Der Tod des Sokrates

Mittwoch, 15. Oktober, München

Ein goldener Herbsttag. Frühmorgens jagen ein paar Kinder etwa ein Dutzend Wildgänse über ein abgeerntetes Feld. Vereinzelt blinzeln letzte Getreidestoppeln durch die betonharte Erde. Die Gänse laufen zunächst laut schnatternd über den Acker, ehe sie sich in den Himmel schwingen. Hinter ihnen gackert und johlt die aufgebrachte Menge der Kinder. Die Flügel der Luftakrobaten erzeugen für wenige Sekunden einen angenehmen Windstoß…dann ist alles wieder ganz still, die Gänse beruhigen sich und die Kinder setzen ihren Weg zur Schule fort.
Was wäre, wenn es den Tod nicht gäbe? Zeit würde dann relativ werden, keine Bedeutung mehr haben, nichtig sein. Wie würden wir dann Leben. Alles strebt einem Ende entgegen und darum gibt es so etwas wie Zeit. Hätte ein jeder von uns unendlich viel Zeit, könnte unbegrenzt leben, ohne die Angst vor dem Ende zu haben, wie würde er das Leben wahrnehmen. Leben bedeutet hetzen, schneller zu sein als die Zeit, ihr davonzulaufen. „Forever young, I want to be forever young. Do you really want to live forever, forever and ever?” Wir versuchen die Zeit zu besiegen, ihr ein Schnippchen zu schlagen, sie auszutricksen. Anti aging Creme. Zeit ist ein starker Gegner…wir können sie nicht besiegen…zumindest heute nicht. Alles Leben ist Vorbereitung auf den Tod. Das Leben kostet schließlich das Leben, so paradox das für uns klingen mag. Werden und Vergehen als Dualismus unseres Daseins, als Bruder und Schwester des Lebens.
Ich spüre die Wärme ihrer Wange auf meiner eigenen, spüre ihr weiches Haar in meinem Gesicht. Der Moment ist zur Unendlichkeit erstarrt, bleibt für immer, geht nicht mehr weg. Um uns herum steht die Welt. Ich merke, dass ich kurz über meinem Buch eingeschlafen bin…muss mich zunächst neu orientieren. Über Platons „Phaidon“ bin ich kurz eingenickt. Ganz unten am Ende der zuletzt aufgeschlagenen Seite steht der Halbsatz: „besser zu sterben, als zu leben.“ Hineingezogen in den Strudel eines philosophischen Diskurses, lege ich das Buch weg.
Auf dem Weg nach Hause lese ich auf einer Werbetafel das Wort „Gelpulver“ und überlege mir, ob das nicht bereits ein Widerspruch in sich ist…Gelpulver.

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