Musik nur wenn sie laut ist
Montag, 01. September, München
Oft sitzt er stundenlang einfach nur auf dem Sims und starrt zwei Meter hinunter auf den Boden. Die Beine baumeln dabei lässig an der dunkelgrauen Fassade entlang. Seine Fußsohlen wippen hin und her, beide Arme verschränkt er hinter dem Kopf. Alles ist gut. Seit seiner Geburt ist er blind, kennt Farben nur aus den Erzählungen seiner wenigen Freunde, die er noch nie in seinem Leben gesehen hat. Wenn man ohne Augenlicht auf die Welt kommt, hat man praktisch keine Überlebenschancen in dieser ausdifferenzierten und komplexen Welt. Aber er hat sich mit eisernem Willen durchgebissen. Sein Leben ist Musik und er hört sie am liebsten, wenn sie laut ist. Eigentlich hört er immer laute Musik, sehr zum Leidwesen der Nachbarn, die das Ganze aber tolerieren. Aus Mitleid, wie sie sagen. Er kann lang so sitzen, seine Stereoanlage hat einen dreifach CD-Wechsler, also kann er viel Musik „bevorraten“. Mit der Fernbedienung kann er alles perfekt steuern. Alle CDs tragen ordentliche Signaturen in Breil-Schrift. Er lauscht der Musik und formt in seinem Kopf die schönsten und buntesten Farben. Er hat zwar keine Vorstellung, was das genau ist eine „Farbe“, aber etwas ganz tief in ihm drin sagt, dass es gut ist, so wie er sich das denkt. Dabei kann er glücklich sein, sein Handycap vergessen und für einige Momente unbeschwert leben. Mit Armen und Beinen wippt er dann harmonisch im Takt, geht mit dem Oberkörper rhythmisch vor und zurück und manchmal schnalzt er dabei sogar mit den Fingern. Er muss nichts sehen, um die Vibrationen des Basses und die eingängigen Melodien in sich aufzusaugen. Es ist blindes Verständnis von etwas Großem, das jeder Mensch fühlt, wenn er Musik hört, ganz egal ob er krank oder gesund ist. Ich habe zudem das Gefühl, dass er die Musik ganz anders fühlt, aufgrund seiner Blindheit, als wir dies tun. Wenn er so dasitzt, wippt und lächelt, weiß ich, dass er zufrieden ist. Ich sehe ihm dann oft von Weitem zu, bevor ich die Straße hinunterlaufe, weil ich weiß, dass ihm in diesen Momenten nichts fehlt. „Wenn der Boden unter den Füßen bebt, dann vergisst er, dass er blind ist."
Oft sitzt er stundenlang einfach nur auf dem Sims und starrt zwei Meter hinunter auf den Boden. Die Beine baumeln dabei lässig an der dunkelgrauen Fassade entlang. Seine Fußsohlen wippen hin und her, beide Arme verschränkt er hinter dem Kopf. Alles ist gut. Seit seiner Geburt ist er blind, kennt Farben nur aus den Erzählungen seiner wenigen Freunde, die er noch nie in seinem Leben gesehen hat. Wenn man ohne Augenlicht auf die Welt kommt, hat man praktisch keine Überlebenschancen in dieser ausdifferenzierten und komplexen Welt. Aber er hat sich mit eisernem Willen durchgebissen. Sein Leben ist Musik und er hört sie am liebsten, wenn sie laut ist. Eigentlich hört er immer laute Musik, sehr zum Leidwesen der Nachbarn, die das Ganze aber tolerieren. Aus Mitleid, wie sie sagen. Er kann lang so sitzen, seine Stereoanlage hat einen dreifach CD-Wechsler, also kann er viel Musik „bevorraten“. Mit der Fernbedienung kann er alles perfekt steuern. Alle CDs tragen ordentliche Signaturen in Breil-Schrift. Er lauscht der Musik und formt in seinem Kopf die schönsten und buntesten Farben. Er hat zwar keine Vorstellung, was das genau ist eine „Farbe“, aber etwas ganz tief in ihm drin sagt, dass es gut ist, so wie er sich das denkt. Dabei kann er glücklich sein, sein Handycap vergessen und für einige Momente unbeschwert leben. Mit Armen und Beinen wippt er dann harmonisch im Takt, geht mit dem Oberkörper rhythmisch vor und zurück und manchmal schnalzt er dabei sogar mit den Fingern. Er muss nichts sehen, um die Vibrationen des Basses und die eingängigen Melodien in sich aufzusaugen. Es ist blindes Verständnis von etwas Großem, das jeder Mensch fühlt, wenn er Musik hört, ganz egal ob er krank oder gesund ist. Ich habe zudem das Gefühl, dass er die Musik ganz anders fühlt, aufgrund seiner Blindheit, als wir dies tun. Wenn er so dasitzt, wippt und lächelt, weiß ich, dass er zufrieden ist. Ich sehe ihm dann oft von Weitem zu, bevor ich die Straße hinunterlaufe, weil ich weiß, dass ihm in diesen Momenten nichts fehlt. „Wenn der Boden unter den Füßen bebt, dann vergisst er, dass er blind ist."
bflo - 2. Sep, 19:59
