Freitag, 14. November 2008

Nachttaxi

Mittwoch, 12. November, München

Eigentlich ist sie zu schön für diesen Job. Ihre Größe und die schlanke Silhouette ihres Körpers stechen jedem sofort ins Auge. Lässig lehnt sie an ihrem Taxi, raucht Zigarette und blickt verträumt in den frühen Vormittag. Ihre Kippe verglüht langsam in der Kälte des Morgens. Jura hat sie studiert, dreizehn Semester an der Universität. Gelernt, gepaukt und jeden verdammten Tag ihr Bestes gegeben. Es hat nichts genützt. Irgendwie haben ihr immer das nötige Geld und die nötigen Beziehungen gefehlt. Sie kam nirgendwo unter. Es gab Angebote, aber ihren Körper wollte sie nicht preisgeben, ihre Würde und ihren Stolz nicht verraten. Das hatte sie sich geschworen. Sie hat nun ein abgeschlossenes Hochschulstudium, das im Moment nicht viel mehr wert zu sein scheint, als ein stinknormales Jodel-Diplom. Es heißt warten. Für die Taxifahrerlizenz hatte sie gerade noch Geld, auch weil ihre Eltern, die nur über geringe finanzielle Mittel verfügen, ihr noch einmal geholfen hatten. Das ist ihr unangenehm, aber was hätte sie denn machen sollen.
Am schlimmstem sind die Nachtschichten. Kreuz und quer durch die City...den ganzen Abend, bis spät in die Nacht. Das alleine ist schon heftig, aber die Wochenenden sind noch eine ganze Ecke härter. Da sind dann nahezu nur Betrunkene unterwegs, die ihr unter Umständen den ganzen Wagen vollkotzen. Das ist so ekelhaft. Männliche Fahrgäste hat sie nicht gerne auf dem Beifahrersitz. Mancher kann seine Hand nicht bei sich halten und versucht ihr zwischen die Beine zu fassen, oder tätschelt sie verhalten am Knie. Einige gehen weiter und versucht ihr an die Brüste zu packen. Oft lässt sie es über sich ergehen, auch um Ärger zu vermeiden. Nur selten hat sie den Mut einige von ihnen aus ihrem Fahrzeug zu werfen. In diesen Momenten fühlt sie sich wie eine billige Hure, die sich von Männern benutzen und missbrauchen lässt.
Der Mercedes rollt über die Straße...mit dem Ziel Flughafen. Eine lohnenswerte Fuhre. Das bringt gutes Geld. Lange wird sie darum auch in dieser Nacht unterwegs sein. Eine Fahrt, durch die Stadt, über die Autobahn. Lichter fliegen an ihr vorbei. Es leuchtet überall. Hoch am Himmel zischt eine Boing 747 vorbei. Sie kann sie nicht sehen und zudem lärmt der Fahrtwind, sodass kein anderes Geräusch in das Innere des Taxis dringt. An solchen weint sie oft, denn ihr Job hat jede ihrer letzen Beziehungen zerstört. Zu stressig sind die Wochenenden. Während andere Feiern gehen, fährt sie junge Leute zu Discotheken oder ins Theater. Wie gerne sie tauschen würde. Keinen Partner zu finden belastet die Sechsundzwanzigjährige, deren blondes Haar ihr in Strähnen ins Gesicht hängt. Jeder Halt geht ihr verloren.
Ich stehe lange an der Straße bis ein Taxi vorbeikommt. Endlich hält ein Wagen und ein blondes, hübsches Mädchen öffnet die Autotüre. „Zum Flughafen!“, sage ich und steige hinten ein. Dann fahren wir gemeinsam hinein in die Nacht.

CaCO3

Dienstag, 11. November, München

Wasser rieselt durch einen Spalt unterhalb des Deckengewölbes. Der U-Bahn-Schacht leckt, irgendwie ein Indiz, dass Herbst ist. Ich schiebe mich durch die Masse an Menschen. Es geht nur sehr langsam voran. Während ich mit dem Strom geduldig mitschwimme, geht mir einiges durch den Kopf. Wasser verdampft und bildet als Rückstand winzige Kalkkristalle aus. Ganz viele davon auf einem Haufen formen ein hartes, festes Konglomerat. Tropfsteine von der Decke. Stalaktiten von oben nach unten...leicht zu merken, denn Titten sind ja auch immer oben. Das kann tödlich sein.
Er ist noch nicht so alt und dennoch körperlich fast am Ende. Die Krankenhausärzte machen ihre Untersuchungen, er lässt alles geduldig geschehen. Hier ist er in guten Händen. Was am Ende dabei herauskommt ist Folgendes: Kalk hat sich gebildet, sich in den Gefäßen eingelagert und sie verstopft. Winzige Kristalle, die die Durchblutung hemmen und einen Blutstau verursachen. Die Gelenke machen das nicht lange mit. Zuwenig Blut heißt hier keine Leistung mehr. Der Bewegungsapparat streikt. Jeder Schritt wird so zunächst zur Qual und schließlich ganz unmöglich. Der Waschmaschinenreparateur hält den verkrusteten Heizstab triumphierend in den Himmel. Die weißen Ablagerungen glänzen im Fernsehlicht. Kalk hat die Maschine kaputt gemacht, die Heizspirale lahm gelegt, die Schläuche zerfressen und verstopft. Das sagt die Werbung. Bei ihm ist es ernst. Jenes Werbebild verschwindet und an seine Stelle rückt die pure Realität. Operation. Ausgeschält muss da irgendetwas werden. Er blickt mich traurig an. Auch die Halsschlagader ist bedroht. Fast schon dicht, Erstickung droht. Schlaganfallrisiko: hoch bis sehr hoch. Auch die Operation ist nicht ungefährlich. Ein kleines Stückchen Arterienkalk kann abbröseln, durch den Blutkreislauf gespült werden und etwas Wichtiges Blockieren. Schlaganfall während der OP? Möglich, aber bisher noch nicht vorgekommen. Das Bein braucht Blut...der Pfropfen muss raus, das Fett, der Dreck. Wie ein verstopfter Ausguss. Durchpusten. Selbstverständlich kommt das auch vom Rauchen. Woher kommt denn sonst so ein Müll? Ist im Körper ja nicht vorgesehen: Nikotin, Teer, Benzol etc. Wie viele Formulare vor so einer Operation unterzeichnet werden müssen. “Sie können AIDS bekommen, wenn wir ihnen Blut geben müssen. Kommt aber so gut wie nie zu einer Infektion. Eins zu einer Million höchstens. Bitte hier unterzeichnen. Also morgen geht es dann los.” Es wird schon werden. Der Dreck muss raus, weg für immer. Er wird diese Nacht schlecht schlafen können, weshalb er eine Tablette bekommen wird. Er wird sie nehmen, auf die Zunge legen, schlucken und wenig später schlafen. Jetzt kommt die Schwester mit einer Schüssel den Gang entlang und geht auf das Zimmer zu. Die blaue Tablette glitzert ein wenig auf dem weißen Porzellan. Runter damit und dann: Gute Nacht.

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