Dienstag, 11. November 2008

Lichtwechsel

Sonntag, 09. November, München

Das Gefühl, wenn die U-Bahn die Haltestelle verlässt. Ich blicke in eines der Abteile und fixiere die Menschen mit meinen Augen. Ich nagle sie an ihren Positionen, an ihren Steh- und Sitzplätzen förmlich fest. Dann setzt sich die Bahn rumpelnd in Bewegung. Meine Augen verharren auf den Punkten im Fokus, was nur bedingt gelingt. Die Bahn beschleunigt, wird immer schneller, ehe sie an mir vorbei rast. Die Menschen hinter den Scheiben verschwimmen aus meinem Blickfeld. Meine Augen können ihnen nicht mehr folgen. Alles wird eins. Ich blicke hinterher, in den dunklen Tunnel vor mir. Gerade noch so kann ich die Rücklichter des ausfahrenden Zuges erkennen. Gestern im Club war es eng, heiß und teilweise stickig. Einige packen das nicht...bei mir alles prima. Ich werfe einem hübschen Mädchen schräg hinter mir verstohlene Blicke zu, sie indes nur welche zum Barkeeper. Vorerst. Für die Temperaturen hier drin ist sie genau richtig gekleidet. Knapp um betont sexy zu wirken, aber eben auch gerade noch genug, damit sie nicht als nuttig und billig abgestempelt werden kann. Ihr blondes Haar hat sie ordentlich zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Nun sieht sie woanders hin. Ich lehne an einem dieser Bartische mit runder Tischfläche und robuster Säule, auf der die Tischplatte aufgeschraubt ist. Hinter meinem Rücken stehen drei Becher Bier. Immer wieder blicke ich ihr entgegen und einige Male habe ich ein Gefühl, als ob sie zurückblickt. Schließlich bin ich mir sicher, dass sie mir zugelächelt hat. In der Pause strömt alles nach draußen...in die Kälte. Aber egal. Ein lauer Abend hält erträgliche Temperaturen bereit. Erstmal rauchen. Also nicht ich, aber viele der anderen. Drin ist ja verboten. In der Menge verliere ich sie aus den Augen. Mein Blick streift Gesichter, aber ich kann sie nicht sehen. Während der zweiten Hälfte und für den Rest des Abends bleibt sie verschwunden. Am Bartisch lehnen macht nun auch gar keinen Spaß mehr. Der Wechsel vom Dunklen ins Helle ist jedes mal blanker Irrsinn. Eben noch war alles finster, nun plötzlich trifft hellgelbes Licht auf die Iris, reizt Stäbchen und Zäpfchen gleichermaßen. Nur langsam gewöhne ich mich an das künstliche Licht. Später ist der Park ganz dunkel...krasser Gegensatz. Doch auch dort tauchen nach wenigen Metern Straßenlaternen auf, die jeden meiner Schritte in den Fokus nehmen. Erst zu Hause, als ich in meinem Bett liege und das Nachtischlicht erloschen ist, herrscht völlige Dunkelheit. Schon in wenigen Stunden werde ich das Haus wieder verlassen und dem erwachenden Tag begegnen. Bis dahin jedoch ist es steinkohlefinster um mich herum.

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