Dienstag, 2. September 2008

Musik nur wenn sie laut ist

Montag, 01. September, München

Oft sitzt er stundenlang einfach nur auf dem Sims und starrt zwei Meter hinunter auf den Boden. Die Beine baumeln dabei lässig an der dunkelgrauen Fassade entlang. Seine Fußsohlen wippen hin und her, beide Arme verschränkt er hinter dem Kopf. Alles ist gut. Seit seiner Geburt ist er blind, kennt Farben nur aus den Erzählungen seiner wenigen Freunde, die er noch nie in seinem Leben gesehen hat. Wenn man ohne Augenlicht auf die Welt kommt, hat man praktisch keine Überlebenschancen in dieser ausdifferenzierten und komplexen Welt. Aber er hat sich mit eisernem Willen durchgebissen. Sein Leben ist Musik und er hört sie am liebsten, wenn sie laut ist. Eigentlich hört er immer laute Musik, sehr zum Leidwesen der Nachbarn, die das Ganze aber tolerieren. Aus Mitleid, wie sie sagen. Er kann lang so sitzen, seine Stereoanlage hat einen dreifach CD-Wechsler, also kann er viel Musik „bevorraten“. Mit der Fernbedienung kann er alles perfekt steuern. Alle CDs tragen ordentliche Signaturen in Breil-Schrift. Er lauscht der Musik und formt in seinem Kopf die schönsten und buntesten Farben. Er hat zwar keine Vorstellung, was das genau ist eine „Farbe“, aber etwas ganz tief in ihm drin sagt, dass es gut ist, so wie er sich das denkt. Dabei kann er glücklich sein, sein Handycap vergessen und für einige Momente unbeschwert leben. Mit Armen und Beinen wippt er dann harmonisch im Takt, geht mit dem Oberkörper rhythmisch vor und zurück und manchmal schnalzt er dabei sogar mit den Fingern. Er muss nichts sehen, um die Vibrationen des Basses und die eingängigen Melodien in sich aufzusaugen. Es ist blindes Verständnis von etwas Großem, das jeder Mensch fühlt, wenn er Musik hört, ganz egal ob er krank oder gesund ist. Ich habe zudem das Gefühl, dass er die Musik ganz anders fühlt, aufgrund seiner Blindheit, als wir dies tun. Wenn er so dasitzt, wippt und lächelt, weiß ich, dass er zufrieden ist. Ich sehe ihm dann oft von Weitem zu, bevor ich die Straße hinunterlaufe, weil ich weiß, dass ihm in diesen Momenten nichts fehlt. „Wenn der Boden unter den Füßen bebt, dann vergisst er, dass er blind ist."

Blick zurück nach vorn

Sonntag, 31. August, München

Sehsucht ist eine Sucht. Unendlich stark und nur schwer zu bezwingen. Mein Fahrrad bleibt heute zu Hause, ich wähle die S-Bahn. Entgegen meiner Annahme bin ich trotz allem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schneller in der Innenstadt, als mit meinem Drahtesel. Erstaunlich. Morgens dann der obligatorische Kaffee beim Discount-Bäcker...das muss sein. Ich sehe bekannte Gesichter an einem der Bartische vor der Schnellbäckerei. Pappbecher in der Hand...Unterhaltung, Austausch. Ich glaube fast, die stehen immer da. Ich kippe Milch in die pechschwarze Flüssigkeit, jage zwei Süßstofftabletten hinterher, rühre mit einem Plastikstäbchen um und gehe weiter. Durch die Fußgängerzone hinunter bis zum Marienplatz...wie so oft. Den Schirm, den ich in meiner linken Hand halte, brauche ich noch nicht. Dichte, dunkle Wolken zeigen sich am Himmel...mittags würde es regnen. Sehnsuchtsvoll schlürfe ich über den grauen Asphalt. Ganz in orange gekleidete Müllmänner leeren die teilweise übervollen Metallkörbe in der Fußgängerzone. Ein Cafebesitzer nimmt die Ketten von zwei hohen Türmen aus Stühlen, die er auf diese Weise vor Diebstahl schützt. In der Hoffnung auf Wetterbesserung wischt er über die zuvor einzeln selektierten Sitzmöbel. In der Luft schlägt mein leerer Becher einige Salti, bevor er in einem der Abfalleimer landet. Abfall für alle. Sehnsucht brennt in mir...Düsseldorf, immer wieder! Wie lange noch? Weiß nicht! Unendlich lange für mich. Sonst meldet sich niemand, außer Michaela. Wenn ich mich auf jemanden verlassen kann, dann auf sie. Das tröstet. Nach ihrer OP geht sie auf Krücken, ist also kaum mobil. Sie wird sich melden, sobald es besser geht. Ich vertraue darauf und weiß, dass ich mich bei ihr darauf verlassen kann. SICHERHEIT. Drei Wochen wird das aber sicherlich noch dauern...locker. Diese Mobilitätseinschränkung wäre für mich die Hölle, absolut. Von Sophie entdecke ich, mehr zufällig beim Surfen, ein Video im Netz. PROJEKT: Lieblingslied pfeifen. Töne mit den Lippen erzeugen...kann ich nicht. Sophie kann es...naja ein bisschen. Sie hätte die “Kill Bill”-Melodie wählen sollen, wäre eindeutiger gewesen. Darauf pfeifen? Ich auch! Heute Morgen!

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