Montag, 8. September 2008

Alle sind da

Samstag, 06. September

Wieder so ein Morgen: Antriebslos und phlegmatisch liege ich in meinem Bett und starre doof an die Decke. Ich schließe die Augen und kleine Blitze tanzen vor meinen Pupille wie Sternschnuppen oder kleine Kometen. Mühsam quäle ich mich aus den Federn, schlürfe in die Küche und mache mir Frühstück. Die Party am Abend scheint in weite Ferne gerückt zu sein, rechne ich nicht damit, die Kraft aufzubringen um mich abends aus dem Haus zu quälen. Die nächsten Stunden entwickelt sich zu einem herrlichen Spätsommertag, an dem die Sonne hoch am am Himmel steht und beständig auf die Fußballwiese brennt. Ein bisschen Sport, etwas körperliche Betätigung tut gut. Die müden Glieder wollen bewegt werden. Dauer? Zu kurz, sitze ich doch bald in der Wiese und schaue einer größeren Gruppe älterer Herren zu, die munter kicken. Sechzig Minuten im Schatten des Baumes sitzen und etwas entspannen. Ich sammle neue Kräfte für den Abend, fühle mich schließlich bereit.
Die Stammstrecke ist leider blockiert, was bedeutet, das die Bahn nur alle zwanzig Minuten fährt. Da muss ich dann zusätzlich Geduld aufbringen...die Rückfahrt sollte dann erst lustig werden, aber mit etwas Timing geht alles klar. Bei dir auch? Immer doch! Die Party ist in vollem Gange, alle sind da. Herrlich. Doch ganz lustig, obwohl sich so einiges geändert hat. Man wir älter, weiser, ruhiger. Fährt irgendwie runter, hat man sich die Hörner doch längst abgestoßen. Alkohol fließt auch wieder...logens. Ich bin ja der Meinung, dass man mehr verträgt als früher. Echt? Ja, oder man trinkt doch weniger. Naja der Biervorrat geht aber doch langsam zu Ende. Aber früher musste doch spätestens um eins jemand zur Tanke fahren. 089-Alkoport gab`s da noch nicht. Ich glaube, dass man mit den Jahren gelernt hat, besser zu kalkulieren. So wird’s sein. Man wird erwachsen, die Partys auch. Reifeprozess. “Dabei bist du eingeladen, auf das beste aller feste auf der Gästeliste eingetragen!” - Ich war ja da...na dann is ja prima.

Samstag, 6. September 2008

Reise, Reise

Freitag, 05. September, München

Was ist das eigentlich: Glück? Und was ist Zufriedenheit? Man muss beides trennen. Ich kann das besitzen, wovon ich immer geträumt habe: Geld, Ansehen, Ruhm und Ehre. Dann bin ich zufrieden, aber glücklich bin ich noch lange nicht. Zufriedenheit ist Wunscherfüllung, Wunschbefriedigung. Glück ist etwas ganz anderes, etwas das ich mit Geld nicht kaufen kann. Zufriedenheit ist nicht Glück. Glück, das sind intime Momente mit ihr, ein gemeinsames Essen, eine innige Konversation, Gedanken- und Meinungsaustausch. Den Sonnenuntergang mit ihr erleben. Glück sind die kleinen, innigen Momente der Zweisamkeit. Darin liegt Glück. Zufriedenheit kann ich mir erkämpfen, wachsen lassen durch Hege und Pflege. Glück ist Schicksal.
Auf seiner Reise hat er viele Menschen getroffen, die ebenso wie er unterwegs waren, um ihr Glück zu finden. Manche von ihnen waren reich, manche arm. Er sah oft, wie sich einige der Reichen abends in Kneipen, Bars und Casinos vergnügten und Geld ausgaben, während die Ärmeren in Grüppchen zusammen saßen und manchmal den Reichen neidische Blicke zuwarfen. Er war sich nicht sicher, wer von ihnen glücklicher war, kann man die besten Dinge des Lebens für Geld sowieso nicht kaufen. Abgedroschen, aber wahr. Irgendwie war er glücklich, wenn er zu Essen hatte, sich kleiden konnte und in der Nacht ein Dach über dem Kopf hatte. Der Weg war lang und beschwerlich, dauerte viele Jahre und führte ihn an die unterschiedlichsten Orte der Welt. In manchen hielt er es länger aus, während er es in anderen vorzog nur für kurze Zeit zu verweilen. Er liebte es, unterwegs zu sein, auf der Reise zu sein, die Welt zu erkunden und neue Gegenden und Orte zu entdecken. Langsam begann er zu begreifen, was sein persönliches Glück ist. Der bestirnte Himmel über ihm, die weiten Ebenen und teilweise öde Landstriche. Das alles zog an ihm vorüber und er war Teil eines großen Ganzen. Grenzenlos und einfach frei. Einzig und alleine Gespräche, Unterhaltung, Zuneigung und Intimität, waren die Dinge, die ihm fehlten, wenn er oft tagelang durch die Einöde strich. In diesen Momenten wusste er, was ihn so sehr belastete und erkannte, was Glück für ihn bedeuten würde. ZWEISAMKEIT. Nach Jahren kehrte er schließlich heim, ging zu einem Mädchen, das er einmal sehr gemocht hatte und immer noch liebte. Mit Blumen stand er vor ihrer Türe und läutete, doch niemand öffnete. In diesem Moment wurde er sehr traurig, setzte sich auf die Stufen, begann zu weinen und realisierte, dass er sein Leben verloren hatte. Plötzlich spürte er eine zärtliche Hand auf seiner Schulter.

Ort des Schweigens

Donnerstag, 04. September, München

Wenn man nicht damit rechnet! Sophies Erscheinen in der Bibliothek überrascht mich doch ziemlich, aber natürlich positiv. Ich hatte nicht geglaubt, sie in diesen stillen Räumen, in denen ich außer ihr die letzten zwei Wochen niemand Bekannten gesehen habe, zu treffen. In der Hand hält sie ihr dunkelschwarzes Mobiltelefon und, zu meinem größten Erstaunen, ihren dunkelroten Reisepass. “Wohin geht es denn?”, frage ich sie neugierig. Aufmerksame Augen blicken mir entgegen und sie sagt, dass ihr der Geldbeutel geklaut wurde und sie den Pass nur mitgenommen hat, um in die Bibliothek gelassen zu werden. Plausibel. Das arme Mädchen...die zieht so etwas förmlich an. Katastrophal. Naja, das Problem ist nicht das Geld, das weg ist, das waren maximal dreißig Euro, sondern die enormen Probleme, die so ein Verlust mit sich bringt. Ausweis, Führerschein, EC-Karte, das ist der blanke Horror. Leider können wir nicht viel miteinander reden. Flüsterzwang in der Bibliothek und dann sofort absolute Ruhe kennt man ja. Aber wir vertagen das auf nächste Woche. Ich hoffe, bin zuversichtlich - mal sehen. Ich kann mich kaum noch konzentrieren, packe die benutzten Bücher wieder zurück ins Regal und fahre den Laptop herunter. Sophie indes steht oben auf der Leiter, vertieft in ein Buch. Ich schaue sie an, sie sieht mich, lächelt mich an und ich lächle zurück. Wow! Ein kurzer Small-Talk zum Abschied, ich nehme meinen Krempel unter den Arm und fliege die steile Wendeltreppe hinauf, bevor ich die Bibliothek verlasse. Der Himmel hat wieder zugezogen, dunkle, dichte Wolken am Horizont. Später gibt es Regen.
Bereits vor Tagen war er alleine losgezogen, das Glück zu finden. Zu Hause hatte er es längst nicht mehr ausgehalten, hatte seine Stadt, sein Viertel und alles um ihn herum so satt. Er hatte beschlossen, diesen Weg zu gehen, sich auf die Reise zu begeben, denn irgendwo musste das Glück schließlich zu finden sein. Es sollte ein weiter Weg werden, steinig und voller Hindernissen.

Freitag, 5. September 2008

God is a DJ

Mittwoch, 03. September, München

Der Rave beginnt...alle stehen sie unten auf der Tanzfläche und warten auf mein geheimes Zeichen, die ersten Takte dieses Abends. Mit Daumen und Zeigefinger forme ich einen kleinen Kreis...das ist es, mein Signal. Alles in Ordnung, Zeit zum Abtauchen. Die Geste habe ich mir sowieso bei den Tauchern abgeschaut und mit ihr eröffne ich die Abende. Es kann los gehen. Verschmitzt lächle ich der Menge zu, die unruhig wird, zu zappeln beginnt und regelrecht unter Strom zu stehen scheint. Ich habe die Macht, das Feuer zu entzünden. Burn! Ich spiele die ersten Takte und die Menge beginnt sogleich zu johlen. Ihr wollt tanzen? Ihr sollt tanzen! Panem et circenses...die Nacht beginnt. Ich schiebe mir lässig die Kopfhörer über beide Ohren und lausche der Musik, bestimme den Takt, gehe mit dem Rhythmus und pitche die Scheiben und damit auch die Musik, so wie ich sie brauche. Das funktioniert großartig. “Ich sag` ab geht die Party und die Party geht ab!” Alles tanzt, sich bewegende Leiber...Ekstase. Ich sehe sie und auch sie tanzt, schwerelos, locker, leicht. Ihre Hüften vibrieren heftig im Takt der Musik. Ich kann sie steuern, bin der Strippenzieher, der Marionettenspieler und sie hängen alle an meinen Schnüren, machen das, was ich will...Tanzen! Ich genieße die Kontrolle. Ich kann kaum glauben, dass sie heute hier ist. Dabei war sie doch gerade erst wieder in Südafrika, zum ersten mal nach vielen Jahren. Und wie sie tanzt...ihr Körper und ihr Unterleib zucken heftig unter dem Einfluss der Musik. Dabei kann ich immer noch eine Schippe drauflegen, noch schneller noch größer werden, bis es zur Explosion kommt, alles in Flammen zu stehen scheint und die Lichter um uns immer greller werden...Bunte Blitze zucken durch den Raum, bevor alles vorüber ist. So geht es den ganzen Abend. Ich komme heftig ins Schwitzen, gehe mit ihr und der Menge ab, lege musikalische Brände im ganzen Raum, brenne ein regelrechtes Feuerwerk ab. Party-People. Schließlich graut der Morgen und draußen beginnen die ersten Vögel zu zwitschern. Wir drinnen haben seit einer Stunde aufgehört zu feiern. In drei Wochen wird sie wieder auf dem schwarzen Kontinent sein. Das sagt sie, als sie irgendwann zwischen drei und vier Uhr morgens zu mir ans DJ-Pult tritt. Wir sind beide total verschwitzt, aber trotzdem drückt sie mir sanft einen Kuss auf die Wange und bedankt sich für den schönen Abend. Intimer Moment...ich bin glücklich.
Gedankenverloren komme ich in der Bibliothek zu mir, als mir jemand von hinten die Hand auf die Schulter legt. Ich zucke kurz zusammen. Es ist Sophie! Nächste Woche wird sie wieder da sein. Dann wollen wir gemeinsam einen Kaffee trinken gehen. “For tonight, God was a DJ!”

Mittwoch, 3. September 2008

Meet & Greet

Dienstag, 02. September, München

Es gibt doch noch Freigeister und Intellektuelle in München. Ein Hauch von alter Boheme weht durch die Luft, durch die Stadt mit ihren Dichtern und Denkern. Ich treffe Abbas nach fast einem Jahr wieder einmal an der Universität. Sein erstes Buch wird nun endlich erscheinen und es scheint, als ob „Der falsche Inder“ ein ziemlicher Verkaufserfolg werden würde. Ich werde mir den Roman wohl kaufen. Könnte interessant sein. Abbas gehört trotzdem zu meinen Freunden, habe ich mich mit ihm, die wenigen Male die wir uns gesehen haben, ziemlich gut unterhalten. Immer gut drauf und einen flotten Spruch auf den Lippen. Ich meine mich zu erinnern, dass er vor acht Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen ist, bin mir aber nicht wirklich sicher. Zumindest das mit den acht Jahren glaube ich, stimmt. Er ist ein Freigeist, hat Freude am Leben und interessiert sich für so viele Dinge. Nebenbei bin ich davon überzeugt, dass er auch ein ziemlich guter Schriftsteller ist. Abbas hat immer gerne in München gelebt, aber seinen Lebensmittelpunkt mittlerweile aber nach Berlin verlegt. Das sei dort ein ganz anders Fleur, ein spezielleres Lebensgefühl. Kann ich mir denken. So als freier Schriftsteller…mit dem Studium scheint er nicht mehr viel am Hut zu haben. Auf jeden Fall ist Abbas ein prima Kerl, mit dem man schon mal ganz gemütlich das ein oder andere Bierchen zischen kann. Perfekt. Mal sehen, wann und wo ich ihn das nächste Mal treffe. Denn in dieser Angelegenheit ist er immer für eine Überraschung gut. Er gibt mir vorerst seine pechschwarze Visitenkarte. Das krakelige Logo ist seine Unterschrift. Wir verabschieden uns und ich gehe mit der Karte in der Hand zur U-Bahn. Ich drehe sie noch etwas in meiner Hand, bevor ich sie in meiner Gesäßtasche verstaue. „Freier Schriftsteller!“ Schriftsteller überhaupt…toll. Ich habe das Gefühl, dass ich mich schon bald einmal bei ihm melden werde. Zehn Monate werden zumindest nicht wieder vergehen. Davor muss ich aber unbedingt seinen „Falschen Inder“ lesen.

Dienstag, 2. September 2008

Musik nur wenn sie laut ist

Montag, 01. September, München

Oft sitzt er stundenlang einfach nur auf dem Sims und starrt zwei Meter hinunter auf den Boden. Die Beine baumeln dabei lässig an der dunkelgrauen Fassade entlang. Seine Fußsohlen wippen hin und her, beide Arme verschränkt er hinter dem Kopf. Alles ist gut. Seit seiner Geburt ist er blind, kennt Farben nur aus den Erzählungen seiner wenigen Freunde, die er noch nie in seinem Leben gesehen hat. Wenn man ohne Augenlicht auf die Welt kommt, hat man praktisch keine Überlebenschancen in dieser ausdifferenzierten und komplexen Welt. Aber er hat sich mit eisernem Willen durchgebissen. Sein Leben ist Musik und er hört sie am liebsten, wenn sie laut ist. Eigentlich hört er immer laute Musik, sehr zum Leidwesen der Nachbarn, die das Ganze aber tolerieren. Aus Mitleid, wie sie sagen. Er kann lang so sitzen, seine Stereoanlage hat einen dreifach CD-Wechsler, also kann er viel Musik „bevorraten“. Mit der Fernbedienung kann er alles perfekt steuern. Alle CDs tragen ordentliche Signaturen in Breil-Schrift. Er lauscht der Musik und formt in seinem Kopf die schönsten und buntesten Farben. Er hat zwar keine Vorstellung, was das genau ist eine „Farbe“, aber etwas ganz tief in ihm drin sagt, dass es gut ist, so wie er sich das denkt. Dabei kann er glücklich sein, sein Handycap vergessen und für einige Momente unbeschwert leben. Mit Armen und Beinen wippt er dann harmonisch im Takt, geht mit dem Oberkörper rhythmisch vor und zurück und manchmal schnalzt er dabei sogar mit den Fingern. Er muss nichts sehen, um die Vibrationen des Basses und die eingängigen Melodien in sich aufzusaugen. Es ist blindes Verständnis von etwas Großem, das jeder Mensch fühlt, wenn er Musik hört, ganz egal ob er krank oder gesund ist. Ich habe zudem das Gefühl, dass er die Musik ganz anders fühlt, aufgrund seiner Blindheit, als wir dies tun. Wenn er so dasitzt, wippt und lächelt, weiß ich, dass er zufrieden ist. Ich sehe ihm dann oft von Weitem zu, bevor ich die Straße hinunterlaufe, weil ich weiß, dass ihm in diesen Momenten nichts fehlt. „Wenn der Boden unter den Füßen bebt, dann vergisst er, dass er blind ist."

Blick zurück nach vorn

Sonntag, 31. August, München

Sehsucht ist eine Sucht. Unendlich stark und nur schwer zu bezwingen. Mein Fahrrad bleibt heute zu Hause, ich wähle die S-Bahn. Entgegen meiner Annahme bin ich trotz allem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schneller in der Innenstadt, als mit meinem Drahtesel. Erstaunlich. Morgens dann der obligatorische Kaffee beim Discount-Bäcker...das muss sein. Ich sehe bekannte Gesichter an einem der Bartische vor der Schnellbäckerei. Pappbecher in der Hand...Unterhaltung, Austausch. Ich glaube fast, die stehen immer da. Ich kippe Milch in die pechschwarze Flüssigkeit, jage zwei Süßstofftabletten hinterher, rühre mit einem Plastikstäbchen um und gehe weiter. Durch die Fußgängerzone hinunter bis zum Marienplatz...wie so oft. Den Schirm, den ich in meiner linken Hand halte, brauche ich noch nicht. Dichte, dunkle Wolken zeigen sich am Himmel...mittags würde es regnen. Sehnsuchtsvoll schlürfe ich über den grauen Asphalt. Ganz in orange gekleidete Müllmänner leeren die teilweise übervollen Metallkörbe in der Fußgängerzone. Ein Cafebesitzer nimmt die Ketten von zwei hohen Türmen aus Stühlen, die er auf diese Weise vor Diebstahl schützt. In der Hoffnung auf Wetterbesserung wischt er über die zuvor einzeln selektierten Sitzmöbel. In der Luft schlägt mein leerer Becher einige Salti, bevor er in einem der Abfalleimer landet. Abfall für alle. Sehnsucht brennt in mir...Düsseldorf, immer wieder! Wie lange noch? Weiß nicht! Unendlich lange für mich. Sonst meldet sich niemand, außer Michaela. Wenn ich mich auf jemanden verlassen kann, dann auf sie. Das tröstet. Nach ihrer OP geht sie auf Krücken, ist also kaum mobil. Sie wird sich melden, sobald es besser geht. Ich vertraue darauf und weiß, dass ich mich bei ihr darauf verlassen kann. SICHERHEIT. Drei Wochen wird das aber sicherlich noch dauern...locker. Diese Mobilitätseinschränkung wäre für mich die Hölle, absolut. Von Sophie entdecke ich, mehr zufällig beim Surfen, ein Video im Netz. PROJEKT: Lieblingslied pfeifen. Töne mit den Lippen erzeugen...kann ich nicht. Sophie kann es...naja ein bisschen. Sie hätte die “Kill Bill”-Melodie wählen sollen, wäre eindeutiger gewesen. Darauf pfeifen? Ich auch! Heute Morgen!

Montag, 1. September 2008

Explosion

Samstag, 30. August, München

Sophies Verführung sind, in buntes Papier eingehüllte, Schokoladendrops und kosten 1,99 Euro beim Penny. Leider!
Ich rücke meinen Stuhl zurecht, stelle ihn ans Fenster und starre hinaus, in die Nacht. Der Mond steht einsam am Himmel, scheint voll auf die Erde hinab und spendet so ein wenig Licht als Kontrast zur alles einnehmenden Dunkelheit. Es ist herrlich, einfach nur so zu sitzen, die Augen auf einen Punkt draußen vor der trennenden Glasscheibe gerichtet. STIEREN. Hier kommen mir Ideen, schmiede ich Pläne, oder sinniere ich über das Leben. Heute eher Letzteres. Eine Nacht, in der ich einfach keinen Schlaf finde. Darum habe ich die Jalousie wieder geöffnet und sitze nun hier. Interessiert lausche ich den Autos, die ab und an draußen durch das schwarze Dickicht gleiten.
“Einmal wissen, dieses bleibt für immer.” - Ein schönes Lied und dabei doch traurig, wie ich. Meine Gedanken folgen erneut keiner Richtung, schießen auf ihren Bahnen wild durch meinen Kopf. Chaos.
“Und deine Schaltung klemmt im Leerlauf, selbst deine Kriechspur ist vereist.” Treffend! Es geht nicht vorwärts, Stillstand ist die Folge. Keinen Gang einlegen können...zurück geht auch nicht. Dreizehn Jahre back in time. 1995, ich war elf Jahre alt. Zu dumm...warum nicht heute? 2008 ist mir einfach nicht sympathisch und ich befürchte, dass es das auch nicht mehr werden wird. Damals, weder Kind noch Teenager, habe ich nichts mitbekommen von der großen, bunten Welt. Heute bin ich allerdings der Meinung, dass es großartig gewesen sein muss. Draußen lärmen ein paar Krähen und ich erwache kurzzeitig aus meiner Nachdenklichkeit, vertiefe mich aber sofort wieder in meine Gedanken. Diese Stagnation macht mich fertig und lähmt mich gleichzeitig. Eine Perspektivlosigkeit hat sich in das System eingeschlichen. Einfach so...konnte nahezu nix machen. Unter dem Blick gegen die Scheibe scheint diese zu splittern. Vom Rand frisst sich ein zunächste kleiner Riss vor meinen Augen langsam bis zum inneren der Glaswand vor mir. Noch mehr kleine Risse entstehen überall an den Seiten der Glasscheibe und kriechen langsam zum Mittelpunkt. Ein Knall und sogleich zerspringt alles in tausend kleine Scherben. Ich sitze weiterhin regungslos da, kühle Nachtluft weht mir entgegen...ich erwache.

Volle Fahrt

Freitag, 29. August, München

Die Fahrten im Sammeltaxi werde ich niemals vergessen. Der Tag nach der Party: Vormittags, irgendwann nahe München, aber dennoch ziemlich ländlich. Damals, als man ja noch jung war und keinen Führerschein hatte, gab es keine andere Möglichkeit, um zu einem nahegelegenen Bahnhof zu gelangen. Am Tag des Herrn fahren dort keine Busse. Was bleibt ist das sogenannte “Ast-Sammeltaxi”, das man eine Stunde bevor man fahren möchte anrufen muss, um schließlich irgendwann wegzukommen. Alle waren ziemlich fertig und selbst wenn schon jemand eine Fahrerlaubnis besässen hätte, dann hätte er an diesen Vormittagen sicherlich kein Kfz mehr steuern dürfen. RESTALKOHOL. Also rief einer der Truppe an, Frau oder Herr Ast nahm ab und verspricht, dass in sechzig Minuten irgendwer vorbeikommt. Meist wartete man länger, ehe das Sammeltaxi um die Ecke bogt. Jeder zahlte einen bestimmten Betrag und stieg ein. Meist kam eine kleine ältere Frau.. Sie hatte einen Korb mit Feldstecher und Landkarte im Kofferraum. Wir dachten immer, dass sie den Weg nicht finden würde, wegen dem Fernglas. Körperlich ziemlich klein hatte sie zwischen ihrem Hintern und dem Fahrersitz ein Kissen platziert. ERHÖHUNG! Alles klar. Trotzdem äußerst bizarr. Dann fährt die Frau los. Neben ihrer gedrungenen Körpergröße fällt auf, dass sie eine dicke Hornbrille trägt. Die Fahrt zum nächsten Bahnhof dauert lange und ihre Fahrweise ist grausam. Sie kennt nur die ersten drei Gänge und fährt den dritten auch gerne einmal voll bis siebzig oder achtzig Kilometer pro Stunde aus. Oh Gott. Vor jeder Kurve eine Vollbremsung. Knallhart kommt sie zum stehen. Unsere Mägen sind voll Alkohol, der kommt nun meist wieder. Ich hatte sehr oft das Gefühl gleich erbrechen zu müssen, denn auch ihre Überholmanöver sind stets lebensgefährlich. Sicherheitsabstand? Fehlanzeige! Schließlich kommt man aber dann doch am Bahnhof an. Den meisten ist speiübel und sie sind leichenblass. Aber wir leben noch und das ist das Wichtigste. Die S-Bahnfahrt nach dem wilden Taxi-Ritt ist dann immer eine Art Erholung. Das war früher.
Das ist vorbei, die Zeiten kommen nicht wieder...wir waren jung, sind nun alt und sinnieren in Erinnerungen. Heute könnte ich das nicht mehr, da bin ich mir sicher...schade eigentlich, denn das waren geile Zeiten. Ich bereue keine einzige dieser Fahrten.

Freitag, 29. August 2008

Trüber Tag. Brücke

Donnerstag, 28. August, München

Trüber Morgen...es wird bald Herbst werden. In der Frühe ziehen dichte Wolkenschlieren über den Himmel an diesem Tag Ende August. Der Alte blickt mich mit seinen müden Augen neugierig an. Wir waren zeitig aufgebrochen, um möglichst früh hier zu sein. Um halb zehn kommen die Güterzüge. Seine Hände zittern, er hat einen roten Seidenschal um den Hals geworfen und umklammert einen hölzernen Knotenstock, mit dem er sich mühsam aufrecht hält. Sein Gang wirkt schwer, seine Haltung gebückt und sein schlanker Körper scheint nahezu vollständig zusammengefallen zu sein. Er ist alt und ziemlich krank, irgendetwas mit der Lunge. Was genau habe ich wieder vergessen...ist auch nicht so wichtig. Sein rasselnder Dauerhusten macht mir Angst. Da könne man nichts gegen machen, sagt er. Wird schon stimmen, denke ich. Er hatte mich gebeten, mit ihm hierher auf die Brücke zu kommen, unter der in zehn Minuten die Güterzüge durchfahren würden. Es waren nicht irgendwelche Güterzüge, sondern es wurden uns drei extrem Lange Schienentransportfahrzeuge versprochen. Der Alte wollte dieses Schauspiel unbedingt noch einmal miterleben. Die Ärzte geben ihm noch zwei, maximal vier Wochen zu leben. Mit uns stehen nur noch ein junger Mann und sein Sohn auf der Brücke. Zumindest denke ich, dass es sein Sohn ist. Der Alte lehnt sich mit beiden Ellenbogen auf das Brückengeländer und starrt hinunter auf die Schienen. Er hatte ein schönes Leben habt, Frauen, Freiheit, Unabhängigkeit und Geld. Dabei war er trotzdem nie richtig glücklich gewesen. Nach dem tragischen Tod seiner Frau, die er über alles geliebt hatte, fiel er in ein tiefes Loch. Den wahren Wert dieser Beziehung hatte er erst damals erkannt. Er war früher oft fremdgegangen, hatte sich vergnügt und seinen Spaß gehabt. Später wollte er nur sie, hatte sie bekommen, aber nach nur einem Jahr und noch bevor sie heiraten konnten, war sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Danach wurde er nie wieder richtig glücklich. Er war viel gereist, weit rumgekommen in der Welt, aber sein Platz war immer hier gewesen, in seiner Stadt. “Heimat ist immer da, wo das Herz ist. Und nur da, wo das Herz ist, kann man richtig glücklich sein”, pflegt er immer zu sagen. Eine Einstellung,mit der er mich sehr beeindruckt hat.
“Liebe kam blieb ne Weile und ging wieder vorbei, vieles tragisch beendet wie bei Dody und Di.”
Dann kommen die Züge, rauschen unter uns vorbei. Das Spektakel dauert mindestens fünf Minuten und der Alte strahlt bis über beide Ohren. Der Zug setzt seine Reise fort, durch Städte, über Ebenen und Hügel. Dabei bleibt er nie lange an einem Ort...flüchtig gleitet er durch die Landstriche. “Auch ich werde bald auf eine lange Reise gehen!”, meint der Alte. “Komm, wir gehen wieder. Ich danke dir, nun bin ich bereit.”, raunt er mir zu und packt mich dabei leicht am Arm. Wir drehen uns um und gehen über die Brücke in Richtung der großen Hauptstraße. Hinter mir kann ich das Laub von den Bäumen fallen hören. Es wird schon Herbst.

Donnerstag, 28. August 2008

Pandora-Mythos

Mittwoch, 27. August, München

Ich liege im weichen Gras auf dem Rücken und lege meinen Kopf auf beide Handflächen, so dass die Ellenbogen zur Seite stehen. Ich döse, träume so vor mich hin grüble...mal wieder. Wieder am Wasser...mein Gesicht spiegelt sich an der leicht aufgewühlten Wasseroberfläche. Ich tauche die rechte Hand hinein und benetze vorsichtig meine Lippen. Die Kühle auf meiner Haut tut gut. Ich greife nach dem Holzkästchen vor mir und stelle es vor meine Füße. Im Schneidersitz kauere ich im Gras und starre auf die Kiste. Dunkelbraunes Holz, sieht edel aus, mit schöner Maserung und gleichmäßigen Intarsien an den Seiten, da wo zwei Henkel angebracht sind. Es ist mein Schatzkästchen, das ich öffne und in das ich angsterfüllt hinein starre. Pandoras Kiste: Es scheint, als sei alles Übel aus dem Inneren der Holzschatulle nach außen geflüchtet...Hass, Krankheit, Tod und Verderben. Das alles kommt so über mich, deckt mich zu und droht mich darunter zu begraben. Ich meine zu ersticken, aber...was zuletzt bleibt ist die HOFFNUNG. Ganz unscheinbar verweilt sie am Boden der Kiste, kaum sichtbar, unnahbar und doch da. Hoffnung, sie stirbt zuletzt. Das ist etwas, das bleibt, an das man glauben und auf das man bauen kann. Gäbe es sie nicht, dann...ich will es mir nicht ausmalen. Was wäre die Welt ohne Hoffnung...was wäre mein Leben ohne Hoffnung? Aussichtslos? - Vielleicht, aber so ist es besser. Ich indes hoffe weiter, immer weiter. Vorsichtig schließe ich die Kiste wieder und packe sie in meinen Rucksack. Die Hoffnung lasse ich darin. Ich fürchte, dass ich sie noch mehr als einmal benötigen werde. “Du bist eine gute Prognose. Das Prinzip Hoffnung. Ein Leuchtstreifen aus der Nacht.” Die Musik laut aufgedreht katapultiert mich zurück. LYRIKS!

Der siebte Sinn

Dienstag, 26. August, München

Die Sonne scheint, ich denke nach. Morgens zeigt sich der Himmel wolkenverhangen, doch im Laufe des Tages öffnet sich die blaue Wolkendecke. Es wird schließlich doch noch ein guter Tag, der sich blendend zum Radfahren eignet. Der Weg zur Uni ist weit, aber dennoch nehme ich ihn auf mich. BLENDEND. Zugegeben, eine gemütliche Fahrt mit der S-Bahn ist nicht verkehrt, aber so ist es sportlicher. Gesundheit, Fitness, Vitalität...das volle Programm. Dabei muss ich richtig aufpassen, denn trotz Urlaubszeit sind irgendwie nur Irre unterwegs. Gib acht...der siebte Sinn fehlt mir dabei leider. Angestrengt und hochkonzentriert blicke ich in den Straßenverkehr und achte auf alles, was vor mir, neben mir und um mich herum abgeht. Hilft nix...
Sophie wollte sich diese Woche ja bei mir melden, ist wohl an der Uni irgendwann, irgendwo...mal sehen, was dabei rumkommt. Außer Spesen...wäre schade. - In der Tat. Morgen...oder übermorgen So bleibt mir Zeit an der Uni, alleine...ist manchmal echt ganz schon hart. Da sucht man nach bekannten Gesichtern, aber irgendwie sind alle im Urlaub oder unterwegs oder in Düsseldorf. Wann werde ich sie einmal wieder sehen? - Keine Ahnung. Ich will, ja muss abwarten und Tee trinken! Nee, viel zu heiß.Statt dessen lieber etwas konstruieren...”Wie viele Tränen passen in einen Kanal? Leben wir nochmal? Warum wacht man auf? Was heilt die Zeit?”

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