Allein allein

Dienstag, 04. November, München

Ein langer Flur liegt vor mir, weiße Wände verengen ihn zu beiden Seiten hin. Der Kaffeeautomat gibt ein lautes Röcheln von sich. Ein Becher fällt in eine Halterung und klares Wasser fließt aus einer Düse hinein. Ich blicke länger in den Wasserstrahl, bis er braun wird und zu dampfen anfängt. Es gluckst noch ein wenig, bis sich eine kleine Schaumkrone oben auf dem Kaffee bildet. Ich will den Becher anfassen, doch schrecke zurück, denn das Getränk ist brütendheiß. Ich warte kurz und kehre schließlich doch mit meiner Beute zurück zu meinem Stuhl, der wie die Wände in grässlich sterilem Weiß gehalten ist. Vorsichtig nippe ich an meinem Getränk, sinke weiter zurück in die nicht vorhandenen Polster und beginne meine Umgebung zu scannen.
Ich hasse Krankenhäuser, bin heute wieder einmal hier, um jemanden zu besuchen. Glücklicherweise war ich selbst bis jetzt nur ganz selten als Patient an einem Ort wie diesem und das ist schon sehr lange her. Ein Pfleger kommt vorbei. Er schiebt ein typisches Krankenhausbett vor sich her. An einer Art Gestänge an der Seite des Bettes sind diverse Schläuche und Kabel befestigt. Oben hängen transparente Infusionsbeutel. Welch trostloser Ort. Mir gegenüber sitzt einer; ein älterer Mann, der an den Nägeln kaut, verquollene Augen hat und verzweifelt den langen Flur runterblickt. Sonst ist er absolut ruhig. Nur sein Gesicht wirkt etwas aufgequollen und ich gehe davon aus, dass er die letzte Nacht viel geweint hat. Ich hingegen sitze da und warte. Bin zu früh dran, denn noch ist keine Besuchszeit. Ärzte und Krankenschwestern hasten geschäftig die Gänge entlang…die Lautstärke nimmt zu. Ein älterer Mann rollt einsam in seinem Rollstuhl an mir vorbei. Ich kann ihm nicht helfen. Eine alte Frau, sie wirkt ziemlich verwirrt, schiebt sich mit ihrem Gehwagen in irgendeine Richtung. Sie kann sich nicht entscheiden, wo es hingehen soll. Sie suche ihr Zimmer meint sie. Dabei blickt sie mich traurig an, aber ich kann ihr nicht helfen. Viele verschiedene Menschen treffen sich hier in diesem Gebäude, auf diesen Fluren. Doch es ist kein schöner Ort, denn niemand ist gerne oder freiwillig hier. Falsche Geselligkeit. Ein Schmelztiegel als Fassade. Aufgesetztes Miteinander. Plötzlich schallt ein lautes Viepen den Gang entlang. Es kommt aus einem Zimmer schräg gegenüber von mir, dessen Türe einen Spalt breit offen steht. Viel zu laut eigentlich. Es hört sich wie im Film an, wenn jemand stirbt. Ein grüner Strich auf dem Monitor…Nulllinie. Genau dieses Geräusch. Zwei Schwestern springen aus einem der Aufenthaltzimmer heran, hinein in das Zimmer. Wenig später kommt ein Arzt. Nach einigen Minuten kehren alle drei resigniert und mit eisigen Gesichtern zurück. Der Arzt spricht mit meinem Gegenüber. Der beginnt zu schluchzen. Für mich ist es nun Zeit hier wegzugehen. Ich stehe auf und erhasche den Blick des weinenden Mannes.
„Ich habe meinen Sohn verloren.“, schluchzt dieser und schlägt sich mit beiden Händen vor die Stirn. Ich kann nichts antworten, versuche aber einen mitleidvollen Blick, drehe mich dabei um und gehe. In seinem Schmerz ist jeder Mensch allein.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

alles gute für dich im...
alles gute für dich im neuen jahr ! ...und danke fürs...
fata morgana - 5. Jan, 10:11
Epilog/Das Jahr beginnt...
Donnerstag, 01. Januar, München Der Neujahrsmorgen...
bflo - 3. Jan, 17:26
Ein Herz am Himmel
Mittwoch, 31. Dezember, München In der letzten Nacht...
bflo - 2. Jan, 16:09
Waffenbrüder
Dienstag, 30. Dezember, München Ein Zimmer im Halbdunkel....
bflo - 1. Jan, 19:51
Glücksbote
Montag, 29. Dezember, München Er nimmt seine dicke...
bflo - 1. Jan, 16:31

Links

Suche

Status

Online seit 6736 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 5. Jan, 10:11

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren