Bar jeder Vernunft

Samstag, 20. September, München

Die Wände strahlen mir in Bordeauxrot entgegen, der Boden glänzt und in den frisch gewienerten Fliesen kann ich mein eigenes Gesicht erkennen. Hinter mir wird noch eifrig gearbeitet; die letzten Lampen angebracht und zum letzten Mal über die Tische und Stühle gewischt. Die Anlage ist da, in der Küche wird eifrig gekocht; meine Angestellten laufen wirr und teilweise unkontrolliert durcheinander. Geordnete Unordnung, denn schließlich muss jeder von uns noch etwas Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären...sagte schon Nietzsche. Im Zweifelsfall Flucht in die Philosophie. Das hilft...meistens jedenfalls. Ein Restaurant, eine Kneipe, oder eine Bar...sie alle funktionierten wie Platons “Staat”. Schichten, Stufen, Hierarchien. Ich steh oben. “Sein und Nichtsein”. Warum bin ich heute hier, hat das alles geklappt. Nachdenken? “Ich denke, also bin ich!” Woran? Gute Frage. Reich der Ideen. War alles schon einmal da, einmal manifest, einmal vorhanden. Ewiger Kreislauf. Nichts Neues auf der Welt. Die Seele steigt nach dem Tod hinauf in den Äther, verweilt möglicherweise nur kurz, ehe sie in einen anderen Menschen zurückkehrt. Der Mensch als Wirt, als Zwischenstadium für den Vervollständigungsprozess. Neue Ideen, Eindrücke der Seele hinzufügen. Addition. Auch ich bin Wirt, eben der Wirt dieser Bar. Als eine Art kategorischen Imperativ hänge ich den Banner “Handle jederzeit so, dass deine Gäste glücklich und zufrieden sind!”, über die Eingangstür. Wir verlassen Platons Höhle und gelangen ans Tageslicht. Wie anders doch alles ist? Einfach machen anstatt lange zu überlegen. Heute große Eröffnung. Ich bin Perfektionist, habe an alles gedacht. Sogar an Eisbecher mit Pappschirmchen. Kür? - Nein, Pflicht! Die Gäste können essen, trinken und tanzen. Der DJ fällt aus. Liegt mit Magen-Darm-Virus zu Hause im Bett. Gute Besserung an dieser Stelle! - Danke! Ich springe ein und lege auf. Pitchen und Scratchen! Oldschool, Alter. Logens. Der Abend ein Erfolg. Alle sind da und amüsieren sich. Auch sie. Ich bin versöhnt. Die Stimmung? Auf dem Siedepunkt.
Ein rauschender Abend geht vorüber und es werden noch viele folgen.
Das alles stelle ich mir vor, als ich an dem leicht baufälligen Gebäude vorbeigehe, dessen Fenster mit Staub verklebt sind und wo hinter Glas ein großes Schild mit “Zu vermieten” klebt; in fetten Lettern auf kackbrauner Wellpappe.

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