Freitag, 29. August 2008

Trüber Tag. Brücke

Donnerstag, 28. August, München

Trüber Morgen...es wird bald Herbst werden. In der Frühe ziehen dichte Wolkenschlieren über den Himmel an diesem Tag Ende August. Der Alte blickt mich mit seinen müden Augen neugierig an. Wir waren zeitig aufgebrochen, um möglichst früh hier zu sein. Um halb zehn kommen die Güterzüge. Seine Hände zittern, er hat einen roten Seidenschal um den Hals geworfen und umklammert einen hölzernen Knotenstock, mit dem er sich mühsam aufrecht hält. Sein Gang wirkt schwer, seine Haltung gebückt und sein schlanker Körper scheint nahezu vollständig zusammengefallen zu sein. Er ist alt und ziemlich krank, irgendetwas mit der Lunge. Was genau habe ich wieder vergessen...ist auch nicht so wichtig. Sein rasselnder Dauerhusten macht mir Angst. Da könne man nichts gegen machen, sagt er. Wird schon stimmen, denke ich. Er hatte mich gebeten, mit ihm hierher auf die Brücke zu kommen, unter der in zehn Minuten die Güterzüge durchfahren würden. Es waren nicht irgendwelche Güterzüge, sondern es wurden uns drei extrem Lange Schienentransportfahrzeuge versprochen. Der Alte wollte dieses Schauspiel unbedingt noch einmal miterleben. Die Ärzte geben ihm noch zwei, maximal vier Wochen zu leben. Mit uns stehen nur noch ein junger Mann und sein Sohn auf der Brücke. Zumindest denke ich, dass es sein Sohn ist. Der Alte lehnt sich mit beiden Ellenbogen auf das Brückengeländer und starrt hinunter auf die Schienen. Er hatte ein schönes Leben habt, Frauen, Freiheit, Unabhängigkeit und Geld. Dabei war er trotzdem nie richtig glücklich gewesen. Nach dem tragischen Tod seiner Frau, die er über alles geliebt hatte, fiel er in ein tiefes Loch. Den wahren Wert dieser Beziehung hatte er erst damals erkannt. Er war früher oft fremdgegangen, hatte sich vergnügt und seinen Spaß gehabt. Später wollte er nur sie, hatte sie bekommen, aber nach nur einem Jahr und noch bevor sie heiraten konnten, war sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Danach wurde er nie wieder richtig glücklich. Er war viel gereist, weit rumgekommen in der Welt, aber sein Platz war immer hier gewesen, in seiner Stadt. “Heimat ist immer da, wo das Herz ist. Und nur da, wo das Herz ist, kann man richtig glücklich sein”, pflegt er immer zu sagen. Eine Einstellung,mit der er mich sehr beeindruckt hat.
“Liebe kam blieb ne Weile und ging wieder vorbei, vieles tragisch beendet wie bei Dody und Di.”
Dann kommen die Züge, rauschen unter uns vorbei. Das Spektakel dauert mindestens fünf Minuten und der Alte strahlt bis über beide Ohren. Der Zug setzt seine Reise fort, durch Städte, über Ebenen und Hügel. Dabei bleibt er nie lange an einem Ort...flüchtig gleitet er durch die Landstriche. “Auch ich werde bald auf eine lange Reise gehen!”, meint der Alte. “Komm, wir gehen wieder. Ich danke dir, nun bin ich bereit.”, raunt er mir zu und packt mich dabei leicht am Arm. Wir drehen uns um und gehen über die Brücke in Richtung der großen Hauptstraße. Hinter mir kann ich das Laub von den Bäumen fallen hören. Es wird schon Herbst.

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