Freitag, 19. September 2008

Nur sie

Donnerstag, 18. September, München

Die Kugel gleitet wie in Zeitlupe durch die Luft, bevor sie schließlich den Kopf trifft, durchschlägt und auf der anderen Seite wieder heraustritt. Die Wucht ist enorm. Ich sitze bequem im weichen Kinosessel und genieße den Film. Davon ausgegangen, nur einen üblichen Action-Streifen zu erleben, bin ich dennoch positiv überrascht. „Wanted“. Ein Film mit Handlung, guten Schauspielern und Knalleffekt. Ich diagnostiziere philosophische Elemente. Einen töten, um womöglich tausend andere zu retten. Ein interessanter Ansatz für Überlegungen, keinesfalls neu, aber lohnenswert um darüber genauer nachzudenken. Die Bruderschaft: Ein Geheimbund um zu töten. Zu Beginn des Films hat mich das Ganze dann doch arg an Matrix erinnert, waren auch einige Stunts und Tricks ähnlich. Zumindest der erste Teil der Trilogie hat Ende des letzten Jahrtausends neue Maßstäbe gesetzt und die Filmwelt in eine andere Umlaufbahn katapultiert. Nachdenklich verlasse ich nach der Vorstellung das Lichtspielhaus und bin doch angenehm überrascht und zufrieden. Ein guter Film. Meine Füße sind eingeschlafen, weshalb ich es vorziehe noch ein paar Meter zu Fuß zu gehen. Die kühle Luft und der harte Asphalt tun mir gut, bringen die Mühlen in meinem Kopf zum Mahlen. Wohl und Wehe der Welt bestimmen können, Herr über alle Geschehnisse zu sein und den Taktstock schwingen, der die Welt in Atem hält. Ich greife in den Wegstuhl und schnappe mir das Schiffchen. Ich nehme langsamer wahr, zeitlupenartig, stark verlangsamt. Für einen Moment steht die Welt…ich bin stärker und besser als der Rest. Mein Zeigefinger dreht sich und mit ihm die Welt. Halte ich ihn still, steht auch sie. Ich bin Geppetto. Ich fliege zu ihr, wo auch immer sie steckt, erreiche sie und bin ihn nahe. Einmal nur. Wanted.

Güte

Mittwoch 17. September, München

Ich betrete die Wohnstube und eine Frau von fünfundneunzig Jahren sitzt mir gegenüber. Alltag während meiner Zeit als Zivildienstleistender. Zu älteren Menschen nach Hause kommen, ihnen beim Frühstückmachen helfen, aus der Zeitung vorlesen, oder wie in diesem Fall ein wenig unterhalten und durch Gesellschaftsspiele die grauen Zellen auf Betriebstemperatur halten. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Ich besuchte die alte Frau in der Folge immer donnerstags am Nachmittag. Draußen begann es langsam Herbst zu werden, der graue November zog ins Land, während wir drinnen saßen und eine Art “Uno” mit kleinen Plastiksteinchen spielten. Sie war für ihr Alter erstaunlich fit, besonders geistig, konnte sie mich doch das eine oder andere Mal besiegen. Es waren lustige Nachmittage, auch wenn ihre Mobilität in der Wohnung nach einem Krankenhausaufenthalt stetig abnahm. Nur mit äußerster Mühe kam sie ins Bad und konnte sich kaum mehr auf die Toilette setzen. Hilfe annehmen wollte sie nicht. Sie bekam ein mobiles WC, eine Art fahrbahren Stuhl mit einer runden Öffnung in der Mitte. Es war ein würdeloser Anblick. Ab da ging es nur noch bergab, zumindest körperlich. Geistig jedoch konnte sie ihre Fitness weiterhin behaupten.
Es war vier Tage vor Weihnachten, dass weiß ich noch ganz genau, als wir gerade eine Spielrunde beendet hatten, als sie mir sagte, dass es wohl bald vorbei sei, sie könne das spüren und wünsche sich bald zu sterben. Dabei sah sie nicht traurig und trübsinnig aus, sondern ein warmes Lächeln umspielte ihre Lippen. Ich erwiderte nichts, nickte nur stumm und machte mich auf den Heimweg. Das war am 20. Dezember 2004.
Zwei Wochen später fand ich einen weißen Zettel in der Ablage mit den Anweisungen, die für diesen Tag zu erledigen waren. Die Nachricht, dass die alte Frau gestorben war, kam für mich nicht wirklich überraschend. Sie sei zwischen den Jahren friedlich zu Hause in ihrem Bett eingeschlafen. Ihre Familie war bis zuletzt bei ihr. Ich war nur kurze Zeit ein wenig traurig, hatte ich doch die Gewissheit, dass sie es nun überstanden hatte...ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Qual. Sie hatte es sich zuerst gewünscht und später genau gewusst: Es wurde Zeit. Der Tod war gnädig zu ihr, sanft entschlafen und aus der Welt gegangen.
Seitdem weiß ich das Leben zu schätzen. Ich gehe durch die Straßen und denke an diese alte Frau zurück. Die Lichter der Straßenlaternen funkeln und erhellen die Dunkelheit. Helligkeit, Leben!
Ich denke an die Spielnachmittage zurück und an die angenehmen Stunden, die wir zusammen verbracht haben. Es ist niemand da, dem ich diese Geschichte erzähle kann, der antworten könnte und trotzdem meine ich ein: “Das stimmt!” aus der Finsternis zu vernehmen.

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