Freitag, 28. November 2008

Erdboden

Donnerstag, 27. November, München

„Ich bin durchs Wasser gegangen und nicht nass geworden, ihr habt mich 20 Mal gesteinigt und ich bin nicht gestorben.“
Ich habe geträumt, dass ich tief unten unter der Erde liege. Tonnenschwer liegt Erdreich über mir. Ich schlage die Augen auf und gewöhne mich nur ganz langsam an die Dunkelheit. Es ist stockfinster; lebendig begraben. Ich kann gut atmen und denke völlig klar. Wie die Braut. Los gehts! Kill Bill! Langsam schabe ich mich durch den Lehm und den groben Schotter zurück an die Oberfläche. Immer mehr Licht illuminiert meine Augen, flutet den Sehnerv und lässt mich noch klarer die Umgebung erkennen. Dann bin ich draußen, tausche das dunkle Grab gegen den lichten Tag. Ich stelle mich auf meine Füße, strecke und dehne Arme und Beine. Das Blut kehrt in die Gelenke zurück. Ich klopfe Staub und verklumpte Erdreste von meinen Jeans und laufe los, ohne zu wissen wohin. Die Landschaft fliegt an mir vorbei, ich nehme Umrisse von Hügeln und Bergen war, durchquere weite Ebenen und schmale Täler. Plötzlich komme ich an ein Ende; es geht nicht mehr weiter. Der Abgrund liegt offen vor mir. Der Graben ist zu breit, keine Brücke führt zur anderen Seite. Ich kann nicht springen. Ich drehe mich um und blicke zurück. Auch dort ist nichts, als ein Abgrund. Ich stehe auf einem schmalen Streifen zwischen zwei Gräben. Es gibt kein vor und auch kein zurück. Hier ist der Scheideweg, verdinglicht als schmaler Streifen, auf dem ich gerade so stehen kann. Der Bewegungsspielraum ist eingeschränkt; ich muss etwas tun. Springen, als einziger Ausweg. Ohne Anlauf, quasi aus dem Stand, springe ich los. Ich falle.
Es ist wieder dunkel, ich liege in meinem Bett und starre an die Decke. Die Augen sind noch verklebt, die halbvergangene Nacht liegt auf ihnen. Ich drehe mich schnell wieder um, versuche an nichts zu denken und schlafe sofort wieder ein. Nichts bringt meinen Geist außer Kontrolle. Ein neuer Tag steht an und der beginnt früh. Ich fühle mich ausgeschlafen und gut erholt. Ich habe nicht geträumt. Viele Dinge jagen durch meinen Kopf...ich muss loslassen. Noch geht das nicht, zu sehr bin ich in das große Ganze involviert. Ich muss den Neuanfang suchen. Abends im Auto fliegen die Lichter der Stadt vorbei. Menschen sind kaum mehr unterwegs. Das Dröhnen und Pochen des Motors hallt in meinen Ohren wieder, wandert durch mein Gehirn. Ich habe den Kopf leicht schräg gestellt und blicke hinaus in die Nacht. Die Rolle des Beifahrers ist eine sehr angenehme. Man hat nichts weiter zu tun, als auf das Draußen zu achten und die Lichter wirken zu lassen. Und dann siehe da an der Bushaltestelle: Ein Mensch.

Sonnen/blumen/feld

Mittwoch, 26. November, München

Gebt mir drei Wörter und ich schreibe euch einen Text, denn es bedarf nicht viel um literarisch produktiv zu sein. Schenkt mir vierunddreißig Zeilen eure Aufmerksamkeit und ich schenke euch das Geschriebene für die Ewigkeit. Drei-vierunddreißig, drei-vierunddreißig.
Sie steht auf der Bühne und singt. Ich denke sie ist so sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Ihren Gesang begleitet sie selbst auf einer alt aussehenden Gitarre, die trotz einiger Schrammen im Holz immer noch irre gut klingt. Nur sie und ihr Instrument, unverfälscht und original. Die Bühne, das weite Rund, die Menschen...das ist die Wirklichkeit. Ihre Stimme verhallt irgendwo ganz hinten in der Stille, abseits der jubelnden Menge. Sunflowerfield. Es ist Sommer und sengende Hitze hat sich über die Stadt gelegt, wie eine warme Decke im Winter, unter der alles wohlig warm bleibt. Hier staut sich etwas, sucht ein Ventil und versucht nach draußen zu dringen. Die Decke kennte kein Pardon. Ich liege auf der, vom Regen der letzten Nacht noch feuchten Erde und lasse die Hitze meinen Körper zudecken. Ich rupfe einen Grashalm ab, spanne je ein Ende zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände und versuche darauf zu pfeifen. Es funktioniert...das hat es früher nie. Ich unternehme die verschiedensten Töne auf meiner kleinen Flöte und posaune sie hinaus in die Welt. Wolken kreisen über meinem Kopf, der Himmel ist herrlich blau. Ich inhaliere den Duft nach nassem Gras und warmem Sommer. Alles ist herrlich, mein Arm umschließt ein imaginiertes Etwas neben mir...ich halte es. Ich bade in einem Meer von Sonnenblumen, die um mich herum wachsen. Manche von ihnen sind mehr als zwei Meter hoch. Im Herbst werden sie abgeschnitten und den Vögeln vorgelegt, die aus den Köpfen die leckeren Kerne picken und sich ihren Wintervorrat anfuttern. Die Blumen sind dann nicht mehr so schön wie jetzt, liegen einfach nur da und die mächtigen Blüten welken und trocknen vor sich hin.
Ich bin zurück.
Die große Halle ist gut gefüllt und das Mädchen hat ihren Sonnenblumenfeld-Song beendet. Schade eigentlich. Kurz geht das Licht an und vernichtet die angenehm düstere Atmosphäre. Die Gitarre des Mädchens steht auf einmal neben mir in der Ecke. Ich schleiche mich hin, nehme sie in die Hand und betrachte sie von allen Seiten. Ein echtes Gebrauchsstück...bespielt und benutzt. Ich streiche mit meiner Hand vorsichtig über einige Seiten, bis seltsam klingende Töne zu hören sind. Es funktioniert...das hat es früher nie. Das Mädchen hat mich entdeckt. Ich fühle mich ertappt und stelle das Schmuckstück vorsichtig wieder an ihren Platz. Doch sie lächelt mich an, scheint nicht böse zu sein. Die Beleuchtung geht wieder aus und ich sehe das Mädchen in der Menschenmenge verschwinden...nach irgendwohin. Langsam drehe ich mich zur Bühne, denn die nächste Band beginnt zu spielen. Sonnenblumenfeld. Das werde ich so schnell nicht vergessen.

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