Dienstag, 28. Oktober, München
Ein Mädchen läuft vor mir über die Straße. Ich sehne mich wieder einmal nach ihr, möchte sie unbedingt bald sehen. Mal wieder ist sie krank. Diese Frau hat auch wirklich alles, was man sich vorstellen kann. Magen-Darm-Virus und Grippe. Aber diese Woche muss sie wieder zur Uni…wir werden uns treffen, das kann ich spüren. Trotzdem werden wir einander fremd sein. Das war eigentlich bis jetzt bei fast jedem Wiedersehen der Fall, auch wenn wir uns nur zwei Wochen nicht gesehen hatten. Ich fürchte mich davor. Die Entfernung zwischen Deutschland und Südafrika kann nicht weiter sein, als die Distanz zwischen uns beiden hier in diesem Land, hier in dieser Stadt. Ich wünsche mir so sehr, dass es klappt.
Ich liebe „Neues aus der Anstalt“. Endlich wieder Polit-Satire mit Format. Die Karten waren nicht teuer, aber da das so beliebt ist, sind sie immer in relativ kurzer Zeit ausverkauft. Heute ist es soweit. Die Menschenschlange schlängelt sich durch das Foyer…ich stehe aber relativ weit vorne. Mir fällt auf, dass sehr viele ältere Menschen hier rum stehen. Jemanden, der so alt ist wie ich ist, entdecke ich auf den ersten Blick nicht. Kann das daran liegen, dass fürs ZDF produziert wird? Die werberelevante Zielgruppe liegt beim Traditionssender aus Mainz ja bekanntlich bei fünfundsechzig Jahren. Zumindest hat mir das mal jemand erzählt. Wie dem auch sei, es tauchen schließlich doch noch einige junge Gesichter um mich herum auf. An der Garderobe hat sich mittlerweile eine extrem lange Schlange gebildet. Aus ästhetischen Gründen dürfen nämlich keine Jacken mitgenommen werden. Kommt ja schließlich live im TV. Kann ich also verstehen. Ich ergattere einen Platz relativ weit vorne, also nahezu in Mitten des Geschehens. Toll, denn von dort kann ich wirklich exzellent sehen und befinde mich nahezu selbst auf der Bühne. Großartig. Später Helge Schneider. Ich kenne nicht viel von ihm, hab auch noch nie ein Bühnenprogramm von ihm gesehen, aber finde das trotzdem lustig. Einen ganzen Abend lang könnte ich diese Art von Humor jedoch nicht ertragen, aber zehn Minute sind absolut in Ordnung
Draußen ist es mittlerweile kalt geworden. Die Jacke wärmt mich und ich bin glücklich über den Abend. Ich ziehe meine Handschuhe an und die Mütze fest über beide Ohren. Da die U-Bahn irgendwie nicht fährt, ich lange warten müsste und die Luft kalt, aber dennoch angenehm ist, beschließe ich zu Fuß zu gehen. Es ist ein weiter Weg, aber egal. Die Nacht stülpt sich über mich, ich kann unter und in ihr verschwinden. Meine Stiefel hallen über das Pflaster. Irgendwo bellt ein Hund in der Finsternis.
bflo - 29. Okt, 19:51
Montag, 27. Oktober, München
Es ist dunkel, aber hinter dem Bahnhof erhellen einige Lampen die Umgebung und die vielen Fahrräder, die dort abgestellt wurden. Ich stelle mich etwas abseits an die Wiese und beginne zu pinkeln. Der Druck ist einfach zu groß. Mein fester Strahl trifft zuerst eine Schachtel Marlboro Lights, ehe er sich vollständig über einem grünen Fläschchen Jägermeister ergießt. Da hinter der kleinen Grünfläche ein steiler Berg, der in Richtung Bahnsteig führt, beginnt, muss ich aufpassen, dass der Urin nicht zurück und mir auf die Schuhe läuft. Alles geht gut. Die Zigarettenschachtel sieht durchgeweicht und labbrig aus. Der schwarze „Sie-bekommen-Krebs-Aufdruck“ ist gänzlich verschwunden. Von der Kräuterschnapsflasche hat sich das Etikett gelöst. Niemand scheint um diese Uhrzeit unterwegs zu sein. Es ist nasskalt und regnerisch. Übermorgen soll es schneien. Sophie scheint endgültig verschwunden zu sein. Ich habe schon ziemlich lange nichts mehr von ihr gehört. Wir hatten versucht uns ein paar Mal zu treffen, aber irgendwie hat das nie so richtig geklappt. Nun meldet sie sich nicht mehr, beantwortet weder SMS noch E-Mail. Keine Ahnung was da los ist. Ich erinnere mich an die wenigen Treffen mit ihr, die gemeinsamen Minuten letzten Winter und einige Male im Sommer. Viel zu selten. Ich erinnere mich daran, wie K. die Widmung für sie in sein Buch geschrieben hat, wie ich gar nicht so recht glauben konnte, dass das nun wirklich da schwarz auf weiß auf dem Papier steht. Das alles war toll. Also sie mir eine Suppe empfohlen hatte, als ich etwas krank war und das gemeinsame Referat anstand. Als sie selbst diese Kartoffelsuppe mit Wienern drin gegessen hat, die so grauenhaft war, wie selten zuvor etwas, dass ich gegessen habe. Es klingt irgendwie kitschig, aber dieser Rückblick geht mir durch den Kopf, als ich hinter dem Bahnhof uriniere. Kann eigentlich nicht normal sein. Wahrscheinlich hat sie auch wieder so viel zu tun, macht drei oder vier Projekte gleichzeitig. Oder sie hat ihr Handy verloren und meine Nachrichten erreichen sie nicht mehr. Aber zumindest die Mails kommen an. Wie dem auch sei; wenn ich hier so stehe und auf Alkohol und Zigaretten pisse, geht mir das durch den Kopf. Das ist eigentlich ziemlich traurig. Wir begegnen uns an der Uni auch nie, da sie da glaube ich niemals ist. Möglicherweise pausiert sie auch ein Semester oder ist im Ausland oder sonst irgendwo. Ich weiß es nicht, würde es aber zu gerne erfahren. Ich schließe also den Reißverschluss meiner Jacke und beende meine Gedanken. Es ist doch kälter geworden, weshalb ich beschließe den Kragen noch ein Stück höher zu klappen und zu gehen. Auch der Nieselregen wird stärker. Meine Schritte hallen unheimlich durch die Stille. In der Ferne höre ich ein Martinshorn. Ganz weit weg.
bflo - 28. Okt, 19:21
Sonntag, 26. Oktober, München
Ich stelle mir vor, mit Lego könne ich die Welt begreifen. Das Erfolgskonzept ist denkbar einfach. Ein paar kleine, bunte Teile aus Plastik, die sich auf verschiedenste Art und Weise immer wieder zu neuen Konstrukten kombinieren lassen. Ich schenke dem Kleinen zu seinem sechsten Geburtstag einen Lego-Raumgleiter. Für etwas Größeres reicht mein Geld leider nicht, aber hier geht es schließlich um die Geste und zudem ist das Lego-Zeugs sowieso sehr teuer. War es aber früher auch schon. Neugierig reißt er die Papppackung auf und wir beide beginnen gemeinsam den Gleiter zusammenzubauen. Ich bin wieder Kind. Früher hatte ich immer eine große Kiste mit ganz vielen Lego-Einzelteilen drin. Klötzchen, Verbindungslatten, Würfel, Kugeln und diverse Bauplatten. Bunt und wild durchgemischt. Mit meinem besten Freund haben wir dann immer unserer Phantasie freien Lauf gelassen und etwas völlig Neues gebastelt. Ich muss aber zugeben, dass ich auch immer ganz gern nach Anleitung gebaut habe. Aus einem Berg von bunten Einzelteilen wird dann ein fertiges Konstrukt. Das fand ich immer toll. Ja, ich war der “Nach-Bauanleitung-Bauer”. Nun sitzen wir da und der Raumgleiter nimmt stetig Gestalt an. Ich finde es gut und gleichzeitig wichtig, dass man Kinder heutzutage auch noch mit so etwas vernünftig beschäftigen kann. Der PC ist und bleibt dann bitte aus. Als Kind mochte ich auch Playmobil voll gerne, obwohl die Kreativität nicht so gut wie mit Lego zur Geltung kommt. Ich mochte aber immer die Playmobilfiguren, bei denen man die Hände abmachen konnte. Gerne habe ich auch die Frisuren abgenommen und in das innere der Plastikköpfe geguckt. In meiner Ordnungsbox, wo alle Einzelteile gesammelt wurden, hatte ich ein eigenes Abteil nur für Playmobilmännchenfrisuren. Bei Lego waren die Menschen kleiner und man konnte keine Frisuren abnehmen, was ich immer sehr schade fand. Unser Raumschiff ist bereit für die Space-Invasion. Der Zusammenbau ging recht fix. Ist ja, wie erwähnt, kein so umfangreicher Bausatz. Klein, aber fein. Fischer-Technik. Das war auch toll. Irgendwo muss davon auch noch eine Kiste sein. Ich weiß gar nicht, wie oft ich damals das große Riesenrad gebaut habe. Als dann alles etwas moderner wurde, also Mitte der 90er, hatte ich sogar eine Solarplatte, die den Ökostrom für den Antrieb geliefert hat. Eine feine Sache. Ich habe es geliebt, aber ein Bastler und Ingenieur ist dann doch nicht aus mir geworden. Zumindest habe ich es versucht.
bflo - 27. Okt, 10:00
Samstag, 25. Oktober, München
Ich bin wieder einmal raus aus der großen Stadt. Ich genieße den Umstand, dass wenn man sich in den Zug setzt, man jederzeit weg von der Masse, weiter draußen die Einsamkeit suchen kann. Wir gehen durch den Wald und es ist phantastisch. Die Einsamkeit ist im Wald auf ein Maximum konzentriert. Ich gehe mit meinen Schuhen durch Blätter und über einige auf dem Waldboden liegende Äste. Das knackst und raschelt so einmalig unter den Fußsohlen. Im Wald ist die Luft auch eine ganz andere. Ich ziehe kühle Oktoberluftschwaden genüsslich durch meine Nasenlöcher. Der Spirit erweckt den Anschein, als sei alles hier extra vorher durchgelüftet worden. Fern scheint die Großstadt, mit all ihrem geschäftigen Treiben, ihrem Autolärm und ihren Massen an Menschen. Später dann langes Warten an irgendeiner Bahnstation. Entweder hat hier heute wieder alles Verspätung, oder es geht wieder um irgendwelche Anschlusszüge auf die gewartet werden muss. Ich fürchte, dass ich zum Alkoholiker werden würde, wenn ich immer so lange an irgendwelchen Stationen irgendwo in Deutschland warten müsste. Davor würde ich mir nämlich immer ein Bier für mit auf den Weg kaufen, und dann noch eines und noch eines. Auf Dauer kann das ja dann ganz schön anstrengend werden. Zurück in den Wald. Ein Wald ist eben einfach ein Wald. Da gibt es gar nicht viel zu sagen. Er hat etwas Elitäres und gleichzeitig auch etwas Allgemeines. Wald wird es immer geben, da kann noch so viel von seinem Sterben und seinem langsamen Dahinsiechen gesprochen werden. Ich bin mir sicher, dass, solange es Menschen gibt, es auch Wald gibt. Basta. Überall liegt buntes Laub. Da mag man eigentlich gar nicht drüber gehen, so schön findet man das in diesem Moment. Man möchte einfach nur fliegen, um das Gesamtkunstwerk “Laub” nicht zu zerstören. Gelingt nicht. Leider! Nun sitze ich also am Bahnsteig und warte auf den Zug. Um mich herum ist es stockdunkel. Nur wenige Bahnhofslichter erhellen die Nacht. Schatten huschen die Wände entlang, es ist ziemlich still. Der Bahnhofsvorsteher (ja, es gibt ihn noch), bricht die Stille. Dann bin ich drin und der Zug fährt los...endlich. Ein Abteil weiter kreischen zwei Mädchen. Ich dachte zuerst, dass sie vollkommen nackt seien, aber ich habe mich getäuscht. Sie haben nur sehr wenig an. Eigentlich haben sie mehr nicht an, als sie anhaben...so irgendwie. Fahren Nutten mit der Bahn zur Arbeit? Mein Zug brettert durch die Dunkelheit. Von irgendwoher höre ich Musik. Ich möchte schlafen, aber die Mädels schreien wie verrückt und auch die Musik wird lauter. Was für ein Abend.
bflo - 26. Okt, 22:43
Freitag, 24. Oktober, München
Sie sitzt mir gegenüber, mit all ihren Heften, Büchern und Ordner auf dem Schoß. Geschäftig blättert sie in einem hellgrünen Hefter, schlägt Seiten auf, um und wieder zu. Eine Zugfahrt kann so spannend sein. Ich blicke sie lange an, mustere sie eingehend von oben bis unten, aber unauffällig. Sie trägt weiße Turnschuhe (könnten von Puma sein), eine schwarze Jacke und sie hat sich einen Schal mit Karomuster um den Hals gewickelt. In der freien Hand hält sie ein zerknülltes Papiertaschentuch, mit der anderen blättert sie die einzelnen Seiten um. Sie sieht mich nicht an. Ich sitze also im Zug und hacke diesen Text hier in die Tastatur. Mein Akku reicht wohl nur noch zwanzig Minuten, weshalb ich mich doch etwas beeilen muss. Trotzdem arbeite ich genau...bald muss ich sowieso aussteigen. Sie zückt einen roten Fineliner und markiert hektisch irgendwelche Textstellen. Anstreichen, Durchstreichen, Unterstreichen. Schön macht sie das und ich könnte ihr noch lange dabei zusehen. Trotzdem fällt mein Blick aus dem Fenster. Regionalexpress. Das bedeutet ja immer auch, dass sie Landschaft an einem vorbei rauscht, nicht aufzuhalten ist. Bäume und Sträucher fliegen an mir vorüber. Ein gutes Tempo hat der Zug. Die sechs Minuten Verspätung wird er trotzdem nicht aufholen können. Nicht auf dieser kurzen Wegstrecke. Sie ist immer noch sehr beschäftigt. Hat sicher mit Schule oder dem Studium zu tun. Ich gucke weg, denke lieber nach. Wie ist das denn so mit dem Verkehr. Zugverkehr, Straßenverkehr. Für mich ein Moment der Freiheit. Sich einfach irgendwo reinsetzen und dann irgendwohin fahren. Entweder selbst, wie mit dem Auto, oder man wird gefahren, so wie ich jetzt im Zug. Aber ist diese Freiheit nicht nur eine oberflächliche? Ich kann ja schließlich nicht ausbrechen, kann nur Start und Ziel frei und selbst bestimmen. Im Zug bin ich nur Passagier und eigentlich unfrei. Selbst im Auto kann ich nicht beliebig die Richtung ändern. Verkehr, das ist ein gleichmäßiger Strom, in dem sich alle an allgemeine Spielregeln halten müssen. Der Bahn wird dies durch den Verlauf der Gleise vorgegeben. Im Straßenverkehr muss ich immer im Strom schwimmen und kann nur dort abbiegen, wie es auch erlaubt ist. Verkehr hat also immer ein bestimmtes Element der Unfreiheit eingepflanzt. Ich bin trotzdem zufrieden, denn so brauche ich mir keine Gedanken zu machen, wie ich fahren muss. Den Weg kenn ich eh nicht.
Sie streicht immer noch wie eine Wilde in ihren Unterlagen herum. Hin und her, vor und zurück. Sie sieht hübsch aus. Ich muss aussteigen, unsere Wege trennen sich. Ich nehme meinen Rucksack, stehe auf und gehe an ihr vorbei. Kurz blickt sie auf und lächelt. Dann wandert ihr Blick wieder aufs Papier. Ich konnte zurücklächeln. Ein kurzer, intimer Moment in diesem anonymen Zug. Toll. Draußen trete ich auf den nahezu menschenleeren Bahnsteig. Ich blicke kurz durch eines der Zugfenster, aber das Mädchen sehe ich nicht mehr. Dann fährt der Zug ab.
bflo - 25. Okt, 23:55
Donnerstag, 23. Oktober, München
Er rückt die schief sitzende rote Fliege an seinem Hals wieder korrekt in die Mitte, stülpt die zu langen Hemdsärmel nach oben und knöpft sein weinrotes Jackett vorne ordentlich zu. Die Weinverkostung kann beginnen, es ist neun Uhr morgens. Manche beneiden ihn um seinen Job, er selbst hat es oft einfach nur satt. Ich beobachte ihn, als ich mich durch das große Kaufhaus wühle, auf der Suche nach ihr. Sie, die aus Südafrika kam, macht ab und an Promotion für irgendeine Firma, die ich wohl nicht kenne und falls ich sie doch kennen sollte, wohl lieber nicht kennen wollen würde. Heute soll sie hier sein, weiß ich, bilde ich mir ein. Die genaueren Umstände, wie ich an diese Information gekommen bin, kann ich hier nicht erklären. Wahrscheinlich bin ich viel zu früh. Niemand macht um diese Uhrzeit Promotion für irgendetwas.
Außer er.
Die Weinprobe beginnt um Punkt viertel nach neun. Die ersten Interessenten kommen und er schenkt ihnen Wein ein. Die Kunden trinken wacker aus, er auch. Und gleich noch ein kleines Gläschen hinterher, denn auf einem Bein kann man ja bekanntlich nicht stehen. Den Spruch kenne ich sonst zwar vom Schnapstrinken, aber er scheint um diese frühe Uhrzeit auch auf den Weintrinker anwendbar. Nun perlt Rotwein in zwei hübsch gestaltete Gläser. Der nächste “Interessent”. Sieht sehr trinkfest aus und hat auch bereits eine leicht rote Nase. Das Jackett sitzt noch. Wenn das in dem Tempo weiter geht, müssen sie den jungen Mann gegen Mittag austauschen, denn dann kann er vermutlich nicht mehr wirklich sicher auf seinen eigenen Beinen stehen. Vorerst aber sind keine weiteren Besucher mehr an seinem Stand. Er packt die leeren Gläser in einen roten Korb unter dem Tresen, der extra dafür aufgebaut wurde, und holt einige neue aus einem Pappkarton daneben. Es knallt einige Male, denn er entkorkt sicherheitshalber gleich noch ein paar neue Flaschen. Man kann ja nie wissen. Ich hingegen gehe zunächst weiter und suche in dem großen Kaufhaus überall nach ihr. ÜBERRASCHUNG. Missglückt aber leider, denn ich kann sie beim besten Willen nirgends finden. Wahrscheinlich ist es einfach noch zu früh...schade. Aber nicht für das Jackett. Um seinen Stand hat sich zwei Stunden später eine Menschentraube gebildet. Großer Andrang...anscheinend wollen sehr viele Menschen um diese Zeit Alkohol quasi “for free”, selbst wenn es nur eine kleine Menge ist. Und er trinkt wacker mit...Rotwein, Weißwein, das ganze Programm...gut durchgemischt und wild durcheinander. Sehr interessant. Auch ich trinke, als gerade wenig los ist, ein Gläschen Rotwein und ein wenig Weißwein mit ihm. Hat es sicher auch nicht leicht der arme Kerl...sicher auch wegen den Frauen. Ich kann den Wein gut gebrauchen. Plötzlich merke ich, dass das Jackett schon etwas lallt, leicht wankt und seine Augen ganz glänzend sind. Mittlerweile ist es zwölf Uhr mittags. Wie doch die Zeit vergeht. Da kommt sein Chef, hat ihn zuvor wohl aus einiger Entfernung beobachtet. Der merkt natürlich auch, dass einer seiner Angestellten nicht mehr so ganz klar ist (mittlerweile ist das Lallen schlimmer geworden). Der Chef sieht die leeren Flaschen, murmelt irgendetwas von “musst du bezahlen” und schickt das Jackett schließlich weg, ehe er hektisch zu telefonieren beginnt. Ich klopfe dem jungen Mann leicht auf die Schulter und er lächelt, während er sich die Fliege vom Hals reißt und geht. Er blickt sich nicht um. Auch ich fahre nach Hause, zwar enttäuscht wegen ihr, aber dennoch angenehm berauscht vom Wein. Rot und weiß.
bflo - 25. Okt, 10:10
Mittwoch, 22. Oktober, München
Ihre Augen strahlen in diesem herrlichen Grün. Dabei ist es nicht dieses helle, satte Grün, das man von saftigen Wiesen her kennt. Es ist vielmehr ein dezentes Grün, ein solches, wie es Smaragde in sich tragen und welches sie nur unter bestimmten Lichteinflüssen offenbaren. Genau so ein Grün finde ich in ihren Augen. Es sollte ein Tag werden, an dem ich mich zuerst ärgere, aber schließlich dann doch halbwegs versöhnt nach Hause gehen kann. Aber der Reihe nach.
Ihre grünen Augen mustern neugierig und lernwillig den Dozenten. Zuvor haben meine Augen sie gescannt, ihre Figur, ihre Frisur, ihr Gesicht und eben auch ihre Augen. Quasi wie nach einem festgelegten Katalog forsche ich mit meinen Augen an ihr entlang und analysiere ihr Wesen, ihre Erscheinung. Ein Freund von ihr war noch mit in die Vorlesung gekommen. Da ich an dieser Universität eben nun einmal viele Menschen kenne, kenne ich auch ihn. Er war lange im Ausland, weshalb ich ihn ewig nicht mehr gesehen habe. Trotzdem ein guter Freund von mir...eine Art Gigolo und Frauenschwarm, aber eben ein Freund von mir. Wusste gar nicht, dass sich die beiden kennen. STAUNEN. Er braucht Motivation, braucht ihre Motivation. Sie nimmt ihn in all ihre Veranstaltungen mit, nennt ihn ihr “soziales Projekt”. Ich glaube ich habe Frauen bis dahin immer falsch verstanden. Ich dachte immer man(n) selbst müsse stark sein, um ihnen durch ihre Schwächen zu helfen. Stattdessen hilft sie ihm durch seine Schwächen. Er brauche einfach die Motivation, da er sich sonst zu sehr gehen lasse. Meint sie. Frauen wollen uns Männern helfen, nicht umgekehrt. Das ist das neue Rollenverständnis. Bisher dachte ich immer, ich müsse Frauen helfen und ihnen Dinge erklären. Vielleicht sollte ich mich auch einfach gehen lassen, dann bekomme ich Mitleid und Zuspruch. Sie mag ihn lieber als mich. Das klingt furchtbar dämlich, aber ist leider die Wahrheit. Gestern habe er sie überredet durch den strömenden Regen zu ihr nach Hause zu gehen...ohne Schirm. Und dann? Themenwechsel! Könnte dir so passen. Er scheint schlechte Laune zu haben, quält sich aber dennoch mit uns in die Vorlesung. Dabei wollte ich mit ihr dorthin. Sie sieht es ihm nach. Später bockt er, meint, er müsse noch in die Arbeit. Den Kaffee trinke ich schließlich doch mit ihr zusammen...alleine. Leider bleibt für unsere Unterrededung nur wenig Zeit. Wir mussten ja vorher unbedingt noch nach einem Buch suchen, das er zwar dringend brauche, aber schließlich doch nicht gekauft hat. Er bleibt trotzdem noch ein Freund von mir...und sie? Nächste Woche ein neues Spiel. In Frauendingen ist er mir überlegen, zudem älter. Wie sie. Einfach mal sehen, was kommt. Und das gemeinsame Kaffeetrinken hat mich trotz der begrenzten Zeit ja auch irgendwie versöhnlich gestimmt. Immerhin das.
bflo - 24. Okt, 11:51
Dienstag, 21. Oktober, München
Die Blätter von meinem Abreißkalender im Zimmer scheinen ebenso schnell abzufallen, wie die Blätter draußen von den Bäumen. Die Tage vergehen, bald ist Weihnachten. Dann kommt Silvester und wenig später schon steht der Frühling vor der Tür. Ein Jahr verrinnt wie im Flug. Ein Jahr des Lebens, aber auch ein Jahr des Bloggens. Alles geht zu Ende.
Sie steht mit nackten Füßen im seichten Wasser des Sees, vor einer hölzernen Staffelei. In der rechten Hand hält sie einen Pinsel, in der Linken eine Palette mit bunten Farben. Rot, gelb, blau, grün und noch viele andere. Ihr Blick schweift weit in die Ferne, sehnsuchtsvoll und verträumt. Die Lichtreize, die auf ihre Netzhaut treffen, setzt ihr Gehirn zusammen und formt daraus ein Bild. Genau das versucht sie zu Papier zu bringen. Ihr rotes Kleid betont ihre Figur und verstärkt den optischen Eindruck ihrer schlanken Silhouette. Ihr Haar weht im sanften Wind leicht hin und her. Ein junger Mann nähert sich dem Ufer des Sees, bleibt schließlich kurz vor dem Wasser stehen und zieht nacheinander Schuhe und Strümpfe aus. Im Wasser machen seine Füße patschende Geräusche während er sich der malenden Schönheit langsam nähert. Bei ihr angekommen umfasst er sie sanft von hinten mit beiden Armen. Er nimmt vorsichtig eine seiner Hände und streichelt über ihren schwangeren Bauch. In drei Wochen soll das Baby kommen.
Nun stehen sie beide da, sie mit dem Pinsel in der Hand und er mit seiner Hand auf ihrer Schulter. Zusammen blicken sie sehnsuchtsvoll in die Ferne, in die untergehende Sonne. Die letzten Stimmen der Vögel verklingen in den am Ufer steil in die Höhe ragenden Baumwipfeln. Bald ziehen die Sänger nach Süden. In einem unendlichen Moment küsst sich das junge Paar innig und intensiv. Dann hängt sie die Farbpalette an einen Haken an einem Bein der Staffelei und tunkt den Pinsel in ein Wasserglas. Beide gehen vorsichtig, aber zielstrebig der Sonne entgegen. Bald sind sie in der Mitte des Sees. Schon bald.
bflo - 22. Okt, 19:41
Montag, 20. Oktober, München
Halb benommen taumle ich aus der S-Bahn. Den ganzen Tag über habe ich viel zu wenig gegessen, eigentlich und genau genommen gar nichts. Luft und Liebe? – davon kann man auf Dauer nicht leben. Mit mir ergießt sich ein gewaltiger Schwall Menschen auf den Bahnsteig. Alles hastet und rennt…alle haben sie unterschiedliche Ziele. Ich gebe mich dem Strom hin, werde ein Teil der Masse, verschmelze mit den anderen Menschen. Aus nahe liegenden Gründen beschließe ich also einen kurzen Zwischenstopp bei Burger King einzulegen. Ich kaufe einen Cheeseburger und stelle mich an einen der zahlreichen kleinen Tresen. Mein Blick geht durch die Runde, streift Menschen, Gesichter, Individuen. Genüsslich beiße ich in meinen Burger und genieße die Mischung aus zartem Fleisch und knackigem Gemüse. Sie hasten an mir vorbei, sind beständig in Eile, nehmen sich nur schnell irgendwas mit auf den Weg. In Zeiten wie diesen verkommt die gesittete Esskultur, obwohl an allen Ecken und auf allen TV Programmen gekocht wird. Sie verdient Rettung, die deutsche Esskultur. Dagegen mampfe ich meinen Burger geradezu in Zeitlupe. Ich meine im Gegensatz zu dem dicken Kerl, der sich gerade an mir vorbeipresst. Für mich hat es den Anschein, als habe er seinen Whopper innerhalb weniger Sekunden aufgegessen. Unglaublich. Eine blonde Frau, ziemlich hübsch, saugt neben mir ziemlich gierig und ziemlich laut an ihrem Soft-Drink. Wow. Der Burger King ist ein guter Platz um interessante und irgendwie auch bizarre Menschen zu treffen. Ich glaube, hier komme ich in Zukunft wieder öfter vorbei. Ein bisschen wie im Zoo.
Mittlerweile habe ich fast Angst, sie nie mehr wieder zu sehen. Ich weiß eigentlich, dass das nicht sein kann, denn irgendwann werde ich sie wieder sehen…ganz bestimmt. Momentan sind wir beide jedoch so gut wie nie zeitgleich an der Uni. Auch ein Treffen in der S-Bahn scheint ausgeschlossen, da wenn sie früh reinfährt ich nicht früh reinfahre und umgekehrt. Das wird alles werden, da bin ich mir ziemlich sicher. Es geht weiter, immer weiter, egal ob gut oder schlecht. Ich brauche mehr Vertrauen in die Zukunft, denn das, was auf mich wartet ist nicht nur negativ. Blick in das Licht am Anfang des Tunnels. Oder ist es doch schon dessen Ende? Als ich das Schnellrestaurant verlasse, ist es bereits dunkel. Ausnahmslos alle Autos fahren mit Licht...
bflo - 21. Okt, 18:47
Sonntag, 19. Oktober, München
Es gibt kein Draußen. Er steht alleine auf einer großen Wiese, deren zartes Grün die Nacht in stickiges Schwarz getaucht hat. Monoton glotzt er in Richtung der lichterloh brennenden Scheune. Ein hellgelber Feuerball erhellt die Nacht und taucht sie an dieser Stelle in gleißendes Licht. Es gibt kein Draußen. Er war einmal mehr ganz in der Nähe, der laute Knall der explodierenden Scheune hatte ihn hergelockt. Nun steht er da, mit einem gewissen Abstand zur Szenerie, aber dennoch ganz nahe. Beide Arme hat er fest geschlossen vor seiner breiten Brust verschränkt; die Ellenbogen stehen nach außen hin weg. Stummer Zeuge in der Nacht. In der Ferne ertönt jetzt irgendwo ein Martinshorn, Blaulicht ist zu sehen. Das Feuer droht langsam zu ersticken, scheint ihm doch der Brennstoff ausgegangen zu sein. Wo es sich zuvor voll gefressen hat, stehen jetzt nur noch einige gespenstisch aussehende Holzbalken in der Gegend herum. Tote oder Verletzte sind nicht zu beklagen. Er gibt die Stellung der Ellenbogen auf, befördert stattdessen beide Hände in die Hosentaschen und geht seelenruhig tiefer hinein in die Nacht. Es gibt für ihn kein draußen. Denn während rot gekleidete Feuerwehrmänner gegen die übrig gebliebenen Flammen kämpfen, ist er schon nicht mehr an diesem Ort. Es gibt für ihn kein draußen, da es auch kein drinnen gibt. Alles ist draußen, ausnahmslos und ohne Unterschied. Ab und an kommt er für ein paar Nächte bei Bekannten unter, oder nächtigt in der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof. Doch meistens schläft er unter irgendeiner der zahlreichen Brücken in der Stadt. Auch im Winter. Er ist einer, ohne Heimat, ohne festen Bezugspunkt, ohne Lebensmittelpunkt. Er ist immer und überall. Sein Dach ist der Himmel, sein Kissen sind die Wolken. Am liebsten spiegelt er sich in einem glasklaren See, einem Bächlein oder einem etwas größeren Teich. Er genügt sich selbst und fällt niemandem zur Last.
Bis vor zwei Monaten. Man hat ihn aufgenommen und zurückgeführt in die Gesellschaft. Acht Stunden am Tag steht er in seinem Revier und verkauft die Obdachlosenzeitung “Angepackt!” Er ist quasi selbstständig und verdient sein eigenes Geld, gutes Geld. Es gibt wieder ein draußen, weil es ein drinnen gibt. Drinnen, das ist seine neue Wohnung, die er vor drei Tagen bezogen hat. Er lebt wieder unter Menschen, aber ab und an ist er immer noch gerne der Streuner, der am liebsten mit verschränkten Armen bizarre Situationen beobachtet und nette Menschen kennen lernt. Er ist nun Verkäufer, und trotz Wohnung geht er nachts gerne mal raus auf die Straße...nach draußen, wie er dann sagt.
bflo - 21. Okt, 17:20