Problem der Knappheit

Montag, 01. Dezember, München

Der Himmel ist grau und hängt dick voll Wolken, wie immer, wenn ich sie getroffen habe. Die frühe Uhrzeit ist eine Unchristliche, die S-Bahn wieder bis zum Anschlag voll gestopft. Ihre Nachricht kam gerade noch rechtzeitig.
Wir sprechen wenig, sind beide noch zu verträumt.
Später haben wir miteinander geschlafen, sekundenlang im U-Bahnabteil.
Wir sitzen uns gegenüber und verlieren zwischen zwei Stationen kurz den Halt in der Realität, gleiten weg in eine andere Welt. Dann schälen wir uns in der Masse die Treppen hoch, hinaus in die kalte Dezemberluft. Mit ihrem Freund zusammen war sie letztes Wochenende in Chemnitz, dessen Großeltern besuchen. Ich habe nichts gegen Chemnitz, mag die Stadt und wollte nächstes Jahr auch einmal hinfahren und jemanden besuchen...bis heute. Unter diesen Umständen werde ich mir das noch gut überlegen. Er hat sie, ich habe nichts. Ihre Liebesbekundungen gegenüber ihm in seiner Abwesenheit, aber meiner Anwesenheit, schlagen hart auf meine Brust. Trennung. Sie hält heute ihr Referat, ich gehe in meine Vorlesung. Später Hauptseminar. Auch hier ein Referat. Ökonomie und Philosophie...Problem der Knappheit. Bedürfnis versus Wunsch. Bedürfnisse wollen befriedigt, Wünsche erfüllt werden. Erstere sind stärker. Ressourcenknappheit, daraus entsteht ein Mangel. Liebe als knappes Gut. Der Wunsch bei ihr zu sein und das Bedürfnis von ihr geliebt zu werden. Wo muss ich das verorten? Bedürfnisse müssen unbedingt befriedigt werden, schnell und direkt. Wünsche kann man aufsparen, später bedienen. Ich hebe mir viele Wünsche schon seit längerem auf. Auch Bedürfnisse befriedige ich nicht immer gleich. Zu dieser Jahreszeit klart der Himmel überhaupt nie mehr richtig auf. Wolken bleiben immer, Sonne zeigt sich nahezu nie. Die Liebe ist ein knappes Gut, jeder will sie und nur wenige bekommen genug davon. Güter werden eben dann besonders begehrenswert, wenn sie begrenzt sind. Nach einem anstrengenden Tag gehe ich noch ein wenig spazieren. Es ist kalt und ich vergrabe die Hände tief in den Taschen. Die Lichter der Straßenlaternen gehen an und leuchten in die einsetzende Dämmerung hinein. Auch die Ladenbesitzer werfen in ihren Schaufenstern die Beleuchtung an. Es blinkt und funkelt weihnachtlich aus allen erdenklichen Richtungen. Mit meinen Schritten lasse ich die weihnachtliche Fußgängerzone hinter mir. Beruhigende, ja besinnliche Musik verklingt hinter mir im lauten Weihnachtsmarktbetrieb.

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