Samstag, 1. November 2008

I am legend

Samstag, 01. November, München

Dead man walking. Vom Himmel staubt noch ein wenig Asche, legt sich auf mein Haar und scheint damit zu verschmelzen. In der Nacht brannte der Himmel. Ich gehe über zerklüftete Straßen, mit Schlaglöchern die kleinen Kratern gleichen. Man könnte meinen hier haben sich hungrige Meteoriten ins Erdreich gefressen. Die Häuser gleichen leeren Hüllen, meist stehen nur noch vereinzelte Mauern am Straßenrand. In der Ferne lodert Feuer auf. Brennende Autowracks erhellen den Morgen und es riecht intensiv nach verbranntem Gummi. Zwischen Müllbergen und Schutthaufen schnüffelt ein verwahrloser Hund neugierig herum. Ich gehe auf in zu und rede beruhigend auf ihn ein. Er scheint mich zu mögen, bellt einmal kurz, wedelt mit dem Schwanz und versucht meinen Schuh abzulecken. Irgendwo beginnt eine Sirene zu heulen. Der Hund und ich gehen weiter. Aus einigen der Löcher im Boden steigt leichter Rauch auf. Es riecht auch weiterhin unangenehm und irgendwie komisch. Jetzt erst sticht mir das rote Halsband des Hundes ins Auge, vielleicht auch, weil die Welt um mich herum jede Farbe verloren hat. Da wo vorher blauer Himmel war, sind die Wolken jetzt schwarz angestrichen. Der Äther glänzt dunkelgrau und rings um mich herum sind alle Grünflächen verschwunden. Die Wiesen scheinen aufgefressen und durch dunkelbraune Äcker ersetzt. Ohne Leben, ohne Zukunft. Kann man ohne Sonne überleben? Die Welt wirkt ausgestorben, der Hund und ich scheinen die letzten Überlebenden einer großen Zivilisation zu sein. Plötzlich bricht ein Sonnenstrahl durch die Düsternis, scheint genau auf mich, erhellt meine Person und zeichnet meinen Schatten und den des Hundes auf den löchrigen Asphalt. Hinter mir brennt die Erde. Gedankenverloren gehe ich über die Trümmer meiner Welt, über die Ruinen der Zivilisation. Jemand, der die Szenerie aus einiger Entfernung beobachtet sieht nichts weiter als einen großen und einen kleinen Schatten in Eintracht nebeneinander gehen. Dabei kann er sich nicht sicher sein, ob es die Umrisse zweier Lebewesen sind, die da über die brennende Welt laufen. Der Sonne entgegen, die längst nicht mehr da ist.
Der Morgen ist noch jung und die Erinnerung an das eben geträumte noch ganz frisch. Draußen ist die Welt schön, der Himmel blau und die Wolken glänzen in herrlichem Weiß. Ich nehme eine bunte Schachtel von meinem Regal und öffne sie. Lange habe ich sie nicht mehr in der Hand gehabt. Ich greife wahllos nach vier Murmeln und verberge sie in meiner Hand. Ich halte sie ins Licht und die Morgensonne bricht sich in vielen Farben darin. Die Schachtel stelle ich zurück ins Regal…völlig in Gedanken.

Xylophon-Rocker

Freitag, 31. Oktober, München

Die Fußgängerzone füllt sich langsam, denn viele wollen ihn sehen. Den Wagen hat er sich von einem Freund geliehen, da der Transport seiner riesigen Instrumente mit den öffentlichen Verkehrsmitteln äußerst umständlich und eigentlich unmöglich ist. So kommt er gut zurecht. Er öffnet die massiven Flügeltüren des “Sprinter” und blickt in das Innere. Mit dicken Spanngurten hat er die beiden wertvollen Xylophone im Innenraum des Fahrzeugs befestigt, damit sie nicht unkontrollierte und wild hin und her fliegen. Alleine ist das Ausladen doch recht mühsam, aber es geht. Zu Hause hatte er das Verladen mit seinem Bruder besorgt. Kalt ist es, aber der Wetterbericht hatte trockene Witterung versprochen. Das wäre so wichtig. Er parkt das Fahrzeug nach dem Entladen ganz in der Nähe und kehrt sofort zu seinen Instrumenten zurück. In der rechten Hand trägt er dabei einen kleinen silbernen Koffer. Als er ihn öffnet kann man erkennen, dass er innen mit rotem Samt ausgelegt ist. Geldverdienen. Ordentlich stellt er das Köfferchen vor die Instrumente und schlichtet die selbst gemachten und in Eigenproduktion selbst vervielfältigten Musik-CDs vor sich auf den Boden. Ein kleines Zubrot, denn für ein paar Euro kann man seine Stücke auch käuflich erwerben und immer wieder anhören. Für die Ewigkeit. Alles selbst komponiert. Sozusagen der Bohlen der Xylophonmusik. Dann legt er los. Mit den beiden Schlegeln beherrscht er seine Instrumente. Manchmal scheinen seine Bewegungen wild und unkontrolliert, aber dennoch macht alles Sinn und fügt sich zu einem harmonischen Ganzen zusammen. So gibt er den ganzen Tag über alles; für sich, die Musik und sein Publikum. Es bleibt trocken. Den Menschen scheint es zu gefallen. Münzen fliegen in das Köfferchen und einige von ihnen werden von leuchtenden Geldscheinen bedeckt. Ein guter Tag.
Ich verharre ein paar Minuten, lausche dem Virtuosen und sauge die Klänge in mich ein. Mein Euro landet klirrend auf einem kleinen Haufen aus Centstücken. Er schwebt beinahe von selbst in den Koffer. Zaubermelodien. Als es dunkel wird, verladen er und ein Bekannter die beiden Instrument wieder in den Transporter und fahren nach Hause. Ein erfolgreicher Tag. Zwei Vorstellungen sollen noch folgen; eine am Sonntag und eine am Montag. Dann geht es weiter...nach Bielefeld, Köln, Dortmund und Hamburg, Sein Zuhause ist die Reise, seine Wohnstube Deutschland. Irgendwie schlägt er sich schon durch; solange die Menschen seine Musik mögen, ist alles in Ordnung. Dann fährt er gemütlich über eine deutsche Autobahn in irgendeine nahe gelegene Stadt, um auch dort die Leute zu unterhalten. Auf der rechten Spur hält er beständig ein angemessenes Tempo und dabei läuft meistens eine Kassette. Die “Rolling Stones” hypnotisieren ihn und lassen ihn kurzzeitig zu dem werden, was er gerne sein will: Ein Rocker.

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