Samstag, 6. September 2008

Reise, Reise

Freitag, 05. September, München

Was ist das eigentlich: Glück? Und was ist Zufriedenheit? Man muss beides trennen. Ich kann das besitzen, wovon ich immer geträumt habe: Geld, Ansehen, Ruhm und Ehre. Dann bin ich zufrieden, aber glücklich bin ich noch lange nicht. Zufriedenheit ist Wunscherfüllung, Wunschbefriedigung. Glück ist etwas ganz anderes, etwas das ich mit Geld nicht kaufen kann. Zufriedenheit ist nicht Glück. Glück, das sind intime Momente mit ihr, ein gemeinsames Essen, eine innige Konversation, Gedanken- und Meinungsaustausch. Den Sonnenuntergang mit ihr erleben. Glück sind die kleinen, innigen Momente der Zweisamkeit. Darin liegt Glück. Zufriedenheit kann ich mir erkämpfen, wachsen lassen durch Hege und Pflege. Glück ist Schicksal.
Auf seiner Reise hat er viele Menschen getroffen, die ebenso wie er unterwegs waren, um ihr Glück zu finden. Manche von ihnen waren reich, manche arm. Er sah oft, wie sich einige der Reichen abends in Kneipen, Bars und Casinos vergnügten und Geld ausgaben, während die Ärmeren in Grüppchen zusammen saßen und manchmal den Reichen neidische Blicke zuwarfen. Er war sich nicht sicher, wer von ihnen glücklicher war, kann man die besten Dinge des Lebens für Geld sowieso nicht kaufen. Abgedroschen, aber wahr. Irgendwie war er glücklich, wenn er zu Essen hatte, sich kleiden konnte und in der Nacht ein Dach über dem Kopf hatte. Der Weg war lang und beschwerlich, dauerte viele Jahre und führte ihn an die unterschiedlichsten Orte der Welt. In manchen hielt er es länger aus, während er es in anderen vorzog nur für kurze Zeit zu verweilen. Er liebte es, unterwegs zu sein, auf der Reise zu sein, die Welt zu erkunden und neue Gegenden und Orte zu entdecken. Langsam begann er zu begreifen, was sein persönliches Glück ist. Der bestirnte Himmel über ihm, die weiten Ebenen und teilweise öde Landstriche. Das alles zog an ihm vorüber und er war Teil eines großen Ganzen. Grenzenlos und einfach frei. Einzig und alleine Gespräche, Unterhaltung, Zuneigung und Intimität, waren die Dinge, die ihm fehlten, wenn er oft tagelang durch die Einöde strich. In diesen Momenten wusste er, was ihn so sehr belastete und erkannte, was Glück für ihn bedeuten würde. ZWEISAMKEIT. Nach Jahren kehrte er schließlich heim, ging zu einem Mädchen, das er einmal sehr gemocht hatte und immer noch liebte. Mit Blumen stand er vor ihrer Türe und läutete, doch niemand öffnete. In diesem Moment wurde er sehr traurig, setzte sich auf die Stufen, begann zu weinen und realisierte, dass er sein Leben verloren hatte. Plötzlich spürte er eine zärtliche Hand auf seiner Schulter.

Ort des Schweigens

Donnerstag, 04. September, München

Wenn man nicht damit rechnet! Sophies Erscheinen in der Bibliothek überrascht mich doch ziemlich, aber natürlich positiv. Ich hatte nicht geglaubt, sie in diesen stillen Räumen, in denen ich außer ihr die letzten zwei Wochen niemand Bekannten gesehen habe, zu treffen. In der Hand hält sie ihr dunkelschwarzes Mobiltelefon und, zu meinem größten Erstaunen, ihren dunkelroten Reisepass. “Wohin geht es denn?”, frage ich sie neugierig. Aufmerksame Augen blicken mir entgegen und sie sagt, dass ihr der Geldbeutel geklaut wurde und sie den Pass nur mitgenommen hat, um in die Bibliothek gelassen zu werden. Plausibel. Das arme Mädchen...die zieht so etwas förmlich an. Katastrophal. Naja, das Problem ist nicht das Geld, das weg ist, das waren maximal dreißig Euro, sondern die enormen Probleme, die so ein Verlust mit sich bringt. Ausweis, Führerschein, EC-Karte, das ist der blanke Horror. Leider können wir nicht viel miteinander reden. Flüsterzwang in der Bibliothek und dann sofort absolute Ruhe kennt man ja. Aber wir vertagen das auf nächste Woche. Ich hoffe, bin zuversichtlich - mal sehen. Ich kann mich kaum noch konzentrieren, packe die benutzten Bücher wieder zurück ins Regal und fahre den Laptop herunter. Sophie indes steht oben auf der Leiter, vertieft in ein Buch. Ich schaue sie an, sie sieht mich, lächelt mich an und ich lächle zurück. Wow! Ein kurzer Small-Talk zum Abschied, ich nehme meinen Krempel unter den Arm und fliege die steile Wendeltreppe hinauf, bevor ich die Bibliothek verlasse. Der Himmel hat wieder zugezogen, dunkle, dichte Wolken am Horizont. Später gibt es Regen.
Bereits vor Tagen war er alleine losgezogen, das Glück zu finden. Zu Hause hatte er es längst nicht mehr ausgehalten, hatte seine Stadt, sein Viertel und alles um ihn herum so satt. Er hatte beschlossen, diesen Weg zu gehen, sich auf die Reise zu begeben, denn irgendwo musste das Glück schließlich zu finden sein. Es sollte ein weiter Weg werden, steinig und voller Hindernissen.

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