Ans Ende der Welt
Samstag, 08. November, München
In der Bar schimmern die Lichter in mattem Rot. Der Barkeeper mixt seine Cocktails in völliger Stille. Er scheint mit sich selbst absolut eins zu sein, kein Geräusch der Welt kann ihn stören. Es ist die Harmonie des Ortes, die jede seiner Bewegungen lenkt. Ganz im Hintergrund der Szenerie dudelt leise Musik aus den Lautsprechern, wie das entfernte Rauschen eines Flusses irgendwo in der Welt. Wir sitzen am Tresen, jeder mit einem anderen Getränk vor sich. Wir, das sind ein Fremder den ich gerade kennen gelernt habe und ich. Fahles Licht umstrahlt unsere Körper und lässt uns auf die Umwelt wie Heilige wirken. Er erzählt mir seine Geschichte, langsam und Stück für Stück.
Weg aus Deutschland, je schneller desto besser. Morgen schon will er nach Australien fliegen...Auswandern für immer. Er wirkt für mich gefestigt und mit beiden Beinen mitten im Leben stehend. Und trotzdem entschließt er sich zu so einem ungeheueren Schritt. Dabei fällt mir plötzlich auf, dass er ganz alleine ist. Wenn er doch morgen schon fliegt, warum verbringt er dann den letzten Abend nicht mit seiner Familie und mit seinen Freunden? Er habe keine, versichert er mir wahrheitsgemäß. Dabei blickt er traurig in sein Glas und schwenkt die letzten Reste des goldgelben Whiskys hin und her. Einige Tropfen benetzen den Rand des Glases und lassen ihn seltsam matt im fahlen Licht schimmern. Australien, das andere Ende der Welt. Er wolle einen Neuanfang wagen, alles ändern, was er bis dahin falsch gemacht hat. Trennung und schließlich die Scheidung von seiner Frau, seinen zwei Kindern und von seiner geliebten Familie. Das fällt schwer, muss aber sein. Der absolute Cut des alten Lebens bedeutet alles zurücklassen. Ich starre beim Zuhören an die Wand gegenüber von mir, die mit unzähligen Schnapsflaschen gepflastert ist. Manche voll, manche schon fast leer. Bunt gemischt. Wodka neben Gin, Whisky neben Korn. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt könnte...auswandern. Aber er hat keine Freunde, keine Zukunft mehr. Die letzten Monate habe ich mir auch manchmal gewünscht, für immer zu gehen, „escape from Germany“. Weg für immer. Doch nun, als wir so sitzen und er mir von seinen Plänen und Träumen erzählt, denke ich, dass ich das nicht könnte...nicht jetzt. Ich muss dringend aufs Klo. Zwei Stunden rum sitzen ist anstrengender, als man denkt. Er verabschiedet mich mit einem kurzen Nicken zur Toilette. Es scheint für immer zu sein. Als ich zurückkomme, ist der Unbekannte, der mein Gesprächspartner an diesem Abend war, verschwunden. Schade. Nun möchte auch ich gehen, verlange die Rechnung, aber man sagt mir, es sei alles bereits bezahlt. Der Fremde hat meine Zeche beglichen. Ich nehme meine Jacke vom Stuhl, verabschiede den Barkeeper und gehe hinaus in die Nacht. Insgeheim umweht mich der unsichtbare Schatten des Mannes, mit dem ich mich an diesem Abend so prächtig unterhalten habe. Mein Atem kondensiert in der Dunkelheit zu hellem Dunst. Leiser Straßenlärm dringt zu mir herüber.
In der Bar schimmern die Lichter in mattem Rot. Der Barkeeper mixt seine Cocktails in völliger Stille. Er scheint mit sich selbst absolut eins zu sein, kein Geräusch der Welt kann ihn stören. Es ist die Harmonie des Ortes, die jede seiner Bewegungen lenkt. Ganz im Hintergrund der Szenerie dudelt leise Musik aus den Lautsprechern, wie das entfernte Rauschen eines Flusses irgendwo in der Welt. Wir sitzen am Tresen, jeder mit einem anderen Getränk vor sich. Wir, das sind ein Fremder den ich gerade kennen gelernt habe und ich. Fahles Licht umstrahlt unsere Körper und lässt uns auf die Umwelt wie Heilige wirken. Er erzählt mir seine Geschichte, langsam und Stück für Stück.
Weg aus Deutschland, je schneller desto besser. Morgen schon will er nach Australien fliegen...Auswandern für immer. Er wirkt für mich gefestigt und mit beiden Beinen mitten im Leben stehend. Und trotzdem entschließt er sich zu so einem ungeheueren Schritt. Dabei fällt mir plötzlich auf, dass er ganz alleine ist. Wenn er doch morgen schon fliegt, warum verbringt er dann den letzten Abend nicht mit seiner Familie und mit seinen Freunden? Er habe keine, versichert er mir wahrheitsgemäß. Dabei blickt er traurig in sein Glas und schwenkt die letzten Reste des goldgelben Whiskys hin und her. Einige Tropfen benetzen den Rand des Glases und lassen ihn seltsam matt im fahlen Licht schimmern. Australien, das andere Ende der Welt. Er wolle einen Neuanfang wagen, alles ändern, was er bis dahin falsch gemacht hat. Trennung und schließlich die Scheidung von seiner Frau, seinen zwei Kindern und von seiner geliebten Familie. Das fällt schwer, muss aber sein. Der absolute Cut des alten Lebens bedeutet alles zurücklassen. Ich starre beim Zuhören an die Wand gegenüber von mir, die mit unzähligen Schnapsflaschen gepflastert ist. Manche voll, manche schon fast leer. Bunt gemischt. Wodka neben Gin, Whisky neben Korn. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt könnte...auswandern. Aber er hat keine Freunde, keine Zukunft mehr. Die letzten Monate habe ich mir auch manchmal gewünscht, für immer zu gehen, „escape from Germany“. Weg für immer. Doch nun, als wir so sitzen und er mir von seinen Plänen und Träumen erzählt, denke ich, dass ich das nicht könnte...nicht jetzt. Ich muss dringend aufs Klo. Zwei Stunden rum sitzen ist anstrengender, als man denkt. Er verabschiedet mich mit einem kurzen Nicken zur Toilette. Es scheint für immer zu sein. Als ich zurückkomme, ist der Unbekannte, der mein Gesprächspartner an diesem Abend war, verschwunden. Schade. Nun möchte auch ich gehen, verlange die Rechnung, aber man sagt mir, es sei alles bereits bezahlt. Der Fremde hat meine Zeche beglichen. Ich nehme meine Jacke vom Stuhl, verabschiede den Barkeeper und gehe hinaus in die Nacht. Insgeheim umweht mich der unsichtbare Schatten des Mannes, mit dem ich mich an diesem Abend so prächtig unterhalten habe. Mein Atem kondensiert in der Dunkelheit zu hellem Dunst. Leiser Straßenlärm dringt zu mir herüber.
bflo - 10. Nov, 09:05
