Das Haus am Hügel

Mittwoch, 19. November, München

Einsam liegt das Haus oben auf dem Hügel, dem kleinen Berg, von dessen höchstem Punkt man die ganze Ebene überblicken kann. Über Nacht hatte es geschneit und nun liegt das solitär stehende Wohnhaus unter einer dicken Schneedecke begraben. Der Morgen erwacht und als sie das Fenster öffnet knistern winzige Eisblumen und das Geräusch von zu Boden fallendem Schnee durchtrennt die Stille. An einem Tag wie diesem gibt es für sie kaum einen Weg vor die Türe. Monatelang hat sie sich genau darauf vorbereitet, Lebensmittel gebunkert und die letzten Geschäfte und Besorgungen in der großen Stadt schrittweise erledigt. Die Landschaft gleicht einer Winteridylle; zentimeterhoch liegt der Schnee auf den Ästen der massiven Fichten, vereinzelt sind Spuren aufgebrachter Wildtiere zu sehen. In der Luft liegt ein Knistern und es riecht nach noch mehr Schnee, nach noch mehr Winter. Sie möchte mit niemandem tauschen. Die große Stadt, die ziemlich weit von ihrem Haus entfernt liegt, hasst sie. Nur im Sommer muss sie dorthin, um auf den Märkten die Dinge zu verkaufen, die sie selbst hergestellt hat. Davon kann sie gut leben. Mehr braucht sie nicht, um zufrieden zu sein. Heute öffnet sie ihre Haustüre und stellt fest, dass der Neuschnee ihr bis zu den Knien. An einen Gang vors Haus ist nicht zu denken, zumal eine unendlich weiße Landschaft vor ihr liegt, die sie einfach nur genießen möchte. Zurück in der Wohnstube öffnet sie den kleinen Kachelofen in der Ecke des Zimmers und legt zwei Scheite Holz nach. Sie möchte mit niemandem tauschen. Wohlige Wärme durchflutet sogleich das ganze Zimmer. Eine der beiden Katzen schleicht neugierig zum Kamin, denn ein kleines Stück Glut war beim Holznachlegen auf den Steinboden gefallen. Neugierig schnuppert das Kätzchen daran. Wer im Winter hier lebt, liebt die Einsamkeit. Die nächsten Wochen und Monate wird sich niemand mehr hierher verirren. Das ist auch gut so. Dann hat sie Zeit um zu Stricken, zu Nähen und zu Spinnen. So stellt sie Produkte her, die sie im Frühjahr und Sommer unten in der großen Stadt gut verkaufen kann. Die Leute lieben Handgearbeitetes.
Der Förster stapft schweren Schrittes durch den Schnee um den Wildbestand in seinem Revier zu prüfen. Sein Blick fällt nach oben auf das kleine eingeschneite Häuschen auf dem Hügel und der mag nicht glauben, dass es zu dieser Jahreszeit noch bewohnt ist. Sich über die junge Frau wundernd schüttelt er für sich mit dem Kopf und geht weiter durch den schweren Schnee.
Es hat wieder zu schneien begonnen und die Spuren, die der Förster hinterlässt, sind nach wenigen Minuten nicht mehr zu sehen. So bildet das kleine Haus zu dieser Jahreszeit einen krassen Gegensatz zur geschäftigen Stadt ganz weit unten, wo Hektik und Stress die Menschen heimsuchen. Und sie, die von schlanker Figur und stiller Schönheit ist, lebt darin einsam, aber dennoch glücklich…in Frieden und Stille.

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