Mittwoch, 26. November 2008

Normalität

Dienstag, 25. November, München

Er sei nicht normal sagen sie immer wieder zu ihm. Aber was heißt denn das, “normal”. Er geht die Straße entlang und zieht die Blicke der Menschen auf sich. Augenpaare bohren sich in seinen Körper, durch seine Haut und in seine Seele. Es ist sein Aussehen, das ihn zum Außenseiter, zur Randfigur der Gesellschaft macht. Es ist seine enorme Körpergröße; Zweihundertzwanzig Zentimeter sind es, mit denen er täglich aufsteht und hinaus in die Welt tritt. Aber nicht nur das: seine Gliedmaßen wirken schlaksig, sind sie doch enorm und sogar abnormal groß. Lange Arme und die von so vielen bevorzugten Modelbeine, dazu ein relativ kleiner Kopf und nur wenig Haare. Er befürchtet, dass er schon in wenigen Jahren Glatze tragen muss. Auch das noch. Jede seiner Bewegungen übers Pflaster wirkt lächerlich und seltsam bizarr. Hinter seinem Rücken lachen sie über ihn...hinter vorgehaltener Hand. Er sei nicht normal. Aber abends, wenn es dunkel wird, dann setzt er sich manchmal mit einer Flasche Bier auf sein Bett und denkt nach. Wer definiert denn Normalität? Was, wenn er und wenige andere der Norm entsprechen und die anderen alle abnormal sind? Wie definiert sich der Durchschnitt. Wer definiert vor allem den Durchschnitt. Es gibt nicht viele, die so aussehen wie er. Man lacht über seinen Gang und die ungeschickten Bewegungen seiner Arme und Beine. Donkey Kong. Sein Hauptproblem ist der zu kleine Kopf im Vergleich zu seinen Gliedmaßen. Doch dumm ist er keineswegs. Prima Noten haben ihn durch sein Informatikstudium begleitet und er hat jetzt einen guten Job. Aber er leidet.
Manchmal sitze auch ich da und denke nach über die Definition von Normalität. Ein facettenreiches Thema. Bin ich normal? Ich verachte andere, die ich nicht für normal halte. Ohne Zähne im Fernsehen sein Leben ausbreiten, tagelang in dunklen Räumen vor dem Computer sitzen...das finde ich abnormal. Aber sind diese Leute nicht vielleicht glücklicher, glücklicher und zufriedener als ich? Ich bin nicht glücklich, zumindest im Moment nicht. Ich hoffe, dass es sich wieder ändert. Möglicherweise bin ich wirklich nicht normal, oder doch? Wie sind die anderen? Wo stehe ich? Ich gehe durch die Straßen und sehe die unterschiedlichsten Menschen, die an mir vorüber hasten. Normalität und Alltag hängen zusammen. Ich habe in letzter Zeit ein wenig zu viel von beidem. Die Suche nach etwas Neuem jedoch hat begonnen.

Der Pilger

Montag, 24. November, München

Der Umriss seiner Heimatstadt, die Häuser, Türme und Straßen liegen hinter ihm wie in die vertraute Landschaft gesetzte Kulissen. Ein kurzer Blick zurück, wobei er die Hand an die Mütze legt und sein Städtchen stumm grüßt. Die Hände in den Taschen vergraben geht er seinen Weg. Er ist ein Pilger. Nur das Nötigste hat er auf diese Reise mitgenommen, Wäsche, Geldbeutel, Hygieneartikel und ein zweites Paar Schuhe. Eigentlich nicht mehr. Jeder Luxus liegt hinter ihm, Utensilien der modernen Massenkultur hat er abgestriffen wie eine zu eng gewordenen Haut. Frei sein, ohne Handy, Computer und E-Mail. An Proviant hat er nur wenig eingepackt; das muss zunächst reichen. Etwas Geld steckt hinten in seinem Schuh, knapp über der Ferse. Es muss auch so gehen. Er ist ein Pilger, der sich nach Reinigung sehnt. Nicht zwingend nach Läuterung, denn er hat keinerlei Schuld auf sich geladen. Es ist jedoch der alte Ballast, der sich die letzten Jahre angehäuft hat, und den er nun abladen möchte. Sand knirscht unter seinen Schuhen. Der Weg ist weit. Manche gehen ihn komplett zu Fuß, andere nicht, denn es sind mehrere Hundert Kilometer. Auf diesem Weg ist man nicht mehr so einsam wie früher, denn viele Bücher wurden in den letzten Jahren über ihn geschrieben. Doch auch wenn hier mittlerweile vielleicht mehr Menschen sind, als einem lieb ist, kann man immer noch gut zu sich selbst finden. Jeden Abend wird in einer Herberge mit anderen Pilgern gerastet und sich ausgeruht. Neue Kräfte sammeln. Dann entsteht Kommunikation. Man tauscht Erfahrungen aus, teilt Erlebnisse und Eindrücke über sprachliche Grenzen hinweg. Am nächsten Morgen bricht man früh auf und geht weiter...manche in kleinen Gruppen, aber die meisten dann doch für sich. Die Sonne kann manchmal grausam sein. Sie scheint dann unerbittlich herab auf die eifrigen Pilger, die schweißüberströmt immer weitergehen, das Ziel, die große Basilika, stets vor Augen. Pablo trifft Maria; beide kommen sich auf dieser Reise näher, werden ein halbes Jahr später heiraten und weitere neun Monate später ihr erstes gemeinsames Kind zur Welt bringen. Einen Jungen namens Frederik. Dieser Weg bringt zusammen, kann aber auch trennen, indem man alte Gewohnheiten gleichsam am Wegesrand ablegt, liegen lässt und weitergeht. Marsch zu neuem Bewusstsein, in einen neuen Lebensabschnitt. Das erste Paar Schuhe hält recht lange. Erst nachdem er weit mehr als die Hälfte der Strecke hinter sich gelassen hat, fällt es auseinander. Feinsäuberlich stellt er die alten Treter am Wegesrand ab, schnürt seine neuen Schuhe und geht weiter. Die Spitzen der beiden abgetragenen Latschen zeigen parallel nach Norden. Am Ende der Reise stehen er und viele andere in der Basilika und beten. Es riecht unangenehm nach Schweiß und verbrauchter Luft, aber das stört hier niemanden. Die Glocken läuten und alle sind mit sich und der Welt im Reinen. Ein Lächeln huscht über ihre Gesichter.

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