Ein Freund

Mittwoch, 22. Oktober, München

Ihre Augen strahlen in diesem herrlichen Grün. Dabei ist es nicht dieses helle, satte Grün, das man von saftigen Wiesen her kennt. Es ist vielmehr ein dezentes Grün, ein solches, wie es Smaragde in sich tragen und welches sie nur unter bestimmten Lichteinflüssen offenbaren. Genau so ein Grün finde ich in ihren Augen. Es sollte ein Tag werden, an dem ich mich zuerst ärgere, aber schließlich dann doch halbwegs versöhnt nach Hause gehen kann. Aber der Reihe nach.
Ihre grünen Augen mustern neugierig und lernwillig den Dozenten. Zuvor haben meine Augen sie gescannt, ihre Figur, ihre Frisur, ihr Gesicht und eben auch ihre Augen. Quasi wie nach einem festgelegten Katalog forsche ich mit meinen Augen an ihr entlang und analysiere ihr Wesen, ihre Erscheinung. Ein Freund von ihr war noch mit in die Vorlesung gekommen. Da ich an dieser Universität eben nun einmal viele Menschen kenne, kenne ich auch ihn. Er war lange im Ausland, weshalb ich ihn ewig nicht mehr gesehen habe. Trotzdem ein guter Freund von mir...eine Art Gigolo und Frauenschwarm, aber eben ein Freund von mir. Wusste gar nicht, dass sich die beiden kennen. STAUNEN. Er braucht Motivation, braucht ihre Motivation. Sie nimmt ihn in all ihre Veranstaltungen mit, nennt ihn ihr “soziales Projekt”. Ich glaube ich habe Frauen bis dahin immer falsch verstanden. Ich dachte immer man(n) selbst müsse stark sein, um ihnen durch ihre Schwächen zu helfen. Stattdessen hilft sie ihm durch seine Schwächen. Er brauche einfach die Motivation, da er sich sonst zu sehr gehen lasse. Meint sie. Frauen wollen uns Männern helfen, nicht umgekehrt. Das ist das neue Rollenverständnis. Bisher dachte ich immer, ich müsse Frauen helfen und ihnen Dinge erklären. Vielleicht sollte ich mich auch einfach gehen lassen, dann bekomme ich Mitleid und Zuspruch. Sie mag ihn lieber als mich. Das klingt furchtbar dämlich, aber ist leider die Wahrheit. Gestern habe er sie überredet durch den strömenden Regen zu ihr nach Hause zu gehen...ohne Schirm. Und dann? Themenwechsel! Könnte dir so passen. Er scheint schlechte Laune zu haben, quält sich aber dennoch mit uns in die Vorlesung. Dabei wollte ich mit ihr dorthin. Sie sieht es ihm nach. Später bockt er, meint, er müsse noch in die Arbeit. Den Kaffee trinke ich schließlich doch mit ihr zusammen...alleine. Leider bleibt für unsere Unterrededung nur wenig Zeit. Wir mussten ja vorher unbedingt noch nach einem Buch suchen, das er zwar dringend brauche, aber schließlich doch nicht gekauft hat. Er bleibt trotzdem noch ein Freund von mir...und sie? Nächste Woche ein neues Spiel. In Frauendingen ist er mir überlegen, zudem älter. Wie sie. Einfach mal sehen, was kommt. Und das gemeinsame Kaffeetrinken hat mich trotz der begrenzten Zeit ja auch irgendwie versöhnlich gestimmt. Immerhin das.

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