Freitag, 07. November, München
Buchstaben tanzen über die Bildschirmoberfläche, groß und klein. Streng hintereinander ordnen sie sich zu Wörtern, die meinem Kopf entspringen. Aus Wörtern werden zunächst Sätze, ehe sich ein flüssiger Text generiert. Die Faszination des Schreibprozesses. Der entstandene Text gleicht einer Geburt. Mal schwerer, mal leichter, presse ich das Gedachte hervor, winde es durch mein Gehirn, ehe es in meine Finger fließt, die es zu Papier bringen. Etwas entsteht in einem Prozess. Ich sollte einen fertigen Text darum wohl eher mit der Zeit vor der Geburt vergleichen. Das Kind wächst im Bauch der Mutter zunächst vom Fötus, dann zum Embryo und schließlich zum Säugling heran. Ebenso ordne ich Zeile an Zeile, füge Wort an Wort, Buchstabe an Buchstabe. Alles fließt. Das Fertige ist der Text, das Kind. Ein Akt der Befreiung, für mich und die Mutter. Das, was in meinem Kopf herangereift ist, mich bedrückt und beschwert hat, ist endlich heraus. Die Frau ist frei, ich zunächst auch. Text reiht sich an Text, bis sich ein Leben abbildet. Mein Leben. Ideen, Gedanken und Wünsche werden hineingelegt, kondensieren sich zu einem fertigen Etwas. Mit einer Vorstellung, einer Idee hat alles angefangen.
Es muss nun ungefähr ein Jahr her sein, als ich den Entschluss zu dieser Arbeit, zu diesem Blog hier gefasst habe. 366 Tage voller Leben. Damals schon von Sophie und von ihr, die nach Südafrika ging, beeinflusst und indirekt bestärkt. Ich wollte dieses Experiment, diesen Versuch und ich bereue nicht, dieses hier unternommen zu haben. Kreativität trifft dabei Realität. Ich merke, wie schnell alles zu Ende geht, mit welchem Tempo sich die Zeit bewegt und ich zusätzlich durch sie hindurchrase. Alles geht so verdammt schnell. Wir haben gleich Mitte November. Ich weiß heute noch nicht, was ich daraus lernen kann, ob es mich weiterbringt, wie und wohin auch immer. Geschadet hat es nicht. Mir bleiben noch einige Wochen voller Erfahrung, voller Idee und Inspiration. Ich wollte immer schon schreiben. Mit meinem besten Freund zusammen haben wir uns als Kinder Geschichten ausgedacht, die mein Vater für uns zu Papier brachte. Damals hatte ich noch keinen Computer, der Schreibstil war noch nicht flüssig und ging uns nur schwer von der Hand. Mich hat die Schreiberei mehr begeistert als meinen Freud und auch nicht mehr losgelassen. Er ist technisch beschlagen, in der Welt der Computer und der Informatik zu Hause. Ich lebe in einer Welt der Schriftstellerei, der Bücher, Romane und Geschichten. Grenzenlos und frei. Alles ist erlaubt. Vorhin habe ich einen virtuellen Ordner auf meinem PC durchforstet und einige meiner selbstverfassten Gedichte gefunden. Fast sechs Jahre sind diese mittlerweile alt. Darunter ein Gedicht, das ich zu einem Liebesbrief umfunktioniert habe und das ich an die damals Geliebte geschickt habe. Leider blieb es wirkungslos. Mein allererstes Gedicht liebe ich besonders. Nur wenige Verse, mancher mag sie als kitschig empfinden, ist es lang. Versagte Liebe, erfolgloses Hoffen kondensiert in einer Strophe. Lyrik mit dem Titel “Ewig du”.
“Ich hatte jüngst für mich gehofft,
dass du mich wirklich liebst.
Ich wünschte mir bei Zeiten oft,
dass du mir Liebe gibst.
Doch hab ich mich da wohl geirrt,
mein armes Herz war zu verwirrt.
War letztlich alles Utopie,
doch dich vergessen wird ich nie.”
Verse, die sich heute nahtlos ins Dickicht meiner Realität einreihen.
bflo - 9. Nov, 10:28
Donnerstag, 06. November, München
Auf seinem Metallkoffer haben sich transparente Tautropfen niedergeschlagen. Jeder seiner Schritte berührt das Pflaster nur ganz leicht. Sein Gesicht ist emotions- und ausdruckslos, er verzieht keine Mine und seine Körpersprache versteht niemand zu deuten. Keiner weiß von wo genau er hergekommen ist. Es interessiert aber auch niemanden, denn für die Menschen ist er wie ein Unsichtbarer, den keiner wahrnehmen kann. Mit der Menge, die sich durch die Fußgängerstraße schiebt verschmolzen, ist er nur einer von Vielen. Während er zügig vorwärts geht, glänzen seine blank polierten Schuhe im fahlen Morgengrau.
Aus der Gegenrichtung kommt ein anderer. Seine Schuhe sind speckig und abgetragen, über der rechten Schulter trägt er eine an den Nähten zerschlissene Umhängetasche. An einer Seite zieht sich ein dicker Riss quer über die äußere Stoffschicht. Seine Haare trägt er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und mit einem dunkelblauen Haargummi fixiert. Bullig marschiert er die Straße entlang durch die Menschenmenge, die ihn zwar wahrnimmt, aber so gut wie nicht beachtet. Beinahe scheinen seine Tritte Spuren zu hinterlassen. In der Mitte der Straße begegnen sich beide. Der Metallkoffer und die Umhängetasche. Man tauscht flüchtige Gedanken und leere Worte aus. Koffer und Tasche wechseln die Besitzer, man reicht sich die Hände. Nach drei Minuten ist alles vorüber. Ein kurzes Nicken der beiden beschließt dieses Treffen, ehe jeder wieder seinem Weg folgt. Nach kurzer Zeit sind beide zu entfernten Punkten, zu flüchtigen Schatten geworden, die im Menschengewühl verschwinden; ein jeder auf seinem Weg.
Ich sitze ganz in der Nähe der Stelle und beobachte die Begegnung mit einem Becher Kaffee in der Hand auf einer der Bänke sitzend. Für diese Jahreszeit ist es nicht besonders kalt und das Koffeinhaltigeheißgetränk heizt meine Hände. Es ist Zeit für den Umbruch. Es ist Zeit, dass sich Neues und Altes begegnet, sich beide Seiten die Hand reichen und Erfahrungen austauschen. Nur so kann Innovatives entstehen. Ein Konglomerat aus alt und neu, aus Erfahrung und Idee. Wir befinden uns in einer Phase des Umbruchs, des Übergangs, nach dem womöglich nichts mehr so sein wird wie jetzt. Ob das gut oder schlecht ist, vermag ich nicht zu sagen. Zumindest muss etwas passieren. Nur ein Kombinat kann uns retten: Nicht blind sein für Neues, aber auch ein Auge auf Altbewährtes werfen. Eine abgetragene Stofftasche ist immer noch praktisch und hat ihre ganz speziellen Vorzüge. Neues kann von Altem lernen.
Ich stehe auf, werfe meinen Pappbecher in einen silbergrauen Mülleimer und gehe zum Marienplatz. Eine neue Zeit, eine neue Chance. Vor mir, neben einem der Gemüse- und Obststände, spielt ein peruanisches Inka-Trio „Wind of change“.
bflo - 7. Nov, 10:48
Mittwoch, 05. November, München
Wenn es so etwas wie die Hölle gibt, und da bin ich mir sicher, muss es ein Krankenhaus sein. Hier sieht jede Station gleich aus. Architektonisch völlig monoton. Rot leuchtende Schilder weisen den Weg, große Tafeln führen durch die einzelnen Abteilungen. Ich bin nicht gerne hier. Besonders gläubig bin ich eigentlich nicht, aber an eine Art Dualismus von Himmel und Hölle glaube ich. Die Hölle habe ich mir immer als mysteriösen Ort vorgestellt, den ich nicht begreifen kann und von dem ich keine konkrete Vorstellung habe. Anders denken; Freiheit und Gesundheit, dass muss der Himmel sein. Krankheit muss die Hölle sein. Krankenhaus. Ich schleiche durch einen der Gänge, bin auf der Suche nach einer Urinflasche. Im Flur stinkt es wie Hölle nach Pisse. Drastisch? Die Wahrheit! Eine Schwester gibt mir ein emailliertes Gestänge und eine gelbe Plastikflasche mit langem, dickem Hals. Beutezug. Nun muss ich runter zur Patientenanmeldung. Das dauert ziemlich lange, da ich vergessen habe eine Nummer zu ziehen. Die nette Dame schickt mich wieder zurück und ich hole mir so eine kleine grüne Marke aus dem Markenautomaten vor dem Anmeldungszimmer. 267 steht drauf. Ich blicke nach oben auf eine rote Digitalanzeige. 260 steht da drauf...na prima. Also ist warten angesagt. Die Zeit nutze ich, um an einem Pult stehend die Formulare auszufüllen. Was für ein Aufwand, aber immerhin habe ich etwas zu tun. Ich entdecke ein Schild, auf dem steht “Grüner Herr/grüne Dame kommt gleich”. Aha. Das muss so etwas sein wie es im Kult-/Skandalbuch “Feuchtgebiete” beschrieben wird. Das ist ein Buch! Eigentlich ziemlich eklig, aber ich habe schon schlechtere Bücher gelesen. Zumindest wird darin, wie ich jetzt feststellen darf, die Krankenhauswelt treffend wiedergegeben. Ein schlimmer Ort. Die Dame bei der Anmeldung ist sehr nett, sieht mir alle meine Fehler und meine Unbedarftheit nach. Trotzdem dauert das Prozedere wieder ewig. Noch einmal zurück aufs Zimmer, alle Klamotten in den Schrank räumen und nach der Schwester klingeln. Dann verabschiede ich den, wegen dem ich hier bin und verlasse diesen Ort. Ich werde bald zurückkehren. Noch einmal vorbei an der Notaufnahme. Ich ziehe einen Becher Kaffee aus dem Automaten, warte auf einem der Stühle und trinke heißen Automatenkaffee. Dabei werde ich Beteiligter an einem ergreifenden Schicksal. Ein Mann verliert seinen Sohn. Tod! An einem anderen Automaten ziehe ich einen Schokoriegel und trete hinaus in den Vormittagsnebel. Es ist ein weiter Weg bis nach Hause. Ich habe keine Lust, ein Taxi zu rufen. Muss ein paar Meter gehen, mir die Beine vertreten, Herbstlaub unter den Füßen spüren. Auf halben Weg schießen mir Tränen in die Augen. Die Wimpern werden nass...ich weine. Wie wird alles weitergehen. Hinter mir verschwindet die Hölle im dichten Novemberdunst.
bflo - 6. Nov, 15:13
Dienstag, 04. November, München
Ein langer Flur liegt vor mir, weiße Wände verengen ihn zu beiden Seiten hin. Der Kaffeeautomat gibt ein lautes Röcheln von sich. Ein Becher fällt in eine Halterung und klares Wasser fließt aus einer Düse hinein. Ich blicke länger in den Wasserstrahl, bis er braun wird und zu dampfen anfängt. Es gluckst noch ein wenig, bis sich eine kleine Schaumkrone oben auf dem Kaffee bildet. Ich will den Becher anfassen, doch schrecke zurück, denn das Getränk ist brütendheiß. Ich warte kurz und kehre schließlich doch mit meiner Beute zurück zu meinem Stuhl, der wie die Wände in grässlich sterilem Weiß gehalten ist. Vorsichtig nippe ich an meinem Getränk, sinke weiter zurück in die nicht vorhandenen Polster und beginne meine Umgebung zu scannen.
Ich hasse Krankenhäuser, bin heute wieder einmal hier, um jemanden zu besuchen. Glücklicherweise war ich selbst bis jetzt nur ganz selten als Patient an einem Ort wie diesem und das ist schon sehr lange her. Ein Pfleger kommt vorbei. Er schiebt ein typisches Krankenhausbett vor sich her. An einer Art Gestänge an der Seite des Bettes sind diverse Schläuche und Kabel befestigt. Oben hängen transparente Infusionsbeutel. Welch trostloser Ort. Mir gegenüber sitzt einer; ein älterer Mann, der an den Nägeln kaut, verquollene Augen hat und verzweifelt den langen Flur runterblickt. Sonst ist er absolut ruhig. Nur sein Gesicht wirkt etwas aufgequollen und ich gehe davon aus, dass er die letzte Nacht viel geweint hat. Ich hingegen sitze da und warte. Bin zu früh dran, denn noch ist keine Besuchszeit. Ärzte und Krankenschwestern hasten geschäftig die Gänge entlang…die Lautstärke nimmt zu. Ein älterer Mann rollt einsam in seinem Rollstuhl an mir vorbei. Ich kann ihm nicht helfen. Eine alte Frau, sie wirkt ziemlich verwirrt, schiebt sich mit ihrem Gehwagen in irgendeine Richtung. Sie kann sich nicht entscheiden, wo es hingehen soll. Sie suche ihr Zimmer meint sie. Dabei blickt sie mich traurig an, aber ich kann ihr nicht helfen. Viele verschiedene Menschen treffen sich hier in diesem Gebäude, auf diesen Fluren. Doch es ist kein schöner Ort, denn niemand ist gerne oder freiwillig hier. Falsche Geselligkeit. Ein Schmelztiegel als Fassade. Aufgesetztes Miteinander. Plötzlich schallt ein lautes Viepen den Gang entlang. Es kommt aus einem Zimmer schräg gegenüber von mir, dessen Türe einen Spalt breit offen steht. Viel zu laut eigentlich. Es hört sich wie im Film an, wenn jemand stirbt. Ein grüner Strich auf dem Monitor…Nulllinie. Genau dieses Geräusch. Zwei Schwestern springen aus einem der Aufenthaltzimmer heran, hinein in das Zimmer. Wenig später kommt ein Arzt. Nach einigen Minuten kehren alle drei resigniert und mit eisigen Gesichtern zurück. Der Arzt spricht mit meinem Gegenüber. Der beginnt zu schluchzen. Für mich ist es nun Zeit hier wegzugehen. Ich stehe auf und erhasche den Blick des weinenden Mannes.
„Ich habe meinen Sohn verloren.“, schluchzt dieser und schlägt sich mit beiden Händen vor die Stirn. Ich kann nichts antworten, versuche aber einen mitleidvollen Blick, drehe mich dabei um und gehe. In seinem Schmerz ist jeder Mensch allein.
bflo - 5. Nov, 19:38
Montag, 03. November, München
Wir hätten uns gesehen, doch daraus wurde wie so oft nichts. Die gemeinsame S-Bahn war ausgemacht, der Treffpunkt im Wageninneren vereinbart. Ich unterstelle ihr keine Böswilligkeit, keine Absicht. Es war wohl einfach ein unglücklicher Umstand, der uns heute nicht zusammen geführt hat und dies auch morgen oder die nächsten Tage nicht tun wird. Ich werde traurig; traurig wie die Sonne, die hoch am Himmel steht und nicht durch die dichte Wolkendecke brechen kann. Traurig wir die letzten Grashalme, die vom Morgentau gebeugt werden und unter der Last des ersten Frostes kläglich zusammen brechen. Sie ist einzigartig und irgendwie liebe ich sie, aber der heutige Tag hätte mir die Möglichkeit gegeben, zu testen ob ich sie noch so toll finde wie bei unserer letzten Begegnung. Wie lange das schon her ist...unbeschreiblich lange. Missmutig sitze ich im Zug, fahre in den erwachenden Morgen und bin mit meinen Gedanken irgendwo weit weg, losgelöst von allen irdischen Gegebenheiten. Wegen ihr; wegen ihr, die nach Südafrika ging und wieder zurückkam. Wie lange das schon her ist...unbeschreiblich lange. Später treffe ich einen Freund und wir trinken einen Kaffee unten, bei den Sitzecken vor dem Aufgang zur Cafeteria.
Dann treffe ich sie. Leider ist sie nicht die, die nach Südafrika ging und wieder zurückkam, sondern eine ganz andere. In diesem Blog wurde bereits darüber berichtet. Sie hätte mich beinahe mein Studium gekostet. Sie, das ist die, an deren Wohnung ich mich zu nahe heran gewagt habe. Ich hatte Alkohol getrunken als das geschah. Sie, die alles zerstört hat...von einem auf den anderen Tag, einfach so. Sie, die mir keine zweite Chance gegeben hat, sitzt nun einfach da. Was soll sie auch tun, spricht ja nicht mehr mit mir. Ich beobachte sie aus der Distanz. Hat ihre Haare gefärbt, also wohl ein neuer Freund. Frauen wechseln die Frisur, sobald sie in einen neuen Lebensabschnitt eintreten. Sie hat sich etwas verändert, ich muss mindestens zweimal hinsehen, um sie zu erkennen. Sie ist in ein rapsgelbes Reclam-Buch vertieft und sieht nicht zu mir rüber. Ich werde schon wieder traurig, aber denke mir, dass die gemeinsamen Stunden mit ihr doch toll waren. Wie lange das schon her ist...unbeschreiblich lange. Sie geht vor mir, packt ihre Tasche, steckt ihr Mäppchen ein (alles noch dieselben Sachen wie damals) und steht auf. Nun hat sie mich gesehen, aber sie hat mich sicher schon davor bemerkt. Ich sehe ein Lächeln, kurz. Einbildung? Weiß nicht...lächle zurück. Nichts als Kälte. Sie steht auf, dreht sich um und geht. Die Worte meines Freundes verlassen seinen Mund aber dringen nicht an mein Ohr. Ich blicke ihr nach bis sie gänzlich verschwunden ist. Sie raucht. Das hat sie früher nicht gemacht...zumindest glaube ich das; wer weiß.
bflo - 5. Nov, 17:36
Sonntag, 02. November, München
In der kleinen Wirtsstube ist es schummrig und eng. Von der Decke strahlen nur sporadisch ein paar blasse Leuchter herab und erhellen die Dunkelheit. Die Fenster sind beschlagen; von außen neblig, von innen leicht feucht. Menschen atmen, leben und vergehen hier. Am Tresen sitzen welche, die mit ihren fleischigen Händen Gläser umklammern und ab und an einige Züge Bier oder Wein daraus trinken. Im Hintergrund spielt eine Musikbox alte, beinahe vergessene Lieder. Etwas abseits sitzt einer und denkt nach. Vor sich eine Flasche billig aussehenden Rotwein und ein halbvolles Glas. Ist es vollständig geleert, kommt die korpulente Bedienung und schenkt nach. “Komm gieß mein Glas noch einmal ein.”
Freunde kamen, traten in sein Leben um ein Stückchen mit ihm auf dem Weg zu gehen. Nun sind ihm keine mehr geblieben. Begegnungen und Freundschaften waren meist kurze Etappen auf einem langen Weg durch das Leben. Es gab Zwischenstopps, kleine Haltepunkte am Rande. Das war alles. Nun sind ihm keine mehr geblieben. Sein Blick wird von dem vielen Fusel leicht glasig, die Augen beginnen sich zu schmalen Schlitzen zu verengen. Die Umrisse der Theke, der Wirtschaft und der Barfrau werden zusehends blasser. Die Hand beginnt zu zittern. Episodenartig ziehen sie an der runden Wölbung seines Glases vorbei. Das Glas selbst hat keinen Anfang und kein Ende. Von irgendwoher kommen die Bilder in sein Blickfeld und verschwinden sogleich wieder daraus. Trübe Fratzen stellen sich ihm entgegen. Seine Freunde nicht mehr da. Nur noch bleiche Randgestalten auf dem gläsernen Oval seines Trinkgefäßes. Abschnittweise sickert die Erinnerung davon. Steter Tropfen. Im Glasinneren gluckert der Wein. Darin kann er es leuchten sehen. Die Wahrheit ganz zuunterst auf dem Grund. Im Wein liegt Wahrheit und in mehr Wein liegt mehr Wahrheit. Darum beginnt er mit der zweiten Flasche. Erst dann verebben die Bilder, trollen sich zurück in sein Unterbewusstsein. Schon bald werden sie zurückkehren, noch stärker, noch mächtiger.
Autos überholen dich auf der Straße des Lebens, während du nichtsahnend geradeaus läufst. Ein roter Kombi hält neben dir. Es ist die Liebe. Du steigst ein und lässt dich ein Stückchen mitnehmen. Schon bald erkennst du, dass die Reise nicht ewig dauern kann. Ihr trennt euch, du und der Kombi. Du steigst aus. Die Liebe braust davon. Immer weiter. Bald schon nimmt sie den nächsten mit, ein Stück auf seinem Weg, dem Weg beider. Und du? Du bist durch die Liebe zügig ein Stück auf deinem Weg vorangekommen. Schnell warst du, aber dabei hast du vieles am Rande des Weges einfach verpasst. Die Reise mit dem Auto hat dich blind für diese Ränder gemacht. Nun blickst du zurück und merkst, was du versäumt hast. Doch der Weg geht immer weiter...für dich nun wieder zu Fuß.
bflo - 4. Nov, 12:05
Samstag, 01. November, München
Dead man walking. Vom Himmel staubt noch ein wenig Asche, legt sich auf mein Haar und scheint damit zu verschmelzen. In der Nacht brannte der Himmel. Ich gehe über zerklüftete Straßen, mit Schlaglöchern die kleinen Kratern gleichen. Man könnte meinen hier haben sich hungrige Meteoriten ins Erdreich gefressen. Die Häuser gleichen leeren Hüllen, meist stehen nur noch vereinzelte Mauern am Straßenrand. In der Ferne lodert Feuer auf. Brennende Autowracks erhellen den Morgen und es riecht intensiv nach verbranntem Gummi. Zwischen Müllbergen und Schutthaufen schnüffelt ein verwahrloser Hund neugierig herum. Ich gehe auf in zu und rede beruhigend auf ihn ein. Er scheint mich zu mögen, bellt einmal kurz, wedelt mit dem Schwanz und versucht meinen Schuh abzulecken. Irgendwo beginnt eine Sirene zu heulen. Der Hund und ich gehen weiter. Aus einigen der Löcher im Boden steigt leichter Rauch auf. Es riecht auch weiterhin unangenehm und irgendwie komisch. Jetzt erst sticht mir das rote Halsband des Hundes ins Auge, vielleicht auch, weil die Welt um mich herum jede Farbe verloren hat. Da wo vorher blauer Himmel war, sind die Wolken jetzt schwarz angestrichen. Der Äther glänzt dunkelgrau und rings um mich herum sind alle Grünflächen verschwunden. Die Wiesen scheinen aufgefressen und durch dunkelbraune Äcker ersetzt. Ohne Leben, ohne Zukunft. Kann man ohne Sonne überleben? Die Welt wirkt ausgestorben, der Hund und ich scheinen die letzten Überlebenden einer großen Zivilisation zu sein. Plötzlich bricht ein Sonnenstrahl durch die Düsternis, scheint genau auf mich, erhellt meine Person und zeichnet meinen Schatten und den des Hundes auf den löchrigen Asphalt. Hinter mir brennt die Erde. Gedankenverloren gehe ich über die Trümmer meiner Welt, über die Ruinen der Zivilisation. Jemand, der die Szenerie aus einiger Entfernung beobachtet sieht nichts weiter als einen großen und einen kleinen Schatten in Eintracht nebeneinander gehen. Dabei kann er sich nicht sicher sein, ob es die Umrisse zweier Lebewesen sind, die da über die brennende Welt laufen. Der Sonne entgegen, die längst nicht mehr da ist.
Der Morgen ist noch jung und die Erinnerung an das eben geträumte noch ganz frisch. Draußen ist die Welt schön, der Himmel blau und die Wolken glänzen in herrlichem Weiß. Ich nehme eine bunte Schachtel von meinem Regal und öffne sie. Lange habe ich sie nicht mehr in der Hand gehabt. Ich greife wahllos nach vier Murmeln und verberge sie in meiner Hand. Ich halte sie ins Licht und die Morgensonne bricht sich in vielen Farben darin. Die Schachtel stelle ich zurück ins Regal…völlig in Gedanken.
bflo - 1. Nov, 17:39
Freitag, 31. Oktober, München
Die Fußgängerzone füllt sich langsam, denn viele wollen ihn sehen. Den Wagen hat er sich von einem Freund geliehen, da der Transport seiner riesigen Instrumente mit den öffentlichen Verkehrsmitteln äußerst umständlich und eigentlich unmöglich ist. So kommt er gut zurecht. Er öffnet die massiven Flügeltüren des “Sprinter” und blickt in das Innere. Mit dicken Spanngurten hat er die beiden wertvollen Xylophone im Innenraum des Fahrzeugs befestigt, damit sie nicht unkontrollierte und wild hin und her fliegen. Alleine ist das Ausladen doch recht mühsam, aber es geht. Zu Hause hatte er das Verladen mit seinem Bruder besorgt. Kalt ist es, aber der Wetterbericht hatte trockene Witterung versprochen. Das wäre so wichtig. Er parkt das Fahrzeug nach dem Entladen ganz in der Nähe und kehrt sofort zu seinen Instrumenten zurück. In der rechten Hand trägt er dabei einen kleinen silbernen Koffer. Als er ihn öffnet kann man erkennen, dass er innen mit rotem Samt ausgelegt ist. Geldverdienen. Ordentlich stellt er das Köfferchen vor die Instrumente und schlichtet die selbst gemachten und in Eigenproduktion selbst vervielfältigten Musik-CDs vor sich auf den Boden. Ein kleines Zubrot, denn für ein paar Euro kann man seine Stücke auch käuflich erwerben und immer wieder anhören. Für die Ewigkeit. Alles selbst komponiert. Sozusagen der Bohlen der Xylophonmusik. Dann legt er los. Mit den beiden Schlegeln beherrscht er seine Instrumente. Manchmal scheinen seine Bewegungen wild und unkontrolliert, aber dennoch macht alles Sinn und fügt sich zu einem harmonischen Ganzen zusammen. So gibt er den ganzen Tag über alles; für sich, die Musik und sein Publikum. Es bleibt trocken. Den Menschen scheint es zu gefallen. Münzen fliegen in das Köfferchen und einige von ihnen werden von leuchtenden Geldscheinen bedeckt. Ein guter Tag.
Ich verharre ein paar Minuten, lausche dem Virtuosen und sauge die Klänge in mich ein. Mein Euro landet klirrend auf einem kleinen Haufen aus Centstücken. Er schwebt beinahe von selbst in den Koffer. Zaubermelodien. Als es dunkel wird, verladen er und ein Bekannter die beiden Instrument wieder in den Transporter und fahren nach Hause. Ein erfolgreicher Tag. Zwei Vorstellungen sollen noch folgen; eine am Sonntag und eine am Montag. Dann geht es weiter...nach Bielefeld, Köln, Dortmund und Hamburg, Sein Zuhause ist die Reise, seine Wohnstube Deutschland. Irgendwie schlägt er sich schon durch; solange die Menschen seine Musik mögen, ist alles in Ordnung. Dann fährt er gemütlich über eine deutsche Autobahn in irgendeine nahe gelegene Stadt, um auch dort die Leute zu unterhalten. Auf der rechten Spur hält er beständig ein angemessenes Tempo und dabei läuft meistens eine Kassette. Die “Rolling Stones” hypnotisieren ihn und lassen ihn kurzzeitig zu dem werden, was er gerne sein will: Ein Rocker.
bflo - 1. Nov, 17:26
Donnerstag, 30. Oktober, München
Beim öffnen der Augen kleben die Lider zunächst noch ein wenig zusammen. Von den Rändern bröselt nach und nach der Schlafsand herunter. Es ist ein kalter Morgen, eigentlich viel zu kalt, um noch im Schlafsack vor dem Eingang des großen Einkaufshauses zu übernachten, aber es gibt eben noch nichts anderes. Ein, wie er meint dickes, aber wie die meisten anderen Menschen sagen würden dünnes, Stück Wellpappe trennt seinen Schlafsack vom eiskalten Steinboden. Drei Millimeter, vielleicht auch vier. Vorsichtig richtet er sich auf, denn der äußere Stoff ist noch klamm von der Kälte des eben erwachenden Morgens. Zum Glück hält der Stoff laut Herstellerangabe auch Minusgrade aus. Letzte Nacht gab es wieder Bodenfrost. Um sich etwas aufzuwärmen bewegt er seine Füße stoßweise und ruckartig hin und her. Ein Becher Kaffee wäre jetzt ideal. Zur Hauptbahnhofhaupthalle sind es nur wenige Meter. Neugierig prüft er sein Sparschwein. Sein Sparschwein, das ist ein alter, leicht knittriger und außen fleckiger Kaffeebecher. Barmherzige Menschen werfen dem Schlafenden nachts ab und an ein paar Münzen hinein. Im Halbschlaf hat er aber auch schon gemerkt, dass Leute versuchen ihm Geld daraus zu stehlen. In Zeiten wie diesen ist die Not eben überall groß. Die Einnahmen der letzten paar Stunden: Ein Euro und dreiundfünfzig Cent. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, aber für einen wärmenden Kaffee reicht es. Der Betrag setzt sich zum größten Teil aus Münzen zu zehn und fünf Cent zusammen. Er stellt den Becher zur Seite und fährt sich einmal durch die Haare. Zum Waschen und Zähneputzen muss er bis zum Stachus gehen, denn am Hauptbahnhof kostet die Toilettenbenutzung mittlerweile Geld. Geld, das er dafür nicht ausgeben will. Langsam erwacht um ihn herum die Großstadt, die Lichter gehen aus und die ersten Geschäfte machen sich bereit für ihre Kundschaft. Er gleitet aus seinem Schlafsack und rollt ihn ordentlich zusammen. Den kann er getrost hier liegen lassen, denn wer klaut schon Sachen von einem Penner. Alles, was er besitzt hat er in seinem Rucksack verstaut. Den schultert er jetzt und trabt davon, der Sonne entgegen, die sich langsam über der Stadt erhebt.
Wenig später stehe ich beim Bäcker, um eine Breze und einen Kaffee zu kaufen. Während ich weiße Milch in das schwarze Getränk kippe und letzteres dabei stufenweise heller wird, lächelt mich ein alter Mann an. Er lehnt an einen der Stehtische gestützt und sein weißer Bart leuchtet mir entgegen. Auf dem Rücken trät er einen Rucksack. Er ist obdachlos, obwohl er nicht so aussieht. Ich nehme mir ein paar Minuten Zeit und der Alte erzählt mir die Geschichte seines Morgens. An einem Tag im Oktober 2008, der nach der Erzählung kein gewöhnlicher mehr ist.
bflo - 31. Okt, 19:56
Mittwoch, 29. Oktober, München
Als ich erwache, ist es dunkel. Der Wecker hat geklingelt, pünktlich und doch zu früh. Schlaftrunken wanke ich ins Bad…Gesichtwaschen, Zähneputzen. Ich hatte in dem Moment, als ich die Augen aufgeschlagen habe, so ein Gefühl. Scheiß Tag hat mir das Gefühl gesagt…und es sollte Recht behalten. Immer noch müde trete ich hinaus auf die Straße und setze mich mechanisch auf mein Fahrrad. Der Asphalt ist nass und mit bunten Blättern verklebt. Voller Zuversicht sie zu sehen, betrete ich die S-Bahn, doch mein Gefühl sagt mit, dass sie nicht da ist. So ist es dann auch. Ich stehe in einer Menschentraube. Der Wagen ist voll. Ich lehne nahe der Notbremse und der Drang daran zu ziehen kriecht ganz langsam in meinen Kopf und benebelt mein Gehirn. Ich stelle mir vor, wie der Metallfaden zerreißt, die kleine Plastikplombe abplatzt und zu Boden springt. Dabei tanzt sie über meinen Schuh…hin und her, hin und her. Die Leute im Wagen fliegen wild durcheinander und es herrscht Chaos. Ich aber, vor Traurigkeit schier gelähmt, werde nichts merken, an meinem Platz verharren und aus dem Fenster in den erwachenden Morgen starren. Langsam nehme ich meine Hand vom rot angestrichenen Nothebel und lasse sie in meiner Hosentasche verschwinden. Ich bin zu aufgewühlt und möchte nichts tun, was ich später bereuen könnte. Nun habe ich Zeit. Ich gehe heute zu Fuß. Ist ja nicht weit. Dabei denke ich nach, wieder zuviel und über die falschen Dinge, aber egal. Mein Kopf wird frei und ich vergesse sie. Ich sollte sie ganz vergessen, für immer…geht nicht, zumindest nicht jetzt, hier und heute. Möglicherweise im nächsten Jahr. Der Wind wird stärker und bläst die letzten Blätter von den Bäumen. Die Natur wird nackt, der Winter kommt. Ich mag den Winter. Eigentlich mag ich jede Jahreszeit, aber den Winter mag ich immer besonders. Am Glühweinstand stehen, mit einer dampfenden Tasse in der Hand. Mit ihr über den Weihnachtsmarkt bummeln. Unter unseren Füßen knirscht leise der Schnee und die Schritte hinterlassen markante Fußspuren, so dass jeder sehen kann, dass wir beide hier gegangen sind. Spuren als stumme Zeugen unserer Existenz. Nicht nichts sein, sondern da gewesen sein. Unvergessen, für die wenigen Augenblicke, bis neuer Schnee fällt oder andere Menschen mit ihren Spuren die unsrigen verwischen bis zur Unkenntlichkeit. So, als wären wir niemals hier gewesen. Ich wünsche mir, dass mein Wecker erneut läutet und mich herauskatapultiert aus diesem Leben. Dass mich jemand bei der Schulter packt, mich leicht schüttelt und mir ins Ohr flüstert: „Alles nur ein Traum.“ Ich erwache morgens und die Welt ist leer wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Ich gehe hinaus und alles wird so, wie ich es haben will, zu dem was ich mir wünsche. Nichts ist mehr unbestimmt oder zufällig. Alles folgt meinem Willen. Ich betrete die Universität, den Computerraum und fahre einen der PCs hoch. Dann beginne ich zu schreiben.
bflo - 30. Okt, 09:39