Mittwoch, 5. November 2008

Allein allein

Dienstag, 04. November, München

Ein langer Flur liegt vor mir, weiße Wände verengen ihn zu beiden Seiten hin. Der Kaffeeautomat gibt ein lautes Röcheln von sich. Ein Becher fällt in eine Halterung und klares Wasser fließt aus einer Düse hinein. Ich blicke länger in den Wasserstrahl, bis er braun wird und zu dampfen anfängt. Es gluckst noch ein wenig, bis sich eine kleine Schaumkrone oben auf dem Kaffee bildet. Ich will den Becher anfassen, doch schrecke zurück, denn das Getränk ist brütendheiß. Ich warte kurz und kehre schließlich doch mit meiner Beute zurück zu meinem Stuhl, der wie die Wände in grässlich sterilem Weiß gehalten ist. Vorsichtig nippe ich an meinem Getränk, sinke weiter zurück in die nicht vorhandenen Polster und beginne meine Umgebung zu scannen.
Ich hasse Krankenhäuser, bin heute wieder einmal hier, um jemanden zu besuchen. Glücklicherweise war ich selbst bis jetzt nur ganz selten als Patient an einem Ort wie diesem und das ist schon sehr lange her. Ein Pfleger kommt vorbei. Er schiebt ein typisches Krankenhausbett vor sich her. An einer Art Gestänge an der Seite des Bettes sind diverse Schläuche und Kabel befestigt. Oben hängen transparente Infusionsbeutel. Welch trostloser Ort. Mir gegenüber sitzt einer; ein älterer Mann, der an den Nägeln kaut, verquollene Augen hat und verzweifelt den langen Flur runterblickt. Sonst ist er absolut ruhig. Nur sein Gesicht wirkt etwas aufgequollen und ich gehe davon aus, dass er die letzte Nacht viel geweint hat. Ich hingegen sitze da und warte. Bin zu früh dran, denn noch ist keine Besuchszeit. Ärzte und Krankenschwestern hasten geschäftig die Gänge entlang…die Lautstärke nimmt zu. Ein älterer Mann rollt einsam in seinem Rollstuhl an mir vorbei. Ich kann ihm nicht helfen. Eine alte Frau, sie wirkt ziemlich verwirrt, schiebt sich mit ihrem Gehwagen in irgendeine Richtung. Sie kann sich nicht entscheiden, wo es hingehen soll. Sie suche ihr Zimmer meint sie. Dabei blickt sie mich traurig an, aber ich kann ihr nicht helfen. Viele verschiedene Menschen treffen sich hier in diesem Gebäude, auf diesen Fluren. Doch es ist kein schöner Ort, denn niemand ist gerne oder freiwillig hier. Falsche Geselligkeit. Ein Schmelztiegel als Fassade. Aufgesetztes Miteinander. Plötzlich schallt ein lautes Viepen den Gang entlang. Es kommt aus einem Zimmer schräg gegenüber von mir, dessen Türe einen Spalt breit offen steht. Viel zu laut eigentlich. Es hört sich wie im Film an, wenn jemand stirbt. Ein grüner Strich auf dem Monitor…Nulllinie. Genau dieses Geräusch. Zwei Schwestern springen aus einem der Aufenthaltzimmer heran, hinein in das Zimmer. Wenig später kommt ein Arzt. Nach einigen Minuten kehren alle drei resigniert und mit eisigen Gesichtern zurück. Der Arzt spricht mit meinem Gegenüber. Der beginnt zu schluchzen. Für mich ist es nun Zeit hier wegzugehen. Ich stehe auf und erhasche den Blick des weinenden Mannes.
„Ich habe meinen Sohn verloren.“, schluchzt dieser und schlägt sich mit beiden Händen vor die Stirn. Ich kann nichts antworten, versuche aber einen mitleidvollen Blick, drehe mich dabei um und gehe. In seinem Schmerz ist jeder Mensch allein.

Zusammen im Zeitraffer

Montag, 03. November, München

Wir hätten uns gesehen, doch daraus wurde wie so oft nichts. Die gemeinsame S-Bahn war ausgemacht, der Treffpunkt im Wageninneren vereinbart. Ich unterstelle ihr keine Böswilligkeit, keine Absicht. Es war wohl einfach ein unglücklicher Umstand, der uns heute nicht zusammen geführt hat und dies auch morgen oder die nächsten Tage nicht tun wird. Ich werde traurig; traurig wie die Sonne, die hoch am Himmel steht und nicht durch die dichte Wolkendecke brechen kann. Traurig wir die letzten Grashalme, die vom Morgentau gebeugt werden und unter der Last des ersten Frostes kläglich zusammen brechen. Sie ist einzigartig und irgendwie liebe ich sie, aber der heutige Tag hätte mir die Möglichkeit gegeben, zu testen ob ich sie noch so toll finde wie bei unserer letzten Begegnung. Wie lange das schon her ist...unbeschreiblich lange. Missmutig sitze ich im Zug, fahre in den erwachenden Morgen und bin mit meinen Gedanken irgendwo weit weg, losgelöst von allen irdischen Gegebenheiten. Wegen ihr; wegen ihr, die nach Südafrika ging und wieder zurückkam. Wie lange das schon her ist...unbeschreiblich lange. Später treffe ich einen Freund und wir trinken einen Kaffee unten, bei den Sitzecken vor dem Aufgang zur Cafeteria.
Dann treffe ich sie. Leider ist sie nicht die, die nach Südafrika ging und wieder zurückkam, sondern eine ganz andere. In diesem Blog wurde bereits darüber berichtet. Sie hätte mich beinahe mein Studium gekostet. Sie, das ist die, an deren Wohnung ich mich zu nahe heran gewagt habe. Ich hatte Alkohol getrunken als das geschah. Sie, die alles zerstört hat...von einem auf den anderen Tag, einfach so. Sie, die mir keine zweite Chance gegeben hat, sitzt nun einfach da. Was soll sie auch tun, spricht ja nicht mehr mit mir. Ich beobachte sie aus der Distanz. Hat ihre Haare gefärbt, also wohl ein neuer Freund. Frauen wechseln die Frisur, sobald sie in einen neuen Lebensabschnitt eintreten. Sie hat sich etwas verändert, ich muss mindestens zweimal hinsehen, um sie zu erkennen. Sie ist in ein rapsgelbes Reclam-Buch vertieft und sieht nicht zu mir rüber. Ich werde schon wieder traurig, aber denke mir, dass die gemeinsamen Stunden mit ihr doch toll waren. Wie lange das schon her ist...unbeschreiblich lange. Sie geht vor mir, packt ihre Tasche, steckt ihr Mäppchen ein (alles noch dieselben Sachen wie damals) und steht auf. Nun hat sie mich gesehen, aber sie hat mich sicher schon davor bemerkt. Ich sehe ein Lächeln, kurz. Einbildung? Weiß nicht...lächle zurück. Nichts als Kälte. Sie steht auf, dreht sich um und geht. Die Worte meines Freundes verlassen seinen Mund aber dringen nicht an mein Ohr. Ich blicke ihr nach bis sie gänzlich verschwunden ist. Sie raucht. Das hat sie früher nicht gemacht...zumindest glaube ich das; wer weiß.

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