CaCO3
Dienstag, 11. November, München
Wasser rieselt durch einen Spalt unterhalb des Deckengewölbes. Der U-Bahn-Schacht leckt, irgendwie ein Indiz, dass Herbst ist. Ich schiebe mich durch die Masse an Menschen. Es geht nur sehr langsam voran. Während ich mit dem Strom geduldig mitschwimme, geht mir einiges durch den Kopf. Wasser verdampft und bildet als Rückstand winzige Kalkkristalle aus. Ganz viele davon auf einem Haufen formen ein hartes, festes Konglomerat. Tropfsteine von der Decke. Stalaktiten von oben nach unten...leicht zu merken, denn Titten sind ja auch immer oben. Das kann tödlich sein.
Er ist noch nicht so alt und dennoch körperlich fast am Ende. Die Krankenhausärzte machen ihre Untersuchungen, er lässt alles geduldig geschehen. Hier ist er in guten Händen. Was am Ende dabei herauskommt ist Folgendes: Kalk hat sich gebildet, sich in den Gefäßen eingelagert und sie verstopft. Winzige Kristalle, die die Durchblutung hemmen und einen Blutstau verursachen. Die Gelenke machen das nicht lange mit. Zuwenig Blut heißt hier keine Leistung mehr. Der Bewegungsapparat streikt. Jeder Schritt wird so zunächst zur Qual und schließlich ganz unmöglich. Der Waschmaschinenreparateur hält den verkrusteten Heizstab triumphierend in den Himmel. Die weißen Ablagerungen glänzen im Fernsehlicht. Kalk hat die Maschine kaputt gemacht, die Heizspirale lahm gelegt, die Schläuche zerfressen und verstopft. Das sagt die Werbung. Bei ihm ist es ernst. Jenes Werbebild verschwindet und an seine Stelle rückt die pure Realität. Operation. Ausgeschält muss da irgendetwas werden. Er blickt mich traurig an. Auch die Halsschlagader ist bedroht. Fast schon dicht, Erstickung droht. Schlaganfallrisiko: hoch bis sehr hoch. Auch die Operation ist nicht ungefährlich. Ein kleines Stückchen Arterienkalk kann abbröseln, durch den Blutkreislauf gespült werden und etwas Wichtiges Blockieren. Schlaganfall während der OP? Möglich, aber bisher noch nicht vorgekommen. Das Bein braucht Blut...der Pfropfen muss raus, das Fett, der Dreck. Wie ein verstopfter Ausguss. Durchpusten. Selbstverständlich kommt das auch vom Rauchen. Woher kommt denn sonst so ein Müll? Ist im Körper ja nicht vorgesehen: Nikotin, Teer, Benzol etc. Wie viele Formulare vor so einer Operation unterzeichnet werden müssen. “Sie können AIDS bekommen, wenn wir ihnen Blut geben müssen. Kommt aber so gut wie nie zu einer Infektion. Eins zu einer Million höchstens. Bitte hier unterzeichnen. Also morgen geht es dann los.” Es wird schon werden. Der Dreck muss raus, weg für immer. Er wird diese Nacht schlecht schlafen können, weshalb er eine Tablette bekommen wird. Er wird sie nehmen, auf die Zunge legen, schlucken und wenig später schlafen. Jetzt kommt die Schwester mit einer Schüssel den Gang entlang und geht auf das Zimmer zu. Die blaue Tablette glitzert ein wenig auf dem weißen Porzellan. Runter damit und dann: Gute Nacht.
Wasser rieselt durch einen Spalt unterhalb des Deckengewölbes. Der U-Bahn-Schacht leckt, irgendwie ein Indiz, dass Herbst ist. Ich schiebe mich durch die Masse an Menschen. Es geht nur sehr langsam voran. Während ich mit dem Strom geduldig mitschwimme, geht mir einiges durch den Kopf. Wasser verdampft und bildet als Rückstand winzige Kalkkristalle aus. Ganz viele davon auf einem Haufen formen ein hartes, festes Konglomerat. Tropfsteine von der Decke. Stalaktiten von oben nach unten...leicht zu merken, denn Titten sind ja auch immer oben. Das kann tödlich sein.
Er ist noch nicht so alt und dennoch körperlich fast am Ende. Die Krankenhausärzte machen ihre Untersuchungen, er lässt alles geduldig geschehen. Hier ist er in guten Händen. Was am Ende dabei herauskommt ist Folgendes: Kalk hat sich gebildet, sich in den Gefäßen eingelagert und sie verstopft. Winzige Kristalle, die die Durchblutung hemmen und einen Blutstau verursachen. Die Gelenke machen das nicht lange mit. Zuwenig Blut heißt hier keine Leistung mehr. Der Bewegungsapparat streikt. Jeder Schritt wird so zunächst zur Qual und schließlich ganz unmöglich. Der Waschmaschinenreparateur hält den verkrusteten Heizstab triumphierend in den Himmel. Die weißen Ablagerungen glänzen im Fernsehlicht. Kalk hat die Maschine kaputt gemacht, die Heizspirale lahm gelegt, die Schläuche zerfressen und verstopft. Das sagt die Werbung. Bei ihm ist es ernst. Jenes Werbebild verschwindet und an seine Stelle rückt die pure Realität. Operation. Ausgeschält muss da irgendetwas werden. Er blickt mich traurig an. Auch die Halsschlagader ist bedroht. Fast schon dicht, Erstickung droht. Schlaganfallrisiko: hoch bis sehr hoch. Auch die Operation ist nicht ungefährlich. Ein kleines Stückchen Arterienkalk kann abbröseln, durch den Blutkreislauf gespült werden und etwas Wichtiges Blockieren. Schlaganfall während der OP? Möglich, aber bisher noch nicht vorgekommen. Das Bein braucht Blut...der Pfropfen muss raus, das Fett, der Dreck. Wie ein verstopfter Ausguss. Durchpusten. Selbstverständlich kommt das auch vom Rauchen. Woher kommt denn sonst so ein Müll? Ist im Körper ja nicht vorgesehen: Nikotin, Teer, Benzol etc. Wie viele Formulare vor so einer Operation unterzeichnet werden müssen. “Sie können AIDS bekommen, wenn wir ihnen Blut geben müssen. Kommt aber so gut wie nie zu einer Infektion. Eins zu einer Million höchstens. Bitte hier unterzeichnen. Also morgen geht es dann los.” Es wird schon werden. Der Dreck muss raus, weg für immer. Er wird diese Nacht schlecht schlafen können, weshalb er eine Tablette bekommen wird. Er wird sie nehmen, auf die Zunge legen, schlucken und wenig später schlafen. Jetzt kommt die Schwester mit einer Schüssel den Gang entlang und geht auf das Zimmer zu. Die blaue Tablette glitzert ein wenig auf dem weißen Porzellan. Runter damit und dann: Gute Nacht.
bflo - 14. Nov, 00:06
