Sonntag, 16. November 2008

Herz

Donnerstag, 13. November, München

Wir haben uns getroffen, nach so langer Zeit. Schlaftrunken wanke ich in die S-Bahn, in den ersten Wagen. Einmal mehr fünf Minuten Verspätung, weshalb die Zahl derer, die mit mir einsteigen sehr groß ist. Ich bin mir nicht sicher, ob sie auch wirklich da ist und tippe hastig eine Sms in mein Handy. Ja, sie sei auch hier, irgendwo in der Menge. Sitzplatz am Fenster, antwortet sie. Schwingungen. Ich kann nicht zu ihr, da zu viele Menschen in den Gängen und den Einstiegsbereichen der Bahn stehen. Erst ab Hauptbahnhof wird es besser, ich schäle mich durch den Wagen und erreiche sie. Wir lächeln. Schön sieht sie aus und doch irgendwie verändert. So lange konnte ich sie nicht mehr sehen. Sie trägt die Haare etwas strenger nach hinten gekämmt, zudem wirkt sie müde. Naja, früh am Morgen eben. Ein Gespräch entwickelt sich erst während der U-Bahnfahrt. Sie ist wunderschön. Ich blicke fasziniert auf ihre Augen, in ihr Gesicht und entdecke ein kleines Muttermal über ihrem linken Auge, ganz in der Nähe der Braue. Das war mir vorher noch nie aufgefallen. In der U-Bahn taut sie langsam auf, findet hinein in diesen Morgen, der noch so jung ist. Die Zweisamkeit währt nicht lange, denn die Trennung naht. Jeder geht in seine Lehrveranstaltung, ich in meine Vorlesung, sie in ihr Seminar. Wir umarmen uns beinahe zärtlich und ich bin wirklich gespannt, wann ich sie wieder sehen werde. Dann verschwindet das schlanke Mädchen, die die nach Südafrika ging und wieder zurückkehrte, langsam hinter einer der Türen. Ihre Aura hält mich noch lange gefangen. Trotzdem merke ich, dass irgendetwas anders ist. Natürlich gefällt sie mir immer noch, ihr Wesen und ihre angenehme Art verzaubern mich nach wie vor, aber ist es noch Liebe? Ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher. Etwas hatte sich verändert. Der Klang ihrer Stimme betört mich und wenn sie lächelt, geht die Sonne auf. Und doch ist etwas anders. Ich muss auf mein Herz hören, aber das schweigt im Moment, denn zu viele andere Dinge liegen schwer auf ihm. Ich denke lange nach über diese Begegnung. Zwei Tage liegt sie bereits zurück. Mein Herz sagt mir, dass ich sie wohl doch noch liebe, denn ich freue mich bereits riesig darauf, sie wieder zusehen. Aber was ist Freude? Freude kann niemals Liebe sein. Mein Herz ist schwer in diesen Tagen, denn andere Sorgen belasten es. Ich muss warten, bis sich die dunklen Nebel verzogen haben und wieder andere Zeiten kommen. Und sie werden kommen...irgendwann. Hör auf dein Herz!

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