Freitag, 7. November 2008

Steife Brise

Donnerstag, 06. November, München

Auf seinem Metallkoffer haben sich transparente Tautropfen niedergeschlagen. Jeder seiner Schritte berührt das Pflaster nur ganz leicht. Sein Gesicht ist emotions- und ausdruckslos, er verzieht keine Mine und seine Körpersprache versteht niemand zu deuten. Keiner weiß von wo genau er hergekommen ist. Es interessiert aber auch niemanden, denn für die Menschen ist er wie ein Unsichtbarer, den keiner wahrnehmen kann. Mit der Menge, die sich durch die Fußgängerstraße schiebt verschmolzen, ist er nur einer von Vielen. Während er zügig vorwärts geht, glänzen seine blank polierten Schuhe im fahlen Morgengrau.
Aus der Gegenrichtung kommt ein anderer. Seine Schuhe sind speckig und abgetragen, über der rechten Schulter trägt er eine an den Nähten zerschlissene Umhängetasche. An einer Seite zieht sich ein dicker Riss quer über die äußere Stoffschicht. Seine Haare trägt er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und mit einem dunkelblauen Haargummi fixiert. Bullig marschiert er die Straße entlang durch die Menschenmenge, die ihn zwar wahrnimmt, aber so gut wie nicht beachtet. Beinahe scheinen seine Tritte Spuren zu hinterlassen. In der Mitte der Straße begegnen sich beide. Der Metallkoffer und die Umhängetasche. Man tauscht flüchtige Gedanken und leere Worte aus. Koffer und Tasche wechseln die Besitzer, man reicht sich die Hände. Nach drei Minuten ist alles vorüber. Ein kurzes Nicken der beiden beschließt dieses Treffen, ehe jeder wieder seinem Weg folgt. Nach kurzer Zeit sind beide zu entfernten Punkten, zu flüchtigen Schatten geworden, die im Menschengewühl verschwinden; ein jeder auf seinem Weg.
Ich sitze ganz in der Nähe der Stelle und beobachte die Begegnung mit einem Becher Kaffee in der Hand auf einer der Bänke sitzend. Für diese Jahreszeit ist es nicht besonders kalt und das Koffeinhaltigeheißgetränk heizt meine Hände. Es ist Zeit für den Umbruch. Es ist Zeit, dass sich Neues und Altes begegnet, sich beide Seiten die Hand reichen und Erfahrungen austauschen. Nur so kann Innovatives entstehen. Ein Konglomerat aus alt und neu, aus Erfahrung und Idee. Wir befinden uns in einer Phase des Umbruchs, des Übergangs, nach dem womöglich nichts mehr so sein wird wie jetzt. Ob das gut oder schlecht ist, vermag ich nicht zu sagen. Zumindest muss etwas passieren. Nur ein Kombinat kann uns retten: Nicht blind sein für Neues, aber auch ein Auge auf Altbewährtes werfen. Eine abgetragene Stofftasche ist immer noch praktisch und hat ihre ganz speziellen Vorzüge. Neues kann von Altem lernen.
Ich stehe auf, werfe meinen Pappbecher in einen silbergrauen Mülleimer und gehe zum Marienplatz. Eine neue Zeit, eine neue Chance. Vor mir, neben einem der Gemüse- und Obststände, spielt ein peruanisches Inka-Trio „Wind of change“.

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