Totenschiff

Freitag, 14. November, München

Auf einmal ist da der Tod. Er kam plötzlich, ohne zu klopfen trat er an die Schwelle zum Leben und riss Menschen mit sich. Alles wurde finster. Am Telefon bekam ich keine Auskunft, aber die Stimme des Arztes klang nicht besonders zuversichtlich.
Ich steige auf mein Rad und fahre hinein in einen trüben Novembertag, hin zum Krankenhaus. Meine Beine beginnen zu zittern und das Herz schlägt schneller. Die Grundstimmung ist negativ, ich ahne das Schlimmste. Die Intensivstation verfügt über einen langen Gang, die Wände sind in sterilem Weiß gestrichen, nur ein paar Bilder zieren diesen kargen Ort. Alles ist trostlos. Ein Arzt kommt, bringt mich in einen separaten Raum und verkündet die Todesnachricht. Ich bin wie paralysiert, meine Gedanken kreisen weit und schweifen irgendwohin. Sein Mund bildet eine leere Hülle in seinem Gesicht, die sich permanent öffnet und schließt. Die Worte dringen nicht an mein Ohr. Geschlagen und nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen, verlasse ich das Krankenhaus, hinaus in die Kälte dieses Tages.
Er hatte keine Chance, zu gravierend waren seine bisherigen Krankheiten. Kaputte Leber, nur noch einen Lungenflügel und vier überstandene Herzinfarkte. Das war schließlich einfach zu viel. Ich kann bisher kaum Gefühle zeigen, bin mir aber ziemlich sicher, dass das eigentliche Realisieren dieses Ereignisses noch dauern wird. Den Tod akzeptieren, das fällt schwer. Doch der Tod gehört zum Leben dazu. Da stirbt einer hinter grauen Krankenhausmauern im zweiten Stock, während unten auf der Entbindungsstation ein Neugeborenes auf die Welt kommt. Leben und Sterben, beides ist untrennbar miteinander verbunden. Sterben bedeutet auch Neuanfang. Etwas Altes muss sterben, damit etwas Neues entstehen kann. Sterben als Chance? Im Moment ist daran nicht zu denken, denn zunächst muss ich mit der Situation zurechtkommen. Das wird schwer genug. Ich steige von meinem Fahrrad ab und stelle es an einen der Zäune am Wegrand. Ich setze mich auf eine der Bänke, schlage die Hände vors Gesicht und weine. Es ist wenig Platz für Tränen, denn das Leben geht erbarmungslos weiter. Dann stehe ich auf und gehe. Regen setzt ein. Ich denke an eine schwarze Galeere, die vom Bootssteg ablegt und in die weite Welt hinaussegelt.

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