er nach Australien fliegen...Auswandern für immer. Er wirkt für mich gefestigt und mit beiden Beinen mitten im Leben stehend. Und trotzdem entschließt er sich zu so einem ungeheueren Schritt. Dabei fällt mir plötzlich auf, dass er ganz alleine ist. Wenn er doch morgen schon fliegt, warum verbringt er dann den letzten Abend nicht mit seiner Familie und mit seinen Freunden? Er habe keine, versichert er mir wahrheitsgemäß. Dabei blickt er traurig in sein Glas und schwenkt die letzten Reste des goldgelben Whiskys hin und her. Einige Tropfen benetzen den Rand des Glases und lassen ihn seltsam matt im fahlen Licht schimmern. Australien, das andere Ende der Welt. Er wolle einen Neuanfang wagen, alles ändern, was er bis dahin falsch gemacht hat. Trennung und schließlich die Scheidung von seiner Frau, seinen zwei Kindern und von seiner geliebten Familie. Das fällt schwer, muss aber sein. Der absolute Cut des alten Lebens bedeutet alles zurücklassen. Ich starre beim Zuhören an die Wand gegenüber von mir, die mit unzähligen Schnapsflaschen gepflastert ist. Manche voll, manche schon fast leer. Bunt gemischt. Wodka neben Gin, Whisky neben Korn. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt könnte...auswandern. Aber er hat keine Freunde, keine Zukunft mehr. Die letzten Monate habe ich mir auch manchmal gewünscht, für immer zu gehen, „escape from Germany“. Weg für immer. Doch nun, als wir so sitzen und er mir von seinen Plänen und Träumen erzählt, denke ich, dass ich das nicht könnte...nicht jetzt. Ich muss dringend aufs Klo. Zwei Stunden rum sitzen ist anstrengender, als man denkt. Er verabschiedet mich mit einem kurzen Nicken zur Toilette. Es scheint für immer zu sein. Als ich zurückkomme, ist der Unbekannte, der mein Gesprächspartner an diesem Abend war, verschwunden. Schade. Nun möchte auch ich gehen, verlange die Rechnung, aber man sagt mir, es sei alles bereits bezahlt. Der Fremde hat meine Zeche beglichen. Ich nehme meine Jacke vom Stuhl, verabschiede den Barkeeper und gehe hinaus in die Nacht. Insgeheim umweht mich der unsichtbare Schatten des Mannes, mit dem ich mich an diesem Abend so prächtig unterhalten habe. Mein Atem kondensiert in der Dunkelheit zu hellem Dunst. Leiser Straßenlärm dringt zu mir herüber.

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