Dienstag, 18. November 2008

Ganz plötzlich

Samstag, 15. November, München

Das Sterben tritt zwischen die Menschen, mischt sich unter sie, ist plötzlich da. Man denkt, dass es eigentlich nicht weitergehen kann. Er war sehr krank gewesen, seit Jahren schon. Mehrmals war er dem Tod von der Schippe gesprungen, konnte den Krebs, die Schmerzen und das Leid verdrängen. Nun war das Nichts stärker. Vier Herzinfarkte, Krebs und Metastasen überall. Vor viereinhalb Jahren haben wir uns kennen gelernt und seit dieser Zeit habe ich ihn betreut. Am Anfang weniger, die letzten Tage und Wochen eher mehr. Man sagte ihm 2004, dass er noch ein oder zwei Jahre zu leben habe. Nun ist es mehr geworden, beinahe wie der Brandner Kaspar, der dem Tod beim Kartenspiel ein Schnippchen schlägt. Friedlich gestorben, im Krankenhaus. Zu Hause hätte ich nichts mehr für ihn tun können. Das Haus eines Toten wirkt trostlos, kühl und leer. Und auch ich fühle mich unbewohnt und mein Herz liegt schwer in meiner Brust. Für ihn ist der Tod Erlösung. Die letzte Zeit war sehr schwer. Ich blicke auf den Platz gegenüber, auf dem er vor wenigen Wochen noch gesessen hat und rauchte. Nun schimmert vor meinen Augen ein hohles Abbild seines Körpers. Die Mulde in der Polstergarnitur, sein Abdruck, ist immer noch zu erkennen. Nun betreue ich eine herrenlose Katze und zehn Fische in einem herrenlosen Haus. Gegen die Stille schalte ich das Fernsehen ein, aber es kommt einmal mehr nur Mist. Ich zappe durch die Programme und bleibe schließlich bei einer einigermaßen interessanten Musiksendung hängen. Die Katze stößt ein herzzerreißendes “Miau” aus und verlangt nach Futter und frischem Wasser. Das habe ich in der ganzen Aufregung einfach vergessen, die Todesnachricht ist noch zu frisch. Der Glaube an ein anderes Leben, an einen anderen Ort gibt Kraft. Die Seele verlässt die tote Hülle des Körpers und findet einen anderen Ort, an dem alles besser ist. An was ich glaube (Allah, Wiedergeburt oder Gott), spielt dabei keine Rolle. Leider kann man das Leben nicht anhalten, auch nicht für einen kurzen Augenblick. Es läuft erbarmungslos weiter, egal was ist. Ich ordne mich also wieder ein in den Strom des täglichen Lebens, gehe nahezu zum Alltag über. Auch der Tod kehrt zurück, mischt sich unter die Menschen und kommt bald wieder. Leben und Tod...eben untrennbar verbunden. Wenn der Tod kommt, wird er nicht läuten, sich nicht ankündigen und uns keine Chance auf Vorbereitung geben. Dann ist er einfach da und wird für kurze Zeit ein Teil von unserem Leben.

Totenschiff

Freitag, 14. November, München

Auf einmal ist da der Tod. Er kam plötzlich, ohne zu klopfen trat er an die Schwelle zum Leben und riss Menschen mit sich. Alles wurde finster. Am Telefon bekam ich keine Auskunft, aber die Stimme des Arztes klang nicht besonders zuversichtlich.
Ich steige auf mein Rad und fahre hinein in einen trüben Novembertag, hin zum Krankenhaus. Meine Beine beginnen zu zittern und das Herz schlägt schneller. Die Grundstimmung ist negativ, ich ahne das Schlimmste. Die Intensivstation verfügt über einen langen Gang, die Wände sind in sterilem Weiß gestrichen, nur ein paar Bilder zieren diesen kargen Ort. Alles ist trostlos. Ein Arzt kommt, bringt mich in einen separaten Raum und verkündet die Todesnachricht. Ich bin wie paralysiert, meine Gedanken kreisen weit und schweifen irgendwohin. Sein Mund bildet eine leere Hülle in seinem Gesicht, die sich permanent öffnet und schließt. Die Worte dringen nicht an mein Ohr. Geschlagen und nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen, verlasse ich das Krankenhaus, hinaus in die Kälte dieses Tages.
Er hatte keine Chance, zu gravierend waren seine bisherigen Krankheiten. Kaputte Leber, nur noch einen Lungenflügel und vier überstandene Herzinfarkte. Das war schließlich einfach zu viel. Ich kann bisher kaum Gefühle zeigen, bin mir aber ziemlich sicher, dass das eigentliche Realisieren dieses Ereignisses noch dauern wird. Den Tod akzeptieren, das fällt schwer. Doch der Tod gehört zum Leben dazu. Da stirbt einer hinter grauen Krankenhausmauern im zweiten Stock, während unten auf der Entbindungsstation ein Neugeborenes auf die Welt kommt. Leben und Sterben, beides ist untrennbar miteinander verbunden. Sterben bedeutet auch Neuanfang. Etwas Altes muss sterben, damit etwas Neues entstehen kann. Sterben als Chance? Im Moment ist daran nicht zu denken, denn zunächst muss ich mit der Situation zurechtkommen. Das wird schwer genug. Ich steige von meinem Fahrrad ab und stelle es an einen der Zäune am Wegrand. Ich setze mich auf eine der Bänke, schlage die Hände vors Gesicht und weine. Es ist wenig Platz für Tränen, denn das Leben geht erbarmungslos weiter. Dann stehe ich auf und gehe. Regen setzt ein. Ich denke an eine schwarze Galeere, die vom Bootssteg ablegt und in die weite Welt hinaussegelt.

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