Samstag, 11. Oktober 2008

Muttermal

Samstag, 11. Oktober, München

Der große Tag war gekommen...heute würde es gelingen. Jörg H. sollte endlich sterben.
Es hatte ihn und seine Helfer viel Mühe gekostet herauszufinden, wo sich H. an diesem Abend aufhalten würde, doch es war gelungen. Nun würde er als verlängerter Arm Gottes, als Racheengel in Menschengestalt H. töten. Die Stimmung im Land ist gereizt und die Menschen lassen sich wieder beeindrucken, von Worten, Phrasen und Versprechungen. Auch Hitler war so an die Macht gekommen, allerdings nicht in Österreich, sondern im benachbarten Deutschland. Es kommt näher. Er hatte sich geschworen, dass es nie wieder so weit kommen werde. Darum muss H. sterben. Er sieht sich als eine Art Georg Elser, nur mit dem Unterschied, dass sein Anschlag gelingen würde. Elser hatte früh versucht das Böse zu töten, mittels einer Bombe im Bürgerbräukeller. Hitler entging ihr nur durch einen dummen Zufall. Dem Zufall sollte diesmal kein Spielraum gelassen werden, denn alles ist genau durchdacht. Sprengstoff ist heutzutage überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Um jemanden zu töten muss man anders vorgehen.
Abends fand er kaum Schlaf. Er war früh zu Bett gegangen, denn er rechnete damit, schon bald los zu müssen. Zwanzig Minuten nach Mitternacht kommt der Anruf. Ein Verbündeter meldet: „H. hat die Party verlassen und ist nun auf dem Weg.” Er zieht sich rasch an und geht hinunter in die Tiefgarage, startet den Motor und rollt ins Freie. Das Nummernschild ist hinten zentimeterdick mit Erde zugekleistert, vorne fehlt es ganz. Zur Sicherheit. Sein dunkelbraunes Muttermal, das er im Nacken trägt, leuchtet im schwachen Licht des Fahrzeuginneren. Sonst ist alles stockdunkel. Er weiß genau, welchen Weg der Politiker H. nehmen wird. Einer seiner Helfer ist ihm bereits auf den Fersen. Das Muttermal wartet mit laufendem Motor an der Bundesstraße und nur ab und zu öffnet es das Fenster um eine Zigarettenkippe hinauszuwerfen. In seinem Leben hatte er noch nie getötet. Auch für ihn ist dieses Unterfangen nicht ohne Risiko, denn leicht kann auch sein Fahrzeug von der Straße abkommen. Dann blitzen zwei Lichter durch die Nacht und der schwarze Wagen mit H. am Steuer kommt mit hohem Tempo näher. Das Muttermal nimmt die Verfolgung auf und alles geht blitzschnell. Das Wetter begünstigt die Tat; dichter Nebel liegt, zu dieser Jahreszeit nicht unüblich, über den Wiesen und Feldern neben der Straße. Bäume am Fahrbahnrand bilden tödliche Hindernisse. Er rammt den Wagen des Politikers von der Seite. Sofort verliert der Fahrer die Kontrolle, die Geschwindigkeit ist zu hoch. Jörg H. prallt zunächst gegen einige Verkehrszeichen, dann gegen eine Mauer und überschlägt sich schließlich mit dem pechschwarzen Fahrzeug einige Male. Es ist gelungen. H. muss tot sein. Autoteile liegen kreuz und quer in der Umgebung verteilt. Keiner hat etwas gesehen, als der Täter zunächst in die Nebelwand vor ihm und dann in die nächste Stadt fährt.
Die Ermittlungen werden bald eingestellt und die Staatsanwaltschaft geht von einem tragischen Unfall aus, da H. im Nebel mit überhöhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn abkam. Um wenig Aufsehen zu erregen, kümmert sich niemand um die Lacksplitter, die man später an der Beifahrerseite des verunfallten Autos findet.
Zweieinhalb Monate nach dem Unfall, kurz vor Jahreswechsel, betritt ein Mann dunkelhaariger Mann um die Dreißig eine Polizeidienststelle irgendwo in Österreich, um eine Anzeige zu machen. Beim Betreten der Wache bemerkt einer der Beamten ein auffällig großes Muttermal im Nacken, direkt unter dem Haaransatz.

Behind the eyes

Freitag, 10. Oktober, München

Pechschwarze Nacht umhüllt die gewaltige Festung hoch über der Stadt. Der Weg nach oben ist nicht sonderlich lang und beschwerlich und zu Fuß spart man zudem noch das Geld für die teuere Seilbahn, die einen zwar schneller ans Ziel bringt, aber irgendwie ja auch langweilig ist. Das Gebäude ist imposant, riesig und konnte über die Jahrhunderte hinweg von keinem Feind eingenommen werden. Erst um 1800 herum hat man das Bollwerk kampflos Napoleon übergeben. Es war eben eine andere Zeit. Wichtigste Geldquelle war das Salz, das in der Umgebung abgebaut werden konnte und der Stadt ihren Namen und den ungeheuren Reichtum beschert hat. Das weiße Gold konnte zentnerweise eingelagert werden. So wurden Lebensmittel auch über viele Tage und Wochen hinweg frisch gehalten, was ein Aushungern der Bewohner nahezu unmöglich gemacht hat. Es muss eine spannende Zeit gewesen sein, damals vor zweihundert oder dreihundert Jahren. Wahrscheinlich nicht immer angenehm, aber doch aufregend. Ich überlege, dass ich gerne einmal für ein paar Tage mein Leben im einundzwanzigsten Jahrhundert gegen eine Woche im Achtzehnten eintauschen würde. Auf der Burg zu leben, ihrem Schutz zu unterstehen, aber auch alle Pflichten und die dazugehörigen Arbeiten zu erledigen reizt mich durchaus. Ich wünsche mir, ein fahrender Salzlieferant zu sein, der Säcke voll weißem Gold hoch hinauf in die Lagerräume der Burg transportiert. Mit dem Pferdegespann schließlich wieder zurück in die Stadt, das verdiente Geld in Gasthäusern mit Frauen auf den Kopf zu hauen und ab und an einen sehnsuchtsvollen Blick hinauf auf die Burg zu werfen. Ein paar Münzen jedoch behalte ich als Sicherheit immer in der Tasche.
Die Führung bringt mich hoch auf den Turm, einen der höchsten Punkte über der Stadt. Ich kann weit über Salzburg hinweg sehen, erblicke hundert Lichter in der Ferne und nehme den fließenden Autoverkehr als winzige Punkte wahr, beinahe wie Ameisen. Ich lehne an der Brüstung und mein Blick schweift weit in die Ferne. Unter mir das Krautwächterhaus, das mittlerweile das Altenheim der Stadt Salzburg ist und von einer grünen Wiese weitläufig umschlossen wird. Beinahe solitär steht es dort, fernab vom dicht geballten Stadtleben. Ich denke wieder an sie, allerdings nur kurz, denn die Lichter und Farben ziehen mich sofort wieder in ihren Bann. Den Augenblick mit jemandem teilen, mit ihr teilen, einfach ihre Hand halten und einander zärtlich küssen. Ein Ausflug in die Utopie, in die Schatzkammer meiner Imagination. Dann müssen wir zurück. Durch Gänge und steile Treppen geht es wieder zum Ausgangspunkt. Die Festung allerdings verlasse ich noch nicht sofort, auch wenn die Führung vorbei ist. So viel gibt es noch zu sehen und hinter meinen Augen ist noch Platz.

Der kleine Wang

Donnerstag, 09. Oktober, München

Ich erwache in der großen Stadt, auf der anderen Seite der Welt. Hier in einer etwas abgelegenen Provinz Pekings drückt die Luft schon morgens schwer auf die Lungen der Menschen, sodass ihnen das atmen mitunter schwer fällt. In diesem Land bin ich nur einer von Vielen, kann mich kaum selbst entfalten, geschweige denn meinen eigenen Weg gehen. Auch wenn es die Öffentlichkeit nicht wahrhaben will, ist der Einfluss der Partei auf die Lebensweise der Menschen doch noch immer weitestgehend ungebrochen. Wir Chinesen sind nicht frei, unterstehen dem Diktat des übermächtigen Sozialismus und nur wenige können ab und an ihre Ketten sprengen und ausbrechen. Sobald die Sonne aufgeht, muss ich in die Schule. Mit Gleichaltrigen lerne ich dann einige Stunden und treibe im Anschluss etwas Sport. Ich interessiere mich sehr für Politik und Geschichte, Mathematik begeistert mich nur wenig. Freunde habe ich nur eine Hand voll, denn nach der Schule muss ich sofort weiter in die Fabrik.
Ich bediene zumeist die große Metallstanze und stanze runde, tellergroße Platten aus quadratmetergroßen Blechen. Wofür sie gebraucht werden weiß ich nicht. Ab und zu stehe ich auch an einer Sortiermaschine und lege kontinuierlich kleine Stahlbolzen horizontal auf Minigreifarme. Mit ungeheurer Wucht rammt der Roboter den Bolzen in eine Art Haltegriff und verbindet ihn mit einer Aluminiumschüssel, sodass ein Topf entsteht. Aber für diese Arbeit werde ich nur selten eingesetzt. In meiner wenigen Freizeit lese ich gerne. Dabei interessieren mich besonders die chinesische und die deutsche Philosophie. Ich liebe, Kant, Nietzsche, Hegel und Schelling. Für Schopenhauer kann ich mich nicht begeistern. Zudem interessiert mich die europäische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, mit den zwei Weltkriegen. Nebenbei muss ich mich noch um meinen kranken Vater und um meine drei kleineren Geschwister kümmern. Die Mutter arbeitet den ganzen Tag in einem kleinen Büro eines der höheren Parteibosse, verdient aber trotzdem nur wenig Geld. Mit meinem Verdienst bekommen wir die Familie gerade so durch, denn Vater kann nach seinem Unfall nicht mehr arbeiten. Abends bin ich oft so müde, dass ich nicht mehr für die Schule lernen kann, weshalb meine Noten meist nur mittelmäßig sind. Aber ich komme immer durch, denn ich bin ein Kämpfer. Mein Leben ist nicht schön, aber trotzdem lebenswert. Ich genieße es.
Ich erwache aus dem Traum, der mich nach China geführt hat. In letzter Zeit war ich mit meinem Leben hier nicht zufrieden, aber wenn ich mich an diesen Traum erinnere, bin ich froh hier leben zu können und zu studieren...in Freiheit, mit all dem Komfort der westlichen Welt. Ich möchte nicht tauschen. Zufrieden und mit der Gewissheit, dass doch nicht alles so schlecht ist, schlafe ich weiter.

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