Montag, 22. September 2008

Magnificentia

Sonntag, 21. September, München

Morgens um halb neun ist die U-Bahn noch fast leer. Ich lehne b im Halbschlaf nahe bei der Türe, ungefähr dort, wo die Notbremse angebracht ist. Der Lärm der geschäftigen, am bunten Treiben des täglichen Lebens beteiligten Menschen, dringt kaum bis zu mir durch. Eine Kindergartengruppe von etwa fünfzehn Jungen und Mädchen steigt zu und für zwei Station steigt auch kurzzeitig der Lautstärkepegel. Plötzlich bleibt die Bahn im Tunnel stehen und eine Unruhe entsteht unter den Fahrgästen. Die Lichter gehen kurz aus, aber nach zwanzig Sekunden ist es wieder hell. Zwei Minuten später geht die Fahrt weiter und die Bahn erreicht die nächste Haltestelle. Es hat den Anschein, als ob nichts gewesen wäre. Die Menschen nehmen ihre Gespräche wieder auf, lesen in ihren Zeitungen und Büchern, oder sitzen einfach nur da und schauen durch die Fenster hinaus auf den Bahnsteig. Und doch meine ich ein wenig Unsicherheit, ein bisschen Angst in den Gesichtern und Augen mancher zu erkennen. Es ist nur ein unscheinbarer, beinahe flüchtiger Eindruck, der trotzdem da ist, wenn auch etwas versteckt. Der Körper verrät die Emotionen seines Besitzers mit unter durch seine Haltung, das Gesicht durch Mimik, die Gliedmaßen durch ihre Gestik. Was wäre, wenn ein Zugunglück, ein Terroranschlag oder sonst eine Katastrophe uns alle mitten aus dem Leben reißen würde? Hier auf der Stelle in diesem Zug, sich an diesem Ort das Schicksal von einhundert Menschen entscheiden würde? Morgens aus dem Haus gegangen, ohne daran zu denken und zur angestrebten Zeit nicht wiedergekehrt! Ein langer Abschied ohne ein Wort, ohne Liebesbekenntnis und ohne Hoffnung. Du gehst für immer und der, den du liebst, weiß es nicht. Was wäre wenn…ich schließe die Augen, Fahrgäste steigen ein und aus, verschwommen vernehme ich Stimmengewirr.
„Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in aller Fülle bereitliegt, aber immer verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit...
Aber sie liegt dort nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Namen, dann kommt sie...“ Es ist an der Zeit, sie zu rufen.

Bar jeder Vernunft

Samstag, 20. September, München

Die Wände strahlen mir in Bordeauxrot entgegen, der Boden glänzt und in den frisch gewienerten Fliesen kann ich mein eigenes Gesicht erkennen. Hinter mir wird noch eifrig gearbeitet; die letzten Lampen angebracht und zum letzten Mal über die Tische und Stühle gewischt. Die Anlage ist da, in der Küche wird eifrig gekocht; meine Angestellten laufen wirr und teilweise unkontrolliert durcheinander. Geordnete Unordnung, denn schließlich muss jeder von uns noch etwas Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären...sagte schon Nietzsche. Im Zweifelsfall Flucht in die Philosophie. Das hilft...meistens jedenfalls. Ein Restaurant, eine Kneipe, oder eine Bar...sie alle funktionierten wie Platons “Staat”. Schichten, Stufen, Hierarchien. Ich steh oben. “Sein und Nichtsein”. Warum bin ich heute hier, hat das alles geklappt. Nachdenken? “Ich denke, also bin ich!” Woran? Gute Frage. Reich der Ideen. War alles schon einmal da, einmal manifest, einmal vorhanden. Ewiger Kreislauf. Nichts Neues auf der Welt. Die Seele steigt nach dem Tod hinauf in den Äther, verweilt möglicherweise nur kurz, ehe sie in einen anderen Menschen zurückkehrt. Der Mensch als Wirt, als Zwischenstadium für den Vervollständigungsprozess. Neue Ideen, Eindrücke der Seele hinzufügen. Addition. Auch ich bin Wirt, eben der Wirt dieser Bar. Als eine Art kategorischen Imperativ hänge ich den Banner “Handle jederzeit so, dass deine Gäste glücklich und zufrieden sind!”, über die Eingangstür. Wir verlassen Platons Höhle und gelangen ans Tageslicht. Wie anders doch alles ist? Einfach machen anstatt lange zu überlegen. Heute große Eröffnung. Ich bin Perfektionist, habe an alles gedacht. Sogar an Eisbecher mit Pappschirmchen. Kür? - Nein, Pflicht! Die Gäste können essen, trinken und tanzen. Der DJ fällt aus. Liegt mit Magen-Darm-Virus zu Hause im Bett. Gute Besserung an dieser Stelle! - Danke! Ich springe ein und lege auf. Pitchen und Scratchen! Oldschool, Alter. Logens. Der Abend ein Erfolg. Alle sind da und amüsieren sich. Auch sie. Ich bin versöhnt. Die Stimmung? Auf dem Siedepunkt.
Ein rauschender Abend geht vorüber und es werden noch viele folgen.
Das alles stelle ich mir vor, als ich an dem leicht baufälligen Gebäude vorbeigehe, dessen Fenster mit Staub verklebt sind und wo hinter Glas ein großes Schild mit “Zu vermieten” klebt; in fetten Lettern auf kackbrauner Wellpappe.

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