Güte
Mittwoch 17. September, München
Ich betrete die Wohnstube und eine Frau von fünfundneunzig Jahren sitzt mir gegenüber. Alltag während meiner Zeit als Zivildienstleistender. Zu älteren Menschen nach Hause kommen, ihnen beim Frühstückmachen helfen, aus der Zeitung vorlesen, oder wie in diesem Fall ein wenig unterhalten und durch Gesellschaftsspiele die grauen Zellen auf Betriebstemperatur halten. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Ich besuchte die alte Frau in der Folge immer donnerstags am Nachmittag. Draußen begann es langsam Herbst zu werden, der graue November zog ins Land, während wir drinnen saßen und eine Art “Uno” mit kleinen Plastiksteinchen spielten. Sie war für ihr Alter erstaunlich fit, besonders geistig, konnte sie mich doch das eine oder andere Mal besiegen. Es waren lustige Nachmittage, auch wenn ihre Mobilität in der Wohnung nach einem Krankenhausaufenthalt stetig abnahm. Nur mit äußerster Mühe kam sie ins Bad und konnte sich kaum mehr auf die Toilette setzen. Hilfe annehmen wollte sie nicht. Sie bekam ein mobiles WC, eine Art fahrbahren Stuhl mit einer runden Öffnung in der Mitte. Es war ein würdeloser Anblick. Ab da ging es nur noch bergab, zumindest körperlich. Geistig jedoch konnte sie ihre Fitness weiterhin behaupten.
Es war vier Tage vor Weihnachten, dass weiß ich noch ganz genau, als wir gerade eine Spielrunde beendet hatten, als sie mir sagte, dass es wohl bald vorbei sei, sie könne das spüren und wünsche sich bald zu sterben. Dabei sah sie nicht traurig und trübsinnig aus, sondern ein warmes Lächeln umspielte ihre Lippen. Ich erwiderte nichts, nickte nur stumm und machte mich auf den Heimweg. Das war am 20. Dezember 2004.
Zwei Wochen später fand ich einen weißen Zettel in der Ablage mit den Anweisungen, die für diesen Tag zu erledigen waren. Die Nachricht, dass die alte Frau gestorben war, kam für mich nicht wirklich überraschend. Sie sei zwischen den Jahren friedlich zu Hause in ihrem Bett eingeschlafen. Ihre Familie war bis zuletzt bei ihr. Ich war nur kurze Zeit ein wenig traurig, hatte ich doch die Gewissheit, dass sie es nun überstanden hatte...ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Qual. Sie hatte es sich zuerst gewünscht und später genau gewusst: Es wurde Zeit. Der Tod war gnädig zu ihr, sanft entschlafen und aus der Welt gegangen.
Seitdem weiß ich das Leben zu schätzen. Ich gehe durch die Straßen und denke an diese alte Frau zurück. Die Lichter der Straßenlaternen funkeln und erhellen die Dunkelheit. Helligkeit, Leben!
Ich denke an die Spielnachmittage zurück und an die angenehmen Stunden, die wir zusammen verbracht haben. Es ist niemand da, dem ich diese Geschichte erzähle kann, der antworten könnte und trotzdem meine ich ein: “Das stimmt!” aus der Finsternis zu vernehmen.
Ich betrete die Wohnstube und eine Frau von fünfundneunzig Jahren sitzt mir gegenüber. Alltag während meiner Zeit als Zivildienstleistender. Zu älteren Menschen nach Hause kommen, ihnen beim Frühstückmachen helfen, aus der Zeitung vorlesen, oder wie in diesem Fall ein wenig unterhalten und durch Gesellschaftsspiele die grauen Zellen auf Betriebstemperatur halten. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Ich besuchte die alte Frau in der Folge immer donnerstags am Nachmittag. Draußen begann es langsam Herbst zu werden, der graue November zog ins Land, während wir drinnen saßen und eine Art “Uno” mit kleinen Plastiksteinchen spielten. Sie war für ihr Alter erstaunlich fit, besonders geistig, konnte sie mich doch das eine oder andere Mal besiegen. Es waren lustige Nachmittage, auch wenn ihre Mobilität in der Wohnung nach einem Krankenhausaufenthalt stetig abnahm. Nur mit äußerster Mühe kam sie ins Bad und konnte sich kaum mehr auf die Toilette setzen. Hilfe annehmen wollte sie nicht. Sie bekam ein mobiles WC, eine Art fahrbahren Stuhl mit einer runden Öffnung in der Mitte. Es war ein würdeloser Anblick. Ab da ging es nur noch bergab, zumindest körperlich. Geistig jedoch konnte sie ihre Fitness weiterhin behaupten.
Es war vier Tage vor Weihnachten, dass weiß ich noch ganz genau, als wir gerade eine Spielrunde beendet hatten, als sie mir sagte, dass es wohl bald vorbei sei, sie könne das spüren und wünsche sich bald zu sterben. Dabei sah sie nicht traurig und trübsinnig aus, sondern ein warmes Lächeln umspielte ihre Lippen. Ich erwiderte nichts, nickte nur stumm und machte mich auf den Heimweg. Das war am 20. Dezember 2004.
Zwei Wochen später fand ich einen weißen Zettel in der Ablage mit den Anweisungen, die für diesen Tag zu erledigen waren. Die Nachricht, dass die alte Frau gestorben war, kam für mich nicht wirklich überraschend. Sie sei zwischen den Jahren friedlich zu Hause in ihrem Bett eingeschlafen. Ihre Familie war bis zuletzt bei ihr. Ich war nur kurze Zeit ein wenig traurig, hatte ich doch die Gewissheit, dass sie es nun überstanden hatte...ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Qual. Sie hatte es sich zuerst gewünscht und später genau gewusst: Es wurde Zeit. Der Tod war gnädig zu ihr, sanft entschlafen und aus der Welt gegangen.
Seitdem weiß ich das Leben zu schätzen. Ich gehe durch die Straßen und denke an diese alte Frau zurück. Die Lichter der Straßenlaternen funkeln und erhellen die Dunkelheit. Helligkeit, Leben!
Ich denke an die Spielnachmittage zurück und an die angenehmen Stunden, die wir zusammen verbracht haben. Es ist niemand da, dem ich diese Geschichte erzähle kann, der antworten könnte und trotzdem meine ich ein: “Das stimmt!” aus der Finsternis zu vernehmen.
bflo - 19. Sep, 14:30
