Der kleine Wang

Donnerstag, 09. Oktober, München

Ich erwache in der großen Stadt, auf der anderen Seite der Welt. Hier in einer etwas abgelegenen Provinz Pekings drückt die Luft schon morgens schwer auf die Lungen der Menschen, sodass ihnen das atmen mitunter schwer fällt. In diesem Land bin ich nur einer von Vielen, kann mich kaum selbst entfalten, geschweige denn meinen eigenen Weg gehen. Auch wenn es die Öffentlichkeit nicht wahrhaben will, ist der Einfluss der Partei auf die Lebensweise der Menschen doch noch immer weitestgehend ungebrochen. Wir Chinesen sind nicht frei, unterstehen dem Diktat des übermächtigen Sozialismus und nur wenige können ab und an ihre Ketten sprengen und ausbrechen. Sobald die Sonne aufgeht, muss ich in die Schule. Mit Gleichaltrigen lerne ich dann einige Stunden und treibe im Anschluss etwas Sport. Ich interessiere mich sehr für Politik und Geschichte, Mathematik begeistert mich nur wenig. Freunde habe ich nur eine Hand voll, denn nach der Schule muss ich sofort weiter in die Fabrik.
Ich bediene zumeist die große Metallstanze und stanze runde, tellergroße Platten aus quadratmetergroßen Blechen. Wofür sie gebraucht werden weiß ich nicht. Ab und zu stehe ich auch an einer Sortiermaschine und lege kontinuierlich kleine Stahlbolzen horizontal auf Minigreifarme. Mit ungeheurer Wucht rammt der Roboter den Bolzen in eine Art Haltegriff und verbindet ihn mit einer Aluminiumschüssel, sodass ein Topf entsteht. Aber für diese Arbeit werde ich nur selten eingesetzt. In meiner wenigen Freizeit lese ich gerne. Dabei interessieren mich besonders die chinesische und die deutsche Philosophie. Ich liebe, Kant, Nietzsche, Hegel und Schelling. Für Schopenhauer kann ich mich nicht begeistern. Zudem interessiert mich die europäische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, mit den zwei Weltkriegen. Nebenbei muss ich mich noch um meinen kranken Vater und um meine drei kleineren Geschwister kümmern. Die Mutter arbeitet den ganzen Tag in einem kleinen Büro eines der höheren Parteibosse, verdient aber trotzdem nur wenig Geld. Mit meinem Verdienst bekommen wir die Familie gerade so durch, denn Vater kann nach seinem Unfall nicht mehr arbeiten. Abends bin ich oft so müde, dass ich nicht mehr für die Schule lernen kann, weshalb meine Noten meist nur mittelmäßig sind. Aber ich komme immer durch, denn ich bin ein Kämpfer. Mein Leben ist nicht schön, aber trotzdem lebenswert. Ich genieße es.
Ich erwache aus dem Traum, der mich nach China geführt hat. In letzter Zeit war ich mit meinem Leben hier nicht zufrieden, aber wenn ich mich an diesen Traum erinnere, bin ich froh hier leben zu können und zu studieren...in Freiheit, mit all dem Komfort der westlichen Welt. Ich möchte nicht tauschen. Zufrieden und mit der Gewissheit, dass doch nicht alles so schlecht ist, schlafe ich weiter.

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