Muttermal
Samstag, 11. Oktober, München
Der große Tag war gekommen...heute würde es gelingen. Jörg H. sollte endlich sterben.
Es hatte ihn und seine Helfer viel Mühe gekostet herauszufinden, wo sich H. an diesem Abend aufhalten würde, doch es war gelungen. Nun würde er als verlängerter Arm Gottes, als Racheengel in Menschengestalt H. töten. Die Stimmung im Land ist gereizt und die Menschen lassen sich wieder beeindrucken, von Worten, Phrasen und Versprechungen. Auch Hitler war so an die Macht gekommen, allerdings nicht in Österreich, sondern im benachbarten Deutschland. Es kommt näher. Er hatte sich geschworen, dass es nie wieder so weit kommen werde. Darum muss H. sterben. Er sieht sich als eine Art Georg Elser, nur mit dem Unterschied, dass sein Anschlag gelingen würde. Elser hatte früh versucht das Böse zu töten, mittels einer Bombe im Bürgerbräukeller. Hitler entging ihr nur durch einen dummen Zufall. Dem Zufall sollte diesmal kein Spielraum gelassen werden, denn alles ist genau durchdacht. Sprengstoff ist heutzutage überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Um jemanden zu töten muss man anders vorgehen.
Abends fand er kaum Schlaf. Er war früh zu Bett gegangen, denn er rechnete damit, schon bald los zu müssen. Zwanzig Minuten nach Mitternacht kommt der Anruf. Ein Verbündeter meldet: „H. hat die Party verlassen und ist nun auf dem Weg.” Er zieht sich rasch an und geht hinunter in die Tiefgarage, startet den Motor und rollt ins Freie. Das Nummernschild ist hinten zentimeterdick mit Erde zugekleistert, vorne fehlt es ganz. Zur Sicherheit. Sein dunkelbraunes Muttermal, das er im Nacken trägt, leuchtet im schwachen Licht des Fahrzeuginneren. Sonst ist alles stockdunkel. Er weiß genau, welchen Weg der Politiker H. nehmen wird. Einer seiner Helfer ist ihm bereits auf den Fersen. Das Muttermal wartet mit laufendem Motor an der Bundesstraße und nur ab und zu öffnet es das Fenster um eine Zigarettenkippe hinauszuwerfen. In seinem Leben hatte er noch nie getötet. Auch für ihn ist dieses Unterfangen nicht ohne Risiko, denn leicht kann auch sein Fahrzeug von der Straße abkommen. Dann blitzen zwei Lichter durch die Nacht und der schwarze Wagen mit H. am Steuer kommt mit hohem Tempo näher. Das Muttermal nimmt die Verfolgung auf und alles geht blitzschnell. Das Wetter begünstigt die Tat; dichter Nebel liegt, zu dieser Jahreszeit nicht unüblich, über den Wiesen und Feldern neben der Straße. Bäume am Fahrbahnrand bilden tödliche Hindernisse. Er rammt den Wagen des Politikers von der Seite. Sofort verliert der Fahrer die Kontrolle, die Geschwindigkeit ist zu hoch. Jörg H. prallt zunächst gegen einige Verkehrszeichen, dann gegen eine Mauer und überschlägt sich schließlich mit dem pechschwarzen Fahrzeug einige Male. Es ist gelungen. H. muss tot sein. Autoteile liegen kreuz und quer in der Umgebung verteilt. Keiner hat etwas gesehen, als der Täter zunächst in die Nebelwand vor ihm und dann in die nächste Stadt fährt.
Die Ermittlungen werden bald eingestellt und die Staatsanwaltschaft geht von einem tragischen Unfall aus, da H. im Nebel mit überhöhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn abkam. Um wenig Aufsehen zu erregen, kümmert sich niemand um die Lacksplitter, die man später an der Beifahrerseite des verunfallten Autos findet.
Zweieinhalb Monate nach dem Unfall, kurz vor Jahreswechsel, betritt ein Mann dunkelhaariger Mann um die Dreißig eine Polizeidienststelle irgendwo in Österreich, um eine Anzeige zu machen. Beim Betreten der Wache bemerkt einer der Beamten ein auffällig großes Muttermal im Nacken, direkt unter dem Haaransatz.
Der große Tag war gekommen...heute würde es gelingen. Jörg H. sollte endlich sterben.
Es hatte ihn und seine Helfer viel Mühe gekostet herauszufinden, wo sich H. an diesem Abend aufhalten würde, doch es war gelungen. Nun würde er als verlängerter Arm Gottes, als Racheengel in Menschengestalt H. töten. Die Stimmung im Land ist gereizt und die Menschen lassen sich wieder beeindrucken, von Worten, Phrasen und Versprechungen. Auch Hitler war so an die Macht gekommen, allerdings nicht in Österreich, sondern im benachbarten Deutschland. Es kommt näher. Er hatte sich geschworen, dass es nie wieder so weit kommen werde. Darum muss H. sterben. Er sieht sich als eine Art Georg Elser, nur mit dem Unterschied, dass sein Anschlag gelingen würde. Elser hatte früh versucht das Böse zu töten, mittels einer Bombe im Bürgerbräukeller. Hitler entging ihr nur durch einen dummen Zufall. Dem Zufall sollte diesmal kein Spielraum gelassen werden, denn alles ist genau durchdacht. Sprengstoff ist heutzutage überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Um jemanden zu töten muss man anders vorgehen.
Abends fand er kaum Schlaf. Er war früh zu Bett gegangen, denn er rechnete damit, schon bald los zu müssen. Zwanzig Minuten nach Mitternacht kommt der Anruf. Ein Verbündeter meldet: „H. hat die Party verlassen und ist nun auf dem Weg.” Er zieht sich rasch an und geht hinunter in die Tiefgarage, startet den Motor und rollt ins Freie. Das Nummernschild ist hinten zentimeterdick mit Erde zugekleistert, vorne fehlt es ganz. Zur Sicherheit. Sein dunkelbraunes Muttermal, das er im Nacken trägt, leuchtet im schwachen Licht des Fahrzeuginneren. Sonst ist alles stockdunkel. Er weiß genau, welchen Weg der Politiker H. nehmen wird. Einer seiner Helfer ist ihm bereits auf den Fersen. Das Muttermal wartet mit laufendem Motor an der Bundesstraße und nur ab und zu öffnet es das Fenster um eine Zigarettenkippe hinauszuwerfen. In seinem Leben hatte er noch nie getötet. Auch für ihn ist dieses Unterfangen nicht ohne Risiko, denn leicht kann auch sein Fahrzeug von der Straße abkommen. Dann blitzen zwei Lichter durch die Nacht und der schwarze Wagen mit H. am Steuer kommt mit hohem Tempo näher. Das Muttermal nimmt die Verfolgung auf und alles geht blitzschnell. Das Wetter begünstigt die Tat; dichter Nebel liegt, zu dieser Jahreszeit nicht unüblich, über den Wiesen und Feldern neben der Straße. Bäume am Fahrbahnrand bilden tödliche Hindernisse. Er rammt den Wagen des Politikers von der Seite. Sofort verliert der Fahrer die Kontrolle, die Geschwindigkeit ist zu hoch. Jörg H. prallt zunächst gegen einige Verkehrszeichen, dann gegen eine Mauer und überschlägt sich schließlich mit dem pechschwarzen Fahrzeug einige Male. Es ist gelungen. H. muss tot sein. Autoteile liegen kreuz und quer in der Umgebung verteilt. Keiner hat etwas gesehen, als der Täter zunächst in die Nebelwand vor ihm und dann in die nächste Stadt fährt.
Die Ermittlungen werden bald eingestellt und die Staatsanwaltschaft geht von einem tragischen Unfall aus, da H. im Nebel mit überhöhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn abkam. Um wenig Aufsehen zu erregen, kümmert sich niemand um die Lacksplitter, die man später an der Beifahrerseite des verunfallten Autos findet.
Zweieinhalb Monate nach dem Unfall, kurz vor Jahreswechsel, betritt ein Mann dunkelhaariger Mann um die Dreißig eine Polizeidienststelle irgendwo in Österreich, um eine Anzeige zu machen. Beim Betreten der Wache bemerkt einer der Beamten ein auffällig großes Muttermal im Nacken, direkt unter dem Haaransatz.
bflo - 11. Okt, 19:04
