Traumkatapult

Mittwoch, 29. Oktober, München

Als ich erwache, ist es dunkel. Der Wecker hat geklingelt, pünktlich und doch zu früh. Schlaftrunken wanke ich ins Bad…Gesichtwaschen, Zähneputzen. Ich hatte in dem Moment, als ich die Augen aufgeschlagen habe, so ein Gefühl. Scheiß Tag hat mir das Gefühl gesagt…und es sollte Recht behalten. Immer noch müde trete ich hinaus auf die Straße und setze mich mechanisch auf mein Fahrrad. Der Asphalt ist nass und mit bunten Blättern verklebt. Voller Zuversicht sie zu sehen, betrete ich die S-Bahn, doch mein Gefühl sagt mit, dass sie nicht da ist. So ist es dann auch. Ich stehe in einer Menschentraube. Der Wagen ist voll. Ich lehne nahe der Notbremse und der Drang daran zu ziehen kriecht ganz langsam in meinen Kopf und benebelt mein Gehirn. Ich stelle mir vor, wie der Metallfaden zerreißt, die kleine Plastikplombe abplatzt und zu Boden springt. Dabei tanzt sie über meinen Schuh…hin und her, hin und her. Die Leute im Wagen fliegen wild durcheinander und es herrscht Chaos. Ich aber, vor Traurigkeit schier gelähmt, werde nichts merken, an meinem Platz verharren und aus dem Fenster in den erwachenden Morgen starren. Langsam nehme ich meine Hand vom rot angestrichenen Nothebel und lasse sie in meiner Hosentasche verschwinden. Ich bin zu aufgewühlt und möchte nichts tun, was ich später bereuen könnte. Nun habe ich Zeit. Ich gehe heute zu Fuß. Ist ja nicht weit. Dabei denke ich nach, wieder zuviel und über die falschen Dinge, aber egal. Mein Kopf wird frei und ich vergesse sie. Ich sollte sie ganz vergessen, für immer…geht nicht, zumindest nicht jetzt, hier und heute. Möglicherweise im nächsten Jahr. Der Wind wird stärker und bläst die letzten Blätter von den Bäumen. Die Natur wird nackt, der Winter kommt. Ich mag den Winter. Eigentlich mag ich jede Jahreszeit, aber den Winter mag ich immer besonders. Am Glühweinstand stehen, mit einer dampfenden Tasse in der Hand. Mit ihr über den Weihnachtsmarkt bummeln. Unter unseren Füßen knirscht leise der Schnee und die Schritte hinterlassen markante Fußspuren, so dass jeder sehen kann, dass wir beide hier gegangen sind. Spuren als stumme Zeugen unserer Existenz. Nicht nichts sein, sondern da gewesen sein. Unvergessen, für die wenigen Augenblicke, bis neuer Schnee fällt oder andere Menschen mit ihren Spuren die unsrigen verwischen bis zur Unkenntlichkeit. So, als wären wir niemals hier gewesen. Ich wünsche mir, dass mein Wecker erneut läutet und mich herauskatapultiert aus diesem Leben. Dass mich jemand bei der Schulter packt, mich leicht schüttelt und mir ins Ohr flüstert: „Alles nur ein Traum.“ Ich erwache morgens und die Welt ist leer wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Ich gehe hinaus und alles wird so, wie ich es haben will, zu dem was ich mir wünsche. Nichts ist mehr unbestimmt oder zufällig. Alles folgt meinem Willen. Ich betrete die Universität, den Computerraum und fahre einen der PCs hoch. Dann beginne ich zu schreiben.

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